Stolpersteine Uhlandstraße 99

Uhlandstraße 99

Diese Stolpersteine wurden am 9. Mai 2025 verlegt.

Uhlandstraße 99 Fritz Ephraim Reisner

HIER WOHNTE
FRITZ EPHRAIM
REISNER
JG.1892
FLUCHT 1939
FRANKREICH
RÉSISTANCE
ÜBERLEBT

Fritz Ephraim Reisner kam am 3. März 1892 in Konstantinopel zur Welt. Seine Eltern waren der Kaufmann Henri (Haim) Reisner und Mina Reisner, geborene Packer. Fritz Reisner besuchte bis 1911 eine schweizerisch-deutsche Oberschule. Im Oktober 1911 kam er nach Berlin, um an der Technischen Universität Ingenieurwesen zu studieren. Im Dezember 1915 trat er eine Stelle als Ingenieur beim Städtischen Hafenbauamt Berlin an. Später wechselte er zur Firma Wolf Netter & Jacobi, ein Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie. 1918 wurde Fitz Reisner Beamter am Institut für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation.

Im selben Jahr, 1918, lernte Fritz Reisner im Romanischen Café in Berlin-Charlottenburg Emma Hirschfeld kennen. Am 8. Dezember 1919 heirateten Fritz und Emma. Das Ehepaar wohnte in Berlin-Wilmersdorf in der Uhlandstraße 98/99, im 3. OG.

1920 machte Fritz Reisner sich selbständig und gründete zusammen mit Freunden die Firma Standard Bau und Industriebedarf GmbH. 1933 legte er die Firma Standard Bau still und gründete eine eigene Firma: Fritz Reisner. In dieser Zeit hatte er sein Büro in der Emser Straße 40/41. Trotz der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 liefen seine Exportgeschäfte nach Russland erstmal gut. Doch die antijüdische Stimmung machte sich bemerkbar: Seine Geschäftsräume in der Emser Straße wurden besudelt und mehrere Firmen brachen den Kontakt zu ihm ab.

1936 bekamen die Reisners sogenannte Fremdenpässe ausgestellt – diese besagten, dass sie staatenlos sind. Der türkische Pass Fritz Reisners wurde als „nicht mehr gültig“ gestempelt. Im April 1938 mussten die Reisners aufgrund der NS-Verordnung „Gesetz über die Anmeldung des Vermögens von Juden” ihr Vermögen offenlegen. Diese Maßnahme diente der systematischen Erfassung und späteren Enteignung jüdischen Eigentums im Zuge der sogenannten „Arisierung” der deutschen Wirtschaft. Die immer angespannteren Zeiten und die judenfeindliche Politik der Nazis hinterließen bei den Reisners Spuren. Es kam immer wieder zu Spannungen zwischen den Eheleuten. Fritz wollte schon länger Deutschland verlassen und in die USA auswandern. 1936 sprach er in der US-Botschaft vor und konnte auch ein Affadavit vorlegen. Leider gelang es den Reisners erst 1939 Deutschland zu verlassen.

Im Februar 1939 gelangten sie mit dem Flugzeug nach Paris. Sie wollten weiter in die USA, doch erhielten sie hierfür kein Visum. Zunächst wohnten sie in Versailles, wo sie unter Überwachung lebten. Im Mai 1940 wurde Emma als Deutsche interniert und in das Camp de Gurs gebracht. Nach einem Monat wurde sie entlassen. Fritz war mittlerweile aus Paris nach Bordeaux, dann nach Toulouse und Marseille geflohen. Dort wurde er bei einer Judenrazzia im Hotel Victoria verhaftet.

Emma folgte Fritz nach ihrer Freilassung nach Marseilles, wo die beiden im April 1941 verhaftet und nach Martigues gebracht wurden. Wieder lebten sie unter „Résidence surveillée“. Mitte 1942 begannen dort die Deportationen von Juden durch das Vichy-Regime. Im November 1942 erhielten die Reisners falsche Papiere von der Résistance, laut denen sie Anna und Ferdinand Douvier hießen. Fritz und auch Emma waren seit 1941 Mitglieder der Résistance. Im Dezember 1942 flohen die Reisners mit ihren gefälschten Ausweisen nach Lyon. Beide wurden mittlerweile mit Haftbefehlen gesucht. Fritz sei Mitglied einer „Geheimorganisation mit dem Auftrag, die Juden der französischen und deutschen Gesetzgebung zu entziehen.“ Reisner wird darin als einer von zwei „Hauptchefs“ bezeichnet. Im März 1943 beorderte die Résistance-Gruppe groupe René die Reisners nach Nizza. Als die Nazis am 9. September 1943 in Nizza einrückten, machte die Gestapo unter Alois Brunner sofort Jagd auf Juden. Aufgrund der Judenrazzien mussten Fritz und Emma untergetaucht leben, bis Nizza am 28. August 1944 befreit wurde.

Fritz führt 1957 dazu aus:
„Ich lebte die ganz Zeit wie ein gehetztes Tier unter dem Druck, verhaftet, deportiert und schließlich vergast zu werden. Ich konnte mir unter dem falschen Namen nicht einmal die schon ohnehin spärlichen Lebensmittelkarten beschaffen, da in den Lebensmittelbüros die schärfste Kontrolle der Identitätspapiere erfolgte. Ich magerte entsetzlich ab und verlor 27 Kilos. (….) Außer den rein physischen Schäden, die meine Gesundheit erlitten hat, (…) empfand ich die menschenunwürdige Jagd auf Juden als die furchtbarste Seelenverwundung, die einem frei geborenen Menschen zu teil werden kann.“

Nach Ende des Krieges ging Fritz Reisner mit seiner neuen Lebensgefährtin Charlotte Jedwabnick nach Paris. Diese hatte er 1940 in Paris kennengelernt. Im Januar 1941 war ihre gemeinsame Tochter Monique geboren worden.

Im November 1957 machte Fritz Reisner seinen Anspruch auf Entschädigungen geltend. Er bekam Wiedergutmachungszahlungen für die Unterbrechung seines beruflichen Fortkommens, für seinen Einkommensverlust sowie den seiner Firma. Er und Emma stellten außerdem Anträge auf Entschädigung für die Zeit, die sie mit falschen Papieren auf der Flucht in Lyon und Nizza verbringen mussten, sogenannter „Schaden an Freiheit“. Fritz Reisner blieb nach dem Krieg ein erfolgreicher Geschäftsmann und war in verschiedenen Unternehmen tätig. Charlotte und Fritz konnten erst am 7. November 1961 in Paris heiraten, nachdem die Scheidung Charlottes 1960 erfolgt war. Fritz Reisner starb in Nizza am 21. August 1963, seine Frau Charlotte am 8. August 1996. Sie sind beide im jüdischen Friedhof Nizza begraben.

Recherche und Text: Petra Fritsche, Stolperstein-Initiative Friedenau

Uhlandstraße 99 Emma Reisner

HIER WOHNTE
EMMA REISNER
GEB. HIRSCHFELD
JG. 1891
FLUCHT 1939
FRANKREICH
RÉSISTANCE
ÜBERLEBT

Emma Frieda Reisner wurde am 7. März 1891 in Berlin geboren. Ihre Eltern waren der Arzt Gustav Hirschfeld und Anna, geb. Appelbaum. Emma hatte einen jüngeren Bruder, Ludwig, der 1893 geboren wurde.

Emma hatte in Berlin das Kaiserin Auguste-Victoria-Lyzeum besucht. Sie heiratete 1914 in erster Ehe Georg Friedrich Wilhelm Hans Reetz. Die Ehe wurde jedoch 1919 geschieden. 1918 hatte sie Fritz Reisner im Romanischen Café in Berlin-Charlottenburg kennengelernt. Ein Jahr später, am 8. Dezember 1919, heirateten Fritz und Emma. Im April 1920 heirateten sie auch in der jüdischen Gemeinde, was die Familie Hirschfeld, die sehr weltlich lebte, überraschte. Da Fritz türkischer Staatsbürger war, wurde auch Emma zur türkischen Staatsbürgerin. Das Ehepaar wohnte in Berlin-Wilmersdorf in der Uhlandstraße 98/99, im 3. OG.

1936 bekamen die Reisners sogenannte Fremdenpässe ausgestellt – diese besagten, dass sie staatenlos sind. Der türkische Pass Fritz Reisners wurde als „nicht mehr gültig“ gestempelt. Im April 1938 mussten die Reisners aufgrund der NS-Verordnung „Gesetz über die Anmeldung des Vermögens von Juden” ihr Vermögen offenlegen. Diese Maßnahme diente der systematischen Erfassung und späteren Enteignung jüdischen Eigentums im Zuge der sogenannten „Arisierung” der deutschen Wirtschaft. Die immer angespannteren Zeiten und die judenfeindliche Politik der Nazis hinterließen bei den Reisners Spuren. Es kam immer wieder zu Spannungen zwischen den Eheleuten. Fritz wollte schon länger Deutschland verlassen und in die USA auswandern. 1936 sprach er in der US-Botschaft vor und konnte auch ein Affidavit vorlegen. Leider gelang es den Reisners erst 1939 Deutschland zu verlassen.

Im Februar 1939 gelangten sie mit dem Flugzeug nach Paris. Sie wollten weiter in die USA, doch erhielten sie hierfür kein Visum. Zunächst wohnten sie in Versailles, wo sie unter Überwachung lebten. Im Mai 1940 wurde Emma als Deutsche interniert und in das Camp de Gurs gebracht. Nach einem Monat wurde sie entlassen. Fritz war mittlerweile aus Paris nach Bordeaux, dann nach Toulouse und Marseille geflohen. Dort wurde er bei einer Judenrazzia im Hotel Victoria verhaftet.

Emma folgte Fritz nach ihrer Freilassung nach Marseilles, wo die Beiden im April 1941 verhaftet und nach Martigues gebracht wurden. Wieder lebten sie unter „Résidence surveillée“. Mitte 1942 begannen dort die Deportationen von Juden durch das Vichy-Regime. Im November 1942 erhielten die Reisners falsche Papiere von der Résistance, laut denen sie Anna und Ferdinand Douvier hießen. Fritz und auch Emma waren seit 1941 Mitglieder der Résistance. Für Emma existiert ein Zeugnis von Bailet Barthelemy, Chefadjutant der groupe René der Francs-tireurs et partisans francais, der Emmas Tätigkeiten in der Résistance vom Januar 1941 bis zum 10. Oktober 1944 bestätigt.

Im Dezember 1942 flohen die Reisners mit ihren gefälschten Ausweisen nach Lyon. Beide wurden mittlerweile mit Haftbefehlen gesucht. Fritz sei Mitglied einer „Geheimorganisation mit dem Auftrag, die Juden der französischen und deutschen Gesetzgebung zu entziehen.“ Reisner wird darin als einer von zwei „Hauptchefs“ bezeichnet. Im März 1943 beorderte die groupe René die Reisners nach Nizza. Als die Nazis am 9. September 1943 in Nizza einrückten, machte die Gestapo unter Alois Brunner sofort Jagd auf Juden. Aufgrund der Judenrazzien mussten Fritz und Emma untergetaucht leben, bis Nizza am 28. August 1944 befreit wurde.

Emma schrieb 1951 über diese Zeit:
„Als das deutsche Heer in das unbesetzte Frankreich eindrang, mussten wir im Untergrund leben und schlossen uns der Résistance-Bewegung an. Es würde zu weit führen, alle Leiden und Qualen aufzuführen, die wir durchmachen mussten bis zum Waffenstillstand, den wir in Nizza erlebten.“

Nach Ende des Krieges ging Fritz Reisner mit seiner neuen Lebensgefährtin Charlotte Jedwabnick, die er in Frankreich kennengelernt hatte, und der gemeinsamen Tochter Monique nach Paris. Emma Reisner lebte bis zu ihrem Tod 1958 in Nizza.

Recherche und Text: Petra Fritsche, Stolperstein-Initiative Friedenau

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