Stolpersteine Cicerostr. 56

Cicerostraße 56

Die Stolpersteine der Familie Berggrün wurden am 9. Mai 2025 verlegt und von Sandra König gespendet.

Cicerostraße 56 Julius Berggrün

HIER WOHNTE
JULIUS
BERGGRÜN
JG. 1870
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 29.11.1942

Julius Berggrün wurde am 6. November 1870 als Sohn des Ehepaares Heinrich und Cäcilie Berggrün in Hannover geboren. (Der Familienname wird in verschiedenen Datenbanken als Berggruen angegeben. Eigene Unterschriften auf Dokumenten bestätigen aber Berggrün). Er hatte einen jüngeren Bruder Emil, der nach Amerika fliehen konnte. Über Julius’ Kindheit und Jugend wissen wir nichts. Verbürgt ist aber, dass er von 1892 bis 1895 Gesang am Konservatorium der “Gesellschaft der Musikfreunde” in Wien studierte. Er arbeitete als Gesangslehrer und Dirigent.

Wann genau er seine Frau Hedwig, geb. Kristeller, heiratete, die im Juli 1877 in Kuttlau bei Posen zur Welt kam, ist nicht bekannt. Als 1904 die Tochter Edith Henriette geboren wurde, lebte das Ehepaar in Posen.

Seit mindestens 1930 wohnte Julius Berggrün mit seiner Familie in Berlin in der Droysenstraße 6 und war im Adressbuch als Musikdirektor eingetragen. 1936 zog die Familie in die Cicerostraße 56 – Teil eines zwischen 1925 und 1931 von Erich Mendelsohn erbauten Ensembles. Ob dieser Umzug ggf. aus wirtschaftlicher Not erfolgte, war nicht zweifelsfrei zu klären. Es ist aber zu vermuten, dass Julius Berggrün in den ersten Jahren der Naziherrschaft wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen wurde und nur noch wenige Verdienstmöglichkeiten hatte. Am 1. Juni 1940 wurde das Ehepaar Berggrün aus dieser Wohnung ausgewiesen und zwangsweise in der Wohnung des bereits geflüchteten Elias Triefus in der Fasanenstraße 59, Vorderhaus 2. Etage, untergebracht. Die erwachsene Tochter war in die Landhausstraße 44 gezogen.

Julius und Hedwig Berggrün mussten sich 1942 im “Israelitischen Heimathaus” in der Gormannstraße 3 in Berlin-Mitte einfinden, das die Nationalsozialisten als “Sammelstelle” missbrauchten. Dort hatten viele jüdische Deutsche Unterschlupf gefunden, die nach der Wiederherstellung der Republik Polen 1920 nicht polnische Staatsbürger werden wollten oder vor den Pogromen flüchteten. Heute beherbergt das Gelände eine Freie Waldorfschule.

In der “Vermögenserklärung” vom 2. Oktober 1942, die Julius Berggrün vor seiner Deportation abzugeben hatte, bezeichnete er sich als “Pensionär der Jüdischen Kultusvereinigung”. Die Miete für das “Leerzimmer” hatte er bis zum 1. Oktober 1942 beglichen. Die Seiten zur Detailaufstellung von Wohnungsinventar, Kleidungsstücken und Vermögenswerten hatte er – einen Tag vor der Deportation – durchgestrichen. Später wurde dokumentiert, dass bei der Räumung der Wohnung durch einen Gebrauchtwarenhändler für alles darin Befindliche ca. 200 RM gezahlt wurden, die als “Kommunistisches Vermögen” dem Deutschen Reich verfielen. Das lässt vermuten, dass Julius Berggrün politisch gegen die Nationalsozialisten aktiv war.

Julius und Hedwig Berggrün wurden am 3. Oktober 1942 von der Gormannstraße 3 zum Güterbahnhof Grunewald gebracht und vom Gleis 17 mit dem sogenannten “3. Großen Alterstransport” mit über 1000 jüdischen Berlinerinnen und Berlinern nach Theresienstadt deportiert. Julius Berggrün verstarb dort am 29. November 1942 wenige Tage nach seinem 72sten Geburtstag an “Enteritis (Darmkatarrh)”, wie es in der Todesfallanzeige heißt. Tatsächlich starb er aufgrund der allgemein lebensfeindlichen Bedingungen im Ghetto, mangelnder Ernährung und medizinischer Versorgung sowie unsäglicher
hygienischer Zustände.

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann
Quellen:
- Volkszählung v. 17.5.1939
- Berliner Adressbücher
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- https://www.geni.com/people/Julius-Berggruen/6000000203318670822
- Musiklexikon UNI Hamburg: https://www.lexm.uni -hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002856
- Deportationsliste 3. gr. AT GAT3-39.jpg (1292×893) : Nr. 912,
- Opferdatenbank Theresienstadt: Datenbank der digitalisierten dokumenten | Holocaust
- Brandenburigische Landeshauptarchiv: Signatur 36A (II) 2866
- Spurensuche Gormannstraße 3 | Jugendforum denk!mal
- Unter Denkmalschutz | Jüdische Allgemeine

Cicerostraße 56 Hedwig Berggrün

HIER WOHNTE
HEDWIG
BERGGRÜN
GEB. KRISTELLER
JG. 1877
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
FREIHEITSTRANSPORT
5.2.1945
SCHWEIZ

Hedwig Deborah Berggrün wurde am 21. Juli 1877 in Kuttlau in der damaligen preußischen Provinz Posen als Tochter von Berthold und Hulda Kristeller geboren. Über ihren Lebensweg, eine evtl. Ausbildung etc. war nichts herauszufinden. Auch wann genau sie den aus Hannover stammenden Musiker Julius Berggrün heiratete, ist unbekannt. Als die Tochter Edith Henriette 1904 geboren wurde, lebte das Ehepaar in Posen. Seit mindestens 1930 wohnte Familie Berggrün in Berlin in der Droysenstraße 6 und ab 1936 bis 1940 im Haus Cicerostraße 56 – Teil eines zwischen 1925 und 1931 von Erich Mendelsohn erbauten Ensembles.

Am 1. Juni 1940 wurde das Ehepaar Berggrün aus dieser Wohnung zwangsweise ausgewiesen und in der Wohnung des bereits geflüchteten Elias Triefus in der Fasanenstraße 59, Vorderhaus 2. Etage, untergebracht. Die erwachsene Tochter war Ende 1939/Anfang 1940 in die Landhausstraße 44 gezogen.

In ihrer “Vermögenserklärung” vom 3. September 1942 führte Hedwig Berggrün – im Unterschied zu ihrem Mann, der die Seiten zur Detailaufstellung durchstrich – wenig Wohnungsinventar und einige Kleidungsstücke auf. Bei Räumung der Wohnung zahlte ein Gebrauchtwarenhändler dafür ca. 200 RM. Dieses “Vermögen” des Ehepaares Berggrün wurde zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen.

Hedwig und Julius Berggrün mussten sich 1942 im “Israelitischen Heimathaus” in der Gormannstraße 3 in Berlin-Mitte einfinden, das die Nationalsozialisten als “Sammelstelle” missbrauchten. Dort hatten viele jüdische Deutsche Unterschlupf gefunden, die nach der Wiederherstellung der Republik Polen1920 nicht polnische Staatsbürger werden wollten oder vor den Pogromen flüchteten. Heute beherbergt das Gelände eine Freie Waldorfschule.

Hedwig Berggrün wurde gemeinsam mit ihrem Mann am 3. Oktober 1942 von der Gormannstraße 3 zum Güterbahnhof Grunewald gebracht und vom Gleis 17 mit dem sogenannten “3. Großen Alterstransport” mit über 1000 Leidensgenossen nach Theresienstadt deportiert. Julius Berggrün verstarb dort am 29. November 1942 an einem Darmkatarrh.

Hedwig Berggrün hingegen überlebte den Holocaust. Sie gehörte zu den ca. 1200 Insassen des Ghettos Theresienstadt, die aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem ehemaligen Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy (im Auftrag der jüdisch-orthodoxen Familie Sternbuch aus St. Gallen) und Reichsführer SS Heinrich Himmler für eine Million Dollar freigekauft wurden. Himmler wollte – angesichts des faktisch verlorenen Krieges – mit diesem und weiteren “Rettungstransporten” eine “günstige Stimmung” der Alliierten und der jüdischen Organisationen gegenüber Deutschland und vor allem “Strafmilderung” für sich selbst erreichen. Weitere geplante Rettungstransporte wurden von Hitler persönlich untersagt, und das aus Mitteln jüdischer Organisationen in den USA stammende Geld floss nicht mehr auf die Konten der SS.

Der Transport verließ Theresienstadt am 5. Februar 1945 und kam zwei Tage später in St. Gallen an. Die Überlebenden aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Tschechoslowakei wurden zunächst notdürftig in einem Schulgebäude unter Quarantäne gestellt und nach wenigen Tagen in verschiedenen Flüchtlingslagern untergebracht. Viele emigrierten später in andere Länder.

Hedwig Berggrün, die im Lager Les Avants bei Montreux unterkam, blieb in der Schwiz und starb am 13. Juli 1960 – wenige Tage vor ihrem 83. Geburtstag. Ob sie je vom Schicksal ihrer Tochter Edith erfahren hat?

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann
Quellen:
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Brandenburigische Landeshauptarchiv: Signatur 36A (II) 2866
- Debora Hedwig Berggruen (Kristeller) (1877 – 1960) – Genealogy
- Deportationsliste 3. gr. AT GAT3-39.jpg (1292×893) : Nr. 913
- https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_Himmler/Musy
- ETH Zürich, Archiv für Zeitgeschichte: IB-SIG-Archiv, 0002773 Liste Theresienstadt, Hedwig Berggrün Nr 340, 7.2.1945, St Gallen, Les Avants.
- Metzger_Gunzenreiner_Von Theresienstadt ins Schulhaus Hadwig_Ostschweiz am Sonntag-1
- Spurensuche Gormannstraße 3 | Jugendforum denk!mal
- Unter Denkmalschutz | Jüdische Allgemeine

Cicerostraße 56 Edith Henriette Berggrün

HIER WOHNTE
EDITH
HENRIETTE
BERGGRÜN
JG. 1904
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
15. APRIL 1943

Edith Henriette Berggrün wurde am 9. Juni 1904 als einziges Kind der Eheleute Julius und Hedwig Berggrün in Posen geboren. Über ihre Kindheit und Jugend, ihre Ausbildung und ihren Lebensweg ist nichts Näheres bekannt. Sie kam mit ihren Eltern spätestens 1930 nach Berlin. Die Familie lebte zunächst in der Droysenstraße 6 und ab 1936 in der Cicerostraße 56.

Zum Zeitpunkt der Zwangsausweisung ihrer Eltern aus der gemeinsamen Wohnung war die inzwischen erwachsene, unverheiratete Edith vermutlich schon in eine eigene Wohnung gezogen. Im Adressbuch war sie in der Alte Jacobstraße 94/95 in Berlin-Mitte mit dem Zusatz “Druckerei” verzeichnet. Ob sie dort tatsächlich auch wohnte, war nicht zweifelsfrei festzustellen. Diese Buchdruckerei gehörte ihrem Großvater Heinrich Berggrün. Sie wurde spätestens 1939 aufgrund der “Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben” vom 12. November 1938 zwangsweise liquidiert. Damit war auch Edith Berggrün die materielle Lebensgrundlage entzogen.

In den “Vermögenserklärungen”, die Ediths Eltern Julius und Hedwig Berggrün vor ihrer Deportation im September bzw. Oktober 1942 auszufüllen hatten, gaben sie an, dass ihre Tochter Edith in der Landhausstraße 44 wohnte und über ein “Arbeitseinkommen” verfügte. Im Adressbuch war sie allerdings an dieser Adresse nicht eingetragen. Laut Volkszählung lebten in diesem Haus schon 1939 mindestens 13 jüdische Menschen, die alle deportiert wurden. Nach 1939 dürften weitere HausbewohnerInnen dort zwangsweise eingewiesen worden sein und ebenfalls ein grausames Schicksal erlitten haben.

Aus Verzweiflung über die Deportation ihrer Eltern, ihre eigene prekäre Situation und die auch ihr mit Sicherheit bevorstehende Deportation nahm Edith Henriette Berggrün sich am 15. April 1943 das Leben.

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann
Quellen:
- Volkszählung v. 17.5.1939
- Berliner Adressbücher
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Edith Henriette Berggruen (1904 – 1943) – Genealogy

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