HIER WOHNTE
HEDWIG
BERGGRÜN
GEB. KRISTELLER
JG. 1877
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
FREIHEITSTRANSPORT
5.2.1945
SCHWEIZ
Hedwig Deborah Berggrün wurde am 21. Juli 1877 in Kuttlau in der damaligen preußischen Provinz Posen als Tochter von Berthold und Hulda Kristeller geboren. Über ihren Lebensweg, eine evtl. Ausbildung etc. war nichts herauszufinden. Auch wann genau sie den aus Hannover stammenden Musiker Julius Berggrün heiratete, ist unbekannt. Als die Tochter Edith Henriette 1904 geboren wurde, lebte das Ehepaar in Posen. Seit mindestens 1930 wohnte Familie Berggrün in Berlin in der Droysenstraße 6 und ab 1936 bis 1940 im Haus Cicerostraße 56 – Teil eines zwischen 1925 und 1931 von Erich Mendelsohn erbauten Ensembles.
Am 1. Juni 1940 wurde das Ehepaar Berggrün aus dieser Wohnung zwangsweise ausgewiesen und in der Wohnung des bereits geflüchteten Elias Triefus in der Fasanenstraße 59, Vorderhaus 2. Etage, untergebracht. Die erwachsene Tochter war Ende 1939/Anfang 1940 in die Landhausstraße 44 gezogen.
In ihrer “Vermögenserklärung” vom 3. September 1942 führte Hedwig Berggrün – im Unterschied zu ihrem Mann, der die Seiten zur Detailaufstellung durchstrich – wenig Wohnungsinventar und einige Kleidungsstücke auf. Bei Räumung der Wohnung zahlte ein Gebrauchtwarenhändler dafür ca. 200 RM. Dieses “Vermögen” des Ehepaares Berggrün wurde zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen.
Hedwig und Julius Berggrün mussten sich 1942 im “Israelitischen Heimathaus” in der Gormannstraße 3 in Berlin-Mitte einfinden, das die Nationalsozialisten als “Sammelstelle” missbrauchten. Dort hatten viele jüdische Deutsche Unterschlupf gefunden, die nach der Wiederherstellung der Republik Polen1920 nicht polnische Staatsbürger werden wollten oder vor den Pogromen flüchteten. Heute beherbergt das Gelände eine Freie Waldorfschule.
Hedwig Berggrün wurde gemeinsam mit ihrem Mann am 3. Oktober 1942 von der Gormannstraße 3 zum Güterbahnhof Grunewald gebracht und vom Gleis 17 mit dem sogenannten “3. Großen Alterstransport” mit über 1000 Leidensgenossen nach Theresienstadt deportiert. Julius Berggrün verstarb dort am 29. November 1942 an einem Darmkatarrh.
Hedwig Berggrün hingegen überlebte den Holocaust. Sie gehörte zu den ca. 1200 Insassen des Ghettos Theresienstadt, die aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem ehemaligen Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy (im Auftrag der jüdisch-orthodoxen Familie Sternbuch aus St. Gallen) und Reichsführer SS Heinrich Himmler für eine Million Dollar freigekauft wurden. Himmler wollte – angesichts des faktisch verlorenen Krieges – mit diesem und weiteren “Rettungstransporten” eine “günstige Stimmung” der Alliierten und der jüdischen Organisationen gegenüber Deutschland und vor allem “Strafmilderung” für sich selbst erreichen. Weitere geplante Rettungstransporte wurden von Hitler persönlich untersagt, und das aus Mitteln jüdischer Organisationen in den USA stammende Geld floss nicht mehr auf die Konten der SS.
Der Transport verließ Theresienstadt am 5. Februar 1945 und kam zwei Tage später in St. Gallen an. Die Überlebenden aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Tschechoslowakei wurden zunächst notdürftig in einem Schulgebäude unter Quarantäne gestellt und nach wenigen Tagen in verschiedenen Flüchtlingslagern untergebracht. Viele emigrierten später in andere Länder.
Hedwig Berggrün, die im Lager Les Avants bei Montreux unterkam, blieb in der Schwiz und starb am 13. Juli 1960 – wenige Tage vor ihrem 83. Geburtstag. Ob sie je vom Schicksal ihrer Tochter Edith erfahren hat?
Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann
Quellen:
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Brandenburigische Landeshauptarchiv: Signatur 36A (II) 2866
- Debora Hedwig Berggruen (Kristeller) (1877 – 1960) – Genealogy
- Deportationsliste 3. gr. AT GAT3-39.jpg (1292×893) : Nr. 913
- https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_Himmler/Musy
- ETH Zürich, Archiv für Zeitgeschichte: IB-SIG-Archiv, 0002773 Liste Theresienstadt, Hedwig Berggrün Nr 340, 7.2.1945, St Gallen, Les Avants.
- Metzger_Gunzenreiner_Von Theresienstadt ins Schulhaus Hadwig_Ostschweiz am Sonntag-1
- Spurensuche Gormannstraße 3 | Jugendforum denk!mal
- Unter Denkmalschutz | Jüdische Allgemeine