Stolperstein Westendallee 45-46

Hauseingang Westendallee 46

Hauseingang Westendallee 46

Der Stolperstein für Dr. Regina Barkan wurde am 8. März 2025 verlegt und vom Förderverein des Herder-Gymnasiums gespendet.

Mitglieder der AG Schulgeschichte des Herder-Gymnasiums, die aus Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrern besteht, haben das Schicksal der Lehrerin Dr. Regina Barkan recherchiert, die an der Vorgängerschule – dem Westend-Lyzeum für Mädchen – unterrichtet hatte. Sie gestalteten das Gedenken mit Musik, dem Vortrag der Biografie, Gesang von Psalm und Kaddisch durch einen Kantor sowie Äußerungen zu ihrer persönlichen Motivation.

Stolperstein für Dr. Regina Barkan

Stolperstein für Dr. Regina Barkan

HIER LEHRTE
DR. REGINA
BARKAN
JG. 1880
BERUFSVERBOT 1933
DEPORTIERT 25.1.1942
GHETTO RIGA
ERMORDET

Dr. Regina Barkan wurde am 6. August 1880 in Königsberg geboren. Ihr Vater, Benjamin Barkan, war Kaufmann und stammte aus der Region Vitebsk im heutigen Belarus. Von der Mutter, Bella Barkan geborene Landau, ist nichts bekannt. Regina hatte drei Geschwister: Ihr Bruder Elias kam 1883 auf die Welt und übernahm später das gut gehende Familiengeschäft. Er musste es nach 1933 unter den immer rigider werdenden NS-Gesetzen „abwickeln” – konkret: Er wurde enteignet. Er starb im April 1939. Ihre Schwester Manja kam 1885 auf die Welt und wurde Konzertsängerin. Sie heiratete Ende 1941 Albert Lewinnek in Berlin und starb als Minna Lewinnek 1944 in Theresienstadt.

Regina besuchte in Königsberg die Luisenschule, absolvierte das Lehrerinnenseminar und bestand die Prüfung für Volks- und höhere Mädchenschulen. Sie interessierte sich für Philosophie und moderne Sprachen, durfte als Mädchen aber nur Gasthörerin an der Universität in Königsberg werden. Ein Semester lang ging sie nach Paris an die Sorbonne. Anschließend unterrichtete sie an unterschiedlichen Mädchenschulen und bildete sich in der modernen Reformpädagogik weiter.

1910 heiratete Regina Barkan den achtzehn Jahre älteren Arzt Max Blitzstein. Fünf Jahre später wurde die Ehe geschieden. Sie nahm ihren Mädchennamen wieder an und ihre Studien wieder auf, erst in Berlin, dann in Königsberg. Mit knapp 37 Jahren machte sie ihr Abitur, vier Jahre später das Staatsexamen in Philosophie, Französisch und Deutsch. 1923 promovierte Regina Barkan in Jena über den Machtbegriff in Nietzsches Philosophie zur Dr. phil.
Nietzsches Denkansätze blieben auch in den folgenden Veröffentlichungen und Vorträgen ihr Thema. Ab 1926 arbeitete Regina Barkan wieder als Lehrerin, ab Februar 1929 am Westend-Lyzeum für Mädchen. Der Neubau – das heutige Schulgebäude – galt im April 1929 als modernste Schule von Berlin.

Ab April 1933 wurde Regina Barkan als Jüdin aufgrund des „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” vom 7. April 1933 offiziell beurlaubt und durfte nur noch an jüdischen Schulen arbeiten. Sie bewarb sich erfolglos in Paris, schaltete Inserate für Nachhilfeunterricht und bot Vorträge an. Durch die Zwangsabwicklung des ehemals gut gehenden Königsberger Familiengeschäftes 1939 verlor sie als Teilhaberin ihre wirtschaftliche Basis.

Im Januar 1941 war Regina Barkan bei dem Ehepaar Siegfried und Toni Seemann im Siegmundshof 12 gemeldet, nachdem sie im Laufe der Jahre an unterschiedlichen Adressen Unterschlupf gefunden hatte. Sie war einundsechzig Jahre alt.

Foto von Dr. Regina Barkan

Foto von Dr. Regina Barkan

Zusammen mit den Seemanns musste sie sich in der Synagoge in der Levetzowstraße einfinden, die von den Nationalsozialisten als „Sammellager” missbraucht wurde. Am Sonntagmorgen, dem 25. Januar 1942, wurde 1.044 jüdischen Berlinerinnen und Berlinern von den Nazischergen befohlen, acht Kilometer bis zum Bahnhof Grunewald zu marschieren. Am Gleis 17 wartete ein Güterzug nach Riga. Regina Barkan wurde als „Pflegerin” registriert und zu Nr. 121 der Transportliste. Der sogenannte „10. Osttransport” erreichte den Vorortbahnhof Riga-Skirotava nach fünf Tagen unter eisigen Temperaturen. Vielleicht ist sie auf dem Weg erfroren oder wurde nach der Ankunft im Wald von Rumbula erschossen – Regina Barkan hat das NS-Regime nicht überlebt.

Eindrücke von SchülerInnen:

Johann, Jakob und Bahar, 6f: “Wir finden diesen Moment echt besonders und werden ihn nie vergessen. Lasst uns auf diesen Moment lange zurückblicken. Es ist sehr schön dass unsere Schule jetzt ein Teil dieses Projektes ist und wir danken Gunter Demnig sehr, dass er heute Zeit hat, um uns zu besuchen. Wir freuen uns, dabei sein zu können und mitzuerleben, wie dieses Denkmal gesetzt wird, damit die Erinnerung erhalten bleibt.”

Nils, Q4: “Für mich bedeutet die Stolpersteinverlegung für Regina Barkan an unserer Schule, dass wir besonders in Zeiten in denen Rechtsextremisten in Deutschland so stark sind, wie seit Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr, die Erinnerungskultur an den Holocaust erhalten, auch in Bildungseinrichtungen, wie unserer Schule.”

Sophia, Q4: “Für mich bedeutet die Stolpersteinverlegung für Regina Barkan an unserer Schule, dass wir eine ungerechterweise verloren gegangene Persönlichkeit wiedergefunden haben und jetzt tagtäglich durch das Durchlaufen dieser Türen und Wahrnehmen dieses Steins sowohl an die Grausamkeit des Nationalsozialismus als auch an Regina Barkan selbst erinnern.”

Iana, Q4: “Für mich bedeutet die Stolpersteinverlegung für Regina Barkan an unserer Schule große Verantwortung. Die Verantwortung, die wir immer tragen, für das, was wir tun, und das, was wir eben nicht tun. Sei es aktives Mitmachen, offene Verweigerung oder passives Schweigen, mit Augen und Ohren zu. Früher, heute, morgen. Immer. Frau Barkans Geschichte ist eine davon, was uns daran erinnert.”

Recherche und Text: Iana Liapina, Sophia Saunders, Franziska Glatt, Nina Kubowitsch,Thomas Hengst

Homepage: Schulgeschichte – Herder-Gymnasium Berlin

Quellen:
- Volkszählung v. 17.5.1939
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Berliner Adressbücher
- Deportationsliste
- Arolsen Archives
- DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation
- Landesarchiv Berlin
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv
- Archives Nationales France
- Universität Jena
- Klassik Stiftung Weimar
- Juden in Ostpreussen. Verein zur Geschichte und Kultur e.V.
- Sammlungen der Universitätsbibliothek Uni Frankfurt
- Kalliope-Verbund
- Archivo Judío de Santiago de Chile

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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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