Stolpersteine Güntzelstraße 15

Hausansicht Güntzelstr. 15

Die Stolpersteine wurden am 18. Oktober 2024 verlegt und von Frau Bettina Seelmann gespendet.

Güntzelstr. 15 Siegfried Salo Translateur

HIER WOHNTE
SIEGFRIED SALO
TRANSLATEUR
JG. 1875
DEPORTIERT 19.4.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET

Siegfried Salo Translateur kam am 19. Juni 1875 im Haus seines Großvaters in Carlsruhe im Kreis Oppeln im nördlichen Oberschlesien zur Welt. Seine ledige Mutter Rosalia war zur Zeit der Geburt noch nicht einmal 16 Jahre alt. Der Erzeuger ist unbekannt. Großvater Salomon Translateur leitete seit einem guten Jahr als Kantor (Kultusbeamter) die kleine jüdische Gemeinde Carlsruhe. Die Mutter hatte 1877 Samuel Lagodzinski geheiratet und war bald aus Carlsruhe fortgezogen. Salo wuchs bei seinen Großeltern auf.

Schon früh kam Salo mit Musik in Berührung. Carlsruhe war ein kleines Residenzstädtchen der Herzöge von Württemberg und bot ein reichhaltiges kulturelles Leben. Salo besuchte die evangelische Elementarschule, dazwischen für ein Jahr das Gymnasium in Oppeln. Als Zwölfjähriger hatte Salo in seinem Heimatort bereits bei Konzerten am Hofe der Württemberger mitgewirkt. Schon mit 13 Jahren soll er sich der Kompositionslehre gewidmet haben. Doch nach der Schule unterwarf er sich zunächst dem Wunsch des Großvaters, Rabbiner zu werden, und besuchte ein entsprechendes Seminar. Dort riss er bald aus und gelangte nach Wien. Hier kam er im Wiener Vergnügungspark Prater mit dem Walzer in Berührung. Etwa ab 1889 besuchte Salo das Schlesische Konservatorium für Musik von Prof. Fischer in Breslau. Ein weiteres Konservatorium hat er nicht besucht.

Salo Translateur komponierte vor allem Walzer und Märsche. Fast 300 Stücke sind von ihm bekannt. Mit seiner Musik begeisterte er Millionen. Bis zum Ersten Weltkrieg trat er mit eigenem und fremden Orchester an zahlreichen Orten in Berlin und außerhalb der Stadt auf. Ab 1904 verfügte Translateur für vielleicht ein Jahr über einen eigenen Konzertsaal in der Alexanderstraße 40. Am erfolgreichsten war sein jahrelanges Engagement im „Rheingold“ in der Nähe des Potsdamer Platzes, einst eine der größten Vergnügungsstätten Berlins. Engagements hatte er auch im „Friedrichshof“, im Lunapark in Halensee, im Metropol-Theater, im Vergnügungspark „White City“ und vielen anderen Veranstaltungsstätten.

Vor 1918 schuf Translateur auch eine ganze Reihe von Märschen. Salo war von sehr starker national-patriotischer Gesinnung. Sein Patriotismus kam auch durch seine Kompositionen zum Ausdruck. Im Ersten Weltkrieg meldete sich Translateur freiwillig als Soldat. Doch er war im Kulturbereich tätig. Mit seinen Konzerten munterte er die Soldaten auf und lenkte sie vom Kriegsgeschehen ab.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Translateur keine eigene Kapelle mehr. Er trat vielfach auf, dirigierte aber stets fremde Orchester. Er widmete sich jetzt seinem 1911 gegründeten Musikverlag „Lyra“, der wirtschaftlich höchst erfolgreich war. Salos Musik wurde nun nicht nur von Kapellen gespielt, sondern immer stärker auch auf Schallplatten und vor allem in dem neuen Medium Rundfunk. Durch die Tantiemen verdiente er ausgezeichnet. Bis 1933 gehörte Translateur zu den erfolgreichsten und populärsten Unterhaltungsmusikern seiner Zeit.

Besonders beliebt war sein Walzer „Wiener Praterleben“. 1892 hatte Translateur ihn als 17-Jähriger komponiert und dann für 20 Mark verkauft – nicht ahnend, dass dieses Stück sein erfolgreichstes und ertragreichstes werden sollte. Besonders populär wurde der Walzer, nachdem er 1923 im „Sportpalast“ in Berlin anlässlich eines Sechstagerennens gespielt wurde. Einer der Zuschauer, genannt „Krücke“, kam auf die Idee, anstelle der vorgesehenen Händeklatscher laut zu pfeifen. Das verlieh der Komposition noch mehr Popularität. Bekannt war sie von da ab fast nur noch unter dem Spitznamen „Sportpalastwalzer“. Nach dem Krieg war er fast die einzige Komposition Translateurs, die noch dargeboten wurde.

Bis etwa 1910 nannte Salo sich nur „S. Translateur“, dann ging er dazu über, den Vornamen „Siegfried“ zu führen.

Am 12. März 1907 heiratete Salo Translateur auf dem Standesamt in Charlottenburg die Witwe Meta Jacobsohn geb. Seelmann.

Güntzelstr. 15 Meta Translateur

HIER WOHNTE
META
TRANSLATEUR
GEB. SEELMANN
JG. 1874
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 20.12.1944

Meta Jacobsohn geb. Seelmann wurde am 25. April 1874 in Stolp als Tochter des Kaufmanns Emil Seelmann und der Henriette Freundlich geboren. Sie wohnte damals bei den Eltern in der Spichernstraße 7.

Über ihren ersten Ehemann, mit dem sie keine Kinder hat, ist nur bekannt, dass er Kaufmann war. Der Sohn Hans Heinz vervollständigte die Familie. Zwar war Salo Translateur der Vater, doch Meta war nicht die leibliche Mutter. Das war Lucie Bloch, geboren am 29. Mai 1881 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Hermann Bloch und der Fanny Löwenstein. Der Sohn war am 4. November 1906 in Schöneberg zur Welt gekommen, Salo erkannte sofort die Vaterschaft an und bewirkte dann, dass das Kind juristisch ihm und Meta zugesprochen wurde.

Lucie wohnte ab 1912 mit der Mutter, der Schwester Gertrud und dem Bruder Alfred in der Wilhelmsaue 138, zuletzt nur noch mit Gertrud. Diese ehelichte am 23. Dezember 1940 den Kaufmann Martin Gottliebsohn und zog zu ihm in die Krefelder Straße 13. Am 25. September 1942 wurde Lucie nach Theresienstadt deportiert, von dort am 9. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde. Hans Heinz Translateur ging im Frühjahr 1933 nach London, im Oktober des Jahres dann weiter nach Südafrika. Fortan nannte er sich John Henry Peterson. 1988 verstarb er kinderlos in der Schweiz.

Salo, Meta und Hans Heinz Translateur in Westerland auf Sylt um 1914

Salo, Meta und Hans Heinz Translateur in Westerland auf Sylt um 1914

Wohl ab 1899 wohnte Salo Translateur in Berlin, erst im Zentrum der Stadt, dann in den – später eingemeindeten – Vororten, seit 1914 mit der Familie in Wilmersdorf in der Güntzelstraße 15 im 1. Stock. Translateurs Vermögen steckte in der sehr wertvoll eingerichteten, sechs große und ein kleines Zimmer, Küche und Bad umfassenden Wohnung von etwa 150 qm. Auf dem Boden lagen überall echte Perserteppiche, an den Wänden hing eine Vielzahl von Gemälden, darunter solche von Dürer und Rembrandt. Darüber hinaus besaß das Ehepaar zahlreiche Schmuckgegenstände von hohem Wert sowie wertvolles Besteck und Porzellan.

Von den Nationalsozialisten wurde Salo Translateur – da sein Vater unbekannt war –entsprechend der damaligen Terminologie als „Halbjude“ eingestuft, er selbst bezeichnete sich 1943 als „Geltungsjude“. Damit unterlag er den Verfolgungen, durfte ab 1933 nicht mehr auftreten, seine Musik durfte im Deutschen Reich nicht mehr gespielt werden, seine Einnahmen brachen infolgedessen sehr stark ein, seinen Musikverlag musste er auf Druck der Reichsmusikkammer verkaufen. 1938 erwarb ihn der Bosworth-Musikverlag in Leipzig für 18.000 RM. Sein Antrag auf Aufnahme in die Kammer, Voraussetzung für die Berufsausübung, wurde abgelehnt, weil er Jude war. In Unkenntnis, dass der Komponist auf der Liste der jüdischen Musiker steht, wurden seine Stücke vereinzelt gleichwohl weiterhin, mindestens bis 1940 gespielt. Selbst Orchester der NSDAP, gar der SA, boten sie zur Freude der Zuhörer dar.

Salo Siegfried Translateur um 1933

Salo Siegfried Translateur um 1933

Salo Translateur und seine Frau Meta blieben trotz aller Warnungen in Deutschland. Niemand konnte ihn von einer Emigration überzeugen. Ab Januar 1943 war Salo als Zwangsarbeiter bei Helmut Korth, Fabrik für Feinmechanik, Optik und Mikroskopebau in Berlin tätig; sein Monatslohn betrug 28,– RM. Die Nächte verbrachte er im Polizeigewahrsam und seine Ehefrau wusste lange nicht, wo er abgeblieben war. Meta wurde am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert. Wie jeder unmittelbar vor der Deportation stehende jüdische Mensch musste auch Meta eine Vermögenserklärung abgeben, doch gab sie nicht viel an. Was vorhanden war, wurde zugunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt. In der Zeit als Zwangsarbeiter hatte Salo am 9. April 1943 mit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ über eine Unterbringung in Theresienstadt geschlossen. 410 RM, nach seiner Vermögenserklärung vom 18. März sein gesamtes verbliebenes Vermögen, gab er dafür. Diese Verträge suggerierten ein leidlich hinnehmbares Leben in Theresienstadt. Salo wurde nun am 19. April 1943 dorthin deportiert. Gleich nach der Ankunft wird er gemerkt haben, dass seine Vorstellungen Illusionen sind und das Konzentrationslager Theresienstadt alles andere als eine noch erträgliche Altersresidenz war. In Berlin wickelten die zuständigen Behörden nach den vorgegebenen Vorschriften das verbliebene Vermögen der Translateurs ab, zogen Forderungen ein, zahlten Ansprüche aus und veräußerten die Vermögensgegenstände.

Salo und Meta lebten noch knapp ein Jahr bzw. sogar gut anderthalb Jahre in Theresienstadt. Den mit gewissen Bevorzugungen verbundenen Status von „Prominenten“ hatten sie ungeachtet von Salos früherer Popularität nicht. Es gab im Lager zwar kulturelles Leben, auch mit Musik, doch eine Teilnahme Salos wird nicht erwähnt.

Nach einer am 11. November 1943 bei kaltem und nassem Wetter von früh morgens bis spät abends durchgeführten Zählung der Gefangenen von Theresienstadt erkrankten viele, auch Salo. Im Januar kam er in das Lagerkrankenhaus, wo er einige Wochen später verstarb. Ausweislich der Karteikarten der Kremierungen wurde Salos Leiche am 2. März 1944 verbrannt. Demnach ist Salo am 1. März 1944 oder morgens am 2. März 1944 in Theresienstadt gestorben. Meta überlebte Salo um ein gutes Dreivierteljahr. Ihre sterblichen Überreste wurden am 21. Dezember 1944 kremiert. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sie am 20. Dezember 1944 gestorben ist.

Am 18. Oktober 2024 wurden vor dem einstigen, im Krieg zerstörten Wohnhaus von Translateurs zwei Stolpersteine zur Erinnerung an sie verlegt.

Text: Dr. Martin Richau, Berlin (16.7.2025)

Quellen:
Martin Richau, Berlins oberschlesischer Walzerkönig Salo Siegfried Translateur, Berlin 2025 (die Primärquellen befinden sich vor allem in den Landesarchiven Berlin und Potsdam sowie im Archiv des Entschädigungsamtes Berlin)

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