HIER WOHNTE
SIEGFRIED SALO
TRANSLATEUR
JG. 1875
DEPORTIERT 19.4.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET
Siegfried Salo Translateur kam am 19. Juni 1875 im Haus seines Großvaters in Carlsruhe im Kreis Oppeln im nördlichen Oberschlesien zur Welt. Seine ledige Mutter Rosalia war zur Zeit der Geburt noch nicht einmal 16 Jahre alt. Der Erzeuger ist unbekannt. Großvater Salomon Translateur leitete seit einem guten Jahr als Kantor (Kultusbeamter) die kleine jüdische Gemeinde Carlsruhe. Die Mutter hatte 1877 Samuel Lagodzinski geheiratet und war bald aus Carlsruhe fortgezogen. Salo wuchs bei seinen Großeltern auf.
Schon früh kam Salo mit Musik in Berührung. Carlsruhe war ein kleines Residenzstädtchen der Herzöge von Württemberg und bot ein reichhaltiges kulturelles Leben. Salo besuchte die evangelische Elementarschule, dazwischen für ein Jahr das Gymnasium in Oppeln. Als Zwölfjähriger hatte Salo in seinem Heimatort bereits bei Konzerten am Hofe der Württemberger mitgewirkt. Schon mit 13 Jahren soll er sich der Kompositionslehre gewidmet haben. Doch nach der Schule unterwarf er sich zunächst dem Wunsch des Großvaters, Rabbiner zu werden, und besuchte ein entsprechendes Seminar. Dort riss er bald aus und gelangte nach Wien. Hier kam er im Wiener Vergnügungspark Prater mit dem Walzer in Berührung. Etwa ab 1889 besuchte Salo das Schlesische Konservatorium für Musik von Prof. Fischer in Breslau. Ein weiteres Konservatorium hat er nicht besucht.
Salo Translateur komponierte vor allem Walzer und Märsche. Fast 300 Stücke sind von ihm bekannt. Mit seiner Musik begeisterte er Millionen. Bis zum Ersten Weltkrieg trat er mit eigenem und fremden Orchester an zahlreichen Orten in Berlin und außerhalb der Stadt auf. Ab 1904 verfügte Translateur für vielleicht ein Jahr über einen eigenen Konzertsaal in der Alexanderstraße 40. Am erfolgreichsten war sein jahrelanges Engagement im „Rheingold“ in der Nähe des Potsdamer Platzes, einst eine der größten Vergnügungsstätten Berlins. Engagements hatte er auch im „Friedrichshof“, im Lunapark in Halensee, im Metropol-Theater, im Vergnügungspark „White City“ und vielen anderen Veranstaltungsstätten.
Vor 1918 schuf Translateur auch eine ganze Reihe von Märschen. Salo war von sehr starker national-patriotischer Gesinnung. Sein Patriotismus kam auch durch seine Kompositionen zum Ausdruck. Im Ersten Weltkrieg meldete sich Translateur freiwillig als Soldat. Doch er war im Kulturbereich tätig. Mit seinen Konzerten munterte er die Soldaten auf und lenkte sie vom Kriegsgeschehen ab.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Translateur keine eigene Kapelle mehr. Er trat vielfach auf, dirigierte aber stets fremde Orchester. Er widmete sich jetzt seinem 1911 gegründeten Musikverlag „Lyra“, der wirtschaftlich höchst erfolgreich war. Salos Musik wurde nun nicht nur von Kapellen gespielt, sondern immer stärker auch auf Schallplatten und vor allem in dem neuen Medium Rundfunk. Durch die Tantiemen verdiente er ausgezeichnet. Bis 1933 gehörte Translateur zu den erfolgreichsten und populärsten Unterhaltungsmusikern seiner Zeit.
Besonders beliebt war sein Walzer „Wiener Praterleben“. 1892 hatte Translateur ihn als 17-Jähriger komponiert und dann für 20 Mark verkauft – nicht ahnend, dass dieses Stück sein erfolgreichstes und ertragreichstes werden sollte. Besonders populär wurde der Walzer, nachdem er 1923 im „Sportpalast“ in Berlin anlässlich eines Sechstagerennens gespielt wurde. Einer der Zuschauer, genannt „Krücke“, kam auf die Idee, anstelle der vorgesehenen Händeklatscher laut zu pfeifen. Das verlieh der Komposition noch mehr Popularität. Bekannt war sie von da ab fast nur noch unter dem Spitznamen „Sportpalastwalzer“. Nach dem Krieg war er fast die einzige Komposition Translateurs, die noch dargeboten wurde.
Bis etwa 1910 nannte Salo sich nur „S. Translateur“, dann ging er dazu über, den Vornamen „Siegfried“ zu führen.
Am 12. März 1907 heiratete Salo Translateur auf dem Standesamt in Charlottenburg die Witwe Meta Jacobsohn geb. Seelmann.