Stolpersteine Am Rupenhorn 12-14

Die Stolpersteine für Charles und Edith Hallé wurden am 17. Oktober 2024 verlegt.

HIER WOHNTE
CHARLES HALLÉ
JG. 1879
VERHAFTET 13.6.1939
KZ FUHLSBÜTTEL
ENTLASSEN 16.6.1939
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Charles Ernest Hallé wurde am 20. Januar 1879 in Paris geboren. Er stammte aus einer jüdischen Frankfurter Familie, wurde aber in Paris geboren und wuchs zunächst dort auf. Er schloss später ein Studium zum Bauingenieur mit dem Titel Diplom Ingenieur ab. Er heiratete am 3. Juni 1909 in Hamburg Alt Rahlstedt die Tochter einer angesehenen Hamburger Lehrerfamilie, die Lehrerin Georgine Adolphine Thomsen. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Der älteste Sohn, Günther, starb am 27. Mai 1929 im Alter von 19 Jahren; er soll beim Faltbootfahren ertrunken sein (Sein Bruder äußerte den Verdacht auf Suizid wegen „Judensachen”). Am 1. Juli 1913 wurde Klaus Jürgen geboren, am 15. Juli 1915 die Zwillingsschwestern Lotte und Lore. Der Vater war sehr musikalisch; er selbst spielte Geige und Bratsche, die Kinder lernten ebenfalls Geige und Klavier und es wurde gemeinsam musiziert. Klaus erwies sich dabei als weit überdurchschnittlich begabt. Er verfügte über das absolute Gehör und studierte später Musik mit dem Berufsziel Konzertpianist. Klaus erfuhr erst spät durch den Vater von dessen jüdischer Abstammung, er hatte dies allerdings zuvor von seinem älteren Bruder gehört. Der Vater war in Frankreich christlich getauft worden und sein Lebenswandel ließ keine Zuordnung zur jüdischen Glaubensgemeinschaft erkennen. Er hatte sich auch trotz seiner französischen Erziehung als Deutscher gefühlt. Nach Erinnerungen seines Sohnes hatte er Spaß daran Juden als „Juden” zu karikieren.

Klaus besuchte zwischen 1926 und 1932 das Wilhelm Gymnasium in Hamburg, welches er mit dem Abitur abschloss. Er ging in die gleiche Klasse wie Heinz Temming, der Vater des Berichtschreibers. Heinz und Klaus verband eine lebenslange Freundschaft, die alle Schwierigkeiten überdauerte. Der Berichtsschreiber lernte daher Klaus Hallé als Freund der Familie kennen (von 1955 bis 1979). Die Töchter Lotte und Lore besuchten die Realschule und begannen eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester und Dekorateurin.

Die Familie wohnte in diesen Jahren, nachweislich zwischen 1925 und 1931, in der Eichenstraße 46. Die Ehe der Eltern wurde 1932 geschieden. Für das Jahr 1932 fand sich einmalig ein Eintrag im Hamburger Telefonbuch für Karl Halle, Dipl. Ing. in der Bundesstrasse 86. Die deutsche Schreibweise seines Namens zeigten auch die Einträge für die Eichenstrasse 46 in den Jahren davor. Charles Hallé arbeitete in Hamburg in leitender Stellung für verschiedenen Baufirmen, zuletzt bis 1932 für die Firma Julius Berger Tiefbau AG und ab 1932 für Fa. Robert Kieserling Hoch- Tief- und Stahlbetonbau, bei der er bis Oktober 1938 als freier Mitarbeiter tätig war. Nach 1938 durfte er in seinem Beruf nicht mehr arbeiten.

Klaus begann 1932 das Studium der Musik in Berlin, musste dies jedoch aufgrund seiner Abstammung dort bereits 1933 wieder beenden. Er setzte sein Studium in Köln fort und beendete es 1936 mit der Gesamtnote „Sehr gut”. In der Folgezeit durfte er allerdings in dem erlernten Fach nicht arbeiten oder öffentlich in Konzerten auftreten. In den Jahren 1937 und 1938 nahm er an Militärdienstübungen teil. Er wollte ein weiteres Studium der Musikwissenschaft aufnehmen, was ihm aufgrund seiner Abstammung ebenfalls verweigert wurde. Bis 1939 lebte er durch Unterstützung von seinem Vater. Beide Töchter durften ebenfalls nicht ihre angestrebten Ausbildungen beenden oder in diesen Berufen arbeiten.

Im Zuge der Pogrome von 1938 wurde Charles Hallé ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel eingeliefert und schwer misshandelt. Er wurde entlassen mit der Auflage, über die erfahrene Behandlung zu schweigen. Vermutlich wurde ihm nahegelegt, einen Ausreiseantrag zu stellen. Klaus wollte mit seinem Vater zusammen auswandern, auf legale Weise. Tatsächlich erklärte der Vater am 19. Juni 1939 gegenüber dem 23sten Kriminalkommissariat in Hamburg offiziell seine Absicht zur Auswanderung nach Frankreich. Es fanden sich Akten zur Auswanderung ab dem 3. Juli 1939 einschließlich detaillierter Listen der mitzunehmenden Gegenstände, darunter eine Geige und eine Bratsche, deren Wert extra geschätzt werden musste. In den Unterlagen fand sich auch ein Schreiben des französischen Konsulats in Hamburg vom 20. Juli 1939 mit der Bestätigung der Erlaubnis zur Einreise nach Frankreich. Mit Datum vom 24. August 1939 fand sich ein Dokument, das auch die Mitnahme der gelisteten Gegenstände genehmigte. Zur Ausreise kam es letztlich nicht, sehr wahrscheinlich, weil Frankreich dem Deutschen Reich am 3. September 1939 den Krieg erklärte.

1940 wurde Klaus zur Wehrmacht eingezogen und in Frankreich, Serbien und Russland eingesetzt. Ein tragisches Foto zeigte den Sohn zusammen mit Verwandten in Paris; Klaus in der Uniform der deutschen Wehrmacht: Der Vater konnte nicht in sein Geburtsland Frankreich auswandern, der Sohn wurde dort zum Besatzungssoldaten. Da Charles seit 1938 nicht mehr in seinem Beruf arbeiten durfte, wurde die wirtschaftliche Situation zunehmend schwierig. Zum Zeitpunkt des Auswanderungsantrags bewohnte er nur noch ein Zimmer in der Petkumstraße 3 (bei Fischer). Um seine Lebens- und Wohnsituation zu verbessern, drängte ihn seine Tochter Lotte, eine gute Freundin in Berlin zu heiraten. Da seine Freundin, Edith Clavier (geb. 15. August 1891) ebenfalls Jüdin war, stand einer Heirat auch unter den NS Rassengesetzen nichts im Weg. Die Hochzeit fand am 24. August 1939 in Hamburg statt. Das Paar wohnte anschließend in Berlin in der Wohnung von Edith. Da Charles Hallé in Berlin keine Beschäftigung fand, musste das Ehepaar dann zur Untermiete in zwei möblierten Zimmern im Haus des jüdischen Bankiers Otto Aschaffenburg, Am Rupenhorn 12-14, leben.

HIER WOHNTE
EDITH HALLÉ
GEB. CLAVIER
JG. 1891
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Über das Leben und die Familie von Edith Clavier ist leider sehr wenig bekannt. Sie wurde am 15. August 1891 in Berlin geboren und hatte zwei Geschwister, Josef Clavier, der Kaufmann war und am Kurfürstendamm wohnte, und Helene Eliat geb. Clavier. Welche Schulausbildung sie genoss und welchen Tätigkeiten sie bis zu ihrer ersten Eheschließung und später nachging, ist unbekannt. Sie war mit Herrn Lindenheim verheiratet gewesen. Die Ehe wurde geschieden, vielleicht weil der Ehemann nicht-jüdischer Herkunft war. Aus der Ehe ging zumindest ein Sohn hervor, Enrico („Heinrich”) Lindenheim, der in den 70er- Jahren in Sao Paulo lebte und einen Wiedergutmachungsantrag gestellt hatte.

1942 wurde Klaus Hallé – wiederum aufgrund seiner Abstammung – als „wehrunwürdig” aus der Wehrmacht entlassen. Solange der Vater Frontbriefe des Sohnes vorzeigen konnte, blieb er von der Deportation verschont. Mit dem Ausbleiben der Briefe folgte am 19. Oktober 1942 die Deportation von Charles und Edith Hallé mit dem 21sten Osttransport nach Riga. Als letzter Wohnort wurde die Adresse „Am Rupenhorn 12/14 in Berlin Charlottenburg” angegeben. Über diesen speziellen Transport fand sich im Buch der Erinnerungen der Hinweis, dass bis auf 81 Männer alle 959 Personen sofort bei Ankunft in Riga erschossen wurden. Entsprechend wurde dort als Todestag von Edith Hallé auch der Tag der Ankunft, also der 22. Oktober 1942 angegeben. Ob Charles zu den 81 zunächst Verschonten gehörte ist unklar, allerdings unwahrscheinlich; es wurden gezielt Handwerker für Bauarbeiten selektiert. Charles war zu diesem Zeitpunkt bereits 63 Jahre alt, körperlich geschwächt durch schwere Arbeiten als Hilfsarbeiter im Flugplatzbau und er hatte sich vermutlich nicht von seiner Frau trennen wollen. Er wurde im Jahr 1949 offiziell für tot erklärt mit dem fiktiven Todesdatum 31. Dezember 1944.

Die Kinder von Ernst Hallé überlebten die Shoah unter sehr schwierigen Lebensbedingungen, die auch nach 1945 fortdauerten. Die zermürbenden Entschädigungsprozesse enttäuschten und entmutigten sie.

Quellen:
Hamburger Telefonbücher
Hamburger Adressbücher
Schülerakte des Wilhelm Gymnasiums von Klaus Hallé
Persönliche Mitteilungen von Klaus Hallé

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