Stolpersteine Orber Straße 27

Hauseingang Orber Straße 27

Hauseingang Orber Straße 27

Der Stolperstein für Fanny Silberstein wurde am 23.3.2023 verlegt und von Birgit Schmidinger gespendet.

Stolperstein Fanny Silberstein

Stolperstein Fanny Silberstein

HIER WOHNTE
FANNY SILBERSTEIN
GEB. STEINER
JG. 1893
DEPORTIERT 26.9.1942
ERMORDET IN
RAASIKU

Fanny Silberstein wurde am 21. November 1893 im damaligen Loslau/Schlesien (heute Wodzislaw in der polnischen Woiwodschaft Sląskie) als Tochter des Ehepaares Steiner geboren. Über ihre Eltern sind keine Einzelheiten bekannt. Ihr Bruder Josef Steiner (*17. Januar 1892, gest. 1972), der als selbstständiger Schneidermeister in Berlin auch für namhafte NSDAP-Funktionäre schneiderte, konnte mit seiner Frau Selma, geb. Schneemann, und der Tochter Johanna 1934 nach Palästina fliehen. Er verstarb 1972 in Haifa/Israel.

Wann und warum Fanny Steiner nach Berlin kam und den Kaufmann Kurt Silberstein heiratete, ist nicht bekannt. Das Ehepaar wohnte seit mindestens 1930 in der Orber Straße 27. Kurt Silberstein (geb. 1890 in Breslau) nahm sich am 24. März 1940 das Leben und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee im Bereich der einfachen Gräber beerdigt. Als Grund für den Selbstmord wurde von einem Freund die nationalsozialistische Herrschaft angegeben. Auf diesem jüdischen Friedhof sind über 1.900 Menschen begraben, die zwischen 1939 und 1945 Selbstmord begingen.

Nach dem Tod ihres Mannes zog Fanny Silberstein im Juni 1941 in die Seesener Straße 65 in Berlin-Halensee und bezog dort ein Leerzimmer bei Laura Fliess. Ob dieser Umzug aus wirtschaftlicher Not erfolgte oder eine Zwangsumsiedlung auf Grund des „Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden” vom 30. April 1939 war, ließ sich nicht zweifelsfrei feststellen. Fanny Silberstein verkaufte am 18. Oktober 1941 den Großteil ihrer Wohnungseinrichtung aus der Orber Straße. Sie legte Wert auf schönes Geschirr und Tischwäsche, sodass in der Aufstellung des zu verkaufenden Wohnungsinventars neben Möbeln, Wäsche und Büchern auch ein Rosenthal-Teeservice und eine flandrische Klöppeldecke aufgeführt waren. Für all dies wurde notariell ein Kaufpreis von 1550,00 RM angesetzt. Fanny Silberstein erhielt aber nur eine erste Rate von 300 RM. Der Restkaufpreis von 1250,00 RM wurde der Käuferin bis zum 1. Oktober 1943 gestundet. Da Fanny Silberstein zu diesem Zeitpunkt schon deportiert war, überwies die Käuferin diese Summe dem Finanzamt, das sie als „verfallenes Vermögen“ zugunsten des Deutschen Reiches einzog.

In ihrem Zimmer in der Seesener Straße 65 richtete Fanny Silberstein sich mit nur wenigen Gegenstände aus ihrer früheren Wohnung ein – u.a. eine Couch, 2 Sessel, ein Bücherregal mit 60 Büchern, eine Tischlampe. Sie verfügte nur noch über sehr wenige Haushaltsutensilien und Kleidungsstücke und eine geringe Summe Bargeld die sie in der „Vermögenserklärung“, die alle jüdischen Menschen vor der Deportation auszufüllen hatten, am 14. September 1942 akribisch aufführte. Auch dieses „Vermögen“ verfiel dem Deutschen Reich.

Fanny Silberstein musste sich auf Geheiß der Gestapo zwecks „Transport in den Osten“ in der von den Nationalsozialisten als Sammellager missbrauchten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 einfinden. Am 26. September 1942 wurde sie vom Güterbahnhof Moabit aus mit dem sog. „20. Osttransport“, in dem sich schon hunderte jüdische Menschen aus Frankfurt am Main befanden, mit weiteren über 800 Berlinerinnen und Berlinern jüdischen Glaubens nach Raasiku bei Reval (heute Tallinn) deportiert. Vermutlich wurde sie unmittelbar nach Ankunft des Transportes in den umliegenden Dünen ermordet.

Recherche und Text: Birgit Schmidinger
Quellen:
- Adressbücher Berlin
- Landesamt für Bürger und Ordnungsangelegenheiten -Entschädigungsbehörde-
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv in Potsdam, Akte REP 36 A (II) 35725
- Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde
- Landesarchiv Berlin
- Deportationsliste „20. Osttransport” OT20-5.jpg (1292×886) Nr. 94

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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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