Stolpersteine Zillestr. 107 (früher Maikowskistr. 107)

Hausansicht Zillestraße 107

Hausansicht Zillestraße 107

Die Stolpersteine für Eva, Lisa, Käthe und Siegbert Meyersohn wurden am 7. September 2022 verlegt und von Sue Gessler gespendet. Zwei Tage später fand in der Charité – Universitätsmedizin Berlin eine Gedenkfeier für die Familie.

Stolperstein für Eva Meyersohn

Stolperstein für Eva Meyersohn

HIER WOHNTE
EVA MEYERSOHN
JG. 1921
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Eva Meyersohn wurde am 3. März 1921 als zweite Tochter von Dr. Siegbert und Käthe Meyersohn in Schivelbein, heute Świdwin, geboren. Als Tochter eines angesehenen Arztes und Enkelin des Mühlenbesitzers Max Salomon wuchs sie in einer bekannten jüdischen Familie der hinterpommerschen Kleinstadt auf. Ihre Kindheit war zunächst geprägt von familiärer Geborgenheit und einem behüteten Leben innerhalb einer fest in Schivelbein verwurzelten jüdischen Gemeinschaft.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich ihr Alltag jedoch grundlegend. Die jüdischen Einwohner Schivelbeins wurden zunehmend ausgegrenzt, entrechtet und aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt. Auch die Familie Meyersohn verlor Schritt für Schritt ihre Sicherheit und ihre Heimat. Für die junge Eva bedeutete dies, ihre Jugend unter den Bedingungen wachsender Bedrohung und Unsicherheit verbringen zu müssen.
Nach den Novemberpogromen 1938 floh die Familie nach Berlin, in der Hoffnung, dort Schutz oder vielleicht noch einen Weg ins Ausland zu finden. Doch auch dort verschärfte sich die Verfolgung weiter. Eva Meyersohn wurde schließlich gemeinsam mit ihren Eltern am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sie wurde nur 21 Jahre alt.

Autorin: Julia Hanke, mit Ergänzungen von Sue Gessler

Recherche: Julia Hanke

English Version:

Eva Meyersohn was born on March 3, 1921, as the second daughter of Dr. Siegbert and Käthe Meyersohn in Schivelbein, today Świdwin. As the daughter of a respected doctor and the granddaughter of mill owner Max Salomon, she grew up in a well-known Jewish family in the small town of Farther Pomerania. Her childhood was initially shaped by family security and a sheltered life within a Jewish community firmly rooted in Schivelbein.

With the National Socialists’ seizure of power, however, her everyday life changed fundamentally. The Jewish residents of Schivelbein were increasingly excluded, deprived of their rights, and forced out of public life. The Meyersohn family, too, gradually lost its security and its home. For the young Eva, this meant having to spend her youth under conditions of growing threat and uncertainty.

After the November pogroms of 1938, the family fled to Berlin, hoping to find protection there or perhaps still find a way abroad. But persecution intensified there as well. In 1942, Eva Meyersohn was deported to Auschwitz together with her parents and murdered there. She was only 21 years old.

Author: Julia Hanke, with additions by Sue Gessler

Research: Julia Hanke

Stolperstein für Lisa Meyersohn

Stolperstein für Lisa Meyersohn

HIER WOHNTE
LISA MEYERSOHN
JG. 1914
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
ÜBERLEBT

Lisa Meyersohn wurde am 11. August 1914 in Schivelbein, heute Świdwin, geboren. Ihre ersten Lebensjahre waren vom Ersten Weltkrieg geprägt: Während ihr Vater als Militärarzt an der Front diente, wuchs sie zunächst fast ohne ihn auf. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in einem gebildeten und angesehenen jüdischen Elternhaus, das fest mit dem Leben der Stadt verbunden war. Später besuchte sie das Gymnasium in Schivelbein und legte dort 1933 das Abitur ab.

Ihr Wunsch war es, Medizin zu studieren und damit in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Doch die nationalsozialistische Politik nahm ihr diese Möglichkeit. Jüdischen jungen Menschen wurden Bildung und berufliche Perspektiven zunehmend verwehrt. Lisa Meyersohn zog deshalb zunächst allein nach Berlin und absolvierte am Jüdischen Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Während der Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung arbeitete und lebte Lisa Meyersohn weiterhin im Jüdischen Krankenhaus. Sie erlebte dort Deportationen, Suizide und die ständige Bedrohung durch Verhaftung und Gewalt. Viele Angehörige ihrer Familie wurden ermordet, darunter ihre Eltern und ihre Schwester Eva. Trotz dieser lebensgefährlichen Umstände überlebte sie die Zeit des Nationalsozialismus – ein Überleben, das angesichts der Verfolgung und Vernichtung der Berliner Juden an ein Wunder grenzte.
1948 wanderte sie nach Brasilien aus und lebte später in Rio de Janeiro, wo sie 2001 im Alter von 87 Jahren starb.

Autorin: Julia Hanke, mit Ergänzungen von Sue Gessler

Recherche: Julia Hanke und Friederike Kendel

English Version

Lisa Meyersohn was born on August 11, 1914, in Schivelbein, today Świdwin. Her early years were shaped by the First World War: while her father served as a military doctor at the front, she initially grew up almost without him. She spent her childhood and youth in an educated and respected Jewish household that was closely connected with the life of the town. Later, she attended the Gymnasium in Schivelbein and passed her Abitur there in 1933.

Her wish was to study medicine and follow in her father’s footsteps. But National Socialist policy deprived her of this opportunity. Jewish young people were increasingly denied education and professional prospects. Lisa Meyersohn therefore first moved to Berlin on her own and trained as a nurse at the Jewish Hospital.

During the years of National Socialist persecution, Lisa Meyersohn continued to work and live at the Jewish Hospital. There she witnessed deportations (including that of her aunt and cousin), suicides, and the constant threat of arrest and violence. Many members of her family were murdered, including her parents and her sister Eva. Despite these life-threatening circumstances, she survived the National Socialist period — a survival that, given the persecution and extermination of Berlin’s Jews, bordered on a miracle.

In 1948, she emigrated to Brazil and later lived in Rio de Janeiro, where she died in 2001 at the age of 87.

Author: Julia Hanke, with additions by Sue Gessler

Research: Julia Hanke and Friederike Kendel

Stolperstein für Käthe Meyersohn

Stolperstein für Käthe Meyersohn

HIER WOHNTE
KÄTHE
MEYERSOHN
GEB. SALOMON
JG. 1889
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Käthe Meyersohn, geborene Salomon, wurde am 8. September 1889 in Schivelbein, heute Świdwin, geboren. Sie war die jüngste Tochter einer angesehenen jüdischen Familie der Stadt. Ihr Vater Max Salomon war Besitzer der Schlossmühle und über Jahrzehnte Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Die Familie prägte das jüdische Leben in Schivelbein über viele Jahre hinweg maßgeblich. Ein schwerer Einschnitt in Käthes Leben war der frühe Tod ihrer Mutter Therese, die 1906 im Alter von nur 46 Jahren starb. Käthe war zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt.

1913 heiratete sie den Arzt Dr. Siegbert Meyersohn. Gemeinsam bauten sie sich in Schivelbein ein bürgerliches Familienleben auf. Das Ehepaar bekam zwei Töchter, Lisa und Eva. Über viele Jahre war die Familie Meyersohn fest in das gesellschaftliche Leben der Stadt eingebunden. Als Ehefrau des angesehenen Arztes und Tochter des langjährigen Gemeindevorstehers gehörte Käthe Meyersohn zu den bekannten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Schivelbeins.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann auch für Käthe Meyersohn die systematische Ausgrenzung. Die Familie verlor zunehmend ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Sicherheit, während die jüdische Gemeinde Schritt für Schritt zerstört wurde. Nach den Novemberpogromen 1938 musste die Familie Schivelbein verlassen und nach Berlin ziehen. In der Wohnung in der damaligen Maikowskistraße, der heutigen Zillestraße, lebten sie gemeinsam mit Käthes Bruder Paul Salomon, einem Rechtsanwalt.

Die Hoffnung auf Schutz oder eine Möglichkeit zur Flucht erfüllten sich nicht. 1943 wurde Käthe Meyersohn gemeinsam mit ihrem Mann Siegbert und der jüngsten Tochter Eva am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Autorin: Julia Hanke, mit Ergänzungen von Sue Gessler

English Version

Käthe Meyersohn, née Salomon, was born on September 8, 1889, in Schivelbein, today Świdwin. She was the youngest daughter of a respected Jewish family in the town. Her father, Max Salomon, owned the Schlossmühle mill and served for decades as head of the Jewish community. For many years, the family played a significant role in shaping Jewish life in Schivelbein. A severe turning point in Käthe’s life was the early death of her mother, Therese, who died in 1906 at the age of only 46. Käthe was just 17 years old at the time.

In 1913, she married the physician Dr. Siegbert Meyersohn. Together they built a middle-class family life in Schivelbein described by their daughter Lisa as full of music and laughter. The couple had two daughters, Lisa and Eva. For many years, the Meyersohn family was firmly integrated into the town’s social life. As the wife of a respected doctor and the daughter of the long-serving community leader, Käthe Meyersohn was among the well-known figures of Schivelbein’s Jewish community.

With the National Socialists’ seizure of power, Käthe Meyersohn too became subject to systematic exclusion. The family increasingly lost its economic and social security, while the Jewish community was destroyed step by step. After the November pogroms of 1938, the family had to leave Schivelbein and move to Berlin. In the apartment on what was then Maikowskistraße, today Zillestraße, they lived together with Käthe’s brother Paul Salomon, a lawyer.

Their hope for protection or a chance to escape was not fulfilled. From Berlin, Käthe Meyersohn was deported to Auschwitz together with her husband Siegbert and her younger daughter Eva on 14.12.1942, and murdered.

Author: Julia Hanke, with additions by Sue Gessler

Research: Julia Hanke

Stolperstein für Siegbert Meyersohn

Stolperstein für Siegbert Meyersohn

HIER WOHNTE
SIEGBERT
MEYERSOHN
JG. 1886
„SCHUTZHAFT“ 1938
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Dr. Siegbert Meyersohn wurde am 1. Februar 1886 im westpreußischen Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz, geboren. Er entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie und wuchs mit einer älteren Schwester sowie zwei jüngeren Geschwistern auf. Nach dem Studium der Medizin in Freiburg im Breisgau trat er bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Reservearzt in den Militärdienst ein. Während des Krieges diente er als Feldarzt an der Westfront und wurde für seinen Einsatz mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

1913 heiratete er Käthe Salomon aus Schivelbein, dem heutigen Świdwin, und ließ sich anschließend als praktischer Arzt in Schivelbein nieder. Über viele Jahre führte er dort eine angesehene Praxis und war ein geschätzter Arzt für die Bevölkerung der Stadt und des Umlandes. Die Familie war fest in das gesellschaftliche Leben Schivelbeins eingebunden. Nach dem Tod seines Schwiegervaters Max Salomon übernahm Siegbert Meyersohn 1932 zudem das Amt des Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Schivelbein und trug damit Verantwortung für das religiöse und soziale Leben der jüdischen Einwohner der Stadt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann auch für Dr. Meyersohn die systematische Ausgrenzung. Er floh nicht aus Schivelbein, da er glaubte, durch sein Eisernes Kreuz sowie durch die Zuneigung und den Respekt der Stadtbewohner geschützt zu sein. Nach dem Pogrom der Kristallnacht im November 1938 wurde er verhaftet und für mehrere Monate im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung zog die Familie nach Berlin, in der Hoffnung, dort Schutz oder eine Möglichkeit zur Emigration zu finden. Sie beantragten Visa für Palästina, und ihre Möbel warteten bereits in Hamburg auf die Verschiffung, doch die Visa trafen nicht ein. Von Berlin aus wurde Siegbert Meyersohn am 14. Dezember 1942 gemeinsam mit seiner Frau Käthe und seiner jüngsten Tochter Eva nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Sein Leben steht beispielhaft für die Zerstörung jüdischer Existenzen in Deutschland durch den Nationalsozialismus und erinnert zugleich an einen Arzt, Gemeindevorsteher und Familienvater, der über viele Jahre das Leben seiner Heimatstadt mitprägte.

Autorin: Julia Hanke, mit Ergänzungen von Sue Gessler

English Version:

Dr. Siegbert Meyersohn was born on February 1, 1886, in Bromberg, West Prussia, today Bydgoszcz. He came from a Jewish merchant family and grew up with an older sister and two younger siblings. After studying medicine in Freiburg im Breisgau, he entered military service as a reserve physician even before the First World War. During the war, he served as a field doctor on the Western Front and was awarded the Iron Cross for his service.

In 1913, he married the sister of a war comrade Käthe Salomon from Schivelbein, today Świdwin, and subsequently settled there as a general practitioner in the small town of Farther Pomerania. For many years, he ran a respected medical practice and was a valued doctor for the people of the town and the surrounding area. The family was firmly integrated into Schivelbein’s social life. After the death of his father-in-law, Max Salomon, Siegbert Meyersohn also took over the position of head of the Jewish community in Schivelbein in 1932, thereby assuming responsibility for the religious and social life of the town’s Jewish residents.

With the National Socialists’ seizure of power, Dr. Meyersohn too became subject to systematic exclusion. As a Jew, he was increasingly deprived of his rights; Jewish doctors gradually lost their professional livelihoods and social standing. He did not flee Schivelbein, believing he would be protected by his Iron Cross and the affection and respect of his townsfolk. After the Kristallnacht pogrom in November 1938, he was arrested and imprisoned in Sachsenhausen concentration camp for some months. After his release, the family moved to Berlin, hoping to find protection there or a chance to emigrate. They applied for visas to Palestine and their furniture was at Hamburg waiting to sail, but the visa did not arrive. From Berlin, Siegbert Meyersohn was deported to Auschwitz together with his wife Käthe and his youngest daughter Eva on 14.12.1942 and murdered.

His life stands as an example of the destruction of Jewish lives in Germany under National Socialism, while also commemorating a doctor, community leader, and father who shaped the life of his hometown for many years.

Author: Julia Hanke, with additions by Sue Gessler

Research: Julia Hanke

  • Käthe und Siegbert Meyersohn mit ihren Töchtern Lisa und Eva

    Käthe und Siegbert Meyersohn mit ihren Töchtern Lisa und Eva

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