Der Stolperstein für Pál Kiss wurde am 17.06.2022 verlegt und von Klaus Riehle gespendet.
Stolperstein Kurfürstendamm 108
Bild: Konzertführer Berlin Brandenburg 23. Jahrgang Digitale Sammlungen des SIMPK
Kurz danach wurde Pàl Kiss wegen sog. „Rassenschande” denunziert, weil er die Wohnung mit seiner nicht-jüdischen Lebensgefährtin teilte. Von wem er angezeigt wurde, lässt sich vermuten, bisher aber nicht rechtssicher belegen. Im Juni 1943 wurde er festgenommen und im Gestapo-Gefängnis am Alexanderplatz inhaftiert:
Dazu schrieb er: “Danach wurde ich verhaftet. Der Beamte, der mich verhörte, war Kommissar, er nahm mich mit zum Alexanderplatz, wo ich gemeinsam mit 150 Personen in einem Raum sieben Monate verbrachte, inzwischen an Blutvergiftung erkrankt.”
Danach wurde er in das von der Gestapo eingerichteten „Arbeitserziehungslager Wuhlheide“ verbracht.
Pál Kiss hatte keine Chance zu überleben. Das Schicksal hatte sich gegen ihn gewandt; denn der Grund hieß: „Ungarnaktion“ – die Vernichtung der ungarischen Juden – zusammen mit der ihm vorgeworfenen „Rassenschande“. Er war dem Tode geweiht. Es gab kein Zurück mehr. Er konnte seine Deportation nach Auschwitz in den sicheren Tod – über den er sich bewusst war – nicht mehr verhindern. Seine beiden handschriftlich geschriebenen Briefe waren zwecklos. Hilfeschreiend schrieb er am 30. Juli 1944 in seinem ersten Brief an den Königlich-ungarischen Gesandten Sándor Homlok: „Denn Auschwitz bedeutet den Tod. Das weiß jeder. Nur Arier kehren nach Monaten aus diesem Kazett zurück. Nichtarier oder Arbeitsunfähige werden mit Gas vergiftet, sie sterben an Kachexie oder machen selbst den Schrecklichkeiten ein Ende”.
Anfang September 1944 wurde Pál Kiss in das von den Nationalsozialisten als „Sammellager“ missbrauchte jüdische Altenheim in der Große Hamburger Straße 26 gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert. Kurz vor der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 wurde er während eines Todesmarsches nach Mauthausen am 18. Januar 1945 in Pless (Oberschlesien) erschossen.
Zur Ermordung von Pál Kiss erklärte der Mithäftling Dr. Günther von Martiny: „Ich war im Konzentrationslager Auschwitz inhaftiert. Mitte Januar 1945 wurde das Lager wegen des Herannahens der Russen von der SS evakuiert. Die Lagerinsassen mussten tagelang im Fußmarsch sich durch schneeiges Gelände bewegen. Die schwachen und kranken Lagerinsassen konnten naturgemäß nicht mithalten, sie blieben immer mehr zurück. Wenn diese Schwachen und Kranken am Ende des mehrere Kilometer langen Elendszuges angekommen waren, wurden sie von den begleitenden SS-Mannschaften erschossen. Dieses traurige Schicksal wurde auch meinem Freunde, Pál Kiss, geboren im Mai 1907 in Tolna, Ungarn zuteil. Herr Kiss war von Beruf ein bekannter Pianist und von sehr zarter Konstitution. Es ist erklärlich, dass er die Strapazen des Fußmarsches nicht aushalten konnte. Er wurde, wie ich selbst beobachten konnte, von der SS am Ende des Zuges erschossen. Die Erschießung fand in der Nähe von Pless / Oberschlesien statt. Dort wurden diejenigen Häftlinge, welche den Fußmarsch überstanden, in Eisenbahnwagons verfrachtet, darunter auch ich…”
Pál Kiss: verschluckt vom Erdboden, obwohl er doch in einem seiner letzten Konzerte am 29. und 30. November 1942 in der Berliner Philharmonie zusammen mit „Größen“ wie Conrad Hansen, Ferry Gebhardt und Herbert von Karajan im Bach`schen Konzert für 4 Klaviere mit der Staatskapelle Berlin aufgetreten war.
Fragen, die sich immer wieder in diesem schwierigen historischen Umfeld stellen: Weshalb wurde Pál Kiss nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges – im Gegensatz zu seinen drei Pianisten-Kollegen – quasi nie mehr erwähnt und auch von keinem (Musik-)Wissenschaftler jemals mehr aufgegriffen? Nur ein einziges Mal: Ein jeder, der sich auf eine Untersuchung über Pál Kiss eingelassen hätte, hätte den Fußstapfen von SS-Hauptsturmführer Franz Schmidt (u. a. Leiter des Stabsmusikkorps der Waffen-SS) und SS-Obersturmführer Martin Stephani (Vize von Franz Schmidt) folgen müssen. Sie behaupteten im Entnazifizierungsverfahren im Jahre 1959, sich um die Rettung von Pál Kiss bemüht zu haben. Im Schreiben vom 6. September 1959 verteidigte sich Martin Stephani u. a. damit, dass ihre „reine Musikarbeit … mehr und mehr … ein Hort des … durch die Uniform getarnten inneren Widerstandes auf musikalischem Gebiet” geworden sei, „dessen sich … fast alle Persönlichkeiten des Musiklebens bedienten, die als Juden, Verfolgte oder beruflich In-Notgeratene Schutz und Hilfe suchten…“. Eine große Zahl von Orchestermusikern u. a. verdanke ihnen ihr Leben. „Mit Ausnahme des jüdischen ungarischen Pianisten Pál Kiss, … welchen mit allen Mitteln dem Leben zu erhalten wir leidenschaftlich, aber umsonst versuchten ….“
Warum wurde Pál Kiss nach Ende der NS-Gewaltherrschaft nie erwähnt? Auch bei der Stolpersteinverlegung für jüdische ehem. Mitglieder der Berliner Philharmoniker am 10. Juni 2025 vor der Philharmonie wurde er nicht berücksichtigt und bei dem anschließenden moderierten Gedenkkonzert mit keinem Wort genannt. Auch 80 Jahre danach: Verschluckt vom Erdboden.
Zum Schluss der Schilderung über das Leben und Leiden von Pál Kiss sollen die Worte seiner Ehefrau Charlotte an der Heiden wiederholt werden: „Ich habe alles getan, um den armen Pál Kiss zu retten und am Ende stand ich mit leeren Händen da. Vergesst ihn mir ja nie!“
Keresheted őt, nem leled, hiába
se itt, de Fokföldön, se Ázsiába,
a múltba sem és a gazdag jövőben
akárki megszülethet már, csak ő nem.
Du magst ihn suchen, vergeblich, findest ihn nirgendwo,
Weder hier, noch am Kap, in Asien nicht noch irgendwo,
Nicht in der Vergangenheit und nicht in der reichen Zukunft:
Noch kann jeder geboren werden, nur er nicht mehr.
Dezső Kosztolányi: Grabrede (1935)
Recherche und Text: Klaus Riehle
Details:
- Klaus Riehle: Pál Kiss: Gefangener Nr. 193 273: Auschwitz, Pianist; Ibera – European University Press. Wien 2017, ISBN-13: 978-3-85052-368-4
- Klaus Riehle Herbert von Karajan Neueste Erkenntnisse zu seiner NS-Vergangenheit und der Fall Ute Heuser, besonders Epilog / Ralph Braun, Ibera-Verlag, Wien 2017.
Quellen:
- Berliner Adressbücher
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Akademische Hochschule für Musik 1869-1933 – Universität der Künste Berlin
- Vossische Zeitung 4.10.1932: Mendelssohn-Bartholdy-Stipendium 1932.
- Stipendien (1879-1934) – Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschulwettbewerb
- Alfred Birgfeld: Signale für die musikalische Welt 1937: Franz-Liszt-Preis 1933
- Gedenktafeln in Berlin: Zwangsarbeit – „Arbeitserziehungslager Wuhlheide”
- https://stiftungen.stiftungschweiz.ch/organisation/charlotte-und-pal-kiss-an-der-heiden-stiftung
- Franz Schmidt | NS-Täter in Italien
- Martin Stephani – Wikipedia
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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf
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