HIER WOHNTE
ILSE ULRIKE HIRSCHBERG
JG. 1914
DEPORTIERT 1.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ
Ilse Ulrike Hirschberg wurde am 4. Juli 1914 in Berlin als Tochter von Walter Hirschberg (1885-1942) und seiner Frau Frieda, geb. Hauer (1881-1942), geboren. Mit ihnen lebte sie von Geburt an in der Kaiserallee 19 (heute Bundesallee) in Wilmersdorf. Sie war ausgebildete Buchhalterin, wohnte aber laut Volkszählung von 1939 als Haustochter bei Helene und Adolf Dannenbaum in der Bleibtreustraße 15. Nicht nur den Dannenbaums stand sie nahe, sondern auch Helenes Schwester Erna Fiegel, die mit ihrem Mann Paul und Sohn Bernd um die Ecke in der Mommsenstraße 6 wohnte (Stolpersteine Mommsenstr. 6 – Berlin.de).
Als die Familie Fiegel 1939 nach Australien fliehen musste, begleitete Ilse sie bis nach Gouda. Auf die Rückseite eines Fotos, auf dem auch sie zu sehen ist, hat Erna geschrieben: „Ihrer guten Ilse zur Erinnerung an letzte liebe Gouda´er Stunden und an ihre Fiegels. Gouda, am 10. Juni 1939.“ Auf einem anderen Foto, das Erna Fiegels Tochter Naomi aufbewahrt, sind Helene Dannenbaum, Ilse Hirschberg und der schwarze Königspudel Billy vor dem Eingangsportal des Hauses Mommsenstraße 6 zu sehen. Helene Dannenbaum hat es ihrer Schwester noch nach Sydney schicken können. Ilse Hirschberg blickt ernst in die Kamera. Auf die Rückseite des Fotos hat Erna Fiegel geschrieben: „Meine Dicke mit goldiger Haustochter Ilse. Beide umgekommen.“
Nachdem das Ehepaar Dannenbaum aus der Wohnung in der Bleibtreustraße 15 ausgewiesen wurde und zwangsweise in die Akazienallee 46/48 umziehen musste, zog Ilse Hirschberg zurück zu ihren Eltern Walter und Frieda Hirschberg in die Kaiserallee 19, wo auch die ledige Schwester ihrer Mutter, Hildegard Hauer (1894-1942) lebte. Ilses Eltern und die Tante wurden am 26. Oktober 1942 mit weiteren ca. 800 jüdischen Berlinerinnen und Berlinern mit dem sogenannten „22. Osttransport” nach Riga deportiert. In diesem Transport befanden sich über 200 MitarbeiterInnen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die im Rahmen der sogenannten „Gemeindeaktion” verhaftet worden waren. Zu ihnen gehörte auch Ilses Vater. Alle Menschen in diesem Zug wurden unmittelbar nach der Ankunft am 29. Oktober 1942 in den Riga umgebenden Wäldern umgebracht.
Ilse Hirschberg musste zu diesem Zeitpunkt in den Siemens-Schuckertwerken, einem kriegswichtigen Rüstungsbetrieb, Zwangsarbeit leisten und war daher zunächst noch von den Deportationen „zurückgestellt”. Sie war nach der Deportation ihrer Eltern Hauptmieterin der Wohnung in der Kaiserallee 19 und musste ein in sogenannter „Mischehe” lebendes Ehepaar als Untermieter aufnehmen.
Am 1. März 1943 wurde Ilse Hirschberg mit dem sogenannten „31. Osttransport” mit über 1700 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert. Es war der erste Transport im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“, nachdem am 27. Februar 1943 reichsweit alle noch in Rüstungsbetrieben beschäftigten ZwangsarbeiterInnen verhaftet worden waren und dann „nach Osten” in den Tod geschickt wurden. Im Vernichtungslager Auschwitz wurden lediglich 677 der mit diesem Transport ankommenden Menschen als „arbeitsfähig” eingestuft – 292 Männer und 385 Frauen. Die anderen über 1000 Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft ermordet.
Ob die knapp 29-jährige Ilse Ulrike Hirschberg noch in den Bunawerken (Buna-Monowitz, KZ Auschwitz III), einer 1941 errichteten Tochterfirma der I.G. Farben, arbeiten musste, war nicht herauszufinden. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Sie gilt offiziell als „verschollen”.
Recherche und Text: Dr. Wolf-Rüdiger Baumann und Claudia Saam, ergänzt von Gisela Morel-Tiemann
Quellen:
- Volkszählung vom 17.5.1939
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Deportationsliste: 31. Osttransport
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA) Akte 36 A (II) 15681, Walter, Frieda, Ilse Hirschberg und Hildegard Hauer