Stolpersteine Nassauische Straße 62

Hauseingang Nassauische Str. 62

Diese Stolpersteine wurden von Johanna Bodenstab (Berlin/Woodbridge, USA), Ruth Weiß (Berlin) und Mitgliedern der Eigentümergemeinschaft Nassauische Str. 62 gespendet und am 24.4.2014 verlegt.

Stolperstein Gertrud Besas

HIER WOHNTE
GERTRUD BESAS
GEB. COHN
JG. 1897
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
19.8.1939

Stolperstein Dr. Georg Besas

HIER WOHNTE
DR. GEORG BESAS
JG. 1886
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
12.10.1933

Titelblatt der Dissertation von Georg Besas

Titelblatt der Dissertation von Georg Besas

Georg Besas wurde am 10. September 1886 als jüngster Sohn des Kaufmanns Simon Besas in Berlin geboren. Sein Vater führte zusammen mit einem Bruder die Firma Gebr. Besas Weißwaren- und Rüschenfabrikation. Georg besuchte das Köllnische Gymnasium und machte 1904 Abitur. Er studierte Rechtswissenschaften, bestand 1908 beim Kgl. Kammergericht Berlin das Referendarexamen und wurde in Heidelberg promoviert.

1914 eröffnete er am Spittelmarkt 11 zusammen mit zwei Kollegen eine Rechtsanwaltspraxis. An derselben Adresse befand sich seit diesem Jahr auch die Wäschefabrikation Gebr. Besas. Die Kanzlei war sehr erfolgreich, auch war Georg Besas einige Jahre als Syndikus der AEG tätig. Später wurde die Sozietät aufgelöst, die Kanzlei von Georg Besas befand sich 1933 in der Fasanenstraße 31.

(Rosa) Gertrud Besas, geb. Cohn stammte aus Wollstein (Wolsztyn), Kreis Bomst, in der preußischen Provinz Posen, und wurde am 31. Januar 1896 oder am 21. Januar 1897 geboren.
Die Familie hatte zwei Töchter, Gertrud und Hilda Henriette, geboren am 20. September 1892. Die beiden Schwestern standen sich sehr nahe. Sie wuchsen in behüteten Verhältnissen auf. Auch ihr Vater, Salomon Cohn, war Kaufmann, er besaß ein kleines Warenhaus in Wollstein.

Ansichten von Wollstein

Gertrud besuchte die “Höhere Mädchenschule” in Wollstein, anschließend wurde sie wahrscheinlich zur weiteren Ausbildung nach Berlin geschickt. Nach dem Ersten Weltkrieg verkaufte Salomon Cohn das Warenhaus, und als Wollstein polnisch wurde, optierte die Familie für Deutschland und zog endgültig nach Berlin.

1918 heirateten Dr. Georg Besas und die zehn Jahre jüngere Rosa Gertrud Cohn.
Hilda Cohn heiratete 1921 den Zahnarzt Dr. Paul Kornicker. 1922 wurde ihr einziger Sohn Stephan Günther geboren. Bis zum Tod ihres Mannes im Oktober 1937 arbeitete Hilda als Sprechstundenhilfe in dessen zahnärztlicher Praxis in Berlin-Hermsdorf.

Georg und Gertrud Besas hatten keine Kinder. Hilda schildert das Leben des Paares als sehr kultiviert, wohlhabend und bürgerlich. Privat beschäftigte Georg sich u.a. mit der Geschichte Berlins, er gab 1931 eine Schrift über die Grabstätten berühmter Berliner heraus. 1932 oder Anfang 1933 zogen Georg und Gertrud Besas in die Nassauische Straße 62. Sie hatten eine noch ungeteilte 6-Zimmer-Wohnung. Wahrscheinlich handelte es sich um die Wohnung im 1. Stock rechts.

Schon am 7.4.1933 wurde Dr. Georg Besas auf Grund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ das Notariat entzogen. Seine renommierte Kanzlei erfuhr sofort erhebliche Einschränkungen, und im Herbst 1933 stand ihre Schließung bevor oder war bereits erfolgt.
Georgs Stolz war „gebrochen“, wie die Schwägerin berichtet. Dermaßen gedemütigt und um seine gesamte bürgerliche Existenz gebracht, unternahm er im September 1933 zusammen mit seiner Frau einen Selbstmordversuch, sie wurden jedoch gerettet. Kurze Zeit später sprang Georg Besas aus dem Fenster. Er starb am 12. Oktober 1933.

Hilda kümmerte sich anschließend um ihre Schwester und konnte sie fast sechs Jahre davon abhalten, Georg in den Tod zu folgen. Sie besorgte ihr eine Arbeit (wahrscheinlich eine Bürotätigkeit) und „versuchte auch dadurch [ihre] Stimmung zu heben, dass sie ihren eigenen Sohn mit der Schwester leben ließ“.
Alle Familienmitglieder planten die Flucht oder Auswanderung. Dann aber starb Paul Kornicker 1937 an Krebs. Hilda musste die Praxis auflösen, die Einrichtung verschleudern. 1938 gelang es ihr, den 16 Jahre alten Sohn mit einem Kindertransport in die USA zu schicken. Hilda zog im April 1938 in ein gemietetes Zimmer, wo sie im November die Pogromnacht erlebte.

Auch für Gertrud Besas wurde das Leben immer bedrängter. Auf Grund der im November 1938 erlassenen Verordnung zur „Judenvermögensabgabe“ musste sie ein Viertel ihres noch vorhandenen Bankguthabens von 20.000 RM in Raten an den Staat abgeben und auch Silber und Schmuck an Sammelstellen abliefern. Sie vermisste ihren Neffen. Dann erhielt Hilda, nicht aber Gertrud, ein Affidavit aus den USA. Schließlich wurde ihr zum 1.9.1939 die Wohnung gekündigt. Gertrud begann, mit Hilda zusammen die Wohnung aufzulösen, aber dann vergiftete sie sich am 19. August 1939.

Die Kündigung der Wohnung war möglich geworden durch das Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden (RGBl I, S. 864) vom 30. 4.1939. Gertrud hätte wahrscheinlich als Untermieterin in eine Wohnung anderer Juden ziehen müssen. Hilda Kornicker: „Der arische Hauswirt hatte sie … gekündigt, da keine Juden mehr in dem Hause wohnen sollten, und meine Schwester begann, die Möbel der sehr eleganten Wohnung zu verschleudern. Sie nahm sich aber die ganze Verfolgung so zu Herzen, … daß sie noch vor dem 1.9.39 d.h. am 19.8.39 sich das Leben nahm …“

Hilda Kornicker wurde 1941 zu Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie, in den Borsigwerken bei Tegel, verpflichtet. Sie erkrankte infolgedessen schwer und wurde nach vier Monaten mit einem Attest freigestellt. Vom 19.9.1941 an musste sie den Judenstern tragen. Am 19.10.1941 – am Tag nach Beginn der Deportationen vom Bahnhof Grunewald und vier Tage bevor die Grenzen endgültig geschlossen wurden! – gelangte sie mit einem von ihrem Sohn beschafften Visum über Portugal nach Havanna. Wegen des Kriegseintritts der USA musste sie zunächst in Kuba bleiben und litt unter ihren gesundheitlichen Beschwerden, die nicht fachgerecht behandelt wurden. Als sie am 27.4.1944 nach Kalifornien einreisen durfte, befand sich ihr Sohn als Soldat der amerikanischen Armee in Europa. Stephan Kornicker wurde später Versicherungskaufmann. Er war verheiratet, über Kinder ist nichts bekannt. Hilda Kornicker starb am 15. September 1977, ihr Sohn am 18. September 2000 in Kalifornien.

1952 begann Hilda Kornicker, Entschädigungszahlungen für sich und für den Besitz ihrer Schwester einzuklagen. Ihre Rechtsanwälte berichteten, dass die Auseinandersetzungen mit den deutschen Behörden, die sich über viele Jahre hinzogen, sie psychisch an den Rand ihrer Kräfte brachten. Bei den Ämtern gab es dafür wenig Verständnis. Vermutlich waren unter den Behördenmitarbeitern einige, die vorher noch selbst die Zwangsmaßnahmen erlassen oder durchgeführt hatten. Immer wieder wurde die Glaubwürdigkeit der Klägerin in Zweifel gezogen: „Sie will Zwangsarbeit geleistet haben“[!] Neben ausgiebigem Gebrauch des Konjunktivs besonders beliebt war das Wort „angeblich“.

Werner und Irene Hasenberg im Alter von ca. 3 und ca. 1 Jahr

Familie Mayer/Hasenberg

Georg und Gertrud Besas waren nicht die einzigen jüdischen Bewohner des Hauses. Auch die Familie Mayer & Hasenberg lebte hier: Julius Mayer und seine Frau Pauline, geb. Ettinghausen, ihre Tochter Gertrude verh. Hasenberg, deren Mann John sowie die (Enkel)kinder Werner und Irene Hasenberg (geb. Dez. 1928 und Dez. 1930).

Irene Hasenberg als Schulanfängerin in Berlin 1937

Julius Mayer war bis zu seiner Enteignung durch die Nazibehörden Besitzer der Berliner Julmay Bank. Auch sein Schwiegersohn John Hasenberg war dort beschäftigt. Die ganze Familie wohnte mit drei Generationen in einer großen (also ebenfalls noch nicht geteilten) Wohnung. Die Kinder hatten ein besonders enges Verhältnis zu ihren liebevollen und warmherzigen Großeltern, von denen sie sich trennen mussten, als es John Hasenberg und seiner Frau 1937 gelang, mit den Kindern nach Amsterdam auszuwandern.

Es gab kein Wiedersehen. Julius und Pauline Mayer zogen in eine kleinere Wohnung in der Prinzregentenstr. 6, sie wurden im August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie kurz danach starben. Auch ihre ältere Tochter Alice Ullendorf geb. Mayer und deren Mann Paul Ullendorf wurden ermordet.

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande 1940 war auch die Familie Hasenberg erneut Verfolgung und Gewaltherrschaft ausgesetzt. 1943 wurden Eltern und Kinder in das Durchgangslager Westerbork und im Februar 1944 nach Bergen-Belsen deportiert. Da es John Hasenberg mit viel Glück gelungen war, ecuadorianische Einreisepapiere zu beschaffen, kam die Familie im Januar 1945 im Zusammenhang mit einer geplanten Austauschaktion aus dem KZ frei. Er selbst starb jedoch an Erschöpfung und den erlittenen Misshandlungen auf der Ausreise in die Schweiz. Gertrude, Werner und Irene Hasenberg haben überlebt und emigrierten nach dem Krieg in die USA.
Für Julius und Pauline Mayer wurden Stolpersteine an ihrem letzten Wohnsitz Prinzregentenstr. 6 verlegt, ein Stolperstein für John Hasenberg befindet sich in Elmshorn, wo er aufgewachsen ist.

Quellen:
Besas, G.: Grabstätten berühmter Berliner. – Ms. – Berlin, 1931 (vgl.: Etzold, Alfred: Der Dorotheenstädtische Friedhof. Neuausg., 2002, Literaturverz. S. 132)
Besas, Georg: Die Bedeutung der Anzeige des Gläubigers an den Schuldner … Heidelberg, Univ. Diss., 1908, Lebenslauf
Akte BRep. 025-05, AZ Nr. 2348/64 in: Landesarchiv Berlin Akten Reg.-Nr. 59268, 364432, 364088, 64974, 364119 in: Landesbehörde für Ordnungsangelegenheiten (LaBO), Entschädigungsbehörde.
Insbesondere: Lederer, Wolfgang: Med.-psychiatrischen Gutachten über Hilda Kornicker, San Francisco, 24.03.1964
Zentral- und Landesbibliothek Berlin: Berliner Adressbücher (online)
Mündliche Informationen von Hans-Jürgen Haase, Nassauische Str. 62
Persönliche Email von Renate Kristen, Enkelin von Edmund Kristen, dem Käufer des Geschäfts von S. Cohn in Wollstein, 25.3.2014
Persönliche Auskünfte von Frau Prof. Irene Butter geb. Hasenberg, Michigan, Sept./Okt. 2014
Holocaust Memorial Center, Eintrag Butter (Hasenberg), Irene: www.holocaustcenter.org/page.aspx?pid=498
http://stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=7&BIO_ID=1189

Text: Ruth Weiß