Stolpersteine Meinekestraße 22

Hauseingang Meinekestr. 22

Hauseingang Meinekestr. 22

Die Stolpersteine für Ulrich Heinz und Felicitas Ruth Wollstein wurden am 7.10.2020 verlegt und von Ilana Ruth Heilfron gespendet.

Stolperstein Ulrich Heinz Wollstein

HIER WOHNTE
ULRICH HEINZ
WOLLSTEIN
JG. 1905
SCHUTZHAFT 1938
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 12.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Ulrich Heinz Wollstein wurde am 1. November 1905 in Stettin geboren. Seine Abstammung und wann er nach Berlin kam, ist unerforscht. Er war Diplomkaufmann und Diplomhandelslehrer und wohnte seit mindestens 1935 in der Meinekestraße 22. In der „Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin” ist er in der Pestalozzistraße 99 verzeichnet, was darauf hindeuten mag, dass er dort ein Büro betrieb.

Er heiratete die aus einer Kösliner Tuchhändlerfamilie stammende Felicitas Ruth Hirschfeld (geb. 1908), die nach der Hochzeit aus ihrem Elternhaus in der nahe gelegenen Uhlandstraße 40 (Stolpersteine Uhlandstraße 40 – Berlin.de) zu ihm in die Meinekestraße zog. Das junge kinderlose Paar hatte nur wenige gemeinsame Jahre, bevor die Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten gegen jüdische Menschen und /oder solche, die dem Regime kritisch gegenüberstanden, auch Ulrich Wollsteins Leben radikal veränderten.

Nach Angaben von Ilana Ruth Heilfron, der Nichte von Ulrichs Frau Felicitas, war er ein „aufrechter und tapferer SPD-Mann”, der infolge der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in sogenannte „Schutzhaft” genommen wurde. Ob er als Jude oder Sozialdemokrat am 16. Dezember 1938 verhaftet und im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert wurde, ist unerheblich, denn beides war den Nazis Grund genug, ihn zu verhaften. Nach einiger Zeit wurde er wieder freigelassen und kehrte zu seiner Frau zurück. Es war nicht herauszufinden, auf welche Weise Ulrich Wollstein nach seiner Freilassung weiter drangsaliert und verfolgt wurde. Manches spricht aber dafür, dass er zu Zwangsarbeit verpflichtet wurde, denn er wurde im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion” vom Februar 1943 festgenommen.

Ulrich Heinz Wollstein musste sich zusammen mit seiner Frau Felicitas vermutlich in der von den Nazis als „Sammelstelle” missbrauchten Synagoge Levetzowstraße einfinden und wurde am 12. Mai 1943 vom Güterbahnhof Moabit mit dem letzten der Transporte nach der „Fabrikaktion” nach Auschwitz deportiert. Dort verliert sich seine Spur. Ob er noch Zwangsarbeit leisten musste – er war erst 38 Jahre alt – oder unmittelbar nach Ankunft des Transports ermordet wurde, ist nicht überliefert.

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann mit Angaben von Ilana Ruth Heilfron

Quellen:
- Adressbücher Berlin
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Deportationsliste “36. Osttransport”: OT36-37.jpg (1197×855) Nr. 732
- Suche – Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin

Stolperstein Felicitas Ruth Wollstein

HIER WOHNTE
FELICITAS RUTH
WOLLSTEIN
GEB. HIRSCHFELD
JG. 1908
DEPORTIERT 12.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Felicitas Ruth Wollstein, genannt Lizzy, war die zweite Tochter des Tuchhändlers Siegfried Hirschfeld und seiner Ehefrau Rosa, geb. Fraenkel und wurde am 16. Februar 1908 in Köslin in der damaligen preußischen Provinz Pommern (heute Koszalin, polnische Woiwodschaft Westpommern) geboren. Sie hatte eine Schwester Edith (geb. 1906) – die Mutter von Ilana Ruth Heilfron – und einen Bruder Joachim (Jochanan). Die beiden Geschwister konnten ihr Leben durch die Flucht aus Deutschland retten.

Wann die Familie Hirschfeld nach Berlin kam, war nicht herauszufinden. Sie lebte in der Uhlandstraße 40. (Stolpersteine Uhlandstraße 40 – Berlin.de). Über Felicitas’ Kindheit und Jugend ist nur bekannt, dass sie zur Lehrerin ausgebildet wurde. Anfang der 30er- Jahre besuchte sie Palästina und hätte sich also retten können. Aber sie war – wie die gesamte Familie Hirschfeld – eine Deutsche jüdischen Glaubens mit deutschem Pass. Sie handelte wie die biblische Ruth aus Liebe, Treue und Pflichtbewusstsein – wohl auch aufgrund einer gewissen politischen Ahnungslosigkeit – und kehrte zu ihren betagten Eltern und ihrem Verlobten Ulrich Heinz Wollstein nach Deutschland zurück. „Dein tragisches Schicksal ließ Dir wenig Zeit, “felice“ – also glücklich – zu sein, denn Du wurdest mit 35 Jahren als junge Ehefrau von Ulrich Heinz Wollstein zusammen mit ihm in Auschwitz vergast.” So sagte es ihre Nichte Ilana Ruth Heilfron bei der Verlegung der Stolpersteine.

Felicitas Hirschfeld heiratete den Diplomhandelslehrer Ulrich Heinz Wollstein und lebte mit ihm vermutlich seit mindestens 1935 in der Meinekestraße 22. Dort hatten sie die Untermieterin Adela Fraenkel (geb. 1891), die im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert wurde – vermutlich eine ledige Tante von Felicitas. Dies Haus wurde von den Nationalsozialisten zu einem sogenannten „Judenhaus” gemacht, aus dem im Laufe der Jahre mindestens 15 Menschen deportiert oder in den Suizid getrieben wurden.

Felicitas Wollstein wurde zusammen mit ihrem Mann am 12. März 1943 mit dem „36. Osttransport” – zusammen mit fast 1000 weiteren jüdischen Berlinerinnen und Berlinern – nach Auschwitz deportiert. Dies war der letzte der fünf Transporte aus Berlin nach der als „Fabrikaktion” bekannten Razzia im Februar, als die noch in kriegsrelevanten Rüstungsbetrieben beschäftigten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – allein in Berlin über 8000 – reichsweit an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und „nach Osten” in den Tod geschickt wurden. Zudem wurden mit diesen Transporten noch in Berlin verbliebene jüdische Menschen, die in – nach Nazi-Kategorien – „Mischehen” lebten, und sogenannte „Geltungsjuden” deportiert – mit Ausnahme derer, die nach den Protesten ihrer nichtjüdischen EhepartnerInnen in der Rosenstraße wieder freigelassen und/oder zu weiterer Zwangsarbeit verpflichtet wurden.

Felicitas Ruth Wollstein wurde im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Ein genaues Todesdatum gibt es nicht.

Recherche und Text: Gisela Morel-Tiemann mit Angaben von Ilana Ruth Heilfron
Quellen:
- Adressbücher Berlin
- Berliner Gedenkbuch der FU
- Gedenkbuch des Bundesarchivs
- Yad Vashem: Ruth Lizzi Felizitas Wollstein
- Deportationsliste “36. Osttransport”: OT36-37.jpg (1197×855) Nr. 733
- Fabrikaktion: Fabrikaktion – Wikipedia
- Rosenstraßen-Protest – Wikipedia

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