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Die Kammertürken vom Charlottenburger Schloss

Aly und Hassen, die wohl ersten Türken, die in Berlin arbeiteten, kamen nicht als Gastarbeiter. Sie waren Kriegsbeute der hannoveranischen und preußischen Truppen und wurden verschleppt. Aly kam zwischen 1683 und 1686 an den Hof von Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, der spätere Friedrich I. und erster König von Preußen. Hassan hatte in Hannover bei Sophie Charlotte, der zweiten Frau Friedrichs, schon viele Jahre als Kammerdiener zum Hofpersonal gehört, bevor er mit ihrem Hofstaat nach Charlottenburg kam. Es galt als schick, sich von exotischen Lakaien mit braunen oder schwarzen Händen bedienen zu lassen.

Beide erlernten die deutsche Sprache, traten zum protestantischen Glauben über, heirateten und ließen ihre Kinder taufen. Mit ihren Familien lebten sie ab 1704 in sogenannten Freihäusern in der Schloßstraße 4 und 6. In Freihäusern lebten Bedienstete des Hofes oder Personen, die sich in den Augen von Herrschern verdient gemacht hatten. Sie waren nicht der Stadtobrigkeit unterstellt und von zahlreichen Abgaben befreit, die ein Normalbürger erbringen musste.

Die tägliche Arbeit von Aly und Hassan soll nicht besonders hektisch gewesen sein. Sie waren für die kleinen, plötzlich auftretenden Bedürfnisse der Königin zuständig: etwas zu trinken bringen, kleine Besorgungen erledigen, Briefe wegbringen, Gäste zur Königin führen usw.. Die beiden müssen diese Arbeiten wohl sehr gut erledigt haben, denn einer Schilderung über die Sterbestunde der Königin Sophie Charlotte zu Folge, soll sie sich mit den Worten „Adieu Ali! Adieu Hassan!“ von beiden verabschiedet haben.

Friedrich Wilhelm I., der spätere „Soldatenkönig“, Sohn von Sophie Charlotte, reformierte nach seinem Regierungsantritt 1713 das höfische Leben. Die ökonomische und politische Bedeutung Charlottenburgs nahm ab. Er strich Hofbeamte, die er entlassen wollte, stillschweigend aus der Liste, „ließ sie aber ihre Dienste ruhig weiter verrichten und ihre Entlassung nur daran merken, dass ihnen ihr Gehalt gesperrt wurde“ (W. Gundlach, Geschichte einer Stadt Bd.. 2, S. 321). Der höfischen Privilegien beraubt, verkaufte Aly 1715 sein Haus in der Schloßstraße und starb 1716. 1883 musste das Haus einem Neubau weichen.

Hassan beklagte in mehreren Eingaben an den König seine schlechte wirtschaftliche Lage und dass er noch immer in Königlichen Diensten stehe, aber seit langer Zeit keine Besoldung mehr erhalten habe. Der König zeigte sich hiervon nicht beeindruckt. 1728 starb Hassan im Alter von 56 Jahren. 1730 verkauften die Erben das Haus. Auf den Fundamenten des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hauses errichtete 1951 die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten für ihre religiösen Zwecke eine Kapelle. Eine Gedenktafel an der Ostfassade erinnert an das Hassan-Haus.

KiezBlatt (Zeitung des Kiezbündnisses Klausenerplatz e.V.) Nummer 9 / Juni 2003, Seite 4