Die Stadt Wilmersdorf und ihr Parlament

Von Hans Heenemann

Link zu: Alt- und Neu-Wilmersdort nördlich der Berliner Straße um 1906
Alt- und Neu-Wilmersdort nördlich der Berliner Straße um 1906
Bild: Hans Heenemann

Das Jahr 1907 stand im Zeichen der Stadtwerdung Wilmersdorfs und der damit notwendigen Veränderungen unseres Parlaments. Nach beinahe sieben Jahren schwerer Arbeit und mühevoller Unterhandlungen war endlich das bisherige „Dorf“ mit 75 000 Einwohnern in die Reihe der preußischen Städte eingerückt und wird aller Voraussicht nach in ein paar Jahren bei weiterer glücklicher Entwicklung zu den modernsten Großstädten Deutschlands gehören. Am 16. Dezember 1899 faßte die Gemeindevertretung zum ersten Male den einstimmigen Beschluß, die Städteverordnung vom 30. Mai 1853 für die Landgemeinde Wilmersdorf anzunehmen. 26 548 Einwohner zählte damals unser Ort. Der Antrag wurde jedoch von den zuständigen Behörden glatt abgelehnt, da man durch das Ausscheiden Wilmersdorfs eine zu große Schwächung des Kreises Teltow befürchtete. Kurz vorher waren nämlich die Städte Rixdorf und Schöneberg ebenfalls ausgeschieden. Ja man führte für die Ablehnung an, daß die Einwohnerzahl von 26 548 die Stadtwerdung noch nicht rechtfertige wie bei Rixdorf und Schöneberg, die schon damals über 60 000 Einwohner zählten.

Link zu: Alte Büdnerhäuschen nördlich der Berliner Straße um 1906/1907
Alte Büdnerhäuschen nördlich der Berliner Straße um 1906/1907
Bild: Hans Heenemann

Aber unsere damalige Gemeindeverwaltung ließ nicht locker. Am 15. Januar und am 25. April 1902 erneuerte sie ihren Antrag, am 2. Februar 1904 petitionierte sie an das Abgeordnetenhaus; da die beiden Anträge wieder abgelehnt waren, und als auch diese Petition nichts nutzte, wandte sie sich am 14. März 1904 an den Minister des Innern und erhielt – wieder einen abschlägigen Bescheid. Endlich auf einen neuen Antrag vom 7. November 1904 erklärten sich die Behörden bereit, in Verhandlungen einzutreten. Diese Verhandlungen führten am 13. Januar 1906, also nach 14 Monaten zu einem Auseinandersetzungsvertrage mit dem Kreise und nach einem halben Jahr zum langersehnten Ziele. Bereits unter dem 20. August 1906, dem Datum der Königlichen Verordnung, wurde die Verleihung der Stadtrechte ausgesprochen, es heißt da wörtlich:

Link zu: Gruss aus Seebad Wilmersdorf um 1901
Gruss aus Seebad Wilmersdorf um 1901
Bild: Hans Heenemann

Auf den Bericht vom 15. August d. J. will Ich der Landgemeinde Deutsch-Wilmersdorf im Kreise Teltow die Annahme der Städteverordnung vom 30. Mai 1853 gestatten.
Wilhelmshöhe, den 20. August 1906.
gez. Wilhelm R.
ggz. von Bethmann-Hollweg.

Link zu: Wilmersdorfer Wilhelmsaue um 1908
Wilmersdorfer Wilhelmsaue um 1908
Bild: Hans Heenemann

Neue Männer zogen in die neue Stadtvertretung, Männer, die in langen Wahlschlachten von den Einwohnern Wilmersdorf zu ihren Vertretern erkürt waren; Männer, die erst durch die Tat zeigen mußten, daß sie das Vermächtnis der Vergangenheit für Wilmersdorf hochzuhalten gedachten und auch für die Zukunft rastlos mitarbeiten wollten an dem weiteren Ausbau unseres so verheißungsvollen jungen Stadtwesens. Es sei uns hier gestattet, noch einmal auf die Vorgänge zurückzukommen, die unsere Stadtvertretung zeitigten. Bekanntlich wurden die Wahlen am 25. Januar beendet und hatten in der ersten und zweiten Klasse mit einem Siege der Vereinigten Bürgerlichen geendet, während für die dritte Klasse Stichwahlen notwendig wurden, da hier Bürgerliche, Liberale und Sozialdemokraten um die Palme kämpften.

Link zu: Grunewald Kaiser Wilhelm Turm um 1908
Grunewald Kaiser Wilhelm Turm um 1908
Bild: Hans Heenemann

Am 19. Februar fand diese Stichwahl statt und schloß die Sozialdemokratie endgültig aus. Im April fanden hierauf die Wahlen des ersten Bürgermeisters, des zweiten Bürgermeisters, sowie von 4 besoldeten und 10 unbesoldeten Stadträten statt.
Es wurden gewählt:

zum ersten Bürgermeister:

  • Herr Ernst Habermann

zum zweiten Bürgermeister:

  • Herr Alfred Peters

zu besoldeten Stadträten:

  • Herr Stadtbaurat Otto Herrnring
  • Herr Stadtbaurat Otto Lambert
  • Herr Stadtbaurat Herrmann Müller und
  • Herr Assessor Oskar Brohm

zu unbesoldeten Stadträten:

  • Professor Dr. Franz Behschlag
  • Rentier Georg Fuhrmann
  • Reg.-Baumeister Theodor Kamps
  • Rentier Felix Kühne
  • Kaufmann Emil Müller
  • Oekonomierat Franz Rammrath
  • Rentier Hermann Rieger
  • Architekt Otto Schnock
  • Fabrikbesitzer Max Steinborn und
  • Kaufmann Otto Weber.
Link zu: Luna-Park, Terrassen am Halensee um 1912
Luna-Park, Terrassen am Halensee um 1912
Bild: Hans Heenemann

Die beiden Herren Bürgermeister wurden durch Allerhöchste Kabinettsordre Seiner Majestät des Königs vom 10. Juni bestätigt, die Bestätigung der Herren Stadträte erfolgte durch Verfügung des Herrn Regierungspräsidenten vom 27. Juni. Die feierliche Einführung der bestätigten Magistratsmitglieder erfolgte hierauf in Gegenwart des Herrn Regierungspräsidenten v. d. Schulenburg am 1. Juli im großen Sitzungssaal des Rathauses in feierlichster Weise. So ist von diesem Zeitpunkte an, der Konstituierung des Magistrats, der eigentliche Beginn der städtischen Verwaltung zu rechnen, obgleich in die Annahme der städtischen Verfassung bereits seit dem 31. Oktober 1906 gestattet worden war.

Link zu: Berlin-Schmagendorf, Breitestraße um 1912
Berlin-Schmagendorf, Breitestraße um 1912
Bild: Hans Heenemann

Noch einmal wurden Wahlen, und zwar Ersatzwahlen notwendig, da von den unbesoldeten Stadträten fünf bisher in der Stadtverordnetenversammlung gesessen hatten und auch als sechster Herr Becker wegen zu hohen Alters ausgeschieden war. Dann kamen Jahre fleißiger, anstrengender Arbeit für unsere Stadtväter. – Manchem riß der Tod die Arbeit aus den Händen; mancher schied durch Fortzug, einige taten wegen Arbeitsüberbürdung nicht mehr mit. Der verdienstvolle Stadtverordnetenvorsteher Geheimrat Beckmann legte sein Amt nieder, sein Nachfolger Regierungsrat Prof. Dr. Leidig folgte ihm nach 1jähriger Amtsdauer. –

Eine Vergrößerung des Magistrats, und eine Vergrößerung des Stadtverordnetenkollegiums trat ein, und heute noch, nach fünf Jahren, setzt sich der Magistrat aus folgenden Herren zusammen:

  • Oberbürgermeister Ernst Habermann;
  • Bürgermeister Alfred Peters;
  • Stadtbaurat Herrmann Müller;
  • Stadtbaurat Otto Herrnring;
  • Stadtbaurat Otto Lambert;
  • Kämmerer Rohde;
  • Stadtrat Oskar Brohm;

als besoldete Stadträte und unbesoldete Stadträte:

  • Professor Dr. Benschlag;
  • Baumeister Gustav Derlin;
  • Rentier Georg Fuhrmann;
  • Sanitätsrat Heinrich Grochtmann;
  • Kaufmann Wilhelm Hebebrand;
  • Geheimer Rechnungsrat Reinh. Kletke;
  • Rentier Felix Kühne;
  • Rentier Mehlhausen;
  • Rentier Emil Müller;
  • Rentier Herrmann Rieger;
  • Architekt Otto Schnock;
  • Rentier Max Steinborn.

Das Stadtverordneten-Kollegium weist folgende Namen auf:

  • 2 Geheimer Regierungsrat Paul Büchtemann;
  • 1 Dr. med. Bruno Bohl;
  • 2 Handelsrichter Hermann Cohn;
  • 1 Königlicher Baurat Max Contag;
  • 1 Gymnasialdirektor Professor Dr. David Coste;
  • 1 Rechnungsrat Max Dröse;
  • 2 Sanitätsrat Dr. med. Alexander Edel;
  • 1 Kaufmann Paul Fischer;
  • 1 Abteilungsvorsteher Paul Freckmann;
  • 1 Landesobersekretär August Gessers;
  • 1 Straßenbahnhofsvorsteher August Gnädig;
  • 1 Bäckermeister Arthur Gründling;
  • 1 Geheimer Ober-Finanzrat a. D. Hugo Hartung;
  • 1 Direktor Georg Heinitz;
  • 1 Rentier Karl Hesse;
  • 1 Chemiker Dr. Hesse;
  • 1 Geheimer Oberregierungsrat Wilhelm Koch;
  • 2 Architekt Wilhelm Korte;
  • 1 Rentier Heinrich Krause:
  • 1 Dr. phil. Paul Küster;
  • 1 Tischlermeister Berthold Lehmann;
  • 1 Regierungsrat a. D. Prof. Dr. Eugen Leidig;
  • 1 Eigentümer Louis Maske;
  • 1 Rentier Theodor Menzel;
  • 4 Oberleutnant a. d. Erich Moll;
  • 1 Rentier Michael Müller;
  • 1 Rentier Oskar Oertler;
  • 1 Lehrer Otto Pulwer;
  • 1 Baumeister Frank Pumplun;
  • 1 Rentier Raasch;
  • 3 Gewerkschaftssekretär Oskar Riedel;
  • 1 Wirklicher Geheimer Kriegsrat a. D. Fritz Riemann;
  • 1 Rentner Gustav Rosenbaum;
  • 1 Ingenieur Karl Rösler;
  • 3 Redakteur Hermann Schröder;
  • 1 Regierungsrat a. D. Dr. Fritz Schwartz;
  • 1 Kammergerichtssekretär Ernst Schulz;
  • 1 Kaufmann Otto Speer;
  • 1 Direktor Dr. jur. Walter Waldschmidt;
  • 1 Professor Dr. med. Hermann Weber;
  • 1 Architekt Arthur Wenzel;
  • 1 Justizrat Dr. Richard Wolff;
  • 1 Architekt August Ziechmann;
  • 1 Kaufmann Fritz Zimmermann.
    _______________________________
    1 Mitglied der freien Bereinigung
    2 Mitglied der liberalen Bereinigung
    3 Mitglied der Sozialdemokratie
    4 Mitglied der Demokratie
Link zu: Fehrbelliner Platz mit Untergrundbahnhof und Russischer Kirche um 1928
Fehrbelliner Platz mit Untergrundbahnhof und Russischer Kirche um 1928
Bild: Hans Heenemann

Der Dienst unserer Volksvertreter ist schwer; die zu bewältigenden Arbeiten erfordern Sach- und Fachkenntnisse; persönliche Verunglimpfungen werden ihnen in dem Streit der Meinungen nicht erspart bleiben. Das Ziel aber jeden Kampfes muß jedoch der gerechte Ausgleich und der Friede sein. In unserem parteipolitischen Leben wird viel unnütze Kraft vergeudet; mögen unsere kommunalen Gegensätze ein anderes erfreuliches Bild zeitigen. Die Reibungen zu verhindern, die die fruchtbringende Arbeit lähmen und die Lust zu gemeinsamer Arbeit verleiden, muß das Ziel ernsthaften und edlen Strebens sein. Am Webstuhl der Zeit schaffen, für Deutschland Größe, im engeren und weiteren Vaterlande, im Reich, in Staaten, Provinzen und Gemeinden tätig sein, ist des Schweißes der Edelsten wert – und nicht zuletzt laufen auch die Bestrebungen einer tüchtigen Gemeindevertretung auf diese Ziel hinaus. Möge unser Stadtverordneten-Kollegium zeitgemäße Fragen schnell und verständnisvoll anfassen und mit Geschick und Schnelligkeit zu Ende führen! Mögen die Finanzen und Schulen der Stadt nachahmenswert, die Verkehrspolitik eine freiheitliche, die Bebauung eine würdevolle und sachgemäße sein, damit Wilmersdorf sich vor den Toren von Groß-Berlin zu einer einzig schönen und als Wohnort begehrenswerten Stadt entwickeln kann!

Wir aber woll’n es für die Zukunft halten;
Wie wir als Dörfler es bisher getan;
Die Hand aufs Herz, wir bleiben stets die Alten;
Zieht unsre Stadt auch noch so stolz die Bahn!
Der Geist der Tüchtigkeit, der Kraft und Liebe,
Der stets geweilt am Wilmersdorfer See,
Sei heimisch auch bei uns im Stadtgetriebe!
Vorwärts! „ Nec temere, nec timide!“