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Die Villenkolonie Grunewald

von Karl-Heinz Metzger

Einleitung

Wahrscheinlich war die Villenkolonie Grunewald als “Millionärskolonie” die spektakulärste Wohnsiedlung Berlins. Sie zog Staunen, Verwunderung, Neid, Hass oder Verachtung auf sich, kalt ließ sie niemanden. Schon der Gassenhauer, der ihre Entstehung begleitete, bringt die ambivalenten Reaktionen der Berliner zum Ausdruck: “Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion”. Auch damals war es höchst unpopulär, für die Anlage einer Wohnsiedlung Bäume zu fällen, und der Grunewald war in Berlin als Erholungsgebiet sakrosankt.
Auf dem Situationsplan von 1888 sehen sie den Grunewald und zwischen Halensee und Hundekehlesee östlich der Eisenbahnlinie das Gebiet der geplanten Villenkolonie.
Ich will in meinem kurzen Überblick über die Entstehung und Entwicklung Grunewalds drei Thesen beleuchten, die meines Erachtens aber das Besondere der Villenkolonie Grunewald charakterisieren:
Erstens:
Die Villenkolonie Grunewald als Schlusspunkt des Zugs nach Westen wurde im wilhelminischen Berlin schnell zum Ort des öffentlich engagierten Bürgertums.
Zweitens:
In der Villenkolonie Grunewald wurde die Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre verwischt. Die Villenkolonie war von 1890 bis 1933 ein kommunikatives Zentrum.
Drittens:
Wenn irgendwo von einer deutsch-jüdischen Symbiose gesprochen werden kann, dann in der Villenkolonie Grunewald.
Sie haben es bemerkt: Die drei Thesen gehören zusammen. Sie lassen sich mühelos in einem Satz zusammen fassen: Das engagierte Bürgertum in Grunewald, das seine Villen öffnete und zu kommunikativen Zentren machte, war im wesentlichen das arrivierte und assimilierte jüdische Bürgertum Berlins.

Die Entstehung

Beginnen wir von vorne, und das heißt: am Kurfürstendamm. Als Bismarck 1871 nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs aus Paris zurückkam, wollte er in Berlin etwas Ähnliches haben wie es die Champs-Élysées in Paris darstellten, einen prachtvollen Boulevard, der vom städtischen Zentrum in einen grünen Wald führte. Der Kurfürstendamm schien dafür wie geschaffen. Er führte als mehr oder weniger gut befestigter Reitweg vom Tiergarten zum Grunewald. Das Gelände war noch fast völlig unbebaut, versprach aber im Zuge des Wachstums der neuen deutschen Hauptstadt, sich schnell zu entwickeln.
Bismarck schrieb 1873 in einem vielzitierten Brief: “Auch die Straße am Kurfürstendamm wird nach den jetzt bestehenden Absichten viel zu eng werden, da dieselbe voraussichtlich ein Hauptspazierweg für Wagen und Reiter werden wird. Denkt man sich Berlin so wie bisher wachsend, so wird es die doppelte Volkszahl noch schneller erreichen als Paris von 800.000 Einwohnern auf 2.000.000 gestiegen ist. Dann würde der Grunewald etwa für Berlin das Bois de Boulogne und die Hauptader des Vergnügungsverkehrs dorthin mit einer Breite wie die der Elysäischen Felder durchaus nicht zu groß bemessen sein.”
Bismarck forderte für den Kurfürstendamm einen großzügigen Ausbau, da “der fiskalische Besitz ausnahmsweise Gelegenheit zu breiter und schöner Straßenentfaltung bietet.”
Aber trotz des Reichskanzlers persönlichen Einsatzes war der Umbau des Kurfürstendammes nicht leicht zu realisieren, denn er musste privat finanziert werden, und private Geldgeber waren am Ausbau einer Prachtstraße, die in den Wald führte, nicht interessiert. Am Ende gelang es, unter Führung der Deutschen Bank eine Kurfürstendamm-Gesellschaft zu gründen, die bereit war, den Kurfürstendamm mit einer Breite von 53 m auszubauen, also immerhin halb so breit wie die Champs Èlysées – allerdings nur unter der Bedingung, dass sie das Vorkaufsrecht auf 234 ha Grunewaldgelände am westlichen Ende des Kurfürstendammes erhielt und dort eine Villenkolonie anlegen durfte. Die Kolonie Grunewald war also das Ergebnis eines mühsam ausgehandelten Koppelgeschäfts, und weder der Berliner Magistrat noch die Forstverwaltung waren damit einverstanden. Aber Bismarck hatte den Verkauf durch den preußischen Fiskus durchgesetzt.
Mit der ersten Fahrt der Dampfstraßenbahn von Bahnhof Zoo über den Kurfürstendamm nach Grunewald wurde 1886 der fast fertig ausgebaute Boulevard eröffnet und in den folgenden Jahren mit pompösen, hochherrschaftlichen Mietshäusern bebaut. Die Erschließung der 234 ha Grunewald ging jetzt ganz schnell: Im Jahr 1889 wurden zusätzlich zum natürlichen Halensee im Norden und Hundekehlesee im Süden der künftigen Kolonie vier künstliche Seen angelegt: Dianasee, Koenigssee, Herthasee und Hubertssee. Damit wollte man das sumpfige Gelände trockenlegen, Brackgewässer vermeiden und wertvolle Seegrundstücke schaffen.
Im Ergebnis war die Anlage der Seen entscheidend für die malerische landschaftliche Gesamtwirkung der entstehenden Villenkolonie. Die Künstlichkeit der Seen ist nicht wahrnehmbar. Die aufwendige Landschaftsplanung in einem solchen Ausmaß stellte ein Novum dar und war einzigartig für die Anlage einer Villenkolonie. Die Seen wurden in nur einem knappen Jahr ausgehoben und durch artesische Brunnen mit Wasser aufgefüllt, die Ufer befestigt und mit einer gewässertypischen Vegetation versehen. Die Ufer hatten privaten Charakter. Im Gegensatz zu den natürlichen Seen waren sie nicht für Erholungssuchende gedacht. Die bis in die frühen 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück reichenden Pläne des damaligen Bezirksamtes Wilmersdorf, einen durchgehenden öffentlichen Uferwanderweg durch die Villenkolonie anzulegen, konnten bis heute nur teilweise realisiert werden, an manchen Stellen durch den Bau von Stegen vor den Privatgrundstücken. Derzeit besteht keine Aussicht auf Vervollständigung.
Gleichzeitig mit dem Aushub der Seen wurde ein großer Teil des künftigen Straßennetzes angelegt. Für die Erd- und Wasserarbeiten wurden polnische Fremdarbeiter beschäftigt. Am 31. Oktober 1889 wurde der Kaufvertrag zwischen der Kurfürstendamm-Gesellschaft und der preußischen Regierung in Potsdam in Gestalt der Oberförsterei Grunewald über 234 ha Grunewaldgelände zur Anlage einer Villenkolonie abgeschlossen. Noch im gleichen Jahr bot die Kurfürstendamm-Gesellschaft die ersten baureifen Grundstücke an. In den folgenden Jahren vermarktete sie sowohl ihr Baugelände am Kurfürstendamm als auch das in der Villenkolonie mit hohem Gewinn.
Die Villenkolonie erhielt 10 Jahre nach ihrer Gründung, 1899, den Status einer selbständigen Landgemeinde, den sie bis zur Eingemeindung in den Bezirk Wilmersdorf von Groß-Berlin 1920 behielt.
Paul Voigt hat sich in seinem 1901 veröffentlichten Buch über “Grundrente und Wohnungsfrage in Berlin und seinen Vororten” kritisch mit der Bau- und Grundstücksspekulation auseinandergesetzt, an der sich in Grunewald sogar der Pfarrer beteiligte und dabei auf seine Kosten kam. Aber er kommt letztendlich zu einer überraschend positiven Einschätzung der neuen Villenkolonie:
“Mit dieser im großen Stile angelegten und durchgeführten Terrainspekulation sind aber nicht nur hohe Gewinne erzielt, es ist auch etwas überaus Nützliches, Schönes und Eigenartiges geschaffen worden. Dadurch unterscheidet sich dieses Unternehmen vorteilhaft von zahlreichen anderen Terrainspekulationen, denen eine eigentliche innere Berechtigung fehlt und die lediglich auf den Profit gerichtet sind.
Der Grunewald, der immer mehr zur Lunge Berlins wird, hat im Kurfürstendamm eine prächtige Zugangsstraße erhalten, die im Berliner Verkehrsleben sicherlich noch die volle Bedeutung gewinnen wird, die ihr Fürst Bismarck schon früh prophezeit hat. In der Villenkolonie Grunewald ist eine Luxusstadt entstanden, die in Europa wohl ihresgleichen sucht, und die – allerdings nur den oberen Klassen – die denkbar vollkommenste Befriedigung des Wohnbedürfnisses ermöglicht. Sie ist aber gleichzeitig eine der größten Sehenswürdigkeiten der Reichshauptstadt geworden, deren landschaftliche und architektonische Schönheiten sich zu einem Bilde von höchstem malerischen Reize vereinigen, das an heiteren Sommertagen viele Tausende hinauslockt. Die zahlreichen, prachtvollen Landhausbauten mit ihrer bunten Mannigfaltigkeit der Stilarten haben der Berliner Baukunst neue Impulse gegeben und üben einen nicht gering zu schätzenden Einfluß auf die Verfeinerung des künstlerischen Geschmackes aus, der sich auch bereits in der Bauart des Berliner Miethauses in den Straßen des Westens ausprägt.”
Soweit die Einschätzung Paul Voigts, den ich hier so ausführlich zitiert habe, weil er ein sehr nüchterner Kritiker der städtischen Entwicklung Berlins war. Sein zeitgenössisches Urteil ist für uns durchaus von Gewicht. Außerdem dokumentiert sein im Jahr 1900 entstandenes Resümee, wie schnell sich die Villenkolonie Grunewald entwickelte. Nach 10 Jahren war sie bereits in weiten Teilen bebaut und machte einen ansehnlichen Eindruck. 1897 waren bereits 205 Villen bewohnt. Dass die Kolonie auch ein beliebtes Ausflugsziel war, dokumentieren Fotos und Ansichtskarten aus der Zeit um 1900, die beispielsweise Gruppen begeisterter Fahrradausflügler auf der Bismarckbrücke zeigen.
Die Grundstücksspekulation, die Paul Voigt untersucht hat, war zwar auch in der Villenkolonie Grunewald nicht unerheblich, letztlich aber doch begrenzt. Sie wurde durch das von der Kurfürstendamm-Gesellschaft erlassene Ortsstatut stark behindert, und die Grundstücke wurden relativ schnell an interessierte Bauherren verkauft, so dass für Käufer mit rein spekulativem Interesse wenig Zeit blieb, die Preise in die Höhe zu treiben. Immerhin verdoppelten sich die Baulandpreise zwischen 1889 und 1897 nahezu von durchschnittlich 8,30 Mark pro qm auf 15,40 Mark.
Alfred Kerr, der große Kritiker, hat über 20 Jahre in der Villenkolonie gelebt und manche der Abendgesellschaften beschrieben, an denen er teilgenommen hat. Mit der ihm eigenen Boshaftigkeit hat er die Grunewalder charakterisiert: “Die Mehrzahl der Bewohner des Grunewaldes waren einfach schwere Kapitalisten. Gepflegte Bauern im Millionärskaff.” Aber letztendlich kam auch Alfred Kerr zu einer für seine Verhältnisse geradezu überschwänglich positiven Bewertung der Villenkolonie. 1924 fasste er sie für die Jubiläumsausgabe des “Grunewald-Echos” zusammen: “Ich bin mit Berlin versöhnt, seit ich draußen wohne …”

Die Villen

Was also machte den großen Reiz der Villenkolonie aus, und wer wohnte dort? Man war sich der Exklusivität von Umgebung und Nachbarschaft bewusst, und man war stolz, dass man dazu gehörte. Das zeigen die im Grunewald-Echo abgedruckten Stimmen der Bewohner zu ihrem “Luxusdorf” . Die Villenkolonie Grunewald war spät genug, aber noch gerade rechtzeitig entstanden, um dem Zug nach Westen die Krone aufzusetzen. Nach der Wanderung des Berliner Bürgertums über das Tiergartenviertel, nach Charlottenburg, Westend und an den Kurfürstendamm, war jetzt im prosperierenden letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Villenkolonie Grunewald der letzte Schrei.
Die modernen Verkehrsmittel machten es möglich: Man lebte abgeschieden im Grünen und gleichzeitig unmittelbar am Rande der City – und zwar am Rande der sich explosionsartig entwickelnden westlichen City Berlins. Der Kurfürstendamm stand damals für die moderne Vergnügungs- und Konsumwelt, für internationales Flair und kulturelle Avantgarde. Das setzte sich in der Villenkolonie Grunewald in höchst individualisierten Formen fort.
Im Gegensatz zu anderen Landhaussiedlungen kam die Villenkolonie Grunewald für die “mittleren Stände”, also etwa für Beamten- oder Handwerkerfamilien kaum in Betracht. Dafür waren die Grundstücke zu teuer. Das lag nicht so sehr an den Bodenpreisen. Die lagen durchaus im Bereich anderer stadtnaher Lagen. Aber die Grundstücke waren für mittlere Einkommen zu groß. Denn es gab kaum Bauparzellen unter 1.200 qm. Und es wurde nur Wohnnutzung gestattet, Gewerbenutzung lediglich für einige wenige Dienstleistungsbetriebe.
Um so attraktiver war die Ansiedlung in der Villenkolonie für Angehörige der Oberklasse. Sie konnten nicht nur relativ günstig traumhaft gelegene Grundstücke erwerben, sondern wegen der im Vergleich mit Berlin sehr viel günstigeren Steuersätze bei der Kommunalsteuer ihre neuen Villen fast aus der Steuerersparnis finanzieren. Im Berliner Innenstadtbereich jedenfalls war ein vergleichbarer Wohnkomfort nur mit erheblich höheren Mitteln zu erzielen.
Hierher zogen reiche Bankiers und Industrielle, Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten und in auffällig großer Zahl das Bildungsbürgertum, darunter erfolgreiche Wissenschaftler, Künstler, Verleger, Schriftsteller. Eine der ersten Bewohnerinnen war die international gefeierte Opernsängerin Lilli Lehmann, die 1890 aus New York zurückkam, wo sie an der Metropolitan Opera Triumphe gefeiert hatte. Sie begeisterte sich sofort für die neue Siedlung, kaufte unmittelbar nach ihrer ersten Besichtigung ein Grundstück und ließ sich von ihrem Architekten Hermann Solf ein Haus bauen, in das sie ein Jahr später, 1891, einzog. Sie lebte hier bis zu ihrem Tod 1929 und äußerte sich in ihrer 1920 erschienen Autobiographie begeistert über ihr Grunewald-Heim.
Die Villenkolonie Grunewald bot reichlich Raum für individuelle Gestaltung. Von kleinen Einfamilienhäusern und Mietvillen bis zu schlossartigen Großvillen mit ausgedehnten Parks auf bis zu 80.000 qm großen Seegrundstücken war alles möglich. Die architektonische Gestaltung war frei. Allerdings wurden bereits im Kaufvertrag zwischen der Oberförsterei Grunewald und der Kurfürstendamm-Gesellschaft strenge Auflagen für eine landhausmäßige Bebauung festgelegt. Die Kurfürstendamm-Gesellschaft gab diese an ihre Grundstückskäufer weiter und präzisierte sie in einem Ortsstatut:
“a) die auf der Kauffläche herzustellenden Gebäude dürfen nicht höher als drei Geschosse einschließlich des Erdgeschosses erbaut werden; b) diesselben müssen nach allen Seiten mit Fassaden versehen sein; c) es dürfen höchstens zwei Häuser aneinander gebaut werden, im übrigen muss zwischen je zwei Gebäuden ein Zwischenraum von mindestens acht Meter verbleiben, welcher eventuell nur zur Errichtung bedeckter Unterfahrten verwendet werden darf; d) Zwischen den Baulichkeiten und den dieselben begrenzenden Straßen müssen mindestens vier Meter breite, eingefriedete Vorgärten liegen bleiben; e) Zur Errichtung öffentlicher Vergnügungslokale ist die Zustimmung der Königlichen Forstverwaltung erforderlich.”
Diese Bestimmungen waren restriktiv genug, um störende Großbauten zu verhindern und den Charakter einer im Wald entstandenen Villenkolonie zu sichern. Sie waren aber auch flexibel genug, um eine große architektonische Vielfalt zu ermöglichen. Manche Bauherren und Architekten wurden durch die Bestimmungen zu kreativen Höchstleistungen angespornt, wenn es etwa darum ging, die maximal zugelassenen drei Geschosse auch maximal zu nutzen, etwa durch eindrucksvolle Turmgestaltungen oder extensive Dachausbauten.

Die Bewohner

Wer wohnte also nun in diesen Villen? Wenn wir die prominenten Bewohner Revue passieren lassen, an die heute zum Teil mit Gedenktafeln erinnert wird, dann waren das Bankiers und bedeutende Mäzene wie Felix Koenigs, Carl Fürstenberg, Robert und Franz von Mendelssohn, Verleger und Intellektuelle wie Samuel Fischer, die Brüder Franz, Hermann, Louis und Hans Ullstein, Alfred Kerr, Maximilian Harden und Walther Rathenau, Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Vicki Baum und Lion Feuchtwanger, Wissenschaftler wie Max Planck, Adolf von Harnack, Werner Sombart, Hans Delbrück, Karl Abraham, Karl Bonhoeffer und Ferdinand Sauerbruch, Film- und Theaterleute wie Max Reinhardt, Albert Bassermann, Friedrich Murnau, Isadora Duncan und Engelbert Humperdinck.
Brigitte Bermann Fischer, die 1905 geborene Tochter des Verlegers Samuel Fischer hat in ihren Lebenserinnerungen ausführlich das Haus ihrer Familie als Ort intellektueller Gastlichkeit beschrieben. Nicht nur die berühmten Fischer-Autoren waren hier zu Gast. Thomas Mann traf hier Albert Einstein, Gerhard Hauptmann Walther Rathenau, und manchmal spielten die Berliner Philharmoniker hier in kleiner Besetzung.
Nicolaus Sombart hat in seinem Buch “Jugend in Berlin” den großbürgerlichen Lebensstil in den Grunewaldvillen eindrucksvoll beschrieben. Konstitutiv für diesen Lebensstil waren in seinem Erleben die Dienstboten, die einen nicht unerheblichen Teil der Bewohnerinnen und Bewohner der Villenkolonie Grunewald ausmachten.
Sombart hat den großbürgerlichen Lebensstil nicht nur erlebt im Haus seiner Eltern, des berühmten Soziologen Werner Sombart und seiner als Gastgeberin berühmten jungen rumänischen Mutter:
“Was ich an Reichtum, an kostbaren Sammlungen, an gepflegter Geselligkeit, an vornehmer Lebensform erlebt hatte, hatte ich in den Häusern der jüdischen Familien gesehen, in denen meine Eltern verkehrten und in denen ich, als aufgeweckter, frühreifer Knabe … Zutritt fand.
Das begann in den Jahren, in denen ich eine Privatklasse im Mendelssohnschen Palais besuchte, wo ich zwar noch nicht die Rembrandts und van Dycks in der großen Halle zu identifizieren wusste, aber sehr beeindruckt war von der Livree der würdigen Diener, die uns in den Unterrichtssaal führten, und endete mit meinen Besuchen bei der alten Edith Andreae, der Schwester von Walther Rathenau, in dessen Haus an der Koenigsallee, die mich zum Tee einlud, um mir – noch 1938 – ihre unermesslichen Schätze an bibliophilen Kostbarkeiten zu zeigen.”
Aber es war nicht nur die gepflegte Geselligkeit, die aus der Villenkolonie Grunewald einen Ort der Kreativität machte, es war insbesondere auch das Mäzenatentum des meist jüdischen Bürgertums. So stellte etwa der Bankier Hermann Rosenberg für mehrere Jahre dem damals noch nicht so populären Maler Walter Leistikow eine Holzvilla auf seinem Grundstück am Dianasee zur Verfügung, wo die meisten von Leistikows berühmten Grunewald-Bildern entstanden.
In der schlossartigen Villa Franz von Mendelssohns am Herthasee fanden häufig Wohltätigkeitskonzerte statt, und es gab in den Jahren vor 1933 wohl kaum einen Künstler von Rang, der in Berlin konzertiert hätte und hier nicht zu Gast war: Edwin Fischer, Bruno Eisner, Rudolf Serkin, der junge Yehudi Menuhin, und auch Albert Einstein demonstrierte hier seine musikalischen Talente für gute Zwecke. Selbst Kaiser Wilhelm II war hin und wieder zu Gast bei Veranstaltungen in der Mendelssohn-Villa.
Die wichtigste Rolle bei der Organisation des geselligen und gesellschaftlichen Lebens in der Villenkolonie spielten die Frauen. Sie gestalteten gemeinsam mit den Dienstboten, die sie beaufsichtigten, die repräsentativen Haushalte und kümmerten sich als Gastgeberinnen um alle Details, die für das Gelingen der Nachmittage und Abende wichtig waren. Aniela Fürstenberg beispielsweise, die Frau des Bankiers Carl Fürstenberg, war berühmt für ihre originellen Tischordnungen, bei denen sie Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen miteinander in Kontakt brachte. Auch bei ihr war die Organisation des gesellschaftlichen Lebens eng verbunden mit sozialem Engagement. In Westend gründete sie ein Säuglings- und Mütterheim für mittellose und ledige Mütter.
Wenn man die vielen Erinnerungsbücher aus Grunewalder Villen ließt, dann bekommt man nicht den Eindruck, dass ein beruflich erfolgreiches Finanz- und Bildungsbürgertum sich hier in Ruhe in seine Privatsphäre zurückziehen wollte. Im Gegenteil: In den privaten Häusern wurde ein reges, gesellschaftliches Leben inszeniert und häufig geradezu zelebriert. Man handelte nicht zuletzt nach der Devise: Tue Gutes und rede davon.
Gelegentlich wird dieses außerordentliche mäzenatische, sozial- und kulturpolitische Engagement des arrivierten und assimilierten jüdischen Großbürgertums erklärt mit der trotz aller finanziellen Erfolge ungestillten Sehnsucht nach Anerkennung und vollständiger Integration durch Gesellschaft und Staat des Deuten Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Aber vielleicht kommt auch Nicolaus Sombart einer Erklärung nahe, wenn er für sich selbst erklärt, welche Lebenshaltung er in der Villenkolonie Grunewald gelernt hat: “Ich kann sagen, dass ich im Salon meiner Mutter und der Bibliothek meines Vaters aufgewachsen bin. Seitdem ist mir die Beschäftigung mit Büchern und der Umgang mit geistig bedeutenden, interessanten Menschen eine Lebensnotwendigkeit.”

Die Schulen

Bei der Entstehung dessen, was manche eine “deutsch-jüdische Symbiose” genannt haben, waren die Schulen in Grunewald von nicht geringer Bedeutung. Nicolaus Sombart beschreibt sein Grunewaldgymnasium, das durch den genialen Reformer, Direktor Vilmar in der Oberstufe einen universitätsartigen Charakter erhalten hatte und großzügig ausgestattet war:
“Die Ausgaben für die bedeutenden Vergrößerungen der Klassenräume, für neue Unterrichtsräume, vor allem aber für die amphitheatralischen Hörsäle der Oberstufe, für riesige, luxuriös ausgestattete chemische und physikalische Laboratorien, für Zeichensäle und Räume für die berühmten Sammlungen von Lehrmaterial – ausgestopfte Tiere, didaktische Modelle, Karten usw. – waren natürlich nicht zu bestreiten aus öffentlichen Mitteln, sondern nur durch Spenden wohlhabender Eltern. Und das waren die im Grunewald ansässigen reichen Juden, die ihre Kinder vorzugsweise in diese Schule schickten. Als ich sie betrat, hatte sie auch den Spitznamen ‘Judenschule’.”
Nicolaus Sombart wurde als 10jähriger 1933 ins Grunewald-Gymnasium aufgenommen, und er erlebte das langsame Verschwinden der jüdischen Schüler. Heute erinnert im jetzigen Walther-Rathenau-Gymnasium eine Gedenktafel an die früheren jüdischen Schüler.
Judith Kerr hat in ihrem autobiographischen Roman “Als Hitler mein rosa Kaninchen stahl” beschrieben, wie unwichtig vor 1933 an der Grunewald-Grundschule der Unterschied zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Kindern war. Meist wussten sie gar nichts von diesem Unterschied, der ihnen dann schlagartig bewusst gemacht wurde.
Als die jüdischen Schülerinnen und Schüler von den öffentlichen Schulen vertrieben wurden entstanden eine Reihe von jüdischen Privatschulen in Grunewald, teilweise wurden auch bestehende kleine jüdische Privatschulen wegen des großen Andrangs schlagartig vergrößert. Alle diese Schulen wurden übrigens von jüdischen Pädagoginnen geleitet: Leonore Goldschmidt, Vera Lachmann, Lotte Kaliski, Anna Pelteson und Toni Lessler, nach der kürzlich eine Straße in der Villenkolonie benannt wurde. Alle jüdischen Schulen wurden Ende 1938 geschlossen.

Die Villenkolonie heute

Der Charakter der Villenkolonie Grunewald wurde durch die Vertreibung ihrer jüdischen Bewohner unwiederbringlich zerstört. Die vielen Berichte über Salons, Empfänge, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Five-o’clock-teas und Diners, die wir vor allem aus Autobiographien über die Zeit zwischen 1890 und 1933 kennen, verstummen danach. Nicolaus Sombart erzählt, dass der berühmte Salon, den seine Mutter in den 20er Jahren im Haus der Familie Sombart in der Humboldtstraße 35a geführt hatte, in den 30er Jahren abebbte.
Heute gibt es eine Reihe öffentlicher Institutionen, die in Grunewald die Kultur der Kommunikation pflegen: Das Wissenschaftskolleg, die Europäische Akademie, das St. Michaels-Heim und die vielen Botschaftsresidenzen mögen erinnern an das kommunikative Zentrum, das die Kolonie einmal war. Wieder erwecken können sie es nicht.
Noch immer ist die Villenkolonie ein äußerst attraktiver und lohnender Ort für Stadtrundfahrten und für Spurensucher, aber heute sind die vielfältigen Spuren der Zerstörung ihres ursprünglichen Charakters unübersehbar: Auf den großen Seegrundstücken wurden zum Teil in den 50er und 60er Jahren Sozialwohnungen in Reihenhäusern errichtet. An vielen Stellen wurden Grundstücke geteilt und die Bebauung verdichtet, häufig mit hässlichen Flachbauten.
Seit den 80er Jahren konnte mit den vereinten Kräften des Denkmalschutzes und des Bezirksamtes die Restaurierung vieler Villen und Villengärten erreicht werden, und auch beim Neubau können inzwischen anspruchsvollere ästhetische Vorstellungen von Villenarchitektur beobachtet werden. Aber nach wie vor besteht ein großer Druck, die teuren Grundstücke durch Gewerbeansiedlung gewinnbringend zu nutzen. In manchen Fällen konnten Villen durch die Einrichtung von Botschaftsresidenzen gerettet und neu belebt werden.
Von einem bürgerlichen Engagement und Gemeinschaftsgefühl in einer anspruchsvoll gestalteten Villenkolonie ist wenig zu spüren.

Literatur

Bodenschatz, Harald: Villenkolonie Grunewald bei Berlin, in: Harlander, Tilman u.a. (Hg), Villa und Eigenheim. Suburbaner Städtebau in Deutschland, Stuttgart 2001
Gläser, Helga; Metzger, Karl-Heinz u.a.: 100 Jahre Villenkolonie Grunewald 1889-1989, Berlin 1988
“Hier ist kein Bleiben länger”. Jüdische Schulgründerinnen in Wilmersdorf. Katalog zur Ausstellung 19.3. bis 18.9.1992 im Wilmersdorf Museum, Berlin 1992
Jäger, Gabriele: Wilmersdorfer Portraits. Spurensuche in einem Berliner Bezirk, Berlin 1991
Metzger, Karl-Heinz: Wilmersdorf im Spiegel literarischer Texte vom 19. Jahrhundert bis 1933, Berlin 1985
Metzger, Karl-Heinz; Dunker, Ulrich: Der Kurfürstendamm. Leben und Mythos des Boulevards in 100 Jahren deutscher Geschichte, Berlin 1986
Pufendorf, Astrid von: Die Plancks. Eine Familie zwischen Patriotismus und Widerstand, Berlin 2006
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz, Berlin (Hg): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Berlin. Bezirk Wilmersdorf, Ortsteil Grunewald, Berlin 1993
Sombart, Nicolaus: Jugend in Berlin. 1933-1943. Ein Bericht, Frankfurt/M 1986