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Rede Prof. Dr. Bernd Sösemanns anläßlich der Enthüllung einer "Berliner Gedenktafel" für Rudolf Mosse am 9.5.1989 (Tonbandprotokoll)

Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren,
ich bin der Aufforderung gern gefolgt, anläßlich dieser Gedenktafelenthüllung ein paar Worte über Rudolf Mosse zu sagen. Das fällt mir nun besonders leicht, nachdem sie einen kleinen historischen Exkurs schon gehört und vernommen haben, daß es nicht nur darum geht, den Verleger Rudolf Mosse hier zu ehren, sondern auch den Stifter, den Berliner, einen Mitbürger jüdischen Glaubens.
Wenn jetzt die Frage an einen Wissenschaftler gerichtet wird, was er zu Rudolf Mosse zu sagen hat, dann muß ich gleich mit einem Satz beginnen, den Sie vielleicht bei dieser Thematik schon öfter vernommen haben: Die Wissenschaft hat sich mit Rudolf Mosse, ob es nun die Historiker oder die Publizistik-Wissenschaftler auch sind, nicht beschäftigt in den letzten Jahrzehnten. Es gibt kurze Aufsätze, kleinere biographische Essays, aber es gibt nicht das, was man eigentlich erwarten müßte: ein größeres Werk, eine Biographie zu Rudolf Mosse.
Ich möchte ihnen heute ein paar Worte sagen, die nicht nur den Verleger, den Buchhändler und Verlagsbuchhändler, wie es auf der Tafel zu lesen sein wird, betreffen, sondern auch die Persönlichkeit, den Menschen. Das kann ich, weil einer der engsten Vertrauten, der engsten Mitarbeiter, nämlich der Chefredakteur des Berliner Tageblatts über seine Zusammenarbeit mit Rudolf Mosse berichtet hat. Zwar liegt das Material in privatem Nachlaß, aber es sind Äußerungen, die gewonnen sind aus dem unmittelbaren Erleben, aus der Zusammenarbeit mit Rudolf Mosse. Es ist der Chefredakteur des “Berliner Tageblatts” Theodor Wolff. Und damit das ganze nicht so abstrakt bleibt, habe ich eine Nummer des “Berliner Tageblatts” mitgebracht und zwar eine Nummer aus dem sogenannten Drei-Kaiser-Jahr, aus dem Jahr 1888. Damit knüpfe ich an eine Bemerkung des Herrn Bürgermeister an, der die liberale Tradition betonte, in der diese Zeitung, aber nicht nur diese, sondern auch weitere Presseorgane des Hauses zu sehen sind und hingewiesen hat auf Rudolf Mosses politisches Selbstverständnis: hier, dokumentiert im sozialen Bereich mit der Stiftung, im politischen mit der liberalen – oder wie man damals zusagen pflegte, fortschrittlichen – Grundhaltung. In diesem Artikel wird Kaiser Friedrich III begrüßt, an dessen Regierungsantritt sich liberale Hoffnungen geknüpft haben.
Die biographischen und persönlichen Daten und Fakten sind schnell genannt; Sie haben es gehört: 1843 geboren in Gräz in Posen und gestorben in Berlin, man hat immer wieder Anlaß, daran zu erinnern, wer hier in Berlin gelebt und gewirkt hat. Zum Liberalen, zum Stichwort Liberalität noch einen Satz: Der Vater Dr. Marcus Mosse war Arzt und stand in der Tradition der Demokraten und Republikaner von 1848. Vielleicht auch nicht unwichtig für die Situation der Familie: Rudolf Mosse war eines von dreizehn Geschwistern! Die Gedenktafeln sind natürlich ohne Bild, aber wir haben Beschreibungen von Mosse, und Franz Lenbach hat ihn 1889 gemalt. Man kann sich also das Gemälde anschauen, beschrieben wird er aber als ein Mann, kräftig, von etwas untersetzter Statur, mit einem buschigen Oberlippenbart und Kinnbart und immer wieder wird von denen, die mit ihm zusammengetroffen sind, betont, daß er helle und scharfblickende Augen gehabt habe.
Details aus seiner Frühzeit: Mosse ging zunächst bei einem Buchhändler in die Lehre, nach dem Besuch der Schule war er Buchhändler in Posen, dann kam die Übersiedelung nach Berlin und innerhalb von einem Jahr, also von 11 Monaten, ist er hier als Buchhändler bei Friedrich Schulze tätig, wechselt dann zur Verlagsbuchhandlung Gerschel und Ende des Jahres zum Verlag Rudolf Wagner zum “Kladderadatsch”. Für einen Biographen gäbe es über die Details sicher noch allerlei zu erforschen. Wichtig ist dabei, daß Rudolf Mosse sehr früh erkannt hat, daß nicht im Sortimentsbuchhandel die Zukunft lag, sondern in der Presse.
Er ist 1864 mit 22 Jahren nach Leipzig gegangen und übernahm dort die Geschäftsführung eines Verlags und wird noch in demselben Jahr vom Verleger der Gartenlaube abgeworben, weil seine Talente in wenigen Monaten erkennbar waren. Ein weiterer Schritt vor der Gründung der Annoncenexpedition war ein allgemeiner Anzeiger, den er in der “Gartenlaube” durchsetzte. Ein allgemeiner Anzeiger als Inseratenbeilage in der “Gartenlaube” war, ohne Übertreibung, revolutionär in der Pressegeschichte. Bis dato war der Anzeigenmarkt völlig unorganisiert, inserieren galt bei den meisten Geschäftsleuten ausdrücklich als unfein. Und nun schafft Rudolf Mosse Anzeigenraum und produziert diesen als Ware. Er kehrt 1866 nach Berlin zurück und pachtet dann 1867 den Anzeigenteil des Kladderadatsch, eröffnet seine Annoncenexpedition und ist sofort international: Er gibt den russischsprachigen Kurier für Russland heraus, verlegt einen internationalen Zeitungskatalog und dann auch eine eigene Zeitung, nämlich das “Berliner Tageblatt”.
Er trägt sich mit diesem Gedanken 1871, im Dezember 1871 erscheint die Nullnummer und am 1.1.1872 die Nummer 1 des “Berliner Tageblatts”.
Auch über diese Zeitungsgründung gibt es viele Geschichten, ich lasse sie hier weg. Mosse hatte Erfolg, weil er etwas tat, was Sie von einem guten Geschäftsmann sowieso erwarten: Er erkannte die Lücke im Angebot, Kosten möglichst gering zu halten und schnell zu sein. Er sicherte allen Kunden zu, daß die eingehenden Anzeigen am nächsten Tag bei den entsprechenden Blättern sein würden. Dann tat er etwas was auch alle überraschte, er warb gratis! Er druckte zum Beispiel von seinem Berliner Tageblatt im ersten Jahr 10 000 Exemplare für Abonnenten, Straßenverkauf gab es nicht. Aber am Ende des Jahres druckte er einfach 10 000 Exemplare mehr, und wo verteilte er sie? In den Schlafwagenwaggons der Eisenbahn. Er gab allen Beamten eine Zeitung, die den Fahrgästen angeboten werden sollte. Sehr schnell schaffte er so den Sprung von Berlin hinaus ins Reich.
Die weiteren Zahlen zeigen nur den Erfolg: 1872 erscheint als Beilage zum “Berliner Tageblatt” die Beilage “Ulk”, Ende 1872 kauft er eine eigene Druckerei in der Friedrichstraße, 1881 gibt er das “deutsche Reichsblatt” heraus, übrigens ein ersten Produkt, das dem Typ des “Generalanzeiger” entspricht, hier in Berlin.
1889 gründet er die “Berliner Morgenzeitung”, ein Auflagenrenner geradezu, 1890 kauft er die “Allgemeine Zeitung des Judentums”, aber auch so spezielle Blätter wie die “Zeitschrift für Dampfkessel und Maschinenbetrieb”, eine Gießereizeitung. 1904 übernimmt er eine weitere wichtige Zeitung, die aber dann erst er zum Renner macht, die “Berliner Volkszeitung”, die bis dahin von seinem Schwager Emil Cohn verlegt wurde.
Der zweite wichtige Schritt in der Biographie und in der Pressegeschichte ist der Umzug in die Jerusalemer Straße. Bis 1912 entstand, jetzt im Ostteil der Stadt, der Gebäudekomplex Jerusalemer/Schützenstraße, ein fünfstöckiges Gebäude – Reste sind noch zu sehen – Reste auch der Frauengestalt am Eckportal, eine Relieffigur, eine Frau, die die Aufklärung darstellen sollte. In der linken Hand hält sie eine Eule, als Kugel der Weisheit. Ich möchte meinen kurzen Überblick mit einem Zitat abschließen, aus den “Notes sur l’Histoire de la Presse”, die Theodor Wolff, sein Chefredakteur im Exil in Nizza geschrieben hat über Rudolf Mosse. Er sagte dort: “26 Jahre lang war ich Chefredakteur einer großen deutschen Zeitung, des Berliner Tageblatts und ich habe, eine seltene Chance, in dem ersten und größeren Teil dieser Periode neben einem Verleger gearbeitet, der mir durch Verwandtschaft und Freundschaft verbunden war und mir in jedem Augenblick meine volle Freiheit und Unabhängigkeit ließ. Er ließ sie mir nicht nur, er bestätigte und verteidigte sie gegenüber allen Anmaßungen und Drohungen, gegenüber jeder dreisten Einmischung. Er wurde nicht erschüttert durch die Klagen erzürnter Kunden, denen ich auf die Füße, auf das Portemonnaie oder auf die politische Angstseele getreten hatte, und als während des Krieges (also während des Ersten Weltkrieges) die Militärzensur, meiner gegen Annexionismus und ähnliche Erscheinungen gerichteten Artikel wegen, die Zeitung immer wieder für kürzere oder längere Fristen unterdrückte, war in seinen Worten und Minen niemals etwas wie ein Zweifel, ein Vorwurf, eine Abschwächung des Vertrauens. Aus dem Hause, das er gebaut hat, ist jetzt seine Büste verschwunden. Umsomehr empfinde ich das Bedürfnis, seinen Namen, Rudolf Mosse, zu nennen.”
Und in der Grabrede formulierte Theodor Wolff, weil dieser Aspekt seines Lebens und Wesens zu häufig vergessen worden sei im Alltag des Journalismus und des Verlegergeschäfts: “Er liebte vor allem die Kinder. Man kannte ihn ganz erst, wenn man gesehen hatte, wie er mit den eigenen Enkeln oder mit den kleinen Zöglingen des Erziehungsheims zu spielen verstand.”
Damit sind wir wieder an diesem Ort und damit auch angelangt an einem Punkt der Biographie, der miterwähnt werden muß: Sie haben mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß dieses Erziehungsheim, diese Stiftung – übrigens eine Stiftung von mehreren – Mosse stiftete Millionen an die Stadt Berlin, für die Altersversorgung und für Wohltätigkeitsveranstaltungen, für die Pensionskasse für Angestellte und Hinterbliebene – daß er ausdrücklich mit seiner Frau festgelegt hat, daß hier Kinder unterschiedlicher Konfession aufgenommen werden. Antisemitische Schriften haben natürlich daraus dann gemacht, daß er versucht habe, Einfluß zu nehmen auf die Konfession dieser Kinder und daß die Perfidie der Juden gerade darin bestanden habe, das auch noch mit dem Mäntelchen der Wohltätigkeit zu verkleiden.
Ich brauche dazu nichts mehr zu sagen, Rudolf Mosse hat diese Zeit in Deutschland nicht erlebt; er ist vorher gestorben. Er hat sowohl im Bereich der Presse, des Journalismus, des Verlegertums, als auch der demokratischen und liberalen Politik mit der Unterstützung der entsprechenden Deutschen Demokratischen Partei nach 1918 auch viel beigetragen zur freiheitlichen politischen Kultur in der Weimarer Republik.