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Rede des Bundesvorsitzenden des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold Dr. jur. Volkmar Zühlsdorff zur Gedenktafelenthüllung von Hubertus Prinz zu Löwenstein am 14.10.2001 in der Neuen Kantstr.10

Rede des Bundesvorsitzenden des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold Dr. jur. Volkmar Zühlsdorff

Zur Gedenktafelenthüllung von Hubertus Prinz zu Löwenstein am 14.10.2001 in der Neuen Kantstr.10

Sehr geehrter Herr Statzkowski,
verehrte Prinzessin zu Löwenstein,
Kameraden vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold,
liebe Kollegen vom Freien Deutschen Autorenverband,
meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Der Mann, dem diese Gedenktafel gilt, die heute an seinem 95. Geburtstag hier enthüllt wird, war eine Persönlichkeit von herausragender politischer Weitsicht und hohen Verdiensten. In der Tat eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Hubertus Prinz zu Löwenstein kam aus dem Hohen Adel, aber im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, der Kampftruppe gegen Hitler, war er mit jedem einfachen Arbeiter kameradschaftlich auf Du und Du. Er liebte sein deutsches Vaterland, aber von Jugend auf war er zugleich ein glühender Europäer und ein Weltbürger. Er war ein Mann von hoher Bildung, Autor von 27 Büchern, politischen, schöngeistigen und wissenschaftlichen Werken, darunter ein Standardwerk einer Deutschen Geschichte, die in 9, Auflage vorliegt – aber zugleich war er ein Mann der entschlossenen Tat.

Prinz Löwenstein war einer der prominenten und kämpferischsten Gegner des Nationalsozialismus. Als der braune Terror immer bedrohlicher wurde, schloss er sich jener stärksten und entschlossensten Kamporganisation gegen Hitler an, dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Er wurde Mitglied der Berliner Führung. Bereits 1930, erst 23 Jahre alt, aber weitsichtiger als viele der Zeitgenossen, sagte Prinz Löwenstein voraus, käme Hitler je zur Macht, so wäre dies nicht nur eine deutsche sondern die europäische Katastrophe, das heißt, der zweite Weltkrieg. Und bei seiner Promotion zum Dr. jur. 1931 begründete er in seiner Dissertation über den Faschismus: gegen Regime wie ein nationalsozialistisches gibt es das Recht zum Widerstand, zur Revolution, ja im äußersten Fall die Pflicht zur Revolution. Goebbels attackierte ihn deshalb als den „Roten Prinzen“ und überhäufte ihn mit infamen, geifernden Beschimpfungen.

Das Reichsbanner war eine Massenorganisation mit über drei Millionen Mitgliedern. Beim Kampf gegen SA und SS stand es in der vordersten Front, oft in blutigen Straßenschlachten mit Toten und Verletzten. Dies während all jener Jahre. Und noch nach der Machtergreifung, am 23. Februar 1933, nahm Prinz Löwenstein an der Spitze des Reichsbanners teil an einer Kundgebung von Hunderttausenden der Eisernen Front im Lustgarten, für Freiheit und Demokratie. Und dann, als der braune Terror immer aggressiver wurde und viele bei der Reichstagswahl vom 5. März schon nicht mehr wagten, sich offen zur Republik zu bekennen, da war hier, von diesem Balkon der Löwensteinschen Wohnung, demonstrativ die schwarz-rot-goldene Fahne geflaggt. Es war eine der wenigen in der ganzen Straße.

Prinzessin Löwenstein – sie ist heute, über neunzigjährig, hier unter uns – stand ihrem Mann mit gleichen Mut zur Seite. Demonstrativ trug sie damals noch nach der Machtergreifung das Abzeichen des Reichsbanners und der Eisernen Front. Und als da ein Nazi-Bonze, hier vor diesem Hause, sie anpöbelte mit dem Ruf: „Saujüdin!“, da holte sie aus und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.

Bald darauf drang die SA zu einer „Haussuchung“, gewalttätig und plündernd, bei den Löwensteins ein. Und dann, im April 33, wurden sie gewarnt durch einen loyalen Beamten des Polizeireviers Charlottenburg, Hauptmann Ranft seines Namens, vor ihrer bevorstehenden Verhaftung und Einlieferung in ein KZ. Am 30. April gelang es Prinz Löwenstein und der Prinzessin, die österreichische Grenze zu überschreiten. Die Gestapo versuchte sofort, sie aus Tirol nach Deutschland zurück zu verschleppen. Sie mussten sich mit der Waffe in der Hand wehren. Als auch die Prinzessin einmal auf einen Angreifer schoss, da ging dies durch die Weltpresse, bis hin zur New York Times. Die Tiroler Regierung quartierte daraufhin zu ihrem Schutz ein Kommando österreichischer Bundeswehr bei ihrem Hause ein.

1936 gründete Prinz Löwenstein die Deutsche Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil. Unter den Hunderttausenden von Emigranten waren ja viele, viele weltberühmte Namen. Thomas Mann und Siegmund Freud wurden die Präsidenten der Akademie, zu den Seantoren gehörten u.a. Albert Einstein, Heinrich Mann, Hermann Broch, Stefan Zweig, Bert Brecht; die Regisseure Max Reinhardt und Erwin Piscator; die Komponisten Schönberg, Hindemith, Ernst Krenek: die Architekten Gropius und Mies van der Rohe; usf.usf. Die Akademie hatte ihren Sitz in New York und Sekretariate in Wien, Paris und London. Die Mitglieder waren verteilt über 27 Länder. Sehr bald war die Akademie weltweit bekannt und genoss hohes Ansehen, als die Vertretung des wahren Deutschland. Sie hat in der Welt das Bewusstsein wachgehalten, dass Hitler nicht Deutschland war.

Nach dem Krieg kehrte die Familie Löwenstein sofort nach Deutschland zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen. Prinz Löwenstein war Gründer der ersten Bürgerrechtsbewegung, Deutsche Aktion, Präsident des Freien Deutschen Autorenverbands, Bundesvorsitzender des Reichsbanners. 1953 ging er in den Bundestag. 1960 wurde er berufen zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung und entsandt in viele Länder, um für das neue, freie, demokratische Deutschland zu sprechen und zu werben.

Bei seinem Tode 1984 würdigten ihn ehrenvolle Nachrufe nicht nur in Deutschland sondern nahezu weltweit. Der Bundeskanzler bezeugte: „ Prinz Löwenstein hat mit seiner ganzen Kraft und mit seinem hohen internationalen Ansehen dazu beigetragen, die Bundesrepublik Deutschland in den Kreis der freiheitlichen Demokratien des Westens zu führen. Er hat sich um sein Vaterland verdient gemacht.“