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Rede des Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler zur Benennung der Anlage zwischen Johann-Georg-Straße, Joachim-Friedrich-Straße und Kurfürstendamm nach Agathe Lasch am 1.10.2004

Rede des Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler

zur Benennung der Anlage zwischen Johann-Georg-Straße, Joachim-Friedrich-Straße und Kurfürstendamm nach Agathe Lasch

am 1.10.2004

Sehr geehrte Damen und Herrn!

Die Straßennamen einer Stadt sind ihr öffentliches Gedächtnis. Manchmal staunen wir, wenn wir die Erklärung für einen Namen hören, weil er uns fremd geworden ist und sich abgelöst hat vom Namengeber. Aber als Straßennamen ist er nach wie vor ein Begriff.

Wer denkt beim “Ku’damm” daran, dass sich hier tatsächlich einmal ein Damm für die kurfürstlichen Reiter befand, auf dem sie vom Berliner Schloss durch den Tiergarten in den Grunewald zum dortigen Jagdschloss gelangten? Dem Kenner wird auffallen, dass hier in Halensee die Nebenstraßen des Kurfürstendammes an die Kurfürsten erinnern. Johann Georg wurde 1571 Kurfürst von Brandenburg, sein Sohn Joachim Friedrich trat im Jahr 1598 seine Nachfolge an.

Als diese Straßen im Jahr 1892 benannt wurden, in der Zeit Kaiser Wilhelms II., wurde die brandenburgische und preußische Geschichte als Vorgeschichte des Deutschen Kaiserreiches identitätsstiftend. Die meisten öffentlichen Benennungen orientierten sich damals an dieser Tradition, und da Berlin in seiner heutigen Ausdehnung sich damals entwickelte, konnten sehr viele Straßen und Plätze damals benannt werden, und so dominieren sie bis heute unser Stadtbild.

Wir haben es schwer, unser heutiges Geschichtsverständnis entsprechend im öffentlichen Raum zum Ausdruck zu bringen, denn die alten Namen genießen Bestandsschutz, und neue Straßen und Plätze sind nur selten zu benennen. Auf der Suche nach entsprechenden Möglichkeiten sind Bezirksverordnete auf diesen Kreuzungsbereich gekommen. Der Platz mag nicht besonders repräsentativ sein, aber er liegt immerhin direkt am Kurfürstendamm und passt gut in der Reihe der Plätze, die sich an unserem Boulevard wie die Perlen einer Kette aufreihen, vom Rathenauplatz über den Henriettenplatz, Lehniner Platz, Adenauerplatz, George-Grosz-Platz und Joachimstaler Platz bis zum Breitscheidplatz. Die meisten dieser Plätze erhielten ihre Namen erst in der Nachkriegszeit und dokumentieren auch unser heutiges Geschichtsverständnis: Walther Rathenau, Konrad Adenauer, George Grosz und Rudolf Breitscheid stehen für die demokratische Tradition unseres Landes.

Agathe Lasch ergänzt dieses Geschichtsbild auf eine besonders eindringliche Weise. Die meisten werden fragen: Wer war Agathe Lasch? Und ich hoffe, dass diese Platzbenennung dazu anregt, sich mit dieser Frau zu beschäftigen, denn sie hat uns auch heute noch viel zu sagen, und ihr Schicksal steht für den Teil unserer Geschichte, der nicht in Vergessenheit geraten darf.

Hinzu kommt, dass bedeutende Frauen bisher in unserem Straßenbild deutlich unterrepräsentiert sind, denn für die Ehrung von Frauen hatte man in der Zeit des wilhelminischen Kaiserreiches keinen Sinn. Wir haben da vieles gutzumachen, und auch in dieser Hinsicht ergänzt Agathe Lasch sehr gut die vorhandenen Namen am Kurfürstendamm.

Der Heimatforscher Horst Hoppe hat im Arbeitskreis Geschichte Wilmersdorf Informationen zum Leben und zu den Leistungen Agathe Laschs zusammengetragen und in dem Buch “Schmargendorf” veröffentlicht. Er hat dort auch den Vorschlag gemacht, diesen Platz nach ihr zu benennen. Ich bin ihm dankbar dafür und freue mich, dass wir dies heute tun können.

Wer war Agathe Lasch?

Agathe Lasch wurde am 4. Juli 1879 in Berlin geboren. Ihr Vater war ein kleiner Kaufmann, und sie wuchs in ökonomisch sehr beschränkten Verhältnissen auf. Sie legte die Lehrerinnenprüfung ab und arbeitete an einer Privatschule unter anderem als Turnlehrerin. Trotz ihrer ökonomisch schwierigen Situation machte sie 1906 Abitur und begann ein Studium in Halle. In Berlin war es nicht möglich, weil der Berliner Germanist Gustav Roethe sich weigerte, die Frau Agathe Lasch zu seinen Seminaren zuzulassen. Sie wehrte sich juristisch dagegen, aber leider bekam er Recht.

Sie promovierte 1909 in Heidelberg mit ihrer viel beachteten “Geschichte der Schriftsprache in Berlin”, und ging anschließend in die USA, wo sie als Germanistin an einer Universität arbeiten konnte. Vorbildlich wurde vor allem ihre Verbindung von Sprachgeschichte und soziokultureller Geschichte, mit der sie viele weitere lokale sprachgeschichtliche Forschungen inspirierte.

Im Deutschen Kaiserreich war eine akademische Karriere für Frauen noch fast unmöglich. In den USA entstand ihr Hauptwerk, die Mittelniederdeutsche Grammatik, bis heute ein Standardwerk der deutschen Philologie.

1917 kam sie zurück nach Deutschland. Ihr internationales Ansehen verhalf ihr jetzt zu einer Stelle als Assistentin am Deutschen Seminar der Hansestadt Hamburg. In den 20er und 30er Jahren trug sie wesentlich dazu bei, der jungen Hamburger Universität auch internationales Ansehen zu verschaffen. Sie habilitierte sich 1919, wurde 1923 zur Professorin ernannt und 1926 auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Niederdeutsch berufen.

Sie arbeitete in Hamburg an zwei Wörterbuch-Unternehmen: am mittelniederdeutschen Wörterbuch und am Hamburgischen Wörterbuch. Außerdem veröffentlichte sie 1928 ihre Forschungsarbeit zur “Berlinischen Sprachgeschichte”. Vor allem mit diesem Werk leistete sie Pionierarbeit. Es war und ist eine wichtige Grundlage für Forschungen zum Berlinischen in Vergangenheit und Gegenwart.

Die Hamburger Universität pflegt die Erinnerung an ihre einstige Professorin aktiv durch entsprechende Publikationen, durch die Verleihung des Agathe-Lasch-Preises und durch die Benennung eines Hörsales nach Agathe Lasch.

Berlin hat bisher nicht an Agathe Lasch erinnert, obwohl sie in Berlin geboren wurde, obwohl sie sich große Verdienste erworben hat um die Erforschung des Berlinischen und obwohl sie ihre letzten Lebensjahre in Berlin verbracht hat.

Wegen ihrer jüdischen Herkunft konnte Agathe Lasch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr lange an der Universität arbeiten. Eine Petition schwedischer Hochschullehrer konnte war zunächst im April 1933 die Anwendung des “Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” auf sie verhindern, aber 1934 wurde sie dann doch entlassen. Zunächst konnte sie noch privat weiter arbeiten und publizieren.

1937 zog sie zur ihrer Familie nach Berlin, zunächst in die Seesener Straße 29, später in die Caspar-Theyß-Straße 26. 1939 wurde ihr auch die private Arbeit und die Publikation ihrer Forschungen unmöglich gemacht. Ihr Bibliothek wurde konfisziert.

Am 15. August 1942 wurde sie nach Riga deportiert. Von da ab verliert sich ihre Spur. Es war der 18. Ost-Transport der Deutschen Reichsbahn. 938 jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden mit diesem Transport nach Riga deportiert. Soweit wir wissen hat niemand von ihnen überlebt.

Inzwischen haben wir im Verlauf der Vorbereitungen auf diese Platzbenennung einen weiteren Hinweis erhalten. Danielle Vaudenay hat per E-Mail an die Bezirksbürgermeisterin geschrieben:

“Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,
Durch Internet habe ich erfahren, dass am 1. Oktober der Name unserer Großtante Agathe Lasch, der ersten Professorin der Universität in Hamburg, für einen Platz in Berlin verwendet werden soll. Mein Bruder und ich sind ihre einzigen Nachkommen und freuen uns sehr darüber. Unser Vater Hans Kauffmann war der Sohn von Agathe Laschs ältester Schwester Hedwig. Er ist das einzige Mitglied ihrer Familie, der den Krieg überlebte, weil er 1933 nach Paris zog.
Agathe Lasch hatte noch zwei andere ledige Schwestern: die Zeichenlehrerin Else und die Hilfsschullehrerin Grete. Alle drei wohnten zuletzt bei meiner Großmutter in der Sybelstraße 27 in Charlottenburg und wurden wahrscheinlich zusammen alle vier 1942 deportiert.
Vielen Dank.
Hochachtungsvoll
Danielle Vaudenay”

Soweit die Zuschrift, die wir per E-Mail erhalten haben.

Wie viele andere deutsche Jüdinnen und Juden hat auch Agathe Lasch sich zeitlebens als Patriotin zu ihrer deutschen Identität aktiv bekannt und durch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag zur deutschen Geschichte geleistet. Ihre Arbeit kreiste um die deutsche Sprache und hat der Erforschung der deutschen Sprache neue Impulse gegeben. Als die Repressalien der Nationalsozialisten gegen sie schon in vollem Gange waren, sagte sie: “Das Bewusstsein, deutsch zu empfinden, kann mir ja keiner nehmen.”

Heute beschämt uns dieser Satz. Er zeigt uns, dass die Nationalsozialisten einen Krieg gegen einen Teil des eigenen Volkes führten. Sie wollten die jüdischen Deutschen nicht nur aus Deutschland entfernen, sie wollten sie auch aus unserem Gedächtnis tilgen. Dass ihnen dies nicht gelungen ist, wollen wir heute mit der Benennung dieses Platzes dokumentieren. Ich hoffe, dass viele sich von heute an die Frage stellen: “Wer war Agathe Lasch?”

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