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Rede der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen am 24.8.2002

Zur Enthüllung einer Gedenktafel für Rudolf Breitscheid an seinem 58. Todestag an seinem früheren Wohnhaus Fasanenstr. 58, 10719 Berlin

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin und Justizsenatorin Schubert!
Sehr geehrter Herr Sandvoß!
Sehr geehrte Frau Dr. Brandt!
Sehr geehrte Damen und Herrn!

Jeder kennt in Berlin den Breitscheidplatz, und ich hoffe nicht, dass Interessenten an dieser Veranstaltung versehentlich dorthin gegangen sind. Denn mit dem Namen Breitscheid wird sofort die Gedächtniskirche und der Kurfürstendamm in Verbindung gebracht.
1947 wurde der damalige Auguste-Victoria-Platz umbenannt in Breitscheidplatz. Und der Name hat sich durchgesetzt. Aber wer kennt noch den Menschen und Politiker Rudolf Breitscheid? Er starb heute vor 58 Jahren, am 24. August 1944 bei einem Luftangriff im Konzentrationslager Buchenwald. In seinem französischen Exil war er 1940 verhaftet und von der Vichy-Regierung an die Gestapo ausgeliefert worden.
Die Nationalsozialisten hatten ihn 1933 ausgebürgert. Und wie so viele der Ausgebürgerten, Geflohenen und Vertriebenen, so wurde auch Rudolf Breitscheid wohl nicht wirklich wieder eingebürgert. Obwohl der zentrale Platz der westlichen City von Berlin nach ihm benannt wurde, haben wir ihn weitgehend vergessen. Ich fürchte, das gilt auch für meine Partei, die SPD. Auch für uns ist der Sozialdemokrat Rudolf Breitscheid heute nicht mehr präsent.
Deshalb freue ich mich um so mehr, dass wir heute, an seinem 58. Todestag, mit einer Gedenktafel an seinem langjährigen Wohnhaus an ihn erinnern können. Er hat hier von 1904 bis 1932 gelebt. Und ich freue mich sehr, dass Frau Bürgermeisterin Schubert unserer Einladung gefolgt ist.
Ich danke Herrn Hans-Reiner Sandvoß von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Er hat sich bereit erklärt, uns Rudolf Breitscheid in einem biografischen Abriss näher zu bringen.
Und ich danke Frau Dr. Brandt. Sie ist die Eigentümerin dieses Hauses und hat uns gestattet, die Gedenktafel an ihrem Haus anzubringen. Leider ist das nicht selbstverständlich. Wir mussten inzwischen einige Tafeln auf dem Gehweg aufstellen, weil Hausbesitzer ihre Erlaubnis nicht gegeben haben. Umso mehr bin ich Frau Dr. Brandt dankbar für ihr Einverständnis.
Die Gedenktafel stammt aus dem von der Berliner Sparkasse gestifteten Programm “Berliner Gedenktafel”. Es wurde zur 750-Jahr-Feier Berlins vor 15 Jahren begonnen, die Tafeln wurden von der KPM hergestellt und haben sehr viel Anklang gefunden. Leider sind die Mittel erschöpft, die von der Sparkasse zur Verfügung gestellt wurden, und eine neue Stiftung wurde nicht aufgelegt. Aber diese Tafel wurde bereits vor einigen Jahren produziert, und so sind wir jetzt in der glücklichen Lage, sie gewissermaßen als Nachzügler enthüllen zu können.
Die beiden früheren Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf haben insgesamt mehr als 100 KPM-Tafeln aus dem Programm “Berliner Gedenktafel” anbringen können. Von A wie Max Alsberg bis Z wie Arnold Zweig lag der Schwerpunkt dabei auf bedeutenden Persönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und das Gedenktafelprogramm führt uns vor Augen, wie groß die geistig-kulturelle Zerstörung durch die Nationalsozialisten auch in unserem Bezirk war. Ich verstehe deshalb die Gedenktafeln auch als einen kleinen Beitrag zur geistigen Wiedereinbürgerung vieler bedeutender Persönlichkeiten, die von den Nationalsozialisten ausgebürgert wurden, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, die im Exil meist nur sehr mühsam eine neue Existenz aufbauen konnten. Viele von ihnen sind gescheitert, wurden am Ende doch noch umgebracht oder haben aus Verzweiflung den Freitod gewählt.
Wenige Meter von hier entfernt am Fasanenplatz erinnert ebenfalls eine KPM-Tafel an Heinrich Mann, der dort, in der Fasanenstraße 61, bis zu seiner Emigration 1933 gelebt hat. Die Gedenktafel für Rudolf Breitscheid befindet sich also hier in guter Nachbarschaft. Vielleicht hat ja auch die damalige Nachbarschaft dazu beigetragen, dass Heinrich Mann und Rudolf Breitscheid sich in der Emigration in Paris wieder getroffen haben.
Sie haben dort gemeinsam mit Linksintellektuellen, Sozialisten und Kommunisten am Aufbau einer Volksfront gearbeitet, bis Breitscheid bitter enttäuscht von der Haltung der KPD sich davon abgewandt hat. Wir mögen die Volksfront-Idee heute für einen historischen Irrtum halten – damals war es für die Emigranten naheliegend, eine Vereinigung der Linken gegen den Nationalsozialimus und den Faschismus anzustreben. Sie hatten im eigenen Land den Terror der Nationalsozialisten kennen gelernt, waren geflohen und versuchten, einen gemeinsamen Kampf gegen den Rechtsextremismus zu organisieren. Umso enttäuschender war schließlich die Erfahrung, von den moskautreuen Kommunisten dominiert und in eine falsche, totalitäre Richtung gelenkt zu werden.
Rudolf Breitscheid hat sich schließlich ganz auf die humanitäre Hilfe für Flüchtlinge konzentriert und sein politisches Engagement aufgegeben. Dennoch blieb ihm und seiner Frau eine 4jährige Odyssee durch Gefängnisse und Konzentrationslager in Deutschland nicht erspart.
Wir erinnern heute an einen Politiker, der in der Weimarer Republik für die Demokratie gekämpft hat. In vielem ist er für uns ein Vorbild. In schwierigen Zeiten unter katastrophalen Verhältnissen hat er auch Fehler begangen, aber ich denke, es lohnt sich für uns heute, uns mit ihm zu beschäftigen, ihn zu würdigen und auch aus seinen Fehlern zu lernen.