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Rede der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen zur Enthüllung einer Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg am So, 16.6.2002, 12.00 Uhr an der Herz Jesu Kirche, Alt-Lietzow 23

Rede der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

zur Enthüllung einer [[/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/gedenktafeln/artikel.125714.php|Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg]]

am So, 16.6.2002, 12.00 Uhr an der Herz Jesu Kirche, Alt-Lietzow 23

Sehr geehrter Herr Generalvikar Wehr!
Sehr geehrter Herr Pfarrer Elsner!
Sehr geehrte Gemeindemitglieder!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, dass wir gemeinsam mit der Herz Jesu Kirche mit einer Gedenktafel an einen bedeutenden Pfarrer, Theologen und Widerstandskämpfer erinnern können, der lange Jahre in unserem Bezirk gelebt und gewirkt hat.

Lassen Sie mich zunächst all denen danken, die am Entstehen und dieser Gedenktafel und an dieser Enthüllungsfeier mitgewirkt haben und mitwirken.

Ich danke dem Bläserchor der Luisengemeinde, der diese Enthüllungsfeier musikalisch umrahmt. Und ich danke der Herz Jesu Gemeinde, die diese Tafel in ihr 125jähriges Jubiläum einbezogen hat.

Reinhard Jacob hat inzwischen eine Reihe von Edelstahl-Gedenktafeln in unserem Bezirk gestaltet. Er hat dafür viel Anerkennung gefunden, und das hängt damit zusammen, dass er sich um jede einzelne Tafel intensiv kümmert. Auch diesmal hat er in engem Kontakt mit uns und mit Pfarrer Elsner diese Tafel gestaltet. Auf besonderen Wunsch der Gemeinde hat er sie diesmal in Bronze angefertigt, um sie besser an die Fassade des Kirchengebäudes anzupassen. Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Jakob.

Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei meinem Vorgänger, Herrn Statzkowski. Er hat sich als Bezirksbürgermeister besonders dafür eingesetzt, dass unser Bezirksamt zumindest einen Teil der Kosten dieser Tafel finanzieren konnte.

Herzlichen Dank auch Pfarrer Elsner. Er hat die Tafel angeregt, sich schnell dazu bereit erklärt, einen Teil der Kosten zu übernehmen, und wir haben sehr gut zusammengearbeitet.

Von den 125 Jahren, die heute in dieser Gemeinde gefeiert werden, war Bernhard Lichtenberg 17 Jahre lang Pfarrer. Von 1913 bis 1930 lebte und arbeitete er hier, in dieser Kirche. Es waren wichtige Jahre für ihn und seine Gemeinde. Es waren die Jahre des Ersten Weltkrieges, der tiefen Krise danach, der kurzen Blütezeit der ersten deutschen Demokratie, die schließlich wiederum in eine tiefe Krise geriet. Es war eine tief bewegte Zeit, die schließlich in die große Katastrophe mündete, in die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Bernhard Lichtenberg wurde bekannt durch sein mutiges Auftreten in der Zeit des Nationalsozialismus, zunächst als Dompfarrer an der St. Hedwigs-Kathedrale und anschließend als Berliner Dompropst. Aber hier an der Herz Jesu Kirche hat er die Grundlagen gelegt für sein Wirken auf der Berliner Ebene.

Lichtenberg engagierte sich als Pfarrer der Herz Jesu Kirche auch politisch und wurde Bezirksverordneter der Zentrumspartei in der Charlottenburger Bezirksversammlung. Hier setzte er sich besonders für Jugend-, Sozial- und Bildungsfragen ein. Bereits hier war er auch den Angriffen der Nationalsozialisten ausgesetzt. Zum Beispiel nahmen sie ihm übel, dass er als Vorstandsmitglied es Friedensbundes deutscher Katholiken zu der Vorführung der Antikriegsfilms “Im Westen nichts Neues” nach dem Roman von Erich Maria Remarques eingeladen hatte. Nach ihrer Machtübernahme setzten die Nationalsozialisten ihre Angriffe auf Lichtenberg fort.

Auch als Dompfarrer der St. Hedwigs-Kathedrale und schließlich als Berliner Dompropst blieb Lichtenberg in engem Kontakt mit der Herz Jesu Gemeinde. Er predigte engagiert gegen den Nationalsozialismus und gegen die Verfolgung der Juden. Mit seiner Hilfe konnten viele Verfolgte vor der Gestapo gerettet werden. Bereits 1935 protestierte er gegen die Konzentrationslager, und nach der Pogromnacht des 9. November 1938 betete er öffentlich für die verfolgten Juden. Er hatte das Referat des Bischöflichen Hilfswerkes für nichtarische Christen übernommen, aber er beschränkte seine Solidarität keineswegs auf getaufte Juden. Im Gegenteil: In seinem Abendgebet am 9. November 1938 formulierte er:

“Was gestern war, wissen wir, was morgen ist, wissen wir nicht, aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt: draußen brennt der Tempel – das ist auch ein Gotteshaus.”

Jeden Abend wiederholte er jetzt sein Gebet für die Juden. Niemand, der ihm zuhörte, konnte mehr behaupten, nichts gewusst zu haben.

Lange schreckten die Nationalsozialisten davor zurück, den beliebten und weit über die Grenzen der katholischen Kirche in Berlin hinaus bekannten Pfarrer und Dompropst zu verhaften. 1941 wurde er nach einem Abendgebet in der St. Hedwigs-Kathedrale von zwei Studentinnen angezeigt und anschließend festgenommen. Am 22. Mai 1942, also vor 60 Jahren wurde er schließlich zu zwei Jahren Gefängnis wegen “Kanzelmißbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz” verurteilt. In einem Schlussbericht über seine Vernehmungen heißt es unter anderem:

“Die abträgliche Einstellung des Lichtenberg zum national sozialistischen Staat und zu den Maßnahmen, die von diesem getroffen werden, kommt in seiner Vernehmung wiederholt zum Ausdruck. Zu den Maßnahmen des Staates gegen die Juden … nimmt Lichtenberg wie folgt Stellung: Diese Maßnahmen muß er als katholischer Priester ablehnen, weil sie unchristlich sind und er diese auf Grund des Gebotes: “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst” mit seinem priesterlichen Gewissen nicht vereinbaren kann. Auf Grund dessen hatte er vor, folgende Vermeldung von der Kanzel zu verlesen: “In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, daß jeder Deutsche, der aus angeblich falscher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch durch freundliches Entgegenkommen Verrat an seinem Volk übt. Laßt euch durch diese unchristliche Gesinnung nicht beirren, sondern handelt vielmehr nach dem strengen Gebot Jesu Christi: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!” lm vorliegendem Falle dürfte ein Verstoß gegen § 130a RSTGB und das Heimtückegesetz vorliegen.”

Dieses Zitat aus dem Vernehmungsprotokoll spricht für sich. Es dokumentiert den menschenverachtenden Terror eines Staates, der Rechtsstaatlichkeit nur heuchelt und es dokumentiert gleichermaßen den Mut und die Unbeugsamkeit des Priesters.

Bernhard Lichtenberg sollte am 23. Oktober 1943 aus der Haftanstalt Tegel entlassen werden, aber wegen “Gefährdung der Öffentlichkeit” ordnete die Gestapo die Überführung des Todkranken in das Konzentrationslager Dachau an. Lichtenberg starb unterwegs, am 5. November 1943 im Krankenhaus in Hof. Eine Gedenkstätte für Bernhard Lichtenberg befindet sich in der Kirche Maria Regina Martyrum in Charlottenburg-Nord, sein Grabmal in der St Hedwigs-Kathedrale.

Wir erinnern nun auch mit einer Gedenktafel an seiner langjährigen Wirkungsstätte an den aufrechten, mutigen Mann, der weit über unseren Bezirk und weit über die katholische Kirche hinaus zum Vorbild geworden ist für Zivilcourage und unbeugsame Menschlichkeit.

Bernhard Lichtenberg ist ein Vorbild für uns heute – nicht nur als Widerstandskämpfer, sondern vor allem als Mensch, der sich in seiner Kirche aus Überzeugung engagierte und der sich auch von einem lebensgefährlichen, diktatorischen Regime nicht von dieser Überzeugung abbringen ließ sondern sich weiterhin offen dazu bekannte.

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