Inhaltsspalte

Rede des Bezirksbürgermeisters Horst Dohm

Zur Enthüllung der Gedenktafel für Rudolf Mosse am 9.5.1989 am Rudolf-Mosse-Stift

Sehr geehrter Herr Prof. Sösemann!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich, daß wir heute eine Gedenktafel für Rudolf Mosse enthüllen können, der gestern 146 Jahre alt geworden wäre. Üblicherweise danke ich an dieser Stelle den Hausbesitzern, auf deren Zustimmung wir ja angewiesen sind, wenn wir eine Gedenktafel anbringen wollen. Das ist diesmal nicht nötig, denn das Bezirksamt Wilmersdorf als Vertreter des Landes Berlin ist selbst Eigentümer dieses von Rudolf und Emilie Mosse gestifteten Hauses.
Dank sagen möchte ich aber auch dieses Mal wieder der Berliner Sparkasse, die es mit ihrer großzügigen Stiftung zur 750-Jahr-Feier Berlins möglich gemacht hat, daß dieses Programm “Berliner Gedenktafel” nun Schritt für Schritt realisiert werden kann.
“Schritt für Schritt”, das heißt, daß wir keineswegs eine Gedenktafelserie an Häuserwände kleben wollen, daß für jede einzelne Tafel genau recherchiert wird, daß ein zeitraubendes Auswahlverfahren stattfand, in dem die Vorschläge der einzelnen Bezirke von einem wissenschaftlichen Beirat begutachtet wurden, daß die Texte mehrfach abgestimmt wurden und daß schließlich jede einzelne Tafel mit einer kleinen Feierstunde enthüllt wird, um die gebührende Aufmerksamkeit zu finden.
“Schritt für Schrltt”, das heißt aber auch, daß vielfach die Arbeit unterschätzt wurde, die zu leisten ist, bis eine Gedenktafel schließlich enthüllt werden kann. Viele Bezirke beginnen gerade erst, ihren Anteil am Gedenktafelprogramm zu verwirklichen. Ich denke, es war eine zwar verständliche aber aus heutiger Sicht doch problematische Entscheidung, die Spende der Berliner Sparkasse auf alle Bezirke gleichmäßig zu verteilen, so daß pro Bezirk etwa 25 Tafeln realisiert werden können: Die Wohnorte bedeutender Persönlichkeiten sind aber nicht gleichmäßig über Berlin verteilt. Während viele Repräsentanten des kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens der Kaiserzeit und der Weimarer Republik im damaligen Neuen Westen Berlins, also vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf lebten, gehörten viele Außenbezirke nicht zu den bevorzugten Wohngebieten von Prominenten.
Daraus ergibt sich nun die paradoxe Situation, daß wir in Wilmersdorf viele Vorhaben und manche Vorschläge von Bürgerinnen und Bürgern zunächst nicht verwirklichen können, während andere Bezirke bereits jetzt Personen ehren, die doch eher von lokaler Bedeutung sind: frühere Bürgermeister und Lokalpolitiker.
Ich denke, wir sollten über diese Verteilung und eine mögliche Fortsetzung des Programms neu nachdenken. Wir in Wilmersdorf haben dieses Gedenktafelprogramm immer so verstanden, daß Berliner Persönlichkeiten von überregionaler Bedeutung geehrt werden, und es scheint mir unstrittig, daß Rudolf Mosse dazugehört. Er ist insofern eine Ausnahme, als er nicht in Wilmersdorf gelebt hat. Während wir sonst Gedenktafeln an früheren Wohnhäusern anbringen – übrigens auch dann, wenn dort heute Neubauten stehen – ~so haben wir hier ein Heim, das von dem Ehepaar Mosse als Waisenhaus gestiftet wurde.
Rudolf Mosse hat in genialer Weise das Ethos des liberalen Zeitungsmachers mit dem Geschäftssinn des Verlegers verbunden, der die Finanzierung von Zeitungen und Zeitschriften durch das überregionale Anzeigengeschäft begründet und damit die Wirkungsmöglichkeiten der Presse enorm erweitert hat. Mit der Annoncenexpedition, die er 1867 in Berlin eröffnete, erfand Rudolf Mosse nichts Neues, aber er entwickelte das Anzeigengeschäft, das er vorfand, weiter und machte daraus eine Haupteinnahmequelle für eine Reihe von Zeitschriften und Zeitungen. Der “Kladderadatsch”, die “Fliegenden Blätter” und der “Simplicissimus”, also die drei großen satirischen Blätter ihrer Zeit, erhielten so einen großen Leserkreis.
Im Dezember 1871 gründete Rudolf Mosse in der neuen Reichshauptstadt das liberale “Berliner Tageblatt” als Konkurrenzunternehmen zur “Vossischen Zeitung“J der alten “Tante Voß”.
Mit Scherl und Ullstein machte er aus Berlin die Zeitungsstadt, die an Vielfalt und Lebendigkeit beispiellos war.
Professor Sösemann wird uns mehr darüber sagen. Ich möchte noch ein paar Anmerkungen zu diesem Haus machen, das von dem vermögenden Verleger schon 1893 gestiftet wurde. Es zeugt vom sozialen Verantwortungsbewußtsein und Engagement aber auch von der liberalen Grundhaltung des Ehepaars Rudolf und Emilie Mosse.
Die “Rudolf Mosse’sche Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen zu Deutsch-Wilmersdorf bei Berlin” wurde am I. April 1895 eröffnet und sollte je 50 Knaben und Mädchen des verarmten Berliner Mittelstandes aufnehmen. Damit sollte sie eine Lücke in der öffentlichen Armenpflege schließen, bei der die Kinder aus verarmten Familien der “gebildeten Stände” meist nichts zu erwarten hatten. Diesen Kindern sollten hier eine sichere Unterkunft und eine Qualifizierte Ausbildung ermöglicht werden.
Die Stifter wünschten ausdrücklich, daß christliche und jüdische Kinder in annähernd gleichem Umfang aufgenommen und gefördert werden sollten.
In der Stiftungsurkunde von 1908 hieß es dann: “Die Stiftung bezweckt die unentgeltliche Pflege bedürftiger Kinder, vorzugsweise aus den gebildeten Ständen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses.”
Zwei Jahre nach dem Tod Rudolf Mosses übergab die Witwe 1922 die Mosse-Stiftung als Schenkung der Stadt Berlin, mit der Auflage, sie weiterhin für die Jugendwohlfahrt zu nutzen und für alle Zeiten den Namen “Emilie-Rudolf-Mosse-Heim, der Jugend geweiht” beizubehalten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde hier eine Kinderklinik eingerichtet, die 1936 zunächst in “Knesebeck-Kinderklinik”, später in “Städtische Kinderklinik Wilmersdorf” umbenannt wurde.
Heute ist dieses Haus wieder allgemein als “Mosse-Stift” bekannt. Es wird vom Bezirksamt Wilmersdorf als Jugend- und Lehrlingsheim genutzt, und diese Gedenktafel soll mit dazu beitragen, die Erinnerung wachzuhalten an den großen Berliner Verleger, an einen der vielen jüdischen Bürger Berlins, dem diese Stadt so viel verdankt.
Herr Prof. Sösemann, ich danke Ihnen, daß Sie zu uns gekommen sind und bitte Sie, über Rudolf Mosse zu sprechen.