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Rede am 6.7.2013 zum Gedenken am 70. Todestag Franz Jägerstätters

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann an der Gedenktafel für Franz Jägerstätter vor dem ehemaligen Reichskriegsgericht, Witzlebenstr. 4-5

An der Gedenktafel für Franz Jägerstätter vor dem ehemaligen Reichskriegsgericht, Witzlebenstr. 4-5

Sehr geehrter Herr Locher!
Sehr geehrter Herr Scharck!
Sehr geehrter Herr Eberhardt!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Franz Jägerstätter ist weltweit bekannt als mutiger Mensch, der aus religiösen Gründen offen den Wehrdienst für Hitlers Vernichtungskrieg verweigert hat. Hier in Deutschland kennt ihn dagegen kaum jemand.
Das sollte sich ändern, denn Franz Jägerstätter ist mit seiner geradlinigen Haltung, seiner Integrität und seinem offenen Widerstand gegen den nationalsozialistischen Krieg ein Vorbild für uns alle.
Seit 1997 erinnert hier eine Gedenktafel daran, dass Franz Jägerstätter wegen seiner Gewissensentscheidung in diesem Haus vom damaligen Reichskriegsgericht heute vor 70 Jahren, am 6. Juli 1943, zum Tode verurteilt wurde.
Franz Jägerstätter war Österreicher, Bauer und Katholik. Das erklärt vielleicht zum Teil, weshalb er in Deutschland so unbekannt geblieben ist. Vor allem aber war Franz Jägerstätter Kriegsdienstverweigerer. Und wir haben uns lange sehr schwer damit getan, Kriegsdienstverweigerer als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus anzuerkennen. Das scheint mir der Hauptgrund für seine mangelnde Popularität in Deutschland zu sein.
Die Wehrmacht wurde lange als unbelastete Institution begriffen, die zwar Hitlers Befehle ausgeführt hat, mit seinen Verbrechen aber nichts zu tun hatte. Als 1995 erstmals in einer Ausstellung die Verbrechen der Wehrmacht thematisiert wurden, löste dies heftige Abwehr und kontroverse Diskussionen aus.
Ein nicht geringer Teil der Verbrechen der Wehrmacht fand hier in diesem Haus statt.
1936 zog in dieses Gerichtsgebäude das von den Nazis gegründete Reichskriegsgericht ein, der höchste Gerichtshof der NS-Wehrmachtsjustiz.
Er war zuständig für Hoch- und Landesverrat von Militärangehörigen, “Kriegsverrat” und Wehrdienstverweigerung aus religiösen Gründen. Mit Kriegsbeginn 1939 wurde seine Kompetenz erweitert auf Spionage, Wirtschaftssabotage und “Wehrkraftzersetzung”.
Aus den Jahren 1939 bis 1945 sind mehr als 1400 Todesurteile aktenkundig, von denen mehr als 1000 vollstreckt wurden. Insgesamt haben NS-Kriegsgerichte während des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 Todesurteile verhängt, von denen die meisten vollstreckt wurden. Zum Vergleich: Während des gesamten Ersten Weltkriegs hat die Militärjustiz des Kaiserreichs insgesamt 150 Todesurteile verhängt, von denen 48 vollstreckt wurden.
Am bekanntesten wurden die Verfahren gegen die Widerstandsgruppe “Rote Kapelle”. Mehr als 50 Mitglieder der Gruppe wurden hier zum Tode verurteilt und in Plötzensee ermordet.
Das Reichskriegsgericht war ein Instrument des Terrors des NS-Staates. 1943 zog das Gericht wegen der zunehmenden Luftangriffe nach Torgau um. Das letzte Urteil wurde am 10.4.1945 gefällt. Danach flohen die Richter in den Süden Deutschlands.
Von einigen Überlebenden und Angehörigen der Opfer wurde unmittelbar nach dem Krieg gefordert, die Richter des Reichskriegsgerichtes als Kriegsverbrecher anzuklagen.
Das französische Tribunal Général ermittelte gegen sieben führende Richter, die eineinhalb Jahre in der Festung Rastatt in Untersuchungshaft zubringen mussten. Dabei erhängte sich der ehemalige Senatspräsident Walter Biron 1947 in seiner Zelle. 1948 wurde das Verfahren vor Prozesseröffnung eingestellt. Keiner der Richter wurde nach dem Krieg verurteilt.
Erst in den letzten Jahren wurden einige der von ihnen gefällten Urteile revidiert, und erst jetzt stellt sich auch die deutsche Justiz ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Eine Tafel auf dem Gehweg vor dem Haupteingang erinnert seit einigen Jahren an die Geschichte des Hauses.
Gegenüber der Gedenktafel für Franz Jägerstätter befindet sich ein Verkehrsspiegel mit einer kleinen Erläuterungstafel. Sie informiert über das Mahnmal “Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg”.
Dieses Mahnmal wurde von der Berliner Künstlerin Patricia Pisani geschaffen und im Jahr 2002 entlang des Waldweges von der Glockenturmstraße am Olympiastadion bis in die Nähe des Erschießungsortes hinter der Waldbühne aufgestellt. Es besteht aus 106 Verkehrsspiegeln. Auf sechzehn Spiegeln informieren eingravierte Texte über das Geschehen in der Murellenschlucht.
Unter den Nationalsozialisten wurde dort eine Hinrichtungsstätte errichtet, in der bis zum 14. April 1945 Deserteure, Wehrdienstverweigerer und Befehlsverweigerer standrechtlich erschossen wurden, meist nach Urteilen des Reichskriegsgerichtes.
Die genaue Zahl ist nicht bekannt. Mehr als 230 sind bisher namentlich ermittelt.
Franz Jägerstätter ist nicht dabei. Er wurde am 9.8.1943 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. 2007 wurde er auf Anregung seiner Heimatdiözese Linz von der katholischen Kirche selig gesprochen. In der amerikanischen Friedensbewegung ist er ein wichtiges Vorbild wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi. Ich hoffe sehr, dass Franz Jägerstätter auch bei uns endlich bekannter wird. Er ist ein Vorbild für uns alle, denn er ist seinem Gewissen treu geblieben, obwohl es ihn das Leben gekostet hat.