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Thema des Monats Mai 2016

Logistikcenter am Boulevard?

Der Fachbereich Bau- und Wohnungsaufsicht hat eine befristete Baugenehmigung für einen Standort des Logistikers Amazon für eine Teilfläche des Kudamm-Karrees erteilt. Das Thema ist Gegenstand einer Großen Anfrage, die am 21. April in der BVV auf der Tagesordnung stand.
Das Gebäudeensemble wurde 1969-74 von Sigrid Kressmann-Zschach mit einem 23-geschossigen Hochhaus im Zentrum errichtet. Es bietet 63.000 qm Fläche, ein Parkhaus an der Uhlandstraße, Restaurants, Geschäfte und die beiden Theater Komödie und Theater am Kurfürstendamm. Nach mehreren Eigentümerwechseln, verschiedenen Umbauplänen, die auch den Abriss der beiden Bühnen und Neubau einer neuen Spielstätte vorsah, kaufte das Münchner Immobilienunternehmen Cells Bauwelt den Komplex. Das Karree soll ab Sommer 2016 modernisiert werden. Der Streit um die dortigen Boulevardbühnen dauert aber an. Der Investor möchte das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm abreißen und eine Ersatzspielstätte mit unterirdischem Bühnensaal im Hof bauen. Der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses beschloss am 6. April 2016, dass der Senat bis zum 10. Juni prüfen soll, wie der „Abriss der traditionellen Bühnen am Kurfürstendamm verhindert werden kann“ und welche Fördermittel das Land Berlin den beiden Boulevardtheatern künftig zukommen lassen könnte.

CDU-Fraktion

Das Kudammkarree ist seit vielen Jahren in einem Dornröschenschlaf. Mehrere Eigentümerwechsel verursachen leider auch mangelnde Investitionen und dadurch entstehenden Leerstand. Deswegen begrüßt die CDU-Fraktion grundsätzlich jede Initiative, die den Standort belebt. Das kann auch eine vorübergehende Zwischennutzung durch einen Versandhändler sein. Denn alles ist besser als Leerstand, der den Standort langfristig noch mehr verkommen lässt. Selbstverständlich sind dabei Auswirkungen auf Verkehr und Umgebung zu bedenken und vorher zu lösen. Eine populistische Verknüpfung mit dem Wort Boulevard durch die Grünen-Fraktion halten wir jedoch für Wahlkampfklamauk. Das wird der Herausforderung der Planung der Zukunft des Kudammkarrees nicht gerecht. Denn Zukunft muss das Kudammkarree haben und dazu gehört dann kein Versandhändler.
Arne Herz

SPD-Fraktion

Seit einigen Wochen ist in den Medien die Rede davon, dass der Online-Versandhändler Amazon im ehemaligen Ku’Damm-Karree ein Logistikzentrum einzurichten beabsichtigt. Eine offizielle Bestätigung dieser Pläne gibt es nicht. Dennoch weiß die auf der Tagesordnung der kommenden BVV stehende Große Anfrage Details zu berichten, wie z. B. dass täglich 100 Tonnen Waren dort umgeschlagen werden sollen. Die Geschäftsflächen stehen seit mehr als zehn Jahren leer. Eine reflexhafte Empörung über die Nutzungspläne hält die SPD für falsch. Sie strebt die Umsetzung eines für den Boulevard adäquaten Konzepts für das gesamte Ku’Damm-Karree und vor allem den Erhalt mindestens eines Theaterstandorts im Haus an. Durch Investoren oder Mieter beabsichtigte Nutzungen dürfen nicht konträr zu diesem Konzept stehen.
Bassem Al-Abed

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Ein großes Internetkaufhaus will mitten auf dem KuDamm ein Logistikcenter mit An- und Ablieferverkehr errichten. Man könnte denken, ist doch toll, wenn die Auslieferung auf den letzten Metern zentral liegt, aber muss es denn gleich am KuDamm sein? Das Durchschnittspacket muss nicht mit einem Transporter geliefert werden. Hierzu reichen z.B. Lastenfahrräder (mit E-Antrieb). Andere Städte haben es vorgemacht. Kleinere, sogenannte Hubs (Kleinlager für Pakete) werden in den Zielgebieten eingerichtet und von dort aus werden die Waren resourcenschonend zum Kunden geliefert. Solche oder ähnliche Lösungen müssen die Anforderungen an die Logistikunternehmen sein. Die Post macht uns das vor, wenn Sie Briefe mit Handkarren oder Elektrofahrrädern ausliefert. Und das funktioniert gut.
Roland Prejawa

Piraten-Fraktion

Waren bestellen und am selben Tag erhalten: Eine schnelle und passgenaue Lieferung kann mit innerstädtischen Logistikzentren leichter ermöglicht werden. Allerdings spielt das Umfeld dabei eine entscheidende Rolle. Kulturelle Nutzung der Nachbargebäude und das schon vorhandene Verkehrsaufkommen durch Einkaufzentren sind Ausschlusskriterien. Alte Post- und Bahnareale wären eine denkbare Lösung für eine Nachnutzung durch moderne Dienstleister.
Holger Pabst

Die Linke

Wo ist eigentlich der recht umtriebige Denkmalschutz? Am Kudamm, der laut alten Geschichten einst eine sehenswerte Straße, gar eine Flaniermeile gewesen sein soll, anscheinend nicht. Da kann ein Logistikzentrum eingerichtet werden, das eher auf eine der Brachen Berlins passen würde, während sich die Behörde damit beschäftigt, auf dem Ernst-Reuter-Platz ein paar heruntergekommene Blumenkästen zu verteidigen. Diese Sehenswürdigkeiten waren bislang kaum Thema und sie sind, wenn überhaupt, höchstens irrtümlich auf einem touristischen Foto gelandet. Kaum, dass die BVG hier ein Einsehen mit ihren Fahrgästen mit Behinderungen zeigt und einen Aufzug plant, werden die Kästen als schützenswert erkannt. Sie an eine andere Stelle zu verlegen, scheint unmöglich. Dabei wären sie, ebenso wie Amazon, im Sinne der Mitmenschen, andernorts genauso gut aufgehoben
Marlene Cieschinger