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Stadtteilzentrum Familiengarten

26.05.2021

Stadtteilzentrum Familiengarten
Bild: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

Ein idyllischer begrünter Hof, Kinder aus der Kita spielen im Sandkasten, Vögel zwitschern, ein Eichhörnchen jagt von Baum zu Baum. Wenn man mit dem Rad, die trubelige und chaotische Oranienstraße entlangfährt, vermutet man nicht, dass man zwischen all den Imbissen, Spätis und Cafés im zweiten Hinterhof mit dem Stadtteilzentrum Familiengarten so eine grüne Oase findet. „Wir sind etwas versteckt. Aber das hat auch sein Gutes“, sagt Leiterin Neriman Kurt und lacht. „Die Leute hier im Kiez kennen uns ja und finden zu uns, auch im Hinterhof.“

Den Verein Kotti e.V., der Träger des Familiengartens und der Kita nebenan ist, gibt es seit 1986. „Aber die Idee dahinter ist noch älter. Das Konzept unserer Stadtteilarbeit kommt aus den frühen 1980er Jahren, aus der Instandbesetzungsbewegung und Bürgerinitiativen.“ Die Mitbegründer*innen hatten sich damals Konzepte für die einzelnen Objekte überlegt, vor allem für die Hinterhöfe und deren Bebauung. Neriman Kurt zeigt auf die beiden Remise-Gebäude im Hof des Stadtteilzentrums, die heute von der Kita genutzt werden: „Das waren früher der Pferdestall und der Kohlenschuppen. Außerdem stand der ganze Hof voll von kleinen Baracken. Das kann man sich jetzt gar nicht mehr vorstellen.“

Die Arbeit des Stadtteilzentrums wird von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gefördert. Doch auch mit den Fachämtern des Bezirksamtes arbeitet das Stadtteilzentrum zusammen, mit dem Jugendamt im Rahmen der Schulsozialarbeit oder mit dem Stadtteil- und Seniorenangebote für den Tanztee für Senior*innen.

Stadtteilzentrum Familiengarten
Bild: Sara Lühmann

„Ich gehöre zu den Dienstältesten hier“, sagt Neriman Kurt Seit 1990 ist sie Teil des Teams. Angefangen hat die Pädagogin damals im Schülerladen. „Dort habe ich bis 1996 die erste Generation an Schüler*innen betreut und habe danach in die Leitung des Familiengartens gewechselt.“ Sie selbst zog 1978 mit ihren Eltern nach Berlin und wohnte in der Kohlfurter Straße. „Wir kamen aus Aachen. Da war Kreuzberg im Schatten der Mauer schon eine große Umstellung und ziemlich befremdlich – und die Wohnumstände waren miserabel. Anfangs habe ich es gehasst“, erzählt sie. Aber es war auch eine bewegte politische Zeit, die sie prägte und dazu führte, dass sie bewusst immer bei freien Trägern in der Nachbarschaft gearbeitet hat, um Kreuzberg mit zu gestalten.

Seitdem hat sich der Kiez massiv verändert. Die Mauer fiel, die Gentrifizierung veränderte die Bevölkerung und das Gewerbe. Viele der Alteingesessenen sind inzwischen weggezogen. „Gefühlt wird jede freiwerdende Wohnung zu einer WG. Aber es kommt auch zu einer Verdichtung in den Wohnungen, weil es sich junge Erwachsene nicht leisten können, auszuziehen. Sie bleiben also bei ihren Eltern wohnen und gründen dort ihre eigene Familie.“ Viele der Entwicklungen bereiten Neriman Kurt Sorge: „Was Kreuzberg zu Kreuzberg macht, das sind die Leute. Wenn sie von den Monokulturen – von Hostels und Cafés verdrängt werden, was macht Kreuzberg dann noch aus? Wir müssen der Gentrifizierung etwas entgegensetzen.“

Außerhalb der Pandemie bietet das Stadtteilzentrum ein umfangreiches Kulturprogramm mit Ausstellungen, Lesungen, Vorträgen, mehrsprachigen Poetry Slams und Straßenfesten. „Die Ausstellungsflächen bei uns sind in der Regel zwei Jahre im Voraus ausgebucht. Das ist für viele ein Sprungbrett und einige Künstler*innen haben von hier aus schon Karriere gemacht“, erklärt die Leiterin. Die Räumlichkeiten des Familiengartens werden außerdem von Gruppen, Vereinen und Initiativen für ihre Treffen genutzt.

„Wir leisten in den Stadtteilzentren wichtige Gemeinwesenarbeit. Wir sind für viele die erste Anlaufstelle im Kiez und geben Informationen an die Anwohner*innen weiter. Wir kennen die Menschen hier vor Ort und verstehen uns als ihr Sprachrohr. Durch die tägliche Arbeit und das Netzwerken in der Nachbarschaft erkennen wir frühzeitig Bedarfe, die entstehen.“ Dabei schauen Neriman Kurt und ihre Kolleg*innen genau hin, welche Gruppen welche Bedarfe haben und gehen gezielt darauf ein. „Als Stadtteilzentrum und als Mitglied im Migrationsbeirat des Bezirksamtes schalten wir uns in aktuelle Debatten ein. Wir fragen nach, wir hinterfragen und wir geben Denkanstöße. Damit sind wir nicht immer bequem. Aber das sehe ich als unsere Aufgabe.“

Eine andere wichtige Säule ist Information und Beratung. Bei den Inhalten orientiert sich das Team an den Bedarfen der Menschen vor Ort. Es gibt Informationsabende zum Gesundheits- und Pflegesystem, weil viele derer, die in den 70ern und 80ern hier herzogen nun pflegebedürftig werden, aber auch Veranstaltungen, bei denen das Berliner Schulsystem erklärt wird. Auch der Bereich Umwelt und Ökologie spielt eine große Rolle. „Wir haben schon vor Jahrzehnten gemeinsam Hinterhöfe begrünt und die Kreuzberger*innen beraten, wie sie ihre Balkons ökologisch bepflanzen können.“ In den letzten Jahren spielten die Sensibilisierung für Plastik- oder Stromverbrauch eine große Rolle. „Viele unserer regelmäßigen Gäste verzichtet inzwischen auf Plastik im Alltag“, erklärt Neriman Kurt stolz.

Stadtteilzentrum Familiengarten
Bild: Sara Lühmann

„Natürlich können wir mit unserer Arbeit nie alle erreichen. Das ist gar nicht möglich. Aber über die Vielfalt der Angebote erreichen wir doch viele unterschiedliche Zielgruppen.“ Die Besucher*innen kommen dabei schon nicht mehr nur aus der Nachbarschaft, sondern aus ganz Berlin und teilweise sogar aus dem Brandenburger Umland.

Wichtiger Bestandteil der Stadtteilarbeit ist auch die Vernetzung mit anderen Akteuren im Kiez. „Wir schauen, welche Themen wir gemeinsam angehen können, wer welche Ressourcen hat und einbringen kann. Hier im Gebiet gibt es einen große Vielfalt und Dichte an Akteuren. Damit keine Konkurrenzen zwischen Vereinen und Projekten entstehen, müssen wir uns abstimmen, damit nicht drei Gruppen das gleiche Thema bearbeiten.“

Ein weiterer wichtiger Teil des Angebots, der auch während der gesamten Corona-Pandemie stattfand und massiv ausgebaut wurde, ist die Sozialberatung. Zur Beratung kommen die Nachbar*innen mit allen möglichen Fragestellungen und Problemen, von Erziehungsfragen bis hin zum Thema Aufenthalt. Das Team des Stadtteilzentrums berät und vermittelt weiter.
Hinzu kommt die ehrenamtliche Rechtsberatung, die zweimal im Monat stattfindet. „Dort haben wir aktuell viele Fragen zum Familienrecht. Wir merken, dass hier im Kiez die Scheidungsrate hochgeht. Durch die Infektionsschutzmaßnahmen haben die Menschen viel mehr Zeit zu Haus verbracht. Da sind Probleme eskaliert, die schon vorher da waren.“ Aber auch das Thema Mietrecht und drohende Obdachlosigkeit spielen eine große Rolle.

Stadtteilzentrum Familiengarten
Bild: Sara Lühmann

Trotz der Einschränkungen durch die Pandemie waren Neriman Kurt und ihr Team immer vor Ort. „Der Bedarf an Beratung und Information war riesig und ist ungebrochen. Vieles lief nur noch digital oder telefonisch. Aber damit werden eben nicht alle Zielgruppen erreicht, gerade wenn es Sprachbarrieren gibt. Daher war es so wichtig, auch weiterhin Gespräche und Beratungen hier in unseren Räumen anzubieten. Viele persönliche Gespräche können einfach nicht mit digitalen Mitteln ersetzt werden. Das funktioniert nicht für alles und das funktioniert nicht für alle.“ Für Nachbarschaftszentren gab es keine konkreten Vorgaben, also machte das Team vom Familiengarten nach bestem Wissen und Gewissen weiter. Sie entwickelten sie schnell ein Hygienekonzept und konnten dank des großen Raumes problemlos Gespräche mit Abständen durchführen. Insgesamt hat das Stadtteilzentrum im Vorjahr 5.000 Beratungsgespräche durchgeführt.

Gerade für die älteren Anwohner*innen mit Migrationshintergrund war und ist das Stadtteilzentrum in der Pandemie so eine Konstante im Alltag und ein wichtiger Ankerpunkt in der Nachbarschaft. Durch Corona und seine Folgen entstehen neue Fragen und Unterstützungsbedarfe. Neriman Kurt und ihre Kolleg*innen leisten Aufklärungsarbeit zum Virus und den Hygieneregeln, informieren über Impfstoffe und Impfreihenfolge und helfen bei Buchungen für Impftermine. „Beim Thema Impfung gab es viel Verunsicherung und Bedarf an Aufklärung. Für einige Gruppen im Kiez, gerade solche mit Sprachbarrieren, gibt es quasi keine Informationsmaterialien. Also haben wir uns darum gekümmert.“

Die Pandemie und die damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen haben die Arbeit im Stadtteilzentrum extrem verändert. „Gelangweilt haben wir uns trotzdem nicht. So hatten wir viel Zeit für eine enge und kontinuierliche Betreuung von Menschen, die unsere Unterstützung besonders gebraucht haben. Aber es fehlt ein bisschen das Leben in der Bude. Das kehrt hoffentlich bald mit Veranstaltungen und Besucher*innen wieder zurück!“ Eine Außenveranstaltung gibt es immerhin zum Tag der Nachbarschaft. „Wir sind seit Jahren immer mit dabei. Voriges Jahr musste unsere Veranstaltung, wie so vieles, leider ausfallen.“ Dieses Jahr wird es gemeinsam mit anderen Akteuren und Initiativen in den Prinzessinnengärten am Moritzplatz einen Pflanzentauschmarkt geben, zum Tauschen, Verschenken und Pflanzen von Samen und Setzlingen.

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Mehr über die Nachbarschaftszentren im Bezirk erfahren Sie auch in unseren Porträts des RuDi im Friedrichshainer Rudolfkiez und des Nachbarschaftshauses Urbanstraße in Kreuzberg.