LoGo Europe - Hospitationsprogramm der Berliner Verwaltung 2022

Menschengruppe

Nach zwei Jahren Zwangspause wegen Corona läuft das Europäische Hospitationsprogrammm der Berliner Verwaltung wieder an!

Seit 2005 haben bereits mehrere hundert Beschäftigte am vierwöchigen Erfahrungsaustausch der Berliner Bezirke in europäischen Partnerverwaltungen teilgenommen.

Hier berichten Beschäftigte des Bezirksamtes von Ihren Erfahrungen bei Partnervewaltungen. In 2022 können wir sieben Beschäftigte entsenden. Es berichten:

  • Tamar Bloch aus dem Gesundheitsamt aus Lausanne
  • Jens Blume aus dem Straßen- und Grünflächenamt aus Utrecht
  • Birgit Bosse aus dem Jugendamt aus Wien
  • Gabriel Hinterdobler aus dem Gesundheitamt aus Mailand
  • Johanna Scheller aus dem Jugendamt aus Harlow, Essex
  • Felix Weisbrich aus dem Straßen- und Grünflächenamt aus Brüssel
  • Katja Werner aus dem Jugendamt aus A Coruña
Bergdorf Château d’Oex

02.10.2022

Die 2. Woche in Lausanne war leider sehr verregnet. Dabei hängen die Wolken tief über dem See und man sieht oft die Berge und die französische Seite nicht mehr. Am ersten Tag der 2. Woche war ich bei einer der Ärztinnen eingeteilt. So konnte ich auch zum ersten Mal eine Beratung zur PREP miterleben. Es waren auch mehrere Ukrainerinnen in der Sprechstunde, wodurch nochmal deutlich wurde, wo sich der ärztliche Bereich mit psychosozialer Beratung überschneidet. Nachdem mir die Leitung des Fachbereichs éducation sexuelle (hier hat jeder Fachbereich eine eigene Leitung) nochmal den gesamten Bereich ausführlich gezeigt und erklärt hatte, inklusive Fachbibliothek und Elternabenden, hatte ich Gelegenheit, bei einer Sitzung teilzunehmen, bei der verschiedene Leitungen, Psychologen und Kolleg*innen, welche STI Beratung machen und welche in die Schulen gehen, alle 2 Wochen zusammenkommen. Dabei werden schwierige Fälle besprochen, insb. wenn abgeklärt werden muss, ob z.B. bei einem geschilderten Übergriff Handlungsbedarf besteht, um Minderjährige zu schützen oder wenn in der Schule eine unklare oder belastende Situation aufgetreten ist. Das Einbringen der Fälle ist obligatorisch und diese werden teils auch über mehrere Male begleitet. Die Sitzung fand hybrid statt, sodass sich immer wieder Kollegen in den Besprechungsraum dazu schalteten und ihren aktuellen Fall kurz oder auch etwas länger schilderten, wobei die Verantwortlichen Fragen stellten und entweder Handlungsbedarf festgestellt wurde, oder das bisherige Vorgehen abgesegnet wurde. Interessant fand ich hierbei vor allem die Abwägung zwischen Verschwiegenheit und Eingreifen, ob man die Eltern eines Mädchens benachrichtigen sollte, damit diese ihre Tochter schützen können. Das Highlight der Woche war sicher die weite und etwas abenteuerliche Fahrt in das Bergdorf Château d’Oex, welches selbst bei Regen eine tolle Landschaft hat, die man sogar aus den Klassenzimmern bestaunen kann (siehe Foto). Dort durfte ich in verschiedenen Klassen bei einem besonderen Schul-Workshop hospitieren, welcher sich „précarité menstruelle“ nennt. Dabei geht es darum, schon in den unteren Klassen, also idealerweise bevor die 1. Menstruation einsetzt, darüber aufzuklären, dass ca. 10 Prozent der Frauen sich auch in Europa keine Hygieneartikel leisten können. Deshalb sind an den Schulen Spender mit Binden und Tampons installiert. Alle möglichen Alternativen werden mit den Mädchen und Jungen genauer besprochen, wobei sehr ins Detail gegangen wird, was es alles zu beachten gibt. Neben Tipps und Tricks, Fakten und Wissenswertem, geht es v.a. um die Enttabuisierung und Normalisierung des Themas und eine gewisse Vorbildfunktion. In den unteren Klassen ist auch gleichzeitig die Klassenlehrerin sowie die Schulkrankenschwester anwesend. Zu letzterer wird also über das Projekt auch der Kontakt mit den Schüler*innen hergestellt, sodass diese sich anschließend eher trauen, mit Fragen zu ihr zu gehen.
Ein weiterer kurzer Einblick war diese Woche in den Bereich „couples und séxologie“ möglich. Dort arbeiten v.a. Psychologinnen und Psychotherapeutinnen, welche Paar- und Sexualtherapie anbieten. Zwei wesentliche Unterschiede zu Berlin bestehen darin, dass zum einen tatsächlich Therapie und nicht ausschließlich Beratung angeboten wird, zum anderen sind diese Sitzungen nicht kostenlos, sondern müssen je nach Einkommen selbst bezahlt werden (0-180€). Die Kolleginnen hatten alle sehr unterschiedliche Ausbildungen, von systemischer Therapie über Sexualtherapie hin zu Sexocorporel. Ich durfte auch an einer psychoanalytischen Supervision teilnehmen, bei der ein interessanter Fall besprochen wurde.

Zum Abschluss der Woche habe ich noch einen Einblick ins LAVI (Loi sur l’aide aux victimes d’infractions, also in etwa Gesetz über Opferhilfe nach Straftaten) bekommen, was dem Weißen Ring in Deutschland ähnelt, jedoch hier in die Fondation PROFA eingegliedert ist. Laut Gesetz muss jeder Kanton in der Schweiz über ein LAVI verfügen. Dort gibt es vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten: von einfach nur zuhören und Informationsvermittlung, über psychologische und juristische Beratung, bis zu finanzieller Hilfe und Prozessbegleitung. Häufig wird von der Polizei an das LAVI vermittelt, es wird aber natürlich auch unabhängig von der Polizei gearbeitet. Es geht um Straftaten jeglicher Art bis hin zu Menschenhandel und Zwangsehen, aber auch medizinischen Behandlungsfehlern. Betreut werden Menschen, die sich davon entweder auf körperlicher, psychischer oder sexueller Ebene beeinträchtigt fühlen. Ca. 50% machen Fälle häuslicher Gewalt aus! Auch im LAVI arbeiten sehr unterschiedliche Berufsgruppen: Psychologinnen, Kriminologen, Sozialarbeiter und ein Jurist. Das Justizsystem ist hier auch anders aufgebaut als in Deutschland. Ich durfte dann noch bei einem Beratungsgespräch dabei sein und hoffe, dass ich nächste Woche nochmal die Möglichkeit zur Hospitation im LAVI haben werde. Vor dem Job, sich den ganzen Tag mit Gewaltdelikten zu befassen, habe ich großen Respekt. Den Sonntag konnte ich dann glücklicherweise noch dazu nutzen, bei Sonnenschein auf die französische Seite des Genfer See zu fahren und das malerische Örtchen Yvoire zu besichtigen.

Viele Grüße

Tamar Bloch

04.10.2022

Meine Ankunft am Samstag war pünktlich, die Unterkunft, so wie angegeben und mein erster Arbeitstag heute, voller neuer Informationen. Per email erhielt ich die Info, dass ich von Mónica eingearbeitet werde und um 9:30 Uhr kommen soll. Ich wurde von allen sehr willkommen geheißen, obwohl sie weder meinen Lebenslauf kannten noch sich freiwillig gemeldet hatten. Sie wurden von der Xunta angefragt und meine Bewerbungsunterlagen hatten es nicht zu meiner Anleiterin geschafft. Sie übernimmt formal und die ersten Tage meine Anleitung, ich werde aber mit allen Kolleginnen die Arbeit kennenlernen. Das Gebäude befindet sich in einem Conjunto, einem Gebäudekomplex, welches ein altes Kloster plus Schule war. Das Kloster wurde damals zum Kinderheim ausgebaut und war für ca. 60 Kinder umgebaut. Aktuell werden dort ca. 20 Kinder betreut. Als ich bereits am Sonntag meinen Arbeitsweg zu Fuß ablief, konnte ich die Kinder über den Zaun des Klostergartens auf dem Weg zum Spielplatz, welcher ebenfalls auf dem Gelände ist, sehen. Der Gebäudekomplex beinhaltet auch eine Pflegeeinrichtung, bzw. ein Alterspflegeheim, eine Beratungsstelle für Menschen mit Beeinträchtigungen, die Gewerkschaft der Xunta und das Projekt Meninos.

Die Fundación wird finanziert durch die Xunta und übernimmt Aufgaben des RSD, bzw. der freien Träger. Die Xunta hat per Gesetz die Aufgabe für das staatliche Wächteramt im Kinderschutz, sie können aufgrund von Überlastung und fehlendem Personal ihren Aufgaben jedoch kaum noch nachkommen und beauftragen die Fundación Meninos im Notfall auch für die Inobhutnahme. Meninos wurde vor 26 Jahren gegründet. Meine Praxiserkundung wird hauptsächlich in der Abteilung PIF stattfinden. PIF ist die Abkürzung für Programa de Integración Familiar /Programm für die Integration von Familien. Der Träger arbeitet ambulant und versucht stationäre Fremdunterbringungen zu vermeiden. Sie arbeiten im Kinderschutz, teilweise leben die Kinder schon Betreuungseinrichtungen, oder in Pflegefamilien auf Zeit. Meninos unterstützt die Eltern und Kinder u.a. dabei den Prozess der Rückführung in ihre Herkunftsfamilien zu begleiten. Insgesamt führt Meninos aktuell 13 verschiedene Programme zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen und deren Eltern durch. Zu den anderen 13 Programmen werde ich im Laufe der Woche noch kurz eingehen.

Das Team im PIF ist ein interdisziplinäres Team bestehende aus: drei Psychologinnen, einer Erzieherin und zwei Sozialarbeiterinnen. Das Team besteht nur aus weiblichen Fachkräften. Die Stellen sind bisher nur für ein Jahr bewilligt worden. Seit Beginn der Pandemie wurde dies geändert und ab dem Jahr 2023 werden die laufenden Programme für vier Jahre finanziert. Die Fallanfragen kommen von der Xunta: Servicios Sociales Protección de Menores/ Kinderschutz. Das gesetzliche Wächteramt obliegt dem Team des Kinderschutzes. Das Team nennt sich Equipo técnico del Menor (E.T.M.)
In der Region Galizien (Bundesland) gibt es insgesamt 4 Kinderschutzteams: für die Provinzen: Lugo/Orense/Pontevedra/ Coruna. Im Kinderschutzteam von Coruna arbeiten ca. sechs Beamte (funcionarios E.T.M.) mit verschiedenen Universitätsabschlüssen. Außerdem sind sie unterteilt in E.T.M. Nord und E.T.M. Süd.

Coruna hat ca. 244.850 (Stand 2018) Einwohner*innen und im Großraum 431.332. Das Team von Meninos muss auch die Versorgung im Umland vornehmen, sie arbeiten für die Sektion Nord und Süd. Lange Autofahrten für einen Termin mit der Familie kann zwischen 1-2,5 Stunden Anfahrt bedeuten. Krisenplätze für die Kinder werden nicht über die Xunta gestellt, sondern über das Rote Kreuz, Cruz Roja. Bei Falleingang erhält das Team von Meninos ein Informe (Fallanfragebogen, mit dem Auftrag und den Daten zur Familie und Kurzbeschreibung der familiären Situation). Die Arbeit von Meninos konzentriert sich auf drei Aspekte:

1.Preservación
2.Reunficación
3. Funcionalidad

1. Bewahrung und Schutz der Herkunftsfamilie
2. Rückführung aus der Fremdunterbringung in die Herkunftsfamilie
3. Funktionieren der Familie nach ambulanter Intervention durch Meninos.

Diese Hilfen werden für ca. 2 Jahre (oder im Einzelfall länger) eingesetzt. Alle Hilfen sind freiwillig. Der Träger arbeitet zwar im Kinderschutz, aber die Familien können nicht gezwungen werden die ambulanten Hilfen anzunehmen. In der Praxis ist das Angebot aber alternativlos, da sonst die Kinder fremduntergebracht werden müssten. Anfangs gibt es eine Hilfekonferenz, danach wird die Xunta nach vier Monaten ambulanter Intervention in einer erneuten Hilfekonferenz über den Hilfeplanprozess informiert. Der Freie Träger meninos entwirft ein Plan de Trabajo/Hilfeplan. Die Xunta hat 15 Tage Zeit dem Plan zuzustimmen oder Veränderungen vorzunehmen. Im Hilfeplan werden auch andere Hilfebeteiligte benannt, wie Lehrer, Kitapersonal, die Eltern und die Kinder selber. Der Träger entwickelt eine Arbeitshypothese zur familiären Problematik. Danach informiert alle drei Monate der Träger die Xunta über den weiteren Hilfeplanverlauf . Mit den Familien bzw. den Eltern oder alleinerziehenden Müttern (Väter nehmen kaum teil an den Beratungssequenzen, da sie oftmals die Familien schon verlassen haben oder aus beruflichen Gründen nicht vor Ort sind).

Der Träger befindet sich in einem zweistöckigen Neubau der 60 er Jahre und örtlich hinter dem Kloster. Das Gelände wird als Komplex der Xunta mit den einzelnen Trägern und Funktionen gesehen. Vom Flur des Trägers schaut man auf den Klostergarten, der sich im hinteren Gebäudeteil des Klosters befindet und auch das Schwimmbad des Kinderheims (ehemals Kloster) und des Altenpflegeheims. Das Leitbild des Trägers führt in seiner Broschüre auf: Sie arbeiten als ONG (Nicht Regierungsorganisation) für die Rechte der Kinder und Jugendliche, die sich in schwierigen sozialen Situationen befinden. Meninos entwickelt mit den Eltern eine Alternative zum Schutz der Kinder und Jugendlichen. Außerdem vertreten sie folgende Werte:
• Beachtung der Gesetze zum Schutz der Kinder
• Fokus liegt auf den Interessen der Kinder und Jugendlichen
• Familie als stabilen Bezugspunkt für die Kinder und Jugendlichen
• Erziehung und Kapazität der Veränderung
• Qualität und Verbesserung der Kontinuität
• Kreative Innovation
• Betreuung von Personen
• Transparenz und Unabhängigkeit
• Aushandeln von sozialen Kompromissen
• Gleichheit und Unterstützung
• Berücksichtigung der Gleichheit der Geschlechter

Morgen ist eine Hilfekonferenz mit Eltern und Jugendamt (Xunta /E.T.M.) terminiert. Am Ende der Woche/oder des Tages berichte ich mehr.

Diesen Freitag ist hier Feiertag, so dass der heutige Feiertag kompensiert werden kann.

Saludos
Katja Werner

Jugendzentrumseröffnung Wien

03.10.2022

Hallo aus Wien! Meine erste Woche in Wien brachte schon jede Menge Eindrücke.

Zunächst lernte ich in ersten Übersichten die Organisation und die Strukturen der Wiener Kinder-, Jugend- und Familienhilfe (WKJH) inklusive der entsprechenden Magistratsabteilungen (MA) kennen. Das ist gar nicht so einfach, denn das Jugendamt der Stadt Wien ist hier sozusagen unterteilt in drei Jugendämter, bzw eben Magistratsabteilungen. Die Zweigliedrigkeit, die wir in Berlin durch den Senat und die Bezirke kennen, gibt es hier nicht.
Die MA 10 ist zuständig für Kindergärten (Platzsuche, Förderung, frühsprachliche Förderung…), die MA 11 (das personell größte Amt) ist zuständig für die Kinder- und Jugendhilfe mit dem Bereich Sozialer Dienst, inkl. Kindeswohlgefährdung, Einleitung von ambulanten Kinder- und Jugendhilfemaßnahmen, Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Wohngemeinschaften, aber auch Hilfestellung und Beratung bei Unterhalt und Begleitung von Pflegefamilien und die Zuständigkeit der MA 13 fördert, koordiniert und steuert das Angebot Bildung und Jugend und betreibt selbst einige Bildungseinrichtungen.

Natürlich ist die WKJH neben der zentralen Organisation auch regional aufgestellt. Es gibt sechs Regionen, jede Region untergliedert sich in: Regionsleitung, Familienzentren, Rechtsvertretung, soziale Arbeit, Wohngemeinschaften und Krisenzentren. Meine Hospitationsstation befindet sich in der Region Mitte-Ost, von hier aus nehme ich die verschiedensten Aufgaben während meiner Hospitation in der Wiener Jugendhilfe wahr.

Aber nun komme ich zu den ganz praktischen Lernerfahrungen in dieser Woche, die in der Unterschiedlichkeit gleichzeitig auch die Vielfalt der Jugendhilfe abbilden. Zum Beispiel konnte ich an einem sehr schwierigen Gespräch mit einer Mutter teilnehmen, deren Kinder (6 und 8 Jahre) aus der Familie genommen worden sind und ich war Teil einer Zusammenkunft in einem Krisenzentrum, wobei es um den weiteren Aufenthalt eines Jugendlichen in dem Krisenzentrum ging. Bei beiden Gesprächen war ich nicht nur „stille“ Zuhörerin, sondern konnte in der Reflexion im Team meine Erfahrungen, meine Eindrücke und meine fachlichen Gedanken einbringen. Es fand also stets ein reger fachlicher Austausch statt.

Darüber hinaus besuchte ich den Verein Wiener Jugendzentren, der mit 28 Jugendzentren ein großer Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit in der ganzen Stadt ist und sehr sozialräumlich arbeitet. Dieser Verein eröffnete am Freitagnachmittag unter Anwesenheit von Regionalpoliter*innen und mit vielen Jugendlichen ein neues Jugendzentrum in einem sogenannten „Gemeindebau“ im 10. Bezirk. Als Gemeindebau wird in Österreich, speziell in Wien, ein Wohnblock des kommunalen sozialen Wohnungsbaus bezeichnet, der Anteil beträgt 25% vom allgemeinen Wohnungsbau. Die Häuser sind immer entsprechend gekennzeichnet, man findet also überall in der Stadt diese sozialen Wohnblöcke.

Um die Stadt weiter zu erschließen und eigenständig zu erkunden habe ich mir in dieser Woche selbstverständlich auch sehr viele historische Plätze und Gebäude angeschaut, z.B. das Belvedere, das Schloss Schönbrunn, die Hofburg… . Aber Wien hat auch eine neue moderne Seite, die allerdings noch nicht so lebendig wirkt, weil noch vieles gebaut wird und am Entstehen ist. Na gut, wie man so sagt: es ist für jede/n was dabei.

Ich wünsche allen Kolleg*innen in Berlin einen entspannten Feiertag und verbleibe mit den besten Grüßen und mit einem freundlichen: baba aus Wien
Birgit Bosse

28.09.2022

Hello everybody,

inzwischen habe ich die 3.Woche der Hospitation abgeschlossen. Jede Woche kommt mir wie das Kapitel eines Buches vor, nicht zuletzt, weil ich die Erlebnisse jeweils in einem Blog verarbeite. Diese Form der Vogelperspektive dient nicht nur als Wissenstransfer, sondern hilft mir auch zu reflektieren und zu integrieren, was ich gelernt und erfahren habe. Hier ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt nach den Ereignissen der letzten Wochen rund um die Causa Queen. Back to normal, wie es hier so schön heißt.

In dieser Woche habe ich wieder die Gelegenheit genutzt, neue Bereiche und Arbeitsfelder kennenzulernen. Auf der Agenda stand diesmal das „child in care“ Team und der Fachbereich „D-Bit“. Aber hierzu später. Vorher möchte ich noch von einem interessanten Meeting berichten, an dem ich teilnehmen konnte. Das sogenannte MACE-Meeting. Wofür dir Abkürzung steht, habe ich nicht herausgefunden, aber da es hier nur so von Abkürzungen wimmelt, habe ich aufgegeben, hinterher zu kommen. Wichtig ist ja nur zu wissen, um was für ein Meeting es sich inhaltlich handelt. Und das ist spannend und wiederum ein Ansatz, den ich nicht kenne. In diesem Meeting geht es um child exploitation. Also eine Ausbeutung von Kindern auf irgendeine Art. Allen Themen wird hier mit dem sogenannten „multi-agency-approach“ begegnet was sich in diesem Meeting mehr als widerspiegelt. Im MACE-Meeting werden Fälle vorgestellt und es werden Lösungsansätze bearbeitet. In einem Fall habe ich 25 geladene Teilnehmer gezählt! Es geht hier um junge Menschen, meistens Jugendliche, die ausgebeutet werden. Es kann sich hierbei um kriminelle oder sexuelle Ausbeutung handeln. Da es hier viel Bandenkriminalität gibt, ist das oft ein Thema. Auch sind die Jugendlichen selbst häufig abgängig und werden dann als „missing“ child geführt. Je nachdem, was das Thema ist, sind verschiedene Parteien involviert. Die Polizei ist aber eigentlich fast immer dabei. Teilnehmer sind daneben auch „child exploitation officer“, „safeguarding officer“ oder „missing co-ordinator“. Oftmals sind tatsächlich Leib und Leben der Jugendlichen in Gefahr, die Bedrohungen sind real. Dadurch, dass alle an einem Strang ziehen und der Informationsfluss sehr gut funktioniert, kann diesem ernsthaften Problem bestmöglich begegnet werden. Wenn Bedrohungen zu groß werden, wird auch schon mal eine ganze Familie umgesiedelt, um die Kinder zu schützen. Der multy-agency-Ansatz hat mich wirklich überzeugt.

Nun aber zum „child in care“-Team. Diesem Team sind Kinder zugeordnet, die stationär in der Jugendhilfe untergebracht sind. Wie schon vorher erwähnt, handelt es sich überwiegend um Unterbringungen in Pflegefamilien. Eigentlich ist das Prozedere ähnlich wie in Deutschland. Es gibt regelmäßig Hilfekonferenzen. Die Intervalle sind jedoch nach Altersgruppen eingeteilt. Für unter 5- jährige wird alle 3 Monate eine Konferenz abgehalten, für ältere Kinder alle 6 Monate. Außerdem werden die Kinder alle 4 Wochen in den Pflegefamilien besucht. Da das auch die Kollegen des Social Service machen, ist hier eine Fallzahl von höchstens 20 Fällen die Norm, meistens sind es weniger.

Im „D-Bit“ Team konnte ich daneben noch einen ambulanten Ansatz kennenlernen, der verhindern soll, dass Kinder stationär untergebracht werden müssen. In diesem Team arbeiten die Kollegen mit einem Lösungs-und Ressourcen orientierten Ansatz. Die Familie soll gestärkt werden, um eine Unterbringung zu vermeiden. Es scheint eine hohe Erfolgsquote seit Einführung des Ansatzes zu geben. Die stationären Unterbringungen sind zurück gegangen. Daneben gibt es im ambulanten Bereich noch sogenannte „support worker“. Eigentlich ähnelt die Arbeit der von Familienhelfern jedoch hat keiner der Mitarbeiter Sozialarbeit studiert.

In England wird die Qualität der Sozialarbeit regelmäßig von einer unabhängigen Agentur geprüft. Essex schneidet hier sehr gut ab mit seiner „outstanding performance“. Nicht zuletzt auch deshalb, weil hier Bindungsarbeit einen großen Stellenwert hat und auch andere Instrumente der Sozialarbeit erfolgreich implementiert sind. Das ist in England keine Selbstverständlichkeit. Deshalb fahren die Manager hier regelmäßig in andere Gegenden in UK und vermitteln ihren Ansatz und ihr Wissen weiter.
Insgesamt gibt es in England zu wenige „skilled Socialworker“, weshalb es ein Programm ins Leben gerufen wurde, indem Sozialarbeiter innerhalb kurzer Zeit einen Bachelor Degree erreichen können. Neu eingestelltes Personal, teilweise Quereinsteiger, bekommen ein 6-wöchiges Training, dürfen danach anfangen zu arbeiten und erreichen ihren Bachelor in Sozialarbeit nach einem Jahr Studium neben dem Job. Not macht erfinderisch.

Das Fazit der 3.Woche: Es bleibt spannend und ich bin froh, in Harlow, der westlichsten der insgesamt 4 Standorte, eingesetzt zu sein. Denn: Hier gibt es eine großes Gemeinschaftsgefühl, was sich auch in den eigens kreierten Slogans widerfindet: „West is the best“. Oder:“Simply the West“. Selbst auf den Kaffeetassen im Büro finden sich die Slogans wieder.
Zu Recht, wie ich finde!

So, jetzt geht es in die Endrunde, see you next week!

Johanna Scheller

Rathaus Wien

26.09.2022

Nach einer ziemlich entspannten Zugfahrt – ja ich muss sagen, die DB war wirklich rundherum sehr zuverlässig- bin ich am Samstagabend in der schönen Stadt Wien angekommen. Der Sonntag war dann ein guter Tag zur ersten Orientierung, zum Ankommen, zum Einstimmen in die Stadt. Ich konnte mir z.B. die Zeit nehmen, um die Wege zu meiner Dienststelle abzufahren.
Man möchte ja auf alle Fälle pünktlich sein, also ich möchte das.

Montag früh um 8 Uhr es dann so weit. Zunächst wurde ich im Rathaus vom Referenten der Gruppe Personalorganisation und –entwicklung und zuständig für internationalen Wissensaustausch –Magistratsdirektion (MD) sehr herzlich begrüßt und mit einem guten Kaffee (die Betonung liegt auf den beiden ee ) in Empfang genommen. Es folgten einige Formalitäten, u.a. die wichtigen Unterzeichnungen bezüglich des Datenschutzes. Danach ging es auch schon in die Wiener Kinder- und Jugendhilfe –Magistrat 11- (MA 11 Kanzlei WKJH-S 1/4/5). Dort arbeiten eine Leiterin, eine stellv. Leiterin (beide Sozialarbeiterinnen), dreizehn Sozialarbeiter*innen in der direkten Arbeit mit den Klient*innen, eine psychologische Beraterin, vier Kolleg*innen für die „mobile Arbeit mit Familien“ und ein Schulkooperationsteam zusammen. Unterstützt werden die Mitarbeiter*innen von zwei Kolleg*innen im Sekretariat und zwei Kolleg*innen für die Auskunft und von Auszubildenden verschiedener Professionen.

Ich wurde sehr freundlich erwartet. Gemeinsam mit meiner Ansprechpartnerin, entwickelte ich eine erste Orientierung und einen ersten Terminplan für die Woche. Dabei wurde bereits nach kurzer Zeit deutlich, dass ich auf Grund meines Aufgabengebietes der Koordinierung der Sozialraumorientierung und der damit verbundenen Schnittstellenaufgaben im Jugendamt ein sehr breit aufgestelltes Interessengebiet bearbeiten möchte. Deshalb werde ich bspsw an einer Krisensitzung teilnehmen, zum Tag der offenen Tür in einem „Mutter Kind Haus“ vorbeischauen, den Kontakt zu dem Verein Wiener Jugendzentren aufnehmen und mich zu Besuch bei zwei Familienzentren anmelden. Gleichzeitig hat die stellv. Leitung des MA 11 meine besonderen Interessen der Schnittstellen- und Gremienarbeit aufgenommen, so dass wir dahingehend in den kommenden Wochen aktiv sein können.

Außerdem fand dann noch ein Fototermin im Rathaus Wien statt. Daran nahmen insgesamt 20 Hospitat*innen teil, die z.Zt. in der Wiener Verwaltung tätig sind und aus den verschiedenen europäischen Ländern und aus unterschiedlichen Bundesländern kommen. Dabei lernte ich dann noch zwei nette Kolleginnen aus dem BA Mitte und aus dem BA Steglitz-Zehlendorf kennen, die in den jeweiligen Steuerungsdiensten der Bezirke arbeiten.
Ich sage nur: Vernetzung, Vernetzung.

In diesem Sinne verbleibe ich mit diesen ersten Eindrücken und einem freundlichen: Baba aus Wien

Birgit Bosse,

Lausanne

26.09.2022

Für meine Hospitation hat es mich nach Lausanne zur Fondation PROFA verschlagen, welche ähnliche Schwerpunkte wie unser Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung in Berlin hat. Nach der Ankunft in Genf konnte ich direkt bei der Zugfahrt nach Lausanne einen Blick auf den See erhaschen. Das ist schon toll, im Hintergrund immer eine Bergkulisse zu haben. Der nächste Tag war erstmal ein lokaler Feiertag, was ich nicht wusste, so hatte ich Zeit, die Region mit ihren Weinbergen zu erkunden und mich in meiner Unterkunft einzurichten.

Am ersten Arbeitstag wurde ich dann gleich in eine andere Stadt geschickt (Morges), wo ich sehr herzlich von einer Mitarbeiterin von PROFA empfangen wurde, welche auch Psychologin ist, allerdings nicht als Psychologin in der Beratungsstelle arbeitet. Das Team in Morges ist sehr klein und besteht nur aus wenigen Mitarbeiterinnen. In den Beratungsgesprächen ging es vor allem um STI/HIV, allgemeine Gesundheitsfragen, aber auch Kindererziehung u.ä. Leider fielen auch ein paar Termine aus, weil die Klienten nicht erschienen. Auf dem Heimweg habe ich einen Teil zu Fuß zurückgelegt, um den Sonnenuntergang am See und den Blick zu genießen und bin erst dann wieder in den Zug gestiegen. Am nächsten Tag war ich dann in Lausanne in der Zentrale, wo ich auch meinen bisherigen Ansprechpartner getroffen habe. Bei ihm habe ich dann einen Tag hospitiert und am nächsten Tag bei einer Kollegin von ihm. Alle sind sehr nett und offen. Die Beratungsthemen waren neben der STI-Beratung die Themen ungeplante Schwangerschaft sowie Notfallverhütung, wobei mehrmals jugendliche Mädchen zu PROFA kamen, um sich die „Pille danach“ zu holen. Diese bekommen sie nach einem Gespräch sofort vor Ort in der Beratungsstelle, wo sie diese auch einnehmen. 3 Wochen später findet dann ein Follow-Up inklusive Schwangerschaftstest statt. Die meisten Klient*innen wirken sehr aufgeklärt, informiert und gesundheitsbewusst. Interessant ist, dass sich die Aufgaben- und Verantwortungsbereiche teils anders aufteilen. Zum Beispiel sieht mein Anleiter Klienten aus der STI-Beratung auch mehrmals in Folge, wo es dann auch um Beziehungsthemen o.ä. geht. In der Test-Beratung werden sich auch viele Notizen gemacht und ein Standard-Fragenkatalog teilweise abgearbeitet, was einerseits der Statistik dient, andererseits auch als Info für Termine in der Zukunft, z.B. wenn jemand nächstes Jahr wieder zum Test kommt (egal ob mit echtem Namen oder anonym). Dabei wird z.B. der Beziehungsstatus erfragt, oder bei jüngeren Klient*innen auch die Beziehung zu den Eltern und die Wohnverhältnisse. Die Tests auf HIV und Syphilis werden direkt vor Ort per Schnelltest gemacht, was bei uns in Berlin anders ist. Auch machen die Klient*innen für die Tests auf andere STI ihre Abstriche selber. Das hat sich wohl während der Pandemie so etabliert. Während dem Warten auf die Schnelltestergebnisse füllen die Klient*innen noch einen längeren anonymen Fragebogen am Tablet aus und es gibt Zeit für weitere Fragen. Es arbeiten hier viele verschiedene Berufsgruppen als „conseiller/conseillère sexuelle“, wofür sie eine eigene Ausbildung mit längerer Hospitation gemacht haben: Sozialpädagoginnen, Krankenschwestern, Psychologen und sogar eine Komikerin. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Tests hier nicht kostenlos sind, sondern selbst bezahlt werden müssen, wobei es verschiedene Tarife gibt (u.a. Jugendtarif, Sozialtarif), sodass diese zwischen 0 und 180 Franken kosten. Insgesamt ist hier alles unglaublich teuer, egal ob öffentliche Verkehrsmittel, Einkäufe oder ein Kaffee, aber das ist eben die Schweiz.
Am letzten Tag habe ich in der Schule im Sexualkundeunterricht hospitiert (in Lausanne und Nyon). Dabei kann man hier wirklich von Unterricht sprechen, es wird betont, dass es sich um Unterricht wie jeder andere handelt, die Schüler sitzen diszipliniert an ihrem Platz (dürfen aber auch ihre Fragen anonym auf Zettel schreiben, wobei es kein Tabu gibt, alles wird besprochen und selbst die 10-jährigen kennen Begriffe wie LGBTIQA, Konsens, o.ä.). Den Bereich „éducation sexuelle“ machen hier bestimmte Mitarbeiterinnen von PROFA, welche nur für diesen Bereich zuständig sind und durch den ganzen Kanton reisen, um dort an Schulen zu gehen, auch in weiter entfernte Dörfer. Die französische Sprache ist hier auch ein wenig anders als in Frankreich, z.B. gibt es für die Zahlen teils andere Wörter: huitante statt quatre-vingt. Auch der Genfersee wird hier nicht etwa „lac de Genève“ genannt, sondern „lac léman“.

Am Wochenende war hier Lange Nacht der Museen, wobei ich die Stadt nochmal ein wenig mehr kennenlernen konnte und was sich bei dem Regenwetter, das leider seit gestern und für die nächsten Tage hier herrscht, gut angeboten hat. Dabei habe ich auch ein paar locals kennengelernt. Ich bin gespannt, was die nächste Woche so mit sich bringen wird!

A bientôt!

Fahrradweg

26.09.2022

Goede dag,

meine dritte Woche des Austauschprogramms „LoGoEurope“ ist gerade zu Ende gegangen, ich sitze bei einem Kaffee in meinem gemütlichen Chalet und schaue durch die großen Glastüren den Regentropfen beim Regnen zu…

In der vergangenen Woche habe ich einige Exkursionen zu interessanten Orten unternommen – glücklicherweise bei Sonnenschein – und habe mit besonderem Augenmerk auf Fahrradinfrastruktur, Knotenpunktgestaltung und Verkehrsberuhigungsmaßnahmen geachtet. Viele Anregungen konnte ich dabei sammeln und werde sie nach Berlin mitnehmen. Die hier geltenden Grundsätze, Verkehrsarten unterschiedlicher Geschwindigkeit und Masse voneinander räumlich oder zeitlich zu separieren, machen das Fortbewegen im Straßenverkehr sehr entspannt, für alle. Viele meiner deutschen KollegInnen meinen, die NiederländerInnen wären einfach per se entspannter, und deswegen funktioniere der Verkehr auch entspannter. Doch ich denke, es ist genau anders herum: Hier wird eine derartige Infrastruktur geschaffen, die das sorglose Fortbewegen erst möglich macht.

Durch geschicktes Planen und Managen des Verkehrs werden Konflikte nicht dem Individuum zugemutet, sondern schon vorher weitestgehend aufgelöst. Beispiel: Radwege werden grundsätzlich hinter Tankstellen entlanggeführt, so dass sich motorisierter Verkehr und Radverkehr erst gar nicht kreuzen. Währenddessen wird der Radweg in Deutschland üblicherweise exakt neben der Fahrbahn geführt, so dass Kfz sowohl beim Einfahren in die Tankstelle als auch beim Ausfahren den Radweg kreuzen, wodurch leicht Unfälle entstehen. Dasselbe gilt für Ampelkreuzungen: Die abbiegenden Kfz-Ströme haben in den Niederlanden in der Regel nicht gleichzeitig grün mit den geradeausfahrenden Fahrrad- und Fußgängerströmen. So wird der Abbiegekonflikt systematisch und nicht durch den einzelnen Verkehrsteilnehmenden gelöst. In Deutschland wird diesen Strömen in der Regel gleichzeitig grün gegeben. Das führt dazu, dass mit großer Zuverlässigkeit Zu-Fuß-Gehende und Radfahrende in Deutschland durch abbiegende Fahrzeuge erfasst und getötet werden. Für Radfahrende ist dieses Szenario Todesursache Nr. 1. Schon vor vielen Jahrzehnten haben die NiederländerInnen erkannt, dass diese Abbiegesituation viel zu komplex ist, um den Kfz-Führenden zuzumuten, auf die Vorfahrt der Radfahrenden und Zu-Fuß-Gehenden zu achten. Daher haben sie das Problem verkehrsorganisatorisch gelöst und die Komplexität für das Individuum reduziert.

Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie in den Niederlanden Bedingungen geschaffen werden, die das stressfreie freundliche Miteinander im Straßenverkehr ermöglichen. Meiner Meinung nach kann man den einzelnen Individuen in Berlin gar nicht die Schuld für das dort herrschenden hohe Stress- und Aggressionslevel geben. Ich denke –aus verschiedensten Gründen – hat es die Verkehrsverwaltung in den letzten Jahrzehnten versäumt, Konflikte durch organisatorische und bauliche Maßnahmen zu reduzieren, in vielen Fällen werden sogar Verkehrsarten konfliktreich bewusst miteinander verwoben (etwa Bushaltestellen auf Radwegen oder Fahrrad-Schutzstreifen mit rechts davon liegenden Park- oder Lieferbereichen) Hier kann Berlin noch sehr viel von den Niederlanden lernen um den Menschen ein besseres Miteinander möglich zu machen.
Passend zu dieser Thematik hatte ich Austausch mit der Leitung des Verkehrsmanagements der Stadt Utrecht und mit den Stadt-Ingenieuren. Wieder einmal beeindruckt mich die Arbeit und Fortschrittlichkeit sehr: Beispielsweise sind alle Ampelanlagen der Stadt (bis auf eine einzige) verkehrsabhängig geschaltet. Und dabei wird in der Regel – anders als in Deutschland – der Radverkehr frühzeitig schon vor dem Knoten durch induktionsschleifen detektiert. Gerade experimentiert Utrecht auch viel mit neuen Technologien. Zusätzlich zur Schleife wird beispielsweise an einigen Orten durch Kameras detektiert, um wie viele Radfahrende es sich handelt (durch eine Schleife kann man nicht eine Gruppe von einem einzelnen Radfahrenden unterscheiden). Oder mit Radar wird der Rückstau von Kfz überwacht, um die Ampel mit hoher Präzision und Qualität zu steuern.

Bei den Stadtingenieuren – die ein eigenes Department darstellen – habe ich mich über deren Arbeit und einige Projekte informiert. Besonders interessant: Durch die verschiedenen Disziplinen unter den Stadtingenieuren kann ein Bauprojekt vollständig durch In-House Arbeit realisiert werden. Es gibt Spezialisten für jede Fachrichtung, die dann, geführt durch den Projektmanager, gemeinsam an einem Vorhaben, beispielsweise die vollständige Sanierung einer Straße von Hauskante zu Hauskante, zusammenarbeiten. Jede Person ist Spezialist und hat einen konkret definierten Arbeitsbereich. Zusätzlich zum Projektmanagement, das eher technisch ist und bei den Ingenieuren liegt, gibt es auch die Position des Prozessmanagers oder der –managerin (auf Ebene des Departments mit den BeraterInnen), die zur Aufgabe hat, die vielen verschiedenen Ziele, die durch Agenda, politische Beschlüsse, Strategien, etc. bestehen, innerhalb des Projekts zu realisieren, die notwendigen Personen in das Projekt einzukaufen (ja, die Stadtingenieure müssen intern eingekauft werden!) und nicht zuletzt das notwendige Geld für ein Vorhaben aufzutreiben und die Planung der politischen Ebene vorzulegen und sich entsprechende Zustimmung einzuholen.

Nächste Woche begleite ich dann die Bauleitung und schaue mir live den Fortschritt bei einem 36 Mio. Euro Straßenumbauprojekt an, bei dem eine lange, ehemals vierstreifige Straße auf jeweils einen Streifen pro Richtung reduziert wird, um Platz zu schaffen für mehr Bäume, breitere Radwege, und mehr Platz für Fußverkehr.Ich werde auch davon berichten.

vriendelijke groeten

Jens Blume

Foto: Typische Szene aus Utrecht. Jugendliche radeln heiter und sorglos durch die Stadt – selbstverständlich nebeneinander, bei einer entspannten Unterhaltung, nicht selten Hand in Hand oder auf eine spezielle Art „untergehakt“

22.09.2022

Hi there, I’m back, jetzt geht es in die 2.Runde.
Die zweite Woche war mindestens genauso ereignisreich, wie die erste. Natürlich ist damit das Arbeitsumfeld gemeint, aber nicht nur. Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl in England zu sein, wenn die Identität der Engländer, die so eng mit der britischen Krone verbunden ist, ins Wanken gerät. Ganz Großbritannien trauert und ich muss sagen: Mich berührt es auch. Immerhin bin auch ich mit der Queen aufgewachsen. Es war ja gar nicht zu vermeiden. Komischerweise scheine ich ein Talent dafür zu haben, immer in den intimsten britischen Momenten vor Ort zu sein. Schon 2007 habe ich eine ähnliche Stimmung in London miterlebt: Damals hat England gegen Deutschland beim Fußball verloren. Wieder mal. Torkelnde, trauernde, weinende Männer auf leergefegten Straßen, das war damals das Stadtbild. Was für englische Männer der Fußball ist, ist für das weibliche Pedant die Krone. Das Ergebnis ist aber dasselbe: Eine Identitätskrise ungeahnten Ausmaßes. Dabei kennt man ja den Engländer nicht wirklich gefühlsnah. Nicht umsonst heißt es schließlich: stiff upper lip, also die steife Oberlippe. Naja, so ganz stimmt es eben doch nicht. Aber gut, nun mal zurück zur eigenen Identität, also zur beruflichen.

In dieser Woche konnte ich neben dem Family Support und Protection (FSP) Team noch Einblicke in weitere Bereiche erhalten. Im FSP Team bearbeiten die Kollegen ebenso schwere Fälle, wie im Assessment und Intervention Team. Der Unterschied ist, dass bereits eine Einschätzung zur Gefährdung erfolgt ist und es jetzt darum geht, die vermutete Kindeswohlgefährdung abzuwenden. Solange die Kindeseltern mitwirken und kooperativ sind, handelt es sich um eine Hilfe, die dem Level 3 zugeordnet wird. Wenn ein Kind auf dem sogenannten „child protection plan“ ist, gibt es viel zu beachten. Ob das Kind diese Zuordnung erhält, wird auf einem sogenannten „strategy meeting“, wieder mit ganz vielen unterschiedlichen Professionen, entschieden. Sobald das der Fall ist, wird ein strukturiertes Prozedere in Gang gesetzt. Nach einer fest vorgeschriebenen Anzahl von Tagen wird ein „initial child protection meeting“ einberufen. Das erste von mehreren im Abstand von 6 Wochen. Die Sitzung wird von einem unabhängigen Konferenzleiter moderiert, was einen neutralen Blick auf die Dinge gewährleisten soll. Der zuständige Sozialarbeiter ist also nur Teilnehmer, wie alle anderen auch. Diesmal sind auch die Eltern dabei. Es werden Sorgen formuliert und Ziele gesetzt, die es zu erreichen gilt. Ähnlich wie bei uns wird auch der Weg dahin, also die Handlungsschritte, definiert. Alle Beteiligten, auch die Eltern, geben am Ende eine Bewertung über das bestehende Risiko ab. Es werden Punkte von 1-10 vergeben. 1 ist das größtmögliche Risiko und bei 10 wäre das Problem gelöst. Auf den nächsten Konferenzen wird die Bewertung wiederholt. Zwischendurch finden alle 4 Wochen sogenannte „core-meetings“ statt. Alle Handlungsgrundlagen für diese Verfahrensweisen finden sich im childrens act von 1989 wieder. Dieses Gesetz wird regelmäßig überarbeitet. Immer dann, wenn ein Kind ernsthaft zu Schaden kommt, was leider auch hier passieren kann, findet eine Aufarbeitung in sogenannten „saveguarding practice reviews“ statt. Diese Reviews haben manchmal eine Änderung der Gesetzgebung zur Folge. In einem dieser Fälle wurde herausgefunden, dass die mangelnde Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Fachkräften maßgeblich am tragischen Verlauf Schuld waren, hier wurde nachgebessert. Der Gesetzgeber achtet daher inzwischen stark darauf, dass alle Professionen in regelmäßigem Austausch stehen.

Neben den vielen Meetings haben es die Kollegen in Harlow noch mit anderen zeitaufwändigen Umständen zu tun. Da die Verwaltung in Harlow für einen flächenmäßig sehr großen Landkreis zuständig ist, leben die Klienten teilweise sehr weit weg. Eine Stunde Fahrt für den einfachen Weg ist keine Seltenheit. Oft holen die Sozialarbeiter die Klienten sogar von Zuhause ab. Ein Service, der bei uns so nicht üblich ist. Aber es finden auch sehr häufig Hausbesuche statt. Im Kinderschutz ist hier auch die Anzahl der Besuche genau definiert und festgelegt. In jedem Kinderschutz-Meeting wird erneut entschieden, ob es sich weiter um einen Kinderschutzfall handelt. Wenn die Gefährdung weiterhin besteht und nicht abgewendet werden kann, wird, wie bei uns, das Gericht eingeschaltet. Wenn die Probleme weitestgehend gelöst werden konnten, wird die Familie vom protection plan genommen, Zugang zu freiwilligen Leistungen gibt es aber immer noch.

In dieser Woche habe ich noch etwas ganz Neues kennengelernt : Ich durfte an einem Funding-Meeting teilnehmen. Hier werden alle Ausgaben rund um die Familie beantragt. Während in Deutschland nur Kinder, die stationär untergebracht sind, Dinge wie Schul-, Fahr- oder Kleidergeld bekommen, kann in England im Social Services neben anderen Sozialleistungen, wie Universal Credit (vergleichbar mit Hartz 4), jedes Kind weitere Unterstützung erhalten. In den Meetings beantragt der zuständige Sozialarbeiter Leistungen für seine Klienten, er muss das aber gut begründen. Das können auch Essensgutscheine oder Haushaltsgegenstände sein. Durch die Energiekrise werden immer mehr Essensgutscheine beantragt. Ganz spannend, aber auch traurig war ein Tag, den ich im „Specialists Team“ begleiten durfte. In diesem Team liegt die Zuständigkeit bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Wie mir berichtet wurde, kommen immer mehr junge Menschen mit dem Boot in Kent im Süden Englands an. Die Jugendlichen werden dann im ganzen Land verteilt. Ausserdem liegt in Essex der Flughafen Stansted. Viele reisen auch auf dem Flugweg ein. Während meines Hospitationstages kam ein junger männlicher Flüchtling in Stansted an. Ich durfte die zuständige Kollegin und den Jugendlichen in die ausgewählte Unterkunft begleiten und habe auch am Aufnahmegespräch teilgenommen. Sehr praktisch ist, dass es eine sogenannte „Language-Line“ gibt. Braucht man einen Dolmetscher, ruft man die Nummer an und bekommt sofort einen Übersetzer für die benötigte Sprache. Der Übersetzer wird einfach per Telefon dazugeschaltet. Das ist super praktisch und vereinfacht diesen Prozess enorm! Wenn angenommen wird, daß der Jugendliche ein falsches Alter angegeben hat, findet ein sogenanntes „age assessment“ statt. Das machen hier die Sozialarbeiter mittels eines vorgegebenen Fragebogens und anhand von Beobachtungen. Glaubwürdigkeit ist hier das zentrale Thema. Was auch immer wieder ein Thema ist, ist das sogenannte „child trafficking“, also Kinderhandel. Leider gab es in dem Fall, den ich miterlebt habe, diese Vermutung. Eine wirklich traurige und für die Behörden fast unlösbare Geschichte.
Mein Fazit von der zweiten Woche: Die britischen Kollegen leisten unglaublich viel, haben viele Herausforderungen zu meistern und sind dabei doch sehr positiv, zuversichtlich und humorvoll. Es ist toll zu sehen, dass es auch hier Menschen gibt, die sich für andere einsetzen, die im prozesshaften und mit Bindungsarbeit versuchen, einen positiven Weg für Familien in Krisen zu ebnen, wie bei uns in Deutschland auch. Das allein reicht meiner Ansicht nach schon aus, eine gemeinsame Identität, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Die Menschlichkeit ist das bindende Glied, auch ohne Krone und den Fußball. Selbst der Brexit vermag das nicht zu verhindern.

So, nun aber genug für heute! Enough for today! To be continued next week….

God save the King and everyone else!

Viele Grüße
Johanna Scheller

137. Geburtstag der Maliebaan. Links: der ehrenamtliche Fietsbürgermeister Jelle Bakker, rechts die Bürgermeisterin für Mobilität, Lot van Hooijdonk, Mittte: ein Sammler von sehr alten Fahrrädern, der zur Feier des Tages ein funktionierendes Hochrad aus dem 19. Jahrhundert mitbrachte. Jeder der wollte, durfte drauf fahren!

19.09.2022

Guten Morgen aus Utrecht,

die letzte Woche verging wie im Flug. Höhepunkte waren zum Beispiel die Geburtstagsfeier des weltältesten Radwegs (der Radweg Maliebaan wurde 137 Jahre alt) oder eine Exkursion des Fietsberaad nach Maastricht. Der Fietsberaad ist ein Gremium im CROW, welche wiederum eine Stiftung ist, die ähnlich wie die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen in Deutschland (FGSV) Regelwerke und Empfehlungen für das Verkehrswesen schreibt. Fietsberaad ist dabei ein Arbeitskreis, der sich im speziellen um die Belange des Radverkehrs kümmert. Vertreten sind darin Verwaltung, Politik, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft.

In Maastricht wurden wir zunächst vom Bürgermeister begrüßt und haben wir uns anschließend per E-Bike aktuelle Projekte angeschaut. Interessant fand ich ein Projekt, welches zum Ziel hatte, ein besonders problematisches Viertel aufzuwerten. Eine vierstreifige Straße wurde dazu in einen doppelstöckigen Tunnel verlegt, so dass darüber Platz entstand für ein grünes Band aus Rad- und Fußwegen, hunderten neuen Bäumen und einer Erschließungsstraße mit Tempo 30. Die Lebensqualität der anliegenden Wohnbebauung hat sich nach Abschluss der Maßnahme drastisch durch die Lärm- und Schadstoffreduktion und das nunmehr angenehmere Umfeld erhöht. Aus Brandschutzgründen ist es hier übrigens nicht zulässig, die Tunneldecke von Autostraßen mit Gebäuden zu bebauen. Das macht die Refinanzierung solcher Projekte ein wenig schwieriger, da sich neu ausgewiesenes Bauland dann höchstens bis eng an die Tunneldeckengrenze erstrecken kann. Jedenfalls wurde aus einem Viertel, dass vor einiger Zeit zu den „40 problematischsten Vierteln der Niederlande“ gekürt wurde, zu einer begehrten Wohnadresse.

Weiter ging es mit den Rädern gen Stadtgrenze entlang eines neuen Radschnellwegs. Bezüglich der (Fahrrad-)Infrastruktur konnte ich die Unterschiede zwischen stark entwickelten Städten wie Amsterdam oder Utrecht und weniger entwickelten Regionen wie jener um Maastricht deutlich spüren. Die kleinen Kommunen im Umfeld von Maastricht waren sehr vergleichbar mit Deutschland. Hier gab es wie bei uns Tempo 30-Zonen, die gut mit 50 Km/h oder schneller befahrbar wären (es fehlten z.B. Aufpflasterungen, Drempel oder Schikanen vollständig) und auch gab es Landstraßen ohne separaten Radweg. Im Unterschied zu Deutschland ist die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen hier übrigens 80 Km/h. Es wurde berichtet, dass es hier – wie auch in Deutschland – schwierig sei, die auskömmliche Finanzierung für viele Vorhaben, die man eigentlich durchführen möchte, zu erhalten. Ich stellte daher die Frage, wie Utrecht den umfassenden Umbau des Gebiets im Stadtzentrum um den Hauptbahnhof finanziert hatte. Die Antwort lautete, man habe u.a. durch die Reduktion von Verkehrsflächen Bauland für Hochhäuser schaffen können, welches zu sehr hohen Preisen verkauft werden konnte. Eine interessante Idee. Weiterhin erfuhr ich, dass die Einnahmen aus den Kfz-Parkhäusern, den Parkscheinautomaten und den Parkausweisen für AnwohnerInnen in Utrecht direkt in die Finanzierung des Fahrradparkens fließen, welches allein monetär betrachtet, immer ein Zuschussgeschäft für Kommunen ist.

Zum Schluss der Exkursion wurde uns ein weiteres interessantes Projekt aus Maastricht vorgestellt, welches das Ziel hatte, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass man mit dem Abstellen seines Fahrrads nicht den Gehweg oder Bereiche für mobilitätseingeschränkte Menschen verstellt. Neben verschiedenen Kampagnenelementen gab es auch einen mobilen Parcours, den man mit Langstock und verbundenen Augen begehen konnte, um selbst zu fühlen, wie problematisch falsch abgestellte Fahrräder sein können. Bei den Kampagnen wird immer auf eine bessere Alternative hingewiesen, die kann zum Beispiel das nächste Fahrradparkhaus oder die nächste Nachbarschaftsgarage sein.

So verging die Woche mit Exkursionen, Besprechungen und einigen Einzelinterviews, die ich zu bestimmten Themen führte, um besser zu verstehen, wie die Stadtverwaltung genau arbeitet. In dieser Woche werden die Schwerpunkte auf den Themen Verkehrssicherheit und Verkehrsmanagement liegen, außerdem werde ich einen Kollegen in Rotterdam besuchen und mir von seiner Tätigkeit in der dortigen Stadtverwaltung berichten lassen.

Beste Grüße
Jens Blume

Bild: 137. Geburtstag der Maliebaan. Links: der ehrenamtliche Fietsbürgermeister Jelle Bakker, rechts die Bürgermeisterin für Mobilität, Lot van Hooijdonk, Mittte: ein Sammler von sehr alten Fahrrädern, der zur Feier des Tages ein funktionierendes Hochrad aus dem 19. Jahrhundert mitbrachte. Jeder der wollte, durfte drauf fahren!

The Queen

13.09.2022

Dear colleagues,

nach 2 Jahren Wartezeit aufgrund der Pandemie ist es endlich soweit: England ruft. Die Planung vorab war schon ein bisschen aufregend, gibt es doch einiges zu beachten nach dem Brexit. Nachdem mit viel Unterstützung und Recherche aller Beteiligten die Einreisemodalitäten geklärt sind, geht es Anfang September los in Richtung UK. Nach einem kurzen Flug und folgendem easy going Self-Check-In mit Reisepass und nettem Blick in die Kamera bin ich drin, im Land, das eigentlich draußen ist, zumindest aus der EU.
Mein Hospitationsziel Harlow steuere ich nicht sofort nach meiner Ankunft an. Vorerst checke ich in meinem, für unsere Verhältnisse, sündhaft teuren Airbnb ein. Hier bin ich Gast bei einer jungen Familie mit 2 Hunden und dem 6 Monate alten Baby Leo. Leo nenne ich heimlich den kleinen „Happy Baby Buddha“. Sehr genügsam, immer lächelnd, wenig laut: Ein Traumkind also. Ohne natürlich meine Sozialarbeiter-Maßstäbe anzusetzen. Der größere der beiden Hunde, Lara, ist ein Rescue -Hund, wer weiß, woher. Lara ist mal aus dem Fenster gestürzt, hat sich die Vorderbeine gebrochen, die dann schief wieder zusammen gewachsen sind. Ihrer Lebensfreude hat das keinen Abbruch getan. Aber genug von meiner Unterkunft, die, das sei noch erwähnt, sehr schön in der Nähe eines Flusses und beliebten Pubs liegt. Bei der Ankunft habe ich noch nicht geahnt, dass ich diese pristine Umgebung später sehr zu schätzen wissen würde. Denn: Harlow ist anders. Die Bewohner dieser Stadt in Essex sind eher unterprivilegiert, mit all den Problemen, die das mit sich bringt. Die Stadt ist erst nach dem zweiten Weltkrieg gebaut worden, mit dem Ziel, staatlich unterstützten Wohnraum für Familien zu schaffen, die sich Wohnraum auf dem ersten Wohnungsmarkt nicht leisten können.

Ich bin im Goodman House eingesetzt, das ist der Name des Gebäudes, indem die öffentliche Verwaltung untergebracht ist. Hier bin ich in der ersten Woche dem Assessment & Intervention Team des Jugendamtes, welches hier Social Services heißt, zugeordnet. Da Duty-Woche ist, d.h. das Team nimmt alle Meldungen entgegen und bearbeitet sie kurz nach deren Eingang, ist hier viel los. Die Bewohnerstruktur spiegelt sich in den Meldungen wieder. Es werden schwere Fälle von vermuteten Kindeswohlgefährdungen gemeldet. Bei den meisten Meldungen liegt die Vermutung ohne weitere Prüfung bereits nahe, dass es sich um eine Kindeswohlgefährdung handelt. Die Einschätzung und Indikatoren sind in etwa dieselben wie in Deutschland. Die Bearbeitung der Fälle läuft aber anders ab. Im englischen System ist die Einschätzung, die Verantwortung und die Sicherstellung des Kinderschutzes auf viele Schultern verteilt. An den Konferenzen nehmen alle beteiligten Professionen, die mit der Familie zu tun haben oder hatten, teil. Neu ist für mich, dass selbst die Polizei mit am Tisch sitzt und eine Einschätzung zum Kinderschutz abgibt. Auch Ärzte, Hebammen, Lehrer, Psychiater und andere Professionen sind geladen. Nicht selten sitzen 10 oder mehr Personen am Tisch oder tagen in hybrider Form. Die Entscheidung, ob der Fall im Kinderschutz geführt wird, treffen alle Beteiligten zusammen. Ebenso haben alle Professionen gleichermaßen die Verantwortung, den Kinderschutz sicherzustellen. Im besten Fall ziehen alle am gleichen Strang. Sozialarbeiter bearbeiten in Großbritannien viel weniger Fälle als in Deutschland, so etwa 10-15 sind es in meinem Team auf Zeit, dafür sind die Aufgaben aber umfassender. Viele Aufgaben, die bei uns an Träger ausgelagert sind, erledigen die Kollegen selbst. In Kinderschutzfällen ist klar festgelegt, wie oft die Familie besucht wird. Es gibt ein strukturiertes Ablaufschema und es erfolgt eine Triage, wie im Krankenhaus. Die Familie wird dann in Level 1, 2,3 oder 4 eingeteilt. Level 4 ist akuter Kinderschutz. Sozialarbeiter, die das Wächteramt ausüben, dürfen in Großbritannien, anders als in Deutschland, kein Kind Inobhut nehmen. Das ist der Polizei vorbehalten. Im akuten Kinderschutz wird eine Police Protection angestrebt. Letztendlich entscheidet aber die Polizei, ob sie das Kind aus der Familie nimmt, oder nicht. Fast alle Kinder, auch Jugendliche, werden, wenn möglich, in Pflegefamilien untergebracht, wenn eine Fremdunterbringung indiziert ist. Andere Unterbringungsformen sind nicht weit verbreitet. Vorab wird immer im familiären Umfeld geprüft, ob es Möglichkeiten innerhalb der Familie gibt. Sehr oft werden Familienräte vorgeschaltet, damit die Familie eine eigene Lösung finden kann. Gearbeitet wird in England in Großraumbüros. Kein Mitarbeiter, bis auf die Leitungskräfte, haben einen eigenen Platz. Im „Hotdesk-Prinzip“ wird jeden Tag von einem anderen Platz aus gearbeitet. War man auf einem Hausbesuch, kann es sein, dass der Platz von morgens weg ist. Festnetztelefone habe ich nirgends gesehen, jeder hat ein Mobiltelefon. Es gibt hier keine Akten mehr, schon seit Jahren. Das Equivalent zu unserem Programm Sopart heißt hier Mosaic. Alles, was in Papierform kommt, wird eingescannt. Braucht man einen Ausdruck, wird dieser nach Gebrauch geschreddert. Aufgrund von Datenschutzrichtlinien werde ich hier keine Fallkonstellationen schildern. Nur soviel: Die erste Woche war interessant und aufregend, aber auch sehr anstrengend. Ich konnte an einigen Konferenzen teilnehmen und war auch mit auf verschiedenen Hausbesuchen. Die Kollegen sind sehr freundlich und verhalten sich sehr kollegial. Harlow County Council ist als sehr guter Arbeitgeber bekannt und alle, mit denen ich gesprochen habe, arbeiten gerne hier. Dennoch sind alle sehr beschäftigt. Ich werde, so gut es geht, eingebunden in Prozesse und lerne viel Neues kennen, was spannend ist. Insgesamt ein guter Start!

In der zweiten Woche hospitiere ich in einem anderen Team, dem „Family Support und Protection“ Team. In diesem Bereich werden Fälle bearbeitet, die im Kinderschutz angesiedelt sind und die Kindeseltern zur Mitarbeit bereit sind. Hierüber werde ich nächste Woche berichten.

And by the way: Natürlich bin ich am Wochenende nach London gefahren, habe der Queen Tribut gezollt und vor dem Kensington Palace eine Schweigeminute eingelegt. Vielleicht schaffe ich es nächste Woche auch zum Buckingham Palace. Rest in Peace.

Bis nächste Woche,
Johanna Scheller

Bahnhof Utrecht

Bahnhof Utrecht

12.09.2022

Hallo allemaal!

Ich bin nun seit ein paar Tagen in der Stadt Utrecht und hospitiere im Referat für Mobilität. Die Begrüßung und Aufnahme waren herzlich. Gleich am ersten Tag wurde ich mit allen notwendigen Berechtigungen ausgestattet, um das zentral gelegene Rathaus direkt über dem Hauptbahnhof mit allen zugehörigen Einrichtungen nutzen zu können. Auch habe ich gleich eine persönliche Mailadresse mit Zugang zum Intranet erhalten, um leicht mit dem Team kommunizieren zu können.
Anders als gewohnt, gibt es hier im Rathaus ein „offenes Konzept“. Man sitzt und arbeitet, wo man gerade möchte: Ob im 16. Stock mit Blick bis Amsterdam, im 11. Stock an der Bar oder an den unzähligen anderen Orten. Für jede Gelegenheit gibt es das Passende: Orte für gemeinsame Besprechungen, ruhige Bereiche, Bereiche mit Doppelbildschirmen, gemütliche Sessel, geschlossene Besprechungsräume, Fokusräume, Sofas, etc.

In der ersten Woche geht es viel um Fahrradparkhäuser, da dieses Thema Teil meiner Mission ist. Ich besuche verschiedene Fahrrad-Tiefgaragen, erhalte Einblick in Betreiberkonzepte, Einblick in Bau- und Operationskosten und technische Details. Das Team selbst arbeitet intensiv an der Ausweitung von Fahrrad-Abstellanlagen, da es die Aufgabe hat, in den kommenden Jahren 11.000 weitere Abstellplätze in Fahrradgaragen zu errichten. Dafür werden neue Standorte gesucht und bestehende Standorte erweitert. Der Platz in der Innenstadt ist sehr begrenzt, daher ist es nicht selten, dass Autoparkplätze zu Gunsten von Fahrradparkplätzen entfallen müssen. Bei einem Außentermin geht es genau darum: Kann eine Kfz-Tiefgarage ca. 1600 m² entbehren, mit denen man direkt nebenan liegende Fahrradgarage erweitern könnte? Es liegt auf der Hand, ist aber nicht ganz einfach: Es gibt Verträge mit einzelnen Nutzenden und Abmachungen aufgrund der Bauverordnung, dass ein bestimmter Teil der Autoparkplätze für ein neu zu entwickelndes Grundstück zur Verfügung steht. Am Ende der Besprechung ist klar: Ca 25 % der Auto-Tiefgarage kann einer anderen Nutzung zugeführt werden. Das ist ein gutes Ergebnis, mit dem alle zufrieden sind. Die Stimmung und Atmosphäre untereinander bei solchen Besprechungen ist gut, wenig emotional und zielgerichtet. Es wird sogar gelacht! Auf meine Frage, wie stark interne Konflikte präsent sind, erhalte ich eine überraschende Antwort: Allgemein gibt es keine harten Konflikte oder verfeindete Abteilungen. Man fühlt sich als Team, das zum Wohle der Stadt zusammenarbeitet und sich gegenseitig bei der Erreichung der Ziele unterstützt. Konfliktreicher sei es auf Ebene der nationalen Regierung, wo die verschiedenen Ministerien untereinander die ein oder andere Meinungsverschiedenheit hätten. Möglicherweise läuft es auch so harmonisch, da die Politik klare Ziele vorgibt: Jährlich sollen 1 % der Kfz-Parkplätze im öffentlichen Raum entfallen und durch Spielplätze, Begrünung, Fußverkehr und Fahrradabstellanlagen ersetzt werden. Dieses Ziel hat zur Konsequenz, dass nicht über jeden einzelnen Parkplatz gestritten wird und die Verwaltung im Zweifel auf die politischen Beschlüsse verweisen kann. Außerdem ist Partizipation hier gesetzlich vorgeschrieben: Jede größere Planung bedarf einer Beteiligung. Das Handeln der Verwaltung ist also sehr transparent und von der Bevölkerung getragen.
Manchmal gibt es sogar ein Referendum, wie zum Beispiel für die Umgestaltung des zentralen Bereichs um den Hauptbahnhof. Entschieden haben sich die BewohnerInnen für einen Plan, der das Wasser in den zentralen Kanal zurückholt und die dortige Autobahn, die in den 60ern geplant worden war, wieder zurückbaut. Dieser Kanal wurde vor zwei Jahren wiedereröffnet und mit Wasser geflutet. Da Corona bislang eine große Einweihungs-Party verhinderte, wird diese just an diesem Wochenende nachgeholt. In der ganzen Altstadt sind Bühnen aufgebaut, es gibt ein großes kulturelles Programm, viel Musik und lange Nächte. Das Wochenendprogramm ist also gesichert…

Damit verabschiede ich mich bis zur nächsten Woche und verweise auf twitter (@jens_blume), wo ihr täglich einige persönliche fotografische Eindrücke meines Aufenthalts findet.

Vriendelijke groeten
Jens Blume