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Protokoll der 2. Sitzung vom 10.12.2018

Zweite Sitzung des Runden Tisches Sexarbeit

Am 10.12.2018, 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Im Rathaus Schöneberg, Louise-Schroeder-Saal

Themenschwerpunkt: Gesundheit

Tagesordnung

TOP 1: Eröffnung der Sitzung

Die Moderatorin, Frau Dipl. Soz. Elfriede Steffan, begrüßt die anwesenden Teilnehmer_innen.
Frau Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und Frau Staatssekretärin Barbara König begrüßen ebenfalls die Anwesenden.

TOP 2: Verabschiedung Protokoll und Selbstverständnis & Klärung offene Fragen

Frau Staatssekretärin Barbara König stellt den aktualisierten Entwurf des Selbstverständnisses vor. Änderungs- bzw. Ergänzungswünsche zum Selbstverständnis, die in der konstituierenden Sitzung durch Teilnehmende geäußert wurden, sind eingearbeitet worden. Das Selbstverständnis wird in der aktualisierten Form von allen Teilnehmenden einstimmig verabschiedet.

Das bereits im Vorfeld versendete Protokoll wurde ebenfalls ohne Änderungen angenommen.

TOP 3: Einführung in die Tagesordnung

Frau Staatssekretärin Barbara König stellt nach einer kurzen Einführung in die Tagesordnung die Tischvorlage „Gesundheitsangebote in Berlin“ vor.

TOP 4: Kurze Inputs zum Themenbereich „Gesundheit“

Herr Backes, SenGPG
  • Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung fördert sowohl die fünf Standorte der Zentren für sexuelle Gesundheit und Familienplanung als auch gemeinnützige Träger in Berlin.
  • Die Zentren für sexuelle Gesundheit und Familienplanung haben unter anderem durch aufsuchende Arbeit in Betriebsstätten einen Zugang zur Zielgruppe der Sexarbeitenden. Die Standorte der Zentren arbeiten nach dem 2001 in Kraft getretenen Infektionsschutzgesetz, das freiwillige Angebote und Beratung im Bereich HIV/Aids und sexuell übertragbarer Infektionen vorsieht.
  • Die drei durch SenGPG geförderten Projekte (Hydra, Frauentreff Olga und subway/smart-Berlin) werden ebenfalls im Bereich der Gesundheit gefördert und bieten dort unterschiedliche Angebote an. Anlässlich des Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG) wurden die Mittel in diesem Bereich aufgestockt.
  • Herausforderungen ergeben sich in folgenden Bereichen:
    • „neue Zielgruppe“ der Personen, die sich nicht nach ProstSchG anmelden
    • Möglichkeit der Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP)
    • Gesundheitliche Versorgung der Menschen ohne Papiere, Deutschland steht hier im europäischen Vergleich schlecht da
    • Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden
Frau Otto, Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung
  • Es existieren in Berlin fünf Standorte der Zentren in den Bezirken Charlottenburg- Wilmersdorf, Friedrichshain- Kreuzberg, Marzahn- Hellersdorf, Mitte und Steglitz- Zehlendorf mit multiprofessionellen Teams
  • Hier gibt es überregionale Angebote für die Allgemeinbevölkerung und somit auch für Sexarbeiter_innen und Freier, die freiwillig, teilweise anonym und kostenlos sind.
  • In der Arbeitsgemeinschaft „Gesunder Kunde“ wird in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern „Freier“-Arbeit gemacht, vor allem Aktionen im öffentlichen Raum mit direkter Ansprache von potenziellen Freiern.
  • Herausforderungen ergeben sich in folgenden Bereichen:
    • Verunsicherung und Unterscheidung der Angebote der Zentren und der gesundheitlichen Beratung im Kontext des ProstSchG: Vertrauensverlust und Aufklärungsbedarf
    • Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden, durch neue Gesetzeslage verschärft
    • Erreichbarkeit der Sexarbeitenden für Zentren stark erschwert, da viele Betriebsstätten schließen
    • Problematik der sozialen Absicherung (Obdachlosigkeit, fehlende Krankenversicherung, etc.)
    • Akzeptanz der bestehenden Angebote
Frau Dr. Bärwolff und Frau Hackethal, Gesundheitsamt Tempelhof-Schöneberg und Gesundheitsberatung nach § 10 ProstSchG
  • Die gesundheitliche Beratung nach § 10 ProstSchG, die eine Voraussetzung für die Anmeldung nach ProstSchG ist, arbeitet aktuell mit fünf Sozialarbeiterinnen und einer medizinischen Fachkraft im Rathaus Schöneberg. Anfang 2019 wird die Personalsituation noch einmal aufgestockt.
  • Zum Stand 30.11.2018 wurden 983 Termine vereinbart, 246 Termine wurden nicht wahrgenommen und 737 Beratungen durchgeführt. Aktuell beträgt die Wartezeit für einen Termin ca. zwei Monate.
  • Die Beratung erfolgt anonym und unter vier Augen, im Bereich der gesundheitlichen Beratung werden keine Daten gespeichert. Bei Verlust der Karte, die die Gesundheitsberatung nachweist, muss die Beratung demzufolge wiederholt werden.
  • Zur Sprachmittlung werden Telefondolmetschdienste eingesetzt, damit wurden gute Erfahrungen gemacht.
  • In Zukunft sollen noch weitere Informationsmaterialien, z.B. für Analphabet_innen, entwickelt werden. Außerdem ist ein FAQ für die Homepage geplant, auf der häufig gestellte Fragen gesammelt und beantwortet werden.
  • Das Beratungsteam freut sich über Feedback zu den Beratungen, Hinweise zu weiteren Inhalten, etc.
  • In einer anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass es im Gremium unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, ob Prostituierte Begleitpersonen zur Gesundheitsberatung und Anmeldung nach ProstSchG mitnehmen dürfen.
Frau Rademacher, Deutsche Aidshilfe
  • In Berlin existiert eine räumliche Trennung zwischen der verpflichtenden Gesundheitsberatung nach ProstSchG und den freiwilligen Angeboten der Zentren für sexuelle Gesundheit und Familienplanung, dies ist positiv hervorzuheben. Weiterhin sind alle Anlaufstellen für Sexarbeitende nach dem ProstSchG unter einem Dach und kostenlos, was ebenfalls positiv hervorzuheben ist.
  • Aus Sicht der Deutschen Aidshilfe tragen verpflichtende Informationen und Beratungen allerdings nicht dazu bei, das Risiko für sexuell übertragbare Infektionen zu reduzieren. Hier wäre nur eine Verbesserung der prekären Lebensbedingungen der Sexarbeitenden hilfreich.
  • Wichtig ist auch, dass das Personal in den verpflichtenden Angeboten gut geschult ist und mit den vielfältigen Lebensrealitäten in der Sexarbeit vertraut. Ein akzeptierender und vorurteilsfreier Ansatz ist dabei von zentraler Bedeutung.
  • Ein weiterer Fokus sollte auf die Zugänglichkeit der Informationen und Angebote in Bezug auf Kultursensibilität und Sprachbarrieren gelegt werden. Hier geht es sowohl um Personen, die nicht Deutsch sprechen als auch Personen, die nicht gut oder gar nicht lesen und schreiben können. Deshalb sollte immer auf Mehrsprachigkeit und Leichte Sprache geachtet werden.
  • Als zentrale Handlungsempfehlung wird die Stärkung von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Professionalisierung von Sexarbeiter_innen als wichtigster Weg zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes durch eine adressatengerechte Information, Aufklärung und Beratung genannt.
  • Eine weitere Maßnahme wäre für die Beratung nach §10 ProstSchG eine vorherige Abfrage einzuführen, um – vor allem bei den wiederkehrenden Gesprächen – Themen zu vermeiden, über die die Person bereits gut informiert ist und damit die Beratungszeit zu verkürzen.
Frau Wiegratz, Hydra e.V.
  • Im Zuge der Gesetzesänderungen durch das ProstSchG sind in der Praxis der Beratungsstelle bereits zu beobachten, dass es vermehrt andere und neue Formen von Ausbeutung und Gewalt gibt. Außerdem ist durch das Gesetz die „neue Zielgruppe“ der nicht nach ProstSchG angemeldeten Sexarbeitenden entstanden. Sowohl für diese als auch für die angemeldeten Sexarbeitenden ist allerdings ein Vertrauensverlust zu beobachten und neue Strategien der Zugänge mit erneutem Vertrauensaufbau sind nötig geworden.
  • Es zeichnen sich schon verschiedene Beschwerden und Problematiken im Zusammenhang mit dem ProstSchG ab. Durch die Pflichtberatungen sinkt das Interesse an einem weiteren Kontakt mit der zuständigen Fachberatungsstelle Hydra. Die Sexarbeitenden fühlen sich mit Informationen überschüttet und mit zu vielen Akteuren konfrontiert.
  • Außerdem führt das Gesetz zu vereinzelter Arbeitsweise von Sexarbeitenden, verschlechtert damit den Zugang durch die aufsuchende Arbeit und macht Sexarbeitende anfälliger für Gewalt bei der Ausübung der sexuellen Dienstleistung.
  • Hydra entwickelt hier als Beratungsstelle gerade neue Möglichkeiten der Zugänge, beispielsweise über den Aufbau einer Online Beratung (Beranet) und aufsuchende Arbeit im Onlinebereich. Das Ziel ist hierbei vor allem, dass alle Sexarbeitende Strategien zum besseren Schutzverhalten entwickeln.
  • Außerdem gibt es eine Erweiterung der Peer-Arbeit bei Hydra durch den Aufbau von Fokusgruppen und Treffpunktangeboten im „Hydra Café“ in der Hermannstr. 18. Dort können sich Sexarbeitende vernetzen, austauschen Strategien und Empowerment entwickeln, damit sie unter den veränderten Bedingungen gut arbeiten und für ihre psychische und physische Gesundheit sorgen können.
  • Gerade im Bereich der psychischen Gesundheit werden allerdings noch mehr Angebote benötigt.

TOP 5: Diskussion in der großen Runde und Festlegung von Handlungsempfehlungen

Die Teilnehmenden diskutieren ausführlich über die bereits in den Inputs genannten und weitergehende Herausforderungen im Bereich Gesundheit.
Zentrale Themen sind dabei vor allem auch die Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden, die oft ein Outing und damit auch die Zugänge zu Beratung und Versorgung erschweren. Niedrigschwellige Angebote, die als Zielgruppe vor allem die am meisten marginalisierten Sexarbeitenden in den Blick nehmen und dabei möglichst mehrsprachig und barrierearm sind, werden hier als wichtige Herausforderung genannt.
Ein Fazit ist aber auch, dass die Angebote im Gesundheitsbereich in Berlin bereits gut ausgebaut sind.

Die gemeinsam erarbeiteten Handlungsempfehlungen werden hier nur stichpunktartig aufgeführt, eine tiefergehende Erläuterung erfolgt in einem separaten Dokument.

Handlungsempfehlungen des Runden Tisches Sexarbeit zum Thema „Gesundheit“:

  • Öffentlichkeitsarbeit/Erreichbarkeit von Sexarbeitenden (mit oder ohne Anmeldung nach ProstSchG)
    • Stärkung von Peer-to-Peer-Angeboten
    • Stärkerer Fokus auf Informationen & Angeboten im Internet, z.B. Zugang zu den Zielgruppen über Online-Portale wie BerlinIntim
    • Organigramm mit den wichtigsten Adressen und Anlaufstellen zu gesundheitlichen Fragestellungen online und in verschiedenen Sprachen (inkl. leichter Sprache) zur Verfügung stellen
    • Bereitstellung non-verbaler Medien – Zugang für Sexarbeitende, die nicht lesen oder schreiben können
  • Zugang zur Krankenversicherung und weiterführenden Gesundheitsangeboten (z.B. PrEP)
    • Erweiterung der Angebote im Bereich der psychischen Gesundheit
    • Checkpoint BLN für alle Sexarbeitenden öffnen
  • Einrichtung einer Beschwerdestelle im Kontext des ProstSchG
  • Antistigma-Arbeit
    • Implementierung eines Modellprojekts „Roter Stöckelschuh“ in Berlin

TOP 6: Festlegung des Themas für die nächste Sitzung

Frau Bezirksbürgermeisterin Schöttler stellt die Themen für die nächste Sitzung des Runden Tisches im März 2019 vor: Es soll um Straßenprostitution und Betriebsstätten gehen, wobei es bereits Vorarbeiten durch die Unterarbeitsgruppe „Straßenprostitution“ und den bei SenGPG schon länger bestehenden Arbeitskreis Betriebsstätten gibt.

Frau Schöttler ruft die Teilnehmenden dazu auf, eigene Anregungen zu den beiden Themen oder auch weitere Themenwünsche an die zuständigen Referentinnen Frau Vivien Mehlig (SenGPG) und Frau Sarah Stöckigt (Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg) zu schicken. Die beiden Referentinnen bereiten basierend auf diesen Anregungen und Hinweisen die kommenden Sitzungen inhaltlich vor.

Die nächste Sitzung des Runden Tisches findet am 06. März 2019 statt.

Download des Protokolls als PDF

Protokoll RT Sexarbeit 10.12.2018

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PDF-Dokument (266.9 kB) - Stand: April 2019