K, 1935 in Dresden geboren, legt 1952 sein Abitur ab, studiert und promoviert anschließend am Institut für Theoretische Physik der Technischen Hochschule Dresden und geht 1960 für vier Jahre an das Vereinigte Institut für Kernforschung in Dubna (damals UdSSR). Ab Mitte der 1960er Jahre arbeitet er am Institut für Hochenergiephysik in Berlin-Zeuthen, wo er mehrere Jahrzehnte ein Kollege von Friebels Vater ist. Die erhaltene Korrespondenz begleitet diesen Weg vom Ende der Schulzeit über das Studium bis in die ersten Berufsjahre. In den Briefen verschränken sich fast beiläufig Alltag, Freundschaften und Fotografie mit Fragen nach Freiheit und Verantwortung sowie den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit.
In ihrer künstlerischen Umsetzung geht es Friebel weniger um die Rekonstruktion einer Biografie als um die Frage, wie sich Vergangenheit über ihre materiellen und sprachlichen Spuren erschließt. Die großformatigen Fotografien zeigen extreme Ausschnitte der erhaltenen Dokumente: Faltungen, Risse und Klebespuren, durchschlagende Satzzeichen, Linien oder Papierfasern. Durch die starke Vergrößerung lösen sich die Details aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und erscheinen als abstrakt anmutende Bildräume, in denen erst auf den zweiten Blick ihre Herkunft erkennbar wird. Selbst die Kanten übereinander gestapelter Schreiben erscheinen als horizontale Schichtungen – wie ein Sediment, in dem sich Geschriebenes und Zeit abgelagert haben.
Den Fotografien stellt Friebel Textfragmente aus den Briefen gegenüber. Auch hier arbeitet die Künstlerin mit dem Prinzip des Ausschnitts. Aus längeren Korrespondenzen herausgelöst, öffnen sich die Gedanken für neue, auch gegenwärtig relevante Lesarten – etwa wenn K 1959 notiert: „Und ist uns nicht Entscheidungsfreiheit möglich, oder wenigstens der Glaube daran? […] Sind wir vielleicht dort besonders gebunden, wo wir ganz frei zu sein meinen?“
In der typografischen Neusetzung treten Handschrift, Schreibmaschine und gealtertes Papier zurück; die historischen Texte erscheinen in einer gegenwärtigen Form. Daten, Absender, Empfänger und Orte bleiben erhalten und markieren die Bewegung der Korrespondenz zwischen Menschen und geografischen Räumen. Während die Worte durchaus innere Bilder und Vorstellungen hervorrufen können, entziehen sich die Fotografien größtenteils einer eindeutigen Lesbarkeit.
In „Silberstreif” treffen beide Ebenen aufeinander: das in den Briefen überlieferte Denken und die fotografische Betrachtung ihrer materiellen Spuren. Zwischen dem, was sich lesen lässt, und dem, was sichtbar wird, öffnet sich ein Blick auf die Vergangenheit, die zugleich Fragen an die Gegenwart stellt.
Daniela Friebel (geboren 1975 in Berlin) studierte Sprach- und Literaturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Fotografie und Bildende Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit den Bedingungen von Bildwahrnehmung und der Frage, wie Bilder durch Erfahrungen, Erwartungen, Kontext und Perspektive ihre Bedeutung erhalten. 2025 erhielt sie den Förderpreis des Lotto Brandenburg Kunstpreises Fotografie, 2018 das Fotoarbeitsstipendium des Haus am Kleistpark, 2021 und 2023 war sie für den Kunstpreis Haus am Kleistpark nominiert.