Die Babybegrüßerin

Giovanna Aceves Vivanco

Jede Familie, die in Berlin ein Baby bekommt, erhält in den ersten Lebenswochen ein Besuchsangebot von einer Sozialarbeiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes (KJGD). Dieses Angebot des Gesundheitsamtes, das es in vielen anderen deutschen Bundesländern in dieser Form nicht gibt, ist Teil der Präventionsarbeit und Frühen Hilfen.

Die Hausbesuche sind ein allgemeines Unterstützungsangebot für alle Eltern mit Neugeborenen. Die Sozialarbeiterinnen – es ist ein reines Frauenteam – werden vom Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO) über Geburten von im Bezirk wohnhaften Säuglingen informiert und schreiben dann den Eltern des Babys. Handelt es sich um das erste Kind einer Familie, bieten die Kolleginnen einen Termin für einen Hausbesuch an. Sofern dieser Termin von den Eltern nicht abgelehnt oder verschoben wird, kommen die Kolleginnen zu Hause für einen Erstkontakt und ein Beratungsgespräch vorbei. Bei weiteren Geburten von jüngeren Geschwistern melden sich die Sozialarbeiterinnen bei den Familien und weisen erneut auf das Beratungsangebot hin. Eine Verpflichtung, das Angebot eines Hausbesuchs anzunehmen, besteht nicht. Der Großteil der Familien im Bezirk meldet sich aber auf die Schreiben zurück oder nimmt das Beratungsangebot in den eigene vier Wänden wahr.

Baby in der Wiege

Selbst beim Ersthausbesuch angeworben

Eine der Mitarbeiterinnen aus dem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, die in unserem Bezirk die Familien besucht, ist Giovanna Aceves Vivanco. Sie ist Teil des sozialpädagogischen Dienstes im KJGD. Die Sozialarbeiterin ist seit 2017 im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg beschäftigt. Sie hat in den vergangenen Jahren sowohl am Standort des Gesundheitsamtes in der Urbanstraße gearbeitet, als auch an ihrem jetzigen Arbeitsplatz im Rathaus Friedrichshain an der Frankfurter Allee. Den ersten Kontakt mit ihrem jetzigen Team hatte sie vor fast 16 Jahren, nachdem sie ihr erstes Kind bekommen hatte, und selbst Besuch von einer Sozialarbeiterin bekam. Damals befand sich die ausgebildete Erzieherin im Studium der Sozialen Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule und kam darüber ins Gespräch mit der Mitarbeiterin vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. „Wir waren uns sofort sympathisch, haben uns über die Arbeit unterhalten und sind in Kontakt geblieben.“

Viele Jahre später bewarb sich Giovanna Aceves Vivanco dann auf eine ausgeschriebene Stelle im Bereich. „Da ich selbst drei Kindern habe, ist der öffentliche Dienst für mich der optimale Arbeitgeber.“ Sie habe aber selbst erstmal ein paar Vorurteile zum öffentlichen Dienst und seinen Beschäftigten abbauen müssen. So wie viele Menschen hatte sie die Vorstellung, dass Prozesse im Amt sehr lange dauerten, es Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen an Freundlichkeit mangele und die öffentliche Verwaltung insgesamt hochbürokratisch und veraltet sei. „Gerade der öffentliche Dienst in Berlin hat einen sehr speziellen Ruf. Mit den Sozialarbeiterinnen habe ich aber unglaublich gute Erfahrungen gemacht – vor meiner Einstellung und auch jetzt in der täglichen Arbeit. Ich finde, das ist eine sehr schöne Arbeit, die wir machen. Mit unserem Ansatz und unseren Aufgaben kann ich mich sehr gut identifizieren.“

Bevor sie ins Gesundheitsamt wechselte, arbeitete sie als Erzieherin in der Jugendhilfe und als Sozialarbeiterin beim Verein Wildwasser, der sich an Mädchen und Frauen wendet, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Aber auch für das Bezirksamt war sie vor vielen Jahren bereits im Einsatz – als Stadt- und Kiezführerin in Kreuzberg für das bezirkseigene FHXB Museum.

Die 41-Jährige ist selbst Kreuzbergerin. Sie ist im damaligen Kreuzberg 36 aufgewachsen und wohnt bis heute mit ihrer Familie in ihrem Heimatstadtteil. „Selbst Kreuzbergerin zu sein, ist manchmal ganz praktisch, weil ich bestimmte Besonderheiten hier im Bezirk gut verstehen kann.“

Babyfüße

Kontaktaufbau in einer sensiblen Lebensphase

Aus Sicht von Giovanna Aceves Vivanco ist es sinnvoll, den Kontakt zu Eltern in der sensiblen Zeit kurz nach der Geburt ihres Kindes zu suchen. So entstehe ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Sozialarbeiterinnen des KJGD.
Gemeinsam mit elf Kolleginnen, die auf die beiden Standorte in Friedrichshain und Kreuzberg aufgeteilt sind, kümmert sich die Sozialarbeiterin um Frühe Hilfen für Familien und die Hausbesuche von Familien mit Neugeborenen. Frühe Hilfen gibt es in Berlin und den anderen Bundesländern seit 2013. Darunter fallen niedrigschwellige Angebote und Maßnahmen, zu denen alle Menschen ohne Anträge oder Barrieren freiwillig und mehrsprachig Zugang haben. Giovanna Aceves Vivanco und ihre Kolleginnen sprechen mehrheitlich Englisch und setzen diese Fremdsprachenkenntnisse auch bei Hausbesuchen ein, bei denen die Familien kein Deutsch sprechen. Gibt es dennoch keine Möglichkeit der Verständigung, wird ein neuer Termin vereinbart, bei dem die Sozialarbeiterin von einer Dolmetscherin begleitet wird. Hierzu kooperiert der Fachbereich auch mit den Integrationslotsen und den Stadtteilmüttern. „Oft ist das aber gar nicht nötig, weil sich die Familien selbst gut auf unseren Besuch vorbereiten und häufig jemand aus der Familie oder dem Bekanntenkreis zum Übersetzen da ist oder telefonisch zugeschaltet wird.“

schlafendes Baby

Aufsuchende Elternarbeit

Pro Monat ist sie zu 20 bis 25 Hausbesuchen unterwegs, entweder mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. Da die Geburtenzahlen berlinweit sinken, hat auch die Zahl der absolvierten Ersthausbesuche der Sozialarbeiterinnen abgenommen. „Vor Corona, also in den Jahren von 2017 bis 2019 waren wir noch deutlich mehr unterwegs“, erinnert sich die 41-Jährige. Im Jahr 2023 sind die Geburten im Bezirk im Vergleich zu 2022 um etwa 1.000 auf rund 2.500 gesunken.

Die Sozialarbeiterinnen, die zum sogenannten Ersthausbesuch vorbeikommen, leisten aufsuchende Elternarbeit. „Damit, dass wir die Familien zu Hause besuchen, kommen wir den Eltern entgegen verkürzen wir den Arm ins Amt.“ Viele weitere niedrigschwellige Angebote der Frühen Hilfen schließen an diese aufsuchende Arbeit an, wie zum Beispiel die offene Sprechstunde der Familienhebammen. „Wir arbeiten mit unseren Angeboten an der Schnittstelle zwischen Pädagogik und medizinischem Dienst und verstehen uns als Dienstleisterinnen für die Eltern. Die Mütter und Väter unterstützen wir bei dem, was sie allein nicht und kaum hinbekommen. Dabei haben wir immer das Wohl der Kinder im Blick. Unser Ziel ist, dass alle Kinder in unserem Bezirk gesund aufwachsen, auch die in Familien mit mehr Stolpersteinen. Dadurch, dass wir viele Kinder im Bezirk sehen, haben wir einen besonderen Überblick und Einblick.“

Baby auf dem Arm der Mutter

„Ich bin nicht die personifizierte Behörde.“

Giovanna Aceves Vivanco ist sich ihrer besonderen Aufgabe und der Einblicke, die sie dabei in das Privatleben anderer bekommt sehr bewusst: „Wir treffen die Eltern mit einem Neugeborenen in einer außergewöhnlichen und vulnerablen Lebenssituation an – in ihrer eigenen Wohnung. Entsprechend demütig und höflich gehen wir an unsere Aufgabe heran. Dabei halten wir unsere professionelle Distanz und siezen die Eltern natürlich.“ Dennoch sei der persönliche Kontakt und die individuelle Ansprache in ihrer Arbeit wichtig. „Ich berate von Mensch zu Mensch. Ich bin nicht die personifizierte Behörde. Wir gehen beziehungsorientiert vor und bleiben bei Bedarf in Kontakt“, erläutert die Sozialarbeiterin das Vorgehen des Teams.

Wenn die Sozialarbeiterin den Eindruck hat, dass eine Familie besonderen Unterstützungsbedarf hat, vereinbart sie erstmal einen zweiten Termin. „Jeder Eindruck, den man beim ersten Besuch bekommt, ist ja erstmal situativ und kann auch täuschen.“ Aus den Hausbesuchen können dort, wo es sinnvoll und nötig ist, Betreuungs- und Begleitfälle entstehen. Neben den Sozialarbeiterinnen des KJGD werden diese Familien gegebenenfalls auch durch Integrationslotsen, Stadtteilmütter oder Familienhebammen begleitet.

Das Team arbeitet sozialräumlich, also kiezbezogen. Giovanna Aceves Vivanco betreut vorrangig die Bezirksregion Karl-Marx-Allee Süd, zu der das Andreasviertel, die Weberwiese und der Wriezener Bahnhof gehören. Auch für das Familienzentrum in „ihrer“ Bezirksregion, das Einhorn in der Fredersdorfer Straße, ist die Sozialarbeiterin die erste Ansprechpartnerin im Gesundheitsamt. Dort findet einmal im Quartal auch die „Willkommen Baby“-Veranstaltungen statt, die die Kolleginnen vom KJGD gemeinsam mit den Familienzentren organisieren, um junge Eltern vor Ort im Kiez zu vernetzen. Insgesamt finden in den 13 Familienzentren des Bezirks über 50 dieser Willkommens-Veranstaltungen des KJGD statt.

Baby mit Xylophon

Eigenverantwortung und Vernetzung von Eltern in den Kiezen

Rund 60 Minuten dauern die Erstbesuche in der Regel. Dabei beraten die Kolleginnen zu allen anfallenden Fragen rund um die Geburt des Kindes, vielfach auch zu bürokratischen Fragestellungen. Die Kolleginnen beraten zu Themen wie Bindung, Ernährung bzw. zu sämtlichen Erziehungsfragen. Auch die Themen Kitaplatz- und Wohnungssuche seien allgegenwärtig.
„Eltern von Neugeborenen sind häufig etwas erschlagen – von den neuen Aufgaben und Anforderungen. Hinzu kommt, dass die meisten Eltern bei uns im Bezirk selbst nicht hier aufgewachsen, sondern zugezogen sind. Sie haben also keine Großeltern oder andere familiäre Unterstützung vor Ort.“ Umso wichtiger seien in dieser sensiblen Phase, von der Schwangerschaft bis zum dritten Lebensjahr des Kindes, Informationen zu allen relevanten Themen und Fragestellungen und Vernetzung der Eltern. Wichtig sei, die neuen Erfahrungen rund um das Baby und das Familienleben zu normalisieren. „Es hilft den Eltern, zu wissen, dass es anderen Familien ähnlich geht und sie die gleichen Fragen und Schwierigkeiten haben.“ Aus Sicht der Sozialarbeiterin sei das vor allem in der Großstadt notwendig. „Wir leben hier in der Großstadt so vereinzelt, ohne Anbindung an die weitere Verwandtschaft mit Vorerfahrung im Umgang mit Babys. Dabei sind die Gemeinschaftserfahrungen für Eltern mit kleinen Kindern so wichtig. Darum sensibilisieren wir Mütter und Väter für Vernetzung mit anderen und ermutigen sie, mit dem Baby in die Gemeinschaft zu gehen- zum Beispiel zu Krabbelgruppen.“

liegendes Baby

„Eltern machen einen super Job!“

Die Sozialarbeiterin ist voll des Lobes für die Friedrichshainer Eltern, die sie täglich besucht. „Generell möchten Mütter und Väter ja alles richtig und gut machen. Die meisten Eltern machen wirklich einen super Job und intuitiv sehr viel im Umgang mit ihrem Baby richtig. Dass wir das miterleben, ist das Schöne an unserer Arbeit.“

Wenn die Kolleginnen des KJGD jedoch den Eindruck erhalten, dass in einer der besuchten oder betreuten Familien eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt, binden sie nach Absprache mit den Eltern bzw. nach Rücksprache mit der Kinderschutzkoordination des Regionalen Sozialen Dienstes im Jugendamt das Krisenteam ein. Da die beiden Bereiche eine enge Kooperation pflegen, sind die Sozialarbeiterinnen aus dem Gesundheitsamt darauf geschult, Vernachlässigung und Kinderschutzfälle zu erkennen.

„Generell verfolgen wir den Ansatz des ‚good enough parenting‘“, erläutert die dreifache Mutter, deren Kinder zwischen zehn und 15 Jahre alt sind: „Die Eltern müssen nicht perfekt sein. Darum geht es nicht. Wichtig ist, dass die Kinder geborgen und gesund aufwachsen. Es gibt ja durchaus – auch bei uns im Bezirk viele überambitionierte Eltern. Zum Glück ist dieser Trend wieder etwas abgeebbt. Aktuell nehme ich eher einen Trend zur bedürfnisorientieren Erziehung wahr.“