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Galerie im Turm

02.06.2021

Linnea Meiners und Jorinde Splettstößer
Bild: Galerie im Turm

Kunstarbeit in Coronazeiten: Ein Gespräch mit den Kuratorinnen Linnéa Meiners und Jorinde Splettstößer von der kommunalen Galerie im Turm in Friedrichshain. Die beiden sind seit Herbst 2019 wissenschaftliche Volontärinnen im Fachbereich Kultur und Geschichte des Bezirksamtes. Die Galerie im Frankfurter Tor ist seit 1990 eine kommunale Galerie des Bezirkes. Sie zeigt zeitgenössische Kunst von mehrheitlich in Berlin lebenden Künstler*innen. Von 2020 bis 2021 bilden künstlerische und aktivistische Auseinandersetzungen mit Feminismus, kultureller Erinnerung und Geschichte sowie Fragen zu Arbeit, Care und Solidarität den thematischen Fokus der Galerie.

Gleich zum Anfang eine Verständnisfrage: Seid ihr Volontärinnen oder Kuratorinnen?

JS: Beides. Wir machen ein zweijähriges Volontariat im Fachbereich Kultur und leiten in dieser Zeit die Galerie im Turm. Das ist in der Form ein ganz besonderes Programm. Das Kulturamt in Friedrichshain-Kreuzberg war damals Vorreiter bei der Einführung eines solchen Volontariats. Inzwischen bieten auch andere Bezirksämter solche Programme an. Aber dass die Volontärinnen eine kommunale Galerie selbst leiten, ist einzigartig.

Die Leitung macht ihr ganz allein?

LM: Ja, schon. Zu Beginn unseres Volontariats in 2019 gab es eine kurze Übergangszeit, in der die vorigen Volontärinnen noch da waren und uns eingearbeitet haben. Und natürlich bekommen wir Unterstützung vom Fachbereichsleiter Stéphane Bauer als unserem Ausbilder, stimmen mit ihm unser Programm ab und können ihn bei Fragen immer ansprechen. Er trägt die übergeordnete Verantwortung, aber im künstlerischen und organisatorischen Bereich agieren wir sehr selbstständig.

JS: Wir planen das gesamte Programm, schreiben Förderanträge, sprechen Künstler*innen an, konzipieren die Ausstellungen, machen uns Gedanken zur Vermittlung und zu dem Begleitprogramm. Wir sind zuständig für die Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsteam und freien Mitarbeiter*innen, aber auch Dienstleistungspersonal wie Reinigungskräften oder Handwerker*innen. Wir haben relativ freie Hand in dem, was wir hier in der Galerie tun. Das gibt uns die Möglichkeit, ein Ausstellungsprogramm mit Inhalten umzusetzen, die uns und die beteiligten Künstler*innen beschäftigen.

Wie hat die Corona-Pandemie eure Arbeit verändert?

LM: Wir müssen jetzt noch flexibler sein, als wir es vorher sowieso schon waren, und permanent umplanen. Eine unserer Ausstellungen wurde so häufig verschoben, dass wir gar nicht mehr mitgezählt haben. Ich glaube, es waren fünfmal. Es ist schade für die Kunstarbeit, dass sie aktuell kaum stattfinden kann. Es ist in Bezug auf Hygienemaßnahmen alles etwas fordernd, aber inzwischen Routine.

JS: Es war schwierig, unsere Ausstellungen zu vermitteln, als sie aufgrund des Infektionsschutzes geschlossen waren – trotz der digitalen Möglichkeiten. Es geht ja eigentlich darum, der Öffentlichkeit Kunst zu zeigen, gedankliche Räume zu öffnen, etwas zu erleben, Menschen zu treffen, zu diskutieren. Wir hatten im Volontariat ein paar Monate vor Corona, als das noch möglich war. Es ist ein besonderer Moment, wenn nach monatelanger Arbeit und Vorbereitung eine Ausstellungseröffnung stattfindet und viele Menschen kommen, um sie sich anzusehen. Da entstehen dann Gespräche und Diskussionen vor Ort und wir als Kuratorinnen bekommen Feedback von den Besucher*innen. Das fehlt aktuell sehr.

LM: Und nicht alles lässt sich digital abbilden. Das ist schade. Ein Ausstellungsbesuch – das ist eine Mischung aus so vielem: Raum, Wahrnehmung, Interaktion mit der Kunst und mit anderen, weil man ja meist auch nicht allein in eine Galerie geht. Es ist nun mal etwas Anderes, ob man Kunst im Raum mit allen Sinnen erlebt oder nur allein auf dem Bildschirm sehen kann.

JS: Unsere vorige Ausstellung hatte nur zwei Wochen, in denen sie öffentlich zugänglich war. Den Rest der Zeit haben wir eine digitale 3D-Tour online angeboten. Aber die raumeinnehmende, textile Installation mit vielen Videoprojektionen ist digital nicht annähernd so rübergekommen wie in echt. Es ging bei der Arbeit von Monilola Olayemi Ilupeju um Intimität und Kollektivität, das lässt sich digital viel schwieriger nachempfinden.

Wie sieht es für andere Kultureinrichtungen und Künstler*innen gerade aus?

JS: Viele Projekte und Ausstellungen im vergangenen Jahr konnten nicht stattfinden oder wurden oft verschoben. Kunstarbeiter*innen wurden in dieser Situation zu wenig unterstützt. Wir merken gerade, wie wichtig die bezirkliche Förderung und festgelegte Honorare sind. Das ist für Künstler*innen enorm wichtig, aber reicht noch nicht.

LM: Unsere Ausstellungsreihe MY WORKING WILL BE THE WORK behandelt genau diese Fragen von Kunstarbeit, Care-Arbeit und Solidarität. Hier beleuchten wir, eingeladene Künstler*innen und andere Akteur*innen diese Aspekte. Corona hat vieles verstärkt und sichtbarer gemacht, was vorher schon da war. Vieles, was für die gesamte Arbeitswelt gilt, wird im Bereich der Kunstarbeit strukturell besonders deutlich, bleibt aber trotzdem weniger sichtbar. Wir sollten mehr auf die Kunstarbeit gucken. Und das machen wir mit unserer aktuellen Ausstellung „The End of the Fucking Work“.

JS: Wir beschäftigen uns in der Reihe viel mit gesellschaftlichen Fragestellungen, die sich auch in den künstlerischen Arbeiten und Positionen widerspiegeln. Wichtig ist uns, Kunst einem breiten Publikum zu zeigen und nicht nur denen, die sowieso schon privilegierte Zugänge haben. Darum haben wir ein Vermittlungsprogramm initiiert, in dem das F3_Kollektiv unsere Ausstellung in einfacher Sprache vermittelt. Wir versuchen zum Beispiel auch den Platz hier vor der Galerie mit einzubinden, um die Nachbar*innenschaft anzusprechen.

LM: Außerhalb der Pandemie haben wir auch eine Verleihstation für ein fLotte-Kommunal-Rad, unser Lastenrad „GiT“. Das ist jetzt endlich wieder möglich.

Hat die Pandemie für eure Arbeit denn irgendwelche positiven Auswirkungen? Gibt es neue Perspektiven oder Ansätze, die sie aufgezeigt hat?

(langes Nachdenken)

LM: Es gibt ambivalente Auswirkungen in Bezug auf Zugänglichkeiten. Durch Online-Formate können Personen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht so mobil sind, an Veranstaltungen einfacher teilnehmen, da diese nicht ortsgebunden sind. Auch Menschen außerhalb von Berlin können so mitmachen. Andererseits lässt sich vieles nicht so gut online vermitteln wie in der direkten Auseinandersetzung in der Galerie. Allgemein sollte Kunst mit weniger Hindernissen erfahrbar sein. Das sollte auch nicht als Nettigkeit gesehen werden, sondern als Voraussetzung. Aber das ist noch ein langer Weg.

JS: Genau!

Linnéa Meiners hat an der UdK Berlin ein Bachelorstudium in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation absolviert und danach an der Akademie der bildenden Künste Wien und der HGB Leipzig einen Master in Critical Studies abgeschlossen.

Jorinde Splettstößer hat im Bachelor an der TU Berlin Kultur & Technik mit dem Schwerpunkt Kunstwissenschaften und Gender Studies studiert und anschließend einen Master in Kunstgeschichte im globalen Kontext an der FU Berlin gemacht.