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Situation der Sportvereine in der Pandemie

24.03.2021

Sanierung des Sportplatzes Waldeckpark
Bild: Gunnar Eiche – Sportamt

Seit einem Jahr schränkt die Corona-Pandemie den Alltag in Friedrichshain-Kreuzberg massiv ein. Das betrifft alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Auch der Freizeitsport ist von den Vorgaben der Infektionsschutzverordnung betroffen. Die 160 Sportvereine im Bezirk können ihren Mitgliedern seit dem vorigen Frühjahr nur sehr eingeschränkte Bewegungsangebote machen, meist nur digital oder wie im vorigen Sommer unter strengen Hygieneauflagen. Bis zur Pandemie waren in den Vereinen in Friedrichshain-Kreuzberg rund 31.000 Mitglieder organisiert.

Auch das Bezirksamt beschäftigt die Situation der Sportvereine in Friedrichshain-Kreuzberg. „Als Sportstadtrat bereitet mir die aktuelle Situation unserer Sportvereine große Sorge. Nach einem Jahr Pandemie und den damit einhergehenden notwendigen Einschränkungen verlieren sie immer mehr Mitglieder und sind zum Teil in wirtschaftliche Notlagen geraten. Als ehrenamtlich gemeinnützig organisierte Vereine haben sie keine großen finanziellen Rücklagen. Von Corona-Hilfsprogrammen profitieren sie bislang kaum. Dabei spielen Sportvereine gesellschaftlich eine wichtige Rolle als Ort der Gemeinschaft in den Kiezen. Sie bieten niedrigschwellige und bezahlbare Bewegungsangebote für alle Bürger*innen. Dort kommen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Hintergründe zusammen, um gemeinsam Sport zu machen – und kommen dabei ins Gespräch“, sagt Bezirksstadtrat Andy Hehmke.

Vereine verlieren Mitglieder

Läuferinnen
Bild: CC0-Lizenz über Pexels

Durch die Pandemie und die mit ihr verbundenen Einschränkungen spüren die Vereine im Bezirk einen massiven Mitgliederschwund. Zum Beispiel der Kreuzberger Sport-Club Lurich 02 e.V.: Der Verein mit Hauptsitz in der Köpenicker Straße ist seit seiner Gründung im Jahr 1902 auf dem Gebiet schwerathletischer Sportarten aktiv. Bis heute hat der Verein einen Fokus auf Kampfsportarten, hat sein Angebot aber auf fitnessorientierten Kraftsport und viele andere Breiten- und Freizeitsportarten ausgeweitet. Während der Verein vorher jährlich wuchs und neue Mitglieder gewann, haben im zweiten Halbjahr 2020 rund 16 Prozent der Sportler*innen ihre Mitgliedschaft gekündigt. „Dass Menschen zum Jahresende Mitgliedschaften in Vereinen kündigen, um Geld zu sparen, ist nicht ungewöhnlich“, erklärt Lorena Jonas, die seit September 2020 erste Vorsitzende des Vereins ist. „Aber nicht in diesem Umfang. Außerdem treten normalerweise gerade zu Jahresanfang viele Leute in den Verein ein. Sport ist ja häufig ein guter Vorsatz für das neue Jahr. Nur wie sollen wir jetzt im Lockdown neue Mitglieder gewinnen?“ Das ist eine besondere Herausforderung, da der Verein am Hauptsitz einen Mietvertrag mit Staffelmiete hat, die jährlich steigt. Um diese Mietsteigerung finanzieren zu können, muss der Verein kontinuierlich wachsen. Hierfür sollten neue Angebote geschaffen und neue Zielgruppen erreicht werden. Ein Schwerpunkt der geplanten Erweiterung lag beispielsweise auf Gesundheitssport für Senior*innen und das Angebot von inklusivem Kampfsport für Menschen mit Behinderung. „Die Pandemie trifft uns daher besonders hart. Statt dass wir wachsen und neue Mitglieder gewinnen, verlieren wir sie“, sagt Lorena Jonas. Sie hat Verständnis dafür, dass einige Menschen in der aktuellen Situation die Vereinsbeiträge sparen wollen oder gar müssen: „Manche sind selbst in finanziellen Notlagen und müssen auf ihr Geld achten.“ Andere hätten aufgrund der Pandemie und ihrer Einschränkungen schlicht weniger Zeit für Sport in der Freizeit, zum Beispiel, weil sie sich aufgrund eingeschränkter Kinderbetreuungsangebote mehr um ihre Kinder kümmern müssen.

Auch Roswitha Ehrke, Vereinsmanagerin und Fitnesstrainerin beim Seitenwechsel e.V., beschreibt den pandemiebedingten Verlust von Vereinsmitglieder: „Wir haben wenig Vereinseintritte und die üblichen Austritte. Dadurch ist der Verein bisher bereits um zehn Prozent geschrumpft. Mit der vulnerablen Gruppe von Mädchen ist es aktuell sehr schwer, wieder Kontakt aufzunehmen. Projekte wie Fußballcamps für Mädchen oder Angebote für Schulsport-AGs konnten wir zuletzt nicht mehr umsetzen. Eine Perspektive, wann wieder etwas öffnet, gibt es nicht und vieles ist ungewiss. Deshalb können wir als Verein nur sehr schwer planen.“

Digitale Sportangebote als einzige Möglichkeit

Basketball
Bild: CC0-Lizenz über Pexels

Ihr Verein Seitenwechsel für FrauenLesbenTrans*Inter* und Mädchen e.V. bietet rund 25 verschiedene Bewegungsarten an. Das breite Angebot geht von Basketball, Schwimmen und Fußball über Yoga und Pilates bis zu Energy Dance und Power*Fitness. Seit 20 Jahren ist der Verein auch aktiv im Bereich „Sport für Mädchen“ und organisiert das bezirkliche Mädchensportfest. Darüber hinaus arbeitet der Verein an der Gleichstellung von Trans*Inter* beziehungsweise von Menschen, die sich jenseits von männlich oder weiblich definieren. Für die Vereinsmitgliedschaft ist deshalb die jeweilige Eigendefinition ausschlaggebend. Seitenwechsel hat kein Vereinsheim, sondern nutzt die Sporthallen des Bezirks sowie Räumlichkeiten von Jugendeinrichtungen.

Auch für die Trainer*innen, mit denen die Vereine zusammarbeiten ist die Situation nicht einfach. „Wir haben im Verein fest angestellte Trainer*innen und Freiberufler*innen, die auf Honorarbasis arbeiten. Da aktuell nur ein Teil der Kurse stattfindet, können wir die Trainer*innen nicht im gleichen Umfang beschäftigen wie sonst“, erklärt Lorena Jonas. Dazu gab es einige Krisensitzungen mit den Trainer*innen.

Onlinekurse sind für Vereine aktuell die einzige Möglichkeit, ihren Sportler*innen ein Angebot zu machen. „Wir informieren die Menschen mit unserem vereinsinternen Newsletter über die aktuelle Situation und Perspektiven. Mittlerweile bieten wir 24 Kurse online an, was auch rege genutzt wird. Mehrfach hatten wir den Sporttag „Zoomy Sunday“, an dem wir einen ganzen Tag lang Kurse angeboten haben, mit bis zu 30 Leuten in einem Training. Zum Frauen*tag oder zum Valentinstag haben wir diese ganztägigen Angebote dem jeweiligen Thema angepasst. So versuchen wir unseren Vereinszugehörigen das Gefühl zu geben, dass wir für sie da sind“, sagt Roswitha Ehrke.

Im letzten Frühjahr, als alle Sportvereine von der Pandemie und der mit ihr verbundenen Einschränkungen überrascht wurden, konnte der SC Lurich den Mitgliedern kein digitales Programm anbieten. Mit Beginn des zweiten Lockdowns im November hat der damals neu gewählte Vorstand umgehend ein Onlinekursprogramm aufgebaut, das jede*r Sportler*in nun gleich auf der Startseite des Vereins findet.

Dafür musste erst einmal die entsprechende technische Ausrüstung angeschafft. Dann wurde ein Sportraum mit Kamera, Beamer und Tontechnik zum Studio für die Onlinekurse ausgerüstet. Für die Zusammenstellung der Onlinekurse gab es viel Kontakt mit den Mitgliedern. „Deren Feedback war uns für das Onlineprogramm sehr wichtig. Wir wollten wissen, ob die Zeiten so passen und welche Wünsche sie noch haben. Insgesamt führt die Pandemie dazu, dass wir als Vorstand sehr viel mehr Kontakt mit unseren Mitgliedern haben, was natürlich schön ist“, erläutert Lorena Jonas. Das Programm werde gut angenommen. „Viele Mitglieder sind sehr dankbar für die Onlinekurse, weil sie ihnen eine gewisse Sportroutine im Alltag geben, der sonst total durcheinandergewirbelt ist. Vereinssport ist da ein wichtiger Anker – und wenn es nur digital ist.“

Aktuell keine Öffnungsperspektive

Tischtennis
Bild: Josh Sorenson

Parallel zum Onlineprogramm hat der SC Lurich auch eine Schul-AG für Schüler*innen der Refik-Veseli-Schule in der Skalitzer Straße etabliert und so den Lockdown genutzt, um neue Angebote zu entwickeln und sich im Kiez zu vernetzen.

Obwohl die Online-Angebote beider Vereine gut genutzt werden, hat der digitale Sport seine Grenzen. Nicht alles lässt sich nicht alles digital umsetzen. Bei Ballsport, Kampfsport oder beim Schwimmen gibt es derzeit keine Alternativen. Außerdem fühlen sich nicht alle Trainer*innen wohl dabei, Kurse vor der Kamera anzubieten.

Eine Öffnungsperspektive für den Vereinssport sieht Lorena Jonas aktuell nicht: „Gerade beim Kampfsport als Kontaktsportart glaube ich nicht, dass das in nächster Zeit wieder möglich sein wird.“

Angesichts der vielen Menschen, die derzeit in Parks und auf Spielplätzen in engen Kontakt kommen, stellt sich Roswitha Ehrke die Frage, ob ein Treffen in Sportvereinen unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln nicht sicherer wäre: „Die Sportvereine haben sich immer sehr um Hygienekonzepte bemüht und auch auf gute Konzepte gedrängt. Noch immer ist aber nicht klar, inwieweit Sport zum Infektionsgeschehen beigetragen hat. Trotz unserer Bemühungen sind wir die, die mit am wenigsten berücksichtigt werden.“

Als Projektleitung für den Mädchensport ist Roswitha Ehrke wichtig, auf die Vergabepraxis von Sportflächen im Freien hinzuweisen: „In Fußballvereinen sind fast ausschließlich Jungen und Männer organisiert. Wenn Sport im Freien wieder öffnet, sind auch an dieser Stelle Mädchen und Frauen die Verlierer*innen. Wenn Sporthallen bis zum Sommer geschlossen bleiben, heißt das de facto, dass viel mehr Jungen und Männer wieder Sport im Freien machen können. Menschen mit einem oft höheren Schutzbedürfnis bleiben dann nur öffentliche Parkflächen.“