forum 1848 am Friedhof der Märzgefallenen – Revolution erinnern, Demokratie leben

Dr. Susanne Kitschun, Historikerin und Leiterin beim forum 1848 gemeinsam mit Historiker Paul Schmitz am Gedenkstein für die Märzgefallenen

Dr. Susanne Kitschun, Historikerin und Leiterin beim forum 1848 gemeinsam mit Historiker Paul Schmitz am Gedenkstein für die Märzgefallenen

Es war kühl, aber durchweg sonnig, als sich am 18. März 1848 Tausende vor dem Berliner Stadtschloss in Mitte versammelten. Während es in den Wochen zuvor bereits in Italien, Wien und auch in Frankreich brodelte und knallte, kamen die Berliner*innen ebenfalls außerhalb der Zollmauern zusammen, um darüber zu debattieren, wie sie mehr Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit für alle vom König erlangen können.

„Die Berliner*innen trafen sich im Tiergarten, der damals außerhalb Berlins lag und abseits von den in der Stadt strengeren Polizei-Kontrollen reichlich Platz bot, die Forderungen an das preußische Königshaus zu formulieren“, erklärt Dr. Susanne Kitschun, Historikerin und Leiterin beim forum 1848. Gemeinsam mit Historiker Paul Schmitz, zuständig für Bildung, Vermittlung und Veranstaltungen, und sieben weiteren Mitarbeiter*innen arbeitet das Team des Paul-Singer-Vereins daran, das Vermächtnis der damals Gefallenen zu bewahren und die Idee der Demokratie in der Gesellschaft lebendig zu halten.

Barrikade an der Kronen- und Friedrichstraße am 18. März 1848

Barrikade an der Kronen- und Friedrichstraße am 18. März 1848

Zwei Schüsse lösten sich - die Hölle brach aus

Dr. Susanne Kitschun: „In diesen März-Tagen 1848 kam es immer wieder zu Übergriffen des Militärs auf die Oppositionellen, denn der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte eigentlich kein Interesse daran, dem Volk mehr Freiheiten und Mitbestimmungsrechte einzuräumen.“

Inzwischen ging die Bewegung weit über die Bildungsschicht hinaus. Handwerker, Lehrlinge, Gesellen, einfache Arbeiter*innen, Dienstboten und Dienstmädchen standen mutig und hoffnungsvoll neben gebildeten Advokaten und Studenten, als der König sich am 18. März 1848 auf dem Berliner Schlossplatz zur geforderten Pressefreiheit und zur Einberufung des Vereinigten Landtages äußern wollte.

Neben den mehr als 10.000 Bürger*innen positionierten sich auch Soldaten vor dem Schloss. Die Bürger*innen forderten deren Abzug. Die Stimmung war gereizt. „Ohne Absicht, denn auf dieser Kundgebung sollten neue Rechte – als Zugeständnis des Königs -verlesen werden, lösten sich plötzlich zwei Schüsse aus einer Militärbüchse – und die Hölle brach aus“, so Paul Schmitz.

Das Team vom Singer Verein plant ein attraktives Besucherzentrum für die Gedenkstätte forum 1848

Das Team vom Singer Verein plant ein attraktives Besucherzentrum für die Gedenkstätte forum 1848

280 Revolutionär*innen ließen dafür in dieser Nacht ihr Leben

Zunächst am Schlossplatz und kurze Zeit später in ganz Berlin errichteten die aufgebrachten Bürger*innen teils haushohe Barrikaden und verteidigten sich gegen die anstürmenden Soldaten. „Es sollen mehr als 900 Barrikaden in Berlin gewesen sein. Die Kämpfe dauerten die ganze Nacht.“ So lange, bis der König am Morgen des 19. März 1848 schließlich dem Militär den Rückzug befahl, „denn sonst hätte er die aufgebrachte Situation im damals noch kleinen Berlin nicht beruhigen können“, erläutert Paul Schmitz.

Somit musste der König den Demonstrant*innen politische Zugeständnisse machen. Die Revolution hatte gesiegt – doch mehr als 280 Revolutionär*innen ließen dafür in dieser Nacht ihr Leben – sie starben im Kampf für die Freiheit und Demokratie.

Dr. Susanne Kitschun: „Innerhalb von drei Tagen wurde die Beerdigung für 183 der Opfer auf einem eigens angelegten Friedhof außerhalb der Stadt, im neu angelegten Friedrichshain, organisiert.“

Die Toten der Revolution wurden auf dem Gendarmenmarkt aufgebahrt, Berlin war mit schwarz-rot-goldenen und schwarzen Fahnen geschmückt, die Geschäfte waren geschlossen, als mehr als 100.000 Menschen die Särge stadtauswärts bis zum Friedrichshain begleiteten. Als die Särge am Stadtschloss vorbeizogen, stand der König auf einem Balkon und zog den Hut als Zeichen der Ehrerbietung.

Seit mittlerweile mehr als 175 Jahren werden an diesem Ort Freiheits- und Menschenrechte eingefordert und der Toten gedacht.

Seit mittlerweile mehr als 175 Jahren werden an diesem Ort Freiheits- und Menschenrechte eingefordert und der Toten gedacht.

Nichtgläubige wurden gemeinsam mit Gläubigen bestattet

Paul Schmitz: “Beeindruckend war die Schnelligkeit mit der diese riesige Beerdigungsfeier umgesetzt wurde. Unabhängig der unterschiedlichen Religionen wurden auch Nichtgläubige gemeinsam mit Gläubigen bestattet. Es sprachen während der Feierlichkeiten evangelische und katholische Geistliche neben einem Rabbiner und politischen Rednern“. In den folgenden Wochen und Monaten fanden Barrikadenkämpfer*innen, die erst später ihren Verletzungen erlagen, ebenfalls auf dem Friedhof der Märzgefallenen ihre letzte Ruhe.

Seit mittlerweile mehr als 175 Jahren werden an diesem Ort Freiheits- und Menschenrechte eingefordert und der Toten gedacht.

Seit 2009 betreut der Paul-Singer-Verein als Trägerverein den Demokratiegedenkort Friedhof der Märzgefallenen . Das Gartendenkmal hat der Verein gefördert von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin instand gesetzt. Ein umgebauter Seecontainer bietet Platz für wechselnde Ausstellungen. Beim Betreten des Areals begrüßen zwei Open Air-Dauerausstellungen die interessierten Besucher*innen.

Die Märzgefallenen waren überwiegend Menschen, die kaum jemand kennt. In einem historischen Moment zeigten sie den Mut, sich mit ihrem Leben für Freiheit, Menschenrechte und bessere Lebensbedingungen einzusetzen. An diese Bedeutung des Einzelnen für das Gelingen von Demokratie knüpft der Paul-Singer-Verein mit demokratiegeschichtlicher und pädagogischer Arbeit – mit Ausstellungen, Führungen, Workshops – an.

„Wir planen ein neues, attraktives Besucherzentrum für die Gedenkstätte forum 1848, für das wir – wenn alles gut geht – noch in diesem Jahr den Grundstein legen können“, erklärt Dr. Susanne Kitschun. Der Verein wünscht sich diesen besonderen Ort seit Langem, um künftig Veranstaltungen und Ausstellungen unter einem Dach durchführen zu können. Finanziert wird das Besucherzentrum vom Land Berlin und dem Bund.

Schüler*innen am Demokratiegedenkort

Schüler*innen am Demokratiegedenkort

150 Schüler*innengruppen besuchen jährlich die Gedenkstätte

„Allein im vergangenen Jahr haben uns mehr als 150 Schüler*innengruppen besucht, die sich mit dem Thema 1848 und der Revolution als Abiturstoff beschäftigt haben. Mit seinen Angeboten stößt der Friedhof der Märzgefallenen inzwischen an vielen Schulen in Deutschland auf großes Interesse“, so Susanne Kitschun.

Paul Schmitz freut sich über den großen Zuspruch, den das Team mit seiner Arbeit als außerschulischer Lernort erfährt. „Wir vermitteln hier Demokratie- und Revolutionsgeschichte anhand der Menschen, die für ihre Überzeugung, für Mitbestimmung und die Durchsetzung ihrer Freiheitsideen ihr oft noch junges Leben gegeben haben.“

Dr. Susanne Kitschun: „Wir sensibilisieren für die demokratischen Prozesse und ihre historischen Wurzeln und wollen zeigen, dass sich alle – ob jung oder alt, in allen Positionen – für die Bewahrung und Weiterentwicklung unserer Demokratie einsetzen können. Das haben uns die überwiegend sehr jungen Opfer, darunter auch einige Frauen, der Barrikadenkämpfe gezeigt, und wir haben die Aufgabe übernommen, diese Erfahrungen in die heutige Gesellschaft zu übertragen.“

Weitere Informationen zum Gedenk- und Ausstellungsort forum 1848:

Paul-Singer-Verein e.V.
Ernst-Zinna-Weg 1 10249 Berlin
Telefon: (030) 587 3903 9