Ehrenamt in der Notübernachtung: "Eine coole Truppe!"

Léocadie Reimers

1,1 Millionen Menschen engagieren sich in Berlin als Freiwillige. Eine von ihnen ist Léocadie Reimers. Die Studentin kommt ursprünglich aus Frankfurt am Main und engagiert sich schon viele Jahre. „Ich habe schon immer viel gemacht, ganz kreuz und quer.“ Engagement für die Gesellschaft sei bei ihr in der Familie immer Teil der Erziehung gewesen. „Bei uns zu Hause war immer klar, dass man nicht nur auf sich selber guckt, sondern auch auf andere. Als Studentin habe ich nicht so viel Geld, dass ich große Spenden leisten könnte. Aber ich kann meine Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Jeder kann etwas machen.“ Im Bachelor hat sie International Business Administration in Vallendar studiert. Aktuell macht sie ihren Master in International Affairs an der Hertie School.

Als sie vor einigen Jahren nach dem Abitur erstmals zu einem Praktikum nach Berlin kam, unterstützte sie in einer Bildungsstätte für geflüchtete und besonders schutzbedürftige Frauen. Das sei ein massiver Kontrast zu ihrem Praktikum in einer Immobilienagentur am Kurfürstendamm gewesen. „Das hat mich sehr geprägt.“ Zurück in ihrer Heimatstadt war sie ehrenamtlich bei der Caritas im Einsatz und gab Nachhilfe in Mathe und Deutsch für geflüchtete Jugendliche. Für die Malteser war sie bereits in einem Projekt im Libanon unterwegs, das mit körperlich und geistig eingeschränkten Menschen arbeitet. Für die Johanniter ist sie außerdem Teil der Mission Siret, die von Rumänien aus humanitäre Hilfe in die Ukraine bringt. Mitte Dezember ist es wieder soweit: Léocadie Reimers fährt mit mobilen Öfen, 4.000 Weihnachtsgeschenken und weiteren Hilfsgütern in die Ukraine.

Als sie im Januar dieses Jahres dauerhaft nach Berlin zog, suchte sie nach einem neuen Ehrenamt. Sie hatte zuerst an die Tafel gedacht, wurde dann aber über einen Freund auf die Notübernachtung der Johanniter in der Ohlauer Straße aufmerksam. Da die Ehrenamtlichen dort recht flexibel ihre Schichten einplanen können, entschied sie sich hierfür. „Das passte durch die Flexibilität am besten zu meinen Arbeitszeiten bei den Praktika, die ich dieses Jahr gemacht habe.“ Die Ehrenamtlichen melden sich einige Tage vorher für ihre Schicht an. So können beide Seiten gut planen. Seit Februar ist die Studentin als ehrenamtliche Helferin in der „Ohlauer365“ dabei. Bis zum Beginn des Wintersemesters war sie zwei Abende der Woche im Einsatz. Durch das Studium hat sie ihre Einsatzzeiten reduziert und ist nun einmal die Woche dabei.

Essen in der Ohlauer

Konkrete Hilfe für obdachlose Menschen

Für die 23-Jährige ist dieses Ehrenamt das erste Mal, dass sie mit Obdachlosen arbeitet. Vorher habe sie Obdachlose vor allem im öffentlichen Nahverkehr gesehen. Wenn man in Berlin in der U-Bahn jemandem einen Euro gebe, wisse man nicht genau, was damit genau passiere. Mit ihrem Engagement in der Notübernachtung kann sie den Menschen konkret helfen.

Seit sie in der „Ohlauer365“ aktiv ist, habe sich ihre Wahrnehmung von Menschen ohne festen Wohnsitz und ihr Umgang mit ihnen verändert – auch bei ihren Fahrten mit dem ÖPNV. Früher habe sie vor allem das Elend, die Obdachlosigkeit oder die Suchterkrankung gesehen. „Jetzt sehe ich auch den Menschen. Damit ist die Kluft, die ich früher wahrgenommen habe, überwunden.“

Eine Schicht beginnt um 17.30 Uhr und endet gegen 22.30 Uhr. „Es kann aber auch mal länger werden. Letzten Donnerstag waren wir bis nach 23 Uhr da.“ Zu Schichtbeginn erhält das Team die Lieferung vom Caterer und sichtet die zusätzlich eingegangenen Lebensmittelspenden. Gerade beim gespendeten Obst und Gemüse sei viel ältere Ware dabei, so dass das Team genau sortieren müsse. „Neulich haben wir drei Kisten Birnen bekommen, die wir schnell verarbeiten mussten. Also waren wir eine Weile damit beschäftigt, kiloweise Birnen zu schälen und zu schneiden.“ Viele Spenden kommen von Unternehmen, wie Supermärkten oder Bäckereien. Ab 21 Uhr, wenn kleine Lebensmittelgeschäfte schließen, kämen häufig noch viele Backwaren dazu. Neulich gab es eine große Spende an vegetarischen Würstchen. „Da mussten wir viel Erklärarbeit leisten und immer wieder sagen, dass diese Würstchen vegetarisch sind, also auch halal.“

Zum Abendessen kommen nicht nur obdachlose Menschen in die Einrichtung, die im Anschluss dort übernachten, sondern auch weitere bedürftige Menschen, die sich kein ausgewogenes warmes Abendessen zubereiten können.

Ohlauer265

"Warum sitze ich auf der einen Seite und nicht auf der anderen?"

Gelegentlich ist Léocadie Reimers auch beim Check-In eingesetzt, wo sie die Gäste in Empfang nimmt, die nachts in der Notübernachtung bleiben. Besonders hart sei es für sie, wenn sie junge Leute aufnehme. „Wenn die so alt sind wie ich, dann frage ich mich manchmal: Warum sitze ich auf der einen Seite und nicht auf der anderen? Wieso verlaufen Lebenswege so unterschiedlich?“ Nahe gehe es ihr auch, wenn ein Gast, den sie monatelang gesehen und mit dem sie viel gesprochen hatte, ganz plötzlich nicht mehr komme. „Dann frage ich mich: Was ist aus ihm geworden?“

Ihr gefällt das Team, mit dem sie zusammenarbeitet: „Das ist eine coole Truppe!“ Das Team aus Ehrenamtlichen in der Notunterkunft besteht aus einem Kern von 30 bis 40 Personen. Alle rotieren mal. „Dadurch kennt man eigentlich alle. Wir sind eine kleine Community – und man freut sich, die anderen zu sehen.“ Mit manchen der anderen Ehrenamtlichen trifft sich Léocadie Reimers auch außerhalb. Dass die Einrichtung in Kreuzberg für sie, die in Charlottenburg wohnt, nicht gleich nebenan ist, stört sie gar nicht. „Man fährt in Berlin noch immer eine halbe Stunde überall hin.“

Natürlich gebe es Abende, an denen sie nach einem harten Tag an der Hochschule weniger motiviert sei als an anderen. Und manchmal schmerze ihr nach fünf Stunden in der Küche einfach der Rücken. Aber die Community in der Einrichtung mache das wett. Nicht nur zu den anderen Teammitgliedern entwickle man eine Beziehung – auch zu den Gästen der Einrichtung. Viele kommen jeden Abend, sodass man sich über die Zeit kennenlerne und sie mit Namen begrüßen könne.

Für alle Menschen in Berlin, die sich ebenfalls ehrenamtlich engagieren möchten, empfiehlt Léocadie Reimers das Engagementportal des Landes.

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Wer Lust hat, sich ebenfalls in der Notübernachtung zu engagieren, kann sich per Mail an ehrenamt.berlin@johanniter.de wenden.

Auch Alexander Christiansen, Kuestan Muhiddin und Faris Al-Mutar engagieren sich in der “Ohauer365”. Ihre Porträts finden Sie ebenfalls im Bezirksticker.