Ein kleines Puzzleteil mit großer Vision: Kjell Seeger will „Queere Themen sichtbar, sicher und nachhaltig“ machen

Kjell Seeger vor einer Karte von Friedrichshain-Kreuzberg

Kjell Seeger koordinierte zuvor das Bildungsprojekt queer@school, das Schüler*innen sensibilisiert und stärkt.

Seit Kurzem ist Kjell Seeger als Queer-Beauftragte Person im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg tätig. Die neu geschaffene Stelle bietet Gestaltungsspielraum, um queere Themen stärker in der Bezirksverwaltung zu verankern und die queere Community im Bezirk zu unterstützen. Dabei bringt Kjell Seeger langjährige Erfahrungen aus der queeren Bildungsarbeit und Zivilgesellschaft ein.
Eine klare Vision gibt es bereits: „Queere Themen sichtbar, sicher und nachhaltig“ in die verschiedenen Lebensbereiche zu bringen. Der Weg dorthin beginnt für Kjell Seeger mit Vernetzung.

Von der queeren Bildungsarbeit ins Bezirksamt

Queere Themen begleiten Kjell Seeger seit mehr als zehn Jahren – beruflich und aktivistisch. Bereits während des Studiums engagierte sich Kjell Seeger als Referent*in für Queerfeminismus im Referent*innenrat der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Dort vertrat Kjell die Interessen der Studierenden, war Anlauf- und Beratungsstelle und brachte deren Perspektiven in verschiedene Gremien ein. Als studentische Hilfskraft arbeitete Kjell Seeger für einen gemeinnützigen Verein in unterschiedlichen Projekten, unter anderem in der Beratung und der offenen Jugendarbeit.
Zuletzt war Kjell Seeger als Projektkoordination für das Bildungsprojekt queer@school des Jugendnetzwerks Lambda Berlin-Brandenburg tätig. Das bereits 2012 gestartete Projekt setzt auf die Sensibilisierung und das Empowerment von Schüler*innen. In dieser Arbeit lernte Kjell Seeger auch die Herausforderungen kennen, mit denen freie Träger konfrontiert sind: Kürzungswellen, finanzielle Probleme und politischen Gegenwind.
Der Wechsel ins Bezirksamt bedeutet nun einen Perspektivwechsel. Besonders gereizt hat Kjell Seeger die Möglichkeit, Queer als Querschnittsthema in die Verwaltung einzubringen und queere Sichtbarkeit im Bezirk zu fördern. „Ich habe Lust, queere Themen generell sichtbarer zu machen und auch queere Träger und soziale Projekte und Akteur*innen im Bezirk zu unterstützen“, sagt Kjell Seeger. Auch die neue Stelle selbst war ein Grund für den Wechsel: Sie bietet Gestaltungsspielraum und soll eine Brücke zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft bilden.

Eine neue Perspektive für die Bezirksverwaltung

Als Quereinsteiger*in bringt Kjell Seeger Erfahrungen aus der queeren Zivilgesellschaft und aus Universitätsstrukturen mit. Gremienarbeit und Lobbyarbeit gehörten bereits zu früheren Tätigkeiten. Nun kommt die Perspektive der Bezirksverwaltung hinzu. Manche Prozesse würden hier länger dauern, sagt Kjell Seeger. Gleichzeitig sei die Offenheit für queere Themen größer als vielleicht erwartet.
Bereits in den ersten Wochen konnten viele Kontakte geknüpft werden. Für die neue Funktion ist das wichtig: Die Vernetzung soll sowohl innerhalb des Bezirksamts als auch mit Trägern und weiteren Akteur*innen der queeren Zivilgesellschaft stattfinden.

Friedrichshain-Kreuzberg und seine queere Community

Friedrichshain-Kreuzberg bringt für die neue Aufgabe besondere Voraussetzungen mit. Kjell Seeger beschreibt den Bezirk als sehr queer, vielfältig, aktivistisch und politisch geprägt. Es gibt zahlreiche Initiativen und Bewegungen, Bars, kulturelle Einrichtungen und kleinere Grassroots-Projekte.
Als einen persönlich wichtigen Ort nennt Kjell Seeger das Kottbusser Tor. Dort gebe es zahlreiche Orte, die mit queerer Geschichte und Gegenwart verbunden seien. Auch in Friedrichshain gebe es wichtige Projekte und Anlaufstellen. Besonders prägend sei zudem die queere migrantische Community. Die Vielfalt des Bezirks sei spürbar. „Ich schätze mich sehr glücklich, in so einem Bezirk Queer-Beauftragte Person sein zu dürfen“, sagt Kjell Seeger.

Erst einmal Strukturen kennenlernen

Um queere Themen nachhaltig in der Bezirksverwaltung zu verankern, ist es wichtig, die Zuständigkeiten, Fördermöglichkeiten und bestehenden Angebote im Bezirk zu kennen. Welche Fördermöglichkeiten gibt es? Welche Rollen und Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung sind wichtig? Welche Projekte und Träger arbeiten bereits zu queeren Themen?
Auch die Finanzierung queerer Projekte ist ein wichtiges Thema. Die finanziellen Ressourcen seien knapp. Kjell Seeger möchte deshalb auch Fördermittel identifizieren und vermitteln können. „Vernetzung und Austausch von Informationen“ seien eine wichtige Säule der Arbeit. Oder, noch kürzer: „Vernetzung, Vernetzung, Vernetzung.“

Kjell Seeger posiert auf einem Parklett

Das Kottbusser Tor ist für Kjell Seeger ein persönlich wichtiger Ort, der queere Geschichte und Gegenwart verbindet.

Queerfeindlichkeit bleibt eine große Herausforderung

Bei aller Sichtbarkeit gibt es für queere Menschen im Bezirk und darüber hinaus große Herausforderungen. Für Kjell Seeger gehört die zunehmende Queerfeindlichkeit zu den wichtigsten Themen. Diese betreffen den öffentlichen Raum ebenso wie Einrichtungen. Friedrichshain-Kreuzberg sei zwar ein sehr sichtbarer queerer Bezirk, zugleich würden dort viele queerfeindliche Vorfälle gemeldet.
Auch die queeren Träger und Projekte stehen unter Druck. Viele von ihnen haben über Jahre Strukturen aufgebaut und unterstützen queere Menschen, verfügen aber nicht über ausreichende finanzielle Ressourcen. Darüber hinaus nennt Kjell Seeger Wohnraummangel, fehlende Räume für Initiativen und Verdrängung als wichtige Themen. Auch in der Gesundheitsversorgung und bei der psychosozialen Beratung gebe es großen Bedarf. „Es brennt an vielen Ecken“, sagt Kjell Seeger. Wenn Berlin als Regenbogenhauptstadt für seine Vielfalt steht, müsse diese Vielfalt aus Sicht von Kjell Seeger auch entsprechend unterstützt werden.

Wer fehlt noch?

Bei der Zusammenarbeit mit Initiativen, Organisationen und Communities möchte Kjell Seeger deshalb nicht nur auf die bereits bestehenden Netzwerke schauen. Ein intersektionaler Ansatz und die Berücksichtigung von Mehrfachdiskriminierung sind wichtig. Die entscheidenden Fragen lauten: „Wer ist vielleicht nicht anwesend? Wen kann man noch einladen?“ Damit sollen auch Gruppen erreicht werden, die keinen einfachen Zugang zu bestehenden Strukturen haben. Die Zusammenarbeit mit Trägern und Communities soll auf Augenhöhe stattfinden. Ihre Perspektiven sollen in die Prozesse und die Schwerpunktsetzung einfließen.

Queere Themen im Alltag selbstverständlich mitdenken

Für die Zukunft geht die Vision über einzelne Projekte hinaus. Queere Themen sollen nicht nur dann eine Rolle spielen, wenn ausdrücklich ein queeres Thema auf der Tagesordnung steht. Sie sollen in unterschiedlichen Lebensbereichen selbstverständlich mitgedacht werden.
Dafür braucht es aus Sicht von Kjell Seeger unter anderem eine finanzielle Stärkung queerer Projekte, queere Bildung, Empowerment und sichere Räume. Auch Fachpersonal in unterschiedlichen Bereichen müsse für queere Lebensrealitäten sensibilisiert sein – etwa in der Verwaltung, in Institutionen und am Arbeitsplatz.
Besonders wichtig ist Kjell Seeger die queere Bildung an Schulen. Aus der eigenen Erfahrung in der Bildungsarbeit heraus sieht Kjell Seeger darin auch eine Präventionsmaßnahme gegen queerfeindliche Gewalt. Gleichzeitig brauche es Räume, in denen queere Jugendliche und Erwachsene sicher sein können.
Zur Vision gehört außerdem eine klare politische Haltung. Kjell Seeger möchte sich entschieden gegen den Rechtsruck stellen und sich dagegen wenden, dass marginalisierte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden.

Vernetzung soll konkrete Vorhaben ermöglichen

Erste konkrete Schritte sind bereits geplant. Eine Vernetzungsrunde im Bezirksamt soll gemeinsam mit Trägern vorbereitet werden. Dabei soll es darum gehen, Bedarfe zu ermitteln, Schwerpunkte zu setzen und die Erfahrungen der queeren Zivilgesellschaft mit den Strukturen des Bezirksamts zu verbinden.
Auch die Frage, in welchen Sozialräumen Projekte sinnvoll angesiedelt werden könnten, soll dabei eine Rolle spielen. Fördermittel, die Kjell Seeger identifizieren kann, könnten anschließend genutzt werden, um konkrete Projekte mit Trägern umzusetzen.
Die Vernetzungsrunde soll regelmäßig stattfinden. Auch der Austausch mit den Queer-Beauftragten beziehungsweise Queer-Ansprechpersonen der anderen Bezirke gehört dazu. Dafür gibt es bereits einen regelmäßigen Jour fixe auf Landesebene. Für das kommende Jahr ist außerdem ein Fachtag im Bereich Gewaltprävention geplant. Auch dort sollen Träger und weitere Akteur*innen einbezogen werden.

Ein kleines Puzzleteil mit einer großen Vision

Bei aller Offenheit über die nächsten Schritte ist das langfristige Ziel klar: Queeres Leben soll in seinen unterschiedlichen Lebensbereichen selbstverständlich und nachhaltig im öffentlichen Leben und in der Gesellschaft verankert sein.
Dabei versteht Kjell Seeger die eigene Funktion nicht als alleinige Lösung. „Meine Stelle ist da sozusagen nur ein kleines Puzzleteil.“
Wenn dieses Puzzleteil einen Unterschied machen kann, möchte Kjell Seeger genau das erreichen: etwas bewirken und dazu beitragen, dass queere Themen selbstverständlich mitgedacht werden.

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