Mehr als Laufen: „Outrun the Patriarchy“ schafft sichere Räume im Sport

Kathi, Julia und Anne-Cécile

Kathi, Julia und Anne-Cécile

Die Gleichstellungsbeauftragte für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Jamile da Silva e Silva, fördert über ihr Arbeitsgebiet einige Projekte, die sich für die Gleichstellung der Frauen einsetzen. Im Vorjahr erhielten davon drei Projekte über die Projektförderung im Bereich Gleichstellung, Demokratie, feministische Arbeit und intersektionale Sichtbarkeit Zuwendungen. Dazu gehört auch das Laufprojekt „Outrun the Patriarchy.

Gruppenfoto von OrangetheWorld

Gruppenfoto von OrangetheWorld

„Outrun the Patriarchy“ ist ein feministisches Projekt, das Laufen als politischen und gesellschaftlichen Raum versteht. Es macht darauf aufmerksam, dass viele Menschen – besonders Frauen, queere Personen und BIPoC (Schwarze, Indigene und Menschen of Color) – beim Sport Diskriminierung, Unsicherheit oder Ausschluss erleben. Ziel ist es, diese Strukturen sichtbar zu machen und den Laufsport inklusiver, sicherer und solidarischer zu gestalten. Dafür setzt die Initiative auf Community-Arbeit, Austausch, Aktionen und klare Haltung gegen patriarchale Normen.

Die drei Aktivistinnen Julia Brasch, Kathi Hoffmann und Anne-Cécile Picardo kümmern sich ehrenamtlich um das Projekt. Das Projekt hat keine offiziellen Strukturen, sondern funktioniert als Kollektiv.
Julia und Kathi kennen sich schon sehr lange aus dem Sportbereich. Kathi und ihre Töchter haben bei Julia früher Selbstverteidigungskurse besucht. Kathi selbst organisiert über 12 Jahren jedes Frühjahr den Lauf vor dem 8. März. Über 150 Frauen* waren in 2025 dabei. Anne-Cécile und Kathi kennen sich aus der Running Community. „Wir sind outspoken women und sprechen unbequeme Dinge an.“ Dazu gehörten etwa Diskriminierung oder sexuelle Übergriffe im Bereich des Laufsports. Die drei möchten queer-feministische Perspektiven auf die Laufcommunity sichtbar machen. Sie setzen sich für mehr Diversität beim Laufen ein. „Wir wollen, dass das nicht nur einmal im Jahr anlässlich des Frauentages stattfindet. Uns ist wichtig, dass sich alle Menschen beim Laufen und Laufveranstaltungen wohlfühlen.“ Laufen könne zwar jede*r überall. Dennoch gebe es gewisse Hürden.

Die Teilnehmenden sind mit Begeisterung dabei

Warum der Laufsport nicht für alle gleich zugänglich ist

Das Laufen erlebte in den vergangenen Jahren einen Boom. In Berlin gibt es hunderte sogenannte Running Crews, manche werden von Sportartikelherstellern gesponsert, andere sind komplett unabhängig. Teilweise sind diese sehr niedrigschwellig in Nachbarschaften oder über WhatsApp-Gruppen organisiert und haben einen festen Lauftag.

Die Frauen von „Outrun the Patriarchy“ bemängeln die teilweise intransparenten Strukturen und Hierarchien. Gerade bei gesponserten Crews sei nicht immer klar, wer kostenlose Produkte erhalte oder bei Fotoshootings mitmachen dürfte. Hier sehen die drei klare Machtstrukturen und ein Gatekeeping. Denn wer sich innerhalb einer Crew nicht gerecht behandelt fühle, komme in der Regel nicht wieder und bleibe damit weiterhin unbemerkt.

Gleichzeitig stellen Anne-Cécile, Julia und Kathi fest, dass die Laufcommunity sich verändere und diverser wäre. Ein Beispiel hierfür sind zum Beispiel lesbische Laufgruppen oder FLINTA*-Laufgruppen in Berlin.
Als erstes starteten die Organisatorinnen mit einem Webinar, um innerhalb der Laufcommunity zu erklären, worum es ihnen geht. „Viele haben gefragt: Brauchen wir das überhaupt?“ Auch der Vorwurf des Cancelns sei mehrfach gekommen.

Einsatz für mehr Awareness

Meldeformular für übergriffiges Verhalten

Wichtig war ihnen, eine Stelle zu schaffen, bei der man Übergriffe und übergriffiges Verhalten beim Laufen melden kann. Diese haben sie mit ihrer Webseite und einem komplett anonymen Meldeformular, das Whistleblowersoftware nutzt, geschaffen.

So sorgten sie für mehr Awareness. „Wir können nach eingegangenen Meldungen Organisator*innen und Veranstalter*innen ansprechen.“ So könnten Beschwerden offiziell aber gleichzeitig anonym abgegeben werden. Jegliche Art von diskriminierendem Verhalten kann hier gemeldet werden. „Das kann ein Instagram-Posting sein – oder wenn sich jemand bei einem Event unwohl fühlt, zum Beispiel durch übergriffiges Verhalten, bei dem vor Ort niemand eingeschritten ist.“ Bei jeder Laufveranstaltung sollte es Ansprechpersonen vor Ort geben.

Mehr Awareness in der Laufcommunity schaffen

Wichtig ist für die Aktivistinnen, dass Laufgruppen generell ein Awareness-Team haben sollten. Der Laufveranstalter SCC Events, der unter anderem den Berlin-Marathon organisiert, kam im Vorjahr auf „Outrun the patriarchy“ zu, weil sie bislang auf ihren Veranstaltungen kein Awareness-Team haben.
Während der Marathon Expo, einer Messe für Läufer*innen, Sponsor*innen und Sportinteressierte, waren beide gemeinsam mit einem Stand vertreten. Wichtig ist für Anne-Cécile beim Laufen der Community Spirit. „Es geht nicht um Bestzeiten, sondern um das gemeinsame Laufen.“ Hierfür wollte sie Zugang schaffen – für alle Menschen, ganz unabhängig von ihrem persönlichen Lauftempo. Sie selbst hat vor drei Jahren in einem kleinen Team angefangen zu laufen, um ihre mentale Gesundheit zu stärken.
Kathi läuft schon seit Schulzeiten. „Irgendwann habe ich dann aufgehört, weil meine Freunde woanders waren als im Leichtathletikverein. Mit 29 und zwei Kindern habe ich es dann für mich wiederentdeckt.“ Während sie früher immer mit Männern und Jungen trainiert hat, läuft sie inzwischen mit Frauen. „Das ist schon etwas anderes.“