Sicher(er) durch das Leben: Selbstverteidigungskurse für Frauen/FLINTA* und Mädchen*

Julia Brasch, gibt als Trägerin der 2. schwarzen Schärpe, Kung Fu und seit 1995 des 1. Dan, Taekwondo, als Kampfsportexpertin ihr Wissen weiter

Julia Brasch, gibt als Trägerin der 2. schwarzen Schärpe, Kung Fu und seit 1995 des 1. Dan, Taekwondo, als Kampfsportexpertin ihr Wissen weiter

Wer nachts durch die Straßen einer Großstadt läuft oder einsam in einer Bahn heimfährt, kennt das Gefühl nur zu gut: Der Puls schlägt schneller, wenn im Rücken plötzlich Schritte zu hören sind, männliche Stimmen durch die Dunkelheit dringen oder im leeren Abteil unerwünschte Blicke zu spüren sind. Die Angst, belästigt oder bedroht zu werden, begleitet nicht nur Frauen, sondern auch viele FLINTA*-Personen – ein Gefühl, das leider viel zu oft Teil des Alltags ist.

Diese allgegenwärtige Unsicherheit ist der Grund, warum Julia Brasch (43) sich engagiert: Als Kiezkoordinatorin und Trainerin beim Kreuzberger Sportverein „Allgemeiner Turn-Verein zu Berlin 1861 e. V.“ (ATV 1861) bietet sie seit mehreren Jahren spezielle Selbstverteidigungskurse für FLINTA*-Personen an. Ihr Ziel ist dabei nicht nur, effektive Abwehrtechniken zu vermitteln, sondern vor allem das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden zu stärken und ihnen zu helfen, persönliche Grenzen klar und entschieden zu setzen – nicht nur im Nachtleben.

Vielfalt und Haltung machen den Sport liebenswert

Der Kreuzberger Verein ATV 1861 hat seinen Sitz am Flutgraben, direkt gegenüber vom Freischwimmer und dem Club der Visionäre. Schon beim Betreten der großzügigen Räumlichkeiten fällt auf, dass hier ein ganz besonderer Wind weht – große Glasscheiben erlauben den Blick in die blitzsauberen Sporthallen und ein frisches Lüftchen begleitet die Sportler*innen auf dem Weg zu den Umkleidekabinen und Materialräumen.

„Vielfalt und Haltung prägen bei uns den Alltag – Werte, die den Sport so besonders und liebenswert machen“, erklärt Julia Brasch, die als Trägerin der 2. schwarzen Schärpe, Kung Fu und seit 1995 des 1. Dan, Taekwondo, als Kampfsportexpertin ihr Wissen weitergibt. „Unser Verein steht allen Menschen offen, die Lust haben, Neues zu lernen und sich gemeinsam zu bewegen.“

Es sei beispielsweise frustrierend, dass Frauen nicht einfach nachts joggen gehen können, „so wie es (die meisten) Männer tun“, betont die Trainerin. „Die Unsicherheit läuft fast immer mit. Damit sich möglichst viele FLINTA* sicher und selbstbestimmt in allen Situationen fühlen können, führen wir maßgeschneiderte Selbstverteidigungskurse in einem sicheren Rahmen für Mädchen und junge Frauen ab 12 Jahren sowie für Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Menschen (FLINTA*) durch.“ Die Kurse richten sich explizit an jene, die besonders oft Ziel von Belästigungen oder Übergriffen sind und setzen auf ein solidarisches Miteinander.

Die Teilnehmenden lernen, sich selbst zu vertrauen und darauf, dass sie stark genug sind, einer schlechten Situation aus dem Weg zu gehen

Die Teilnehmenden lernen, sich selbst zu vertrauen und darauf, dass sie stark genug sind, einer schlechten Situation aus dem Weg zu gehen

Von der Kleingruppe zur festen Größe im Kiez

Julia Brasch ist bereits seit 2016 Teil des Vereins und engagierte sich bald als KungFu-Trainerin für Kinder und auch Erwachsene. Vor zwei Jahren konnte sie durch eine Förderung des Landessportbundes eine Vollzeitstelle im Verein übernehmen. „Wir wollen mehr Vielfalt und mehr Möglichkeiten schaffen, besonders für queere Menschen hier in Kreuzberg – und ihnen mit Angeboten wie den Selbstverteidigungskursen mehr Teilhabe ermöglichen“.
Die Teilhabe aller Menschen am Sport und Vereinsleben zu ermöglichen liegt dem ATV schon immer am Herzen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft …; menschlich muss es passen. Dieser Ansatz war es, der es Julia einfach machte, das Angebot als Kiezkoordinatorin anzunehmen.

Was mit kleinen Kursgruppen begann, ist heute zu einer festen Größe im Kiez geworden: ein Ort, an dem FLINTA*-Personen sich austauschen, voneinander lernen und gemeinsam ihre Stärke entdecken können.

Besonders wichtig ist es ihr auch Trans*, nicht-binäre und inter* Menschen im ATV 1861 e.V. zu integrieren, die aufgrund der traditionellen binären Aufteilung in Frauen- und Männersport fortwährend Diskriminierung, eingeschränkten Zugang und Mobbing im Sport erleben. „Das startet in den Umkleidekabinen und endet mit der allgemeinen Toilettensituation – hier können wir überall bereits mit kleinen Änderungen auf diese Menschen zugehen.“

Schon in ihrem Elternhaus erfuhr sie von klein auf große Unterstützung und Rückhalt. Ein Schlüsselmoment für ihre Leidenschaft war der Film Karate Kid, den sie im Alter von etwa neun Jahren zum ersten Mal sah. Die Geschichte des jungen Daniel LaRusso, der mithilfe seines Mentors Mr. Miyagi über sich hinauswächst, hinterließ bei ihr einen bleibenden Eindruck. Inspiriert von dieser Erzählung war für sie sofort klar: Auch sie wollte Karate erlernen – ein Wunsch, der ihren weiteren Weg entscheidend prägte. Karate gab es zwar nicht in der Nähe, dafür Tae-Kwon-Do.

„Meine Eltern brachten mich mehrfach in der Woche nach der Schule in ein etwa 10 Kilometer entferntes Leistungszentrum, damit ich dort Tae-Kwon-Do lernen konnte. Das werde ich ihnen nie vergessen!“

Im Alter von neun Jahren begann Julia Brasch sich für Kampfsport zu interessieren

Im Alter von neun Jahren begann Julia Brasch sich für Kampfsport zu interessieren

Mit dem Körper umgehen und ihm vertrauen

Damit legte sie die Grundlagen für ihr persönliches sportliches Leben, das ihr und vielen anderen bis heute mehr Selbstsicherheit, Kraft und auch strategisches Auftreten erlaubt: „Neben vielen Tricks und Kniffen, die ich unseren Teilnehmer*innen vermitteln kann, sprechen wir auch über die jeweiligen persönlichen Stärken, um sie zu aktivieren.“

Stark sei es zum Beispiel in einer aufgeheizten Situation abzuwägen, ob es einfacher wäre, der Situation aus dem Weg zu gehen. „Besser ist es in jedem Fall, einfach die Seite zu wechseln, oder den Wagon zu wechseln. So muss ich zum Beispiel nicht dorthin gehen, wo bereits eine Gruppe darauf wartet, mich anzupöbeln.“ Auf diesem Wege könne jeder Mensch Stärke zeigen und sich nicht selbst als Opfer präsentieren. Aber: „Auch, wenn es einfach klingt, müssen Frauen* oft über ihren eigenen Schatten springen“.

„Frauen* haben hier gewisse Hemmschwellen“, weiß Julia Brasch, und auch, wie sie diese überwinden können: „Zum Beispiel durch Fitness, im Sinne von: Ich kann mit meinem Körper umgehen und auf ihn vertrauen, dadurch hat man vermutlich einen selbstsicheren Auftritt. Hier kann Frau* viel für sich tun. Besonders die jüngeren Frauen haben größeren Respekt vor Körperlichkeit, wie sie Männer präsentieren. „Sie haben Angst davor, eine Person zu verletzen oder sich selbst wehzutun“.

Wichtiger Appell und Tipp an die Erziehenden und Eltern von Söhnen

Mädchen würden für gewöhnlich vieles weglächeln. Und hier setzt das Konzept der Trainerin an: „Nach dem Besuch unserer Selbstverteidigungskurse wissen die Frauen*, dass sie viel schlauer als die Männer sind! Sie lernen, sich selbst zu vertrauen, und wissen, dass sie stark genug sind, einer schlechten Situation durch einen Seitenwechsel aus dem Weg zu gehen.“

Es sei oft eine Frage des Selbstvertrauens – „Darf ich mir vertrauen, darf ich auf mein Bauchgefühl vertrauen?“ Der Bauch meldet als erster, wenn etwas Ungutes in der Luft liegt. Ich ermutige alle Teilnehmenden, dem Bauchgefühl zu vertrauen. Dieses körpereigene Warnsystem ist ernst zu nehmen.“

Wichtig sei auch, dass Frauen* untereinander für sich einstehen, achtsam sich selbst aber auch anderen gegenüber acht- und wachsam zu sein. „Selfcare! Ein sperriges Wort, aber es geht in meinen Kursen generell auch darum Grenzen zu setzen. Nicht nur nachts. Überall, wo es nötig ist, privat, im Beruf. Es auszuhalten, wenn das Gegenüber beleidigt ist, ist immer wieder ein großes Problem. Daran müssen sich die Teilnehmenden erst einmal gewöhnen.“

Die erfahrene Trainerin hat einen wichtigen Appell und Tipp an die Erziehenden und Eltern von Söhnen: „Bringt euren Söhnen bei, die Grenzen anderer zu respektieren und sich nicht als potenzielle Gefahr zu verhalten.“ Echte Sicherheit beginne nicht erst mit dem Erlernen von Abwehrtechniken, sondern schon viel früher – bei der Erziehung und im gesellschaftlichen Miteinander. „Hier können die „neuen“ Männer viel dazu beitragen, dass Frauen* sich sicherer fühlen.“ Es würde schon helfen, wenn sie bei Dunkelheit zügig und mit angemessenem Abstand an Frauen vorbeilaufen, oder die Straßenseite wechseln – „Damit die Frauen* sich nicht oder zumindest weniger fürchten müssen.“

Das nächste Kurswochenende findet am Samstag, den 8. November und Sonntag, den 9. November statt. Hier geht es zur Anmeldung.

Weitere Informationen zu den Kursen und zum Verein gibt es hier:

Allgemeiner Turn-Verein zu Berlin 1861 e.V.
Vor dem Schlesischen Tor 1
10997 Berlin – Kreuzberg
Tel. 030 / 610 74 336
Fax 030 / 610 74 337
E-Mail: info@atv-berlin.de