Vielfalt im Bezirksamt: Wie Anna Kuntze Diversity und Antidiskriminierung konkret voranbringt

An Anna Kuntzes Bürotür weiß man direkt ,was Sache ist: kein Platz für Diskriminierung

Anna Kuntze, ist Koordinatorin für Diversity – und zugleich zentrale Beschwerdestelle für Diskriminierung. Eine Rolle, die Verantwortung mit sich bringt – für Mitarbeitende ebenso wie für Bürger*innen

Ein Termin, viele Themen – und kaum ein Bereich, der nicht berührt wird. Wer mit Anna Kuntze über ihre Arbeit im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg spricht, merkt schnell: Diversity und Antidiskriminierung sind hier kein Schlagwort, sondern gelebter Alltag. „Ich habe eigentlich nie nur ein Thema auf dem Tisch“, sagt sie. „Es ist immer alles gleichzeitig.“ Seit 2021 ist sie Koordinatorin für Diversity – und zugleich zentrale Beschwerdestelle für Diskriminierung. Eine Rolle, die Verantwortung mit sich bringt – für Mitarbeitende ebenso wie für Bürger*innen.

Diversity im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg: Alltag statt Konzept

In ihrem Büro laufen viele Fäden zusammen: Beratung, Schulungen, Netzwerkarbeit und Beschwerdeverfahren nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und dem Landesantidiskriminierungsgesetz. „Ich unterstütze die Teams dabei, sensibler miteinander umzugehen“, erklärt Frau Kuntze. „Es geht darum, wahrzunehmen: Wer sitzt eigentlich mit am Tisch?“
Diversity bedeutet im Arbeitsalltag vor allem eines: die Vielfalt von Menschen bewusst wahrzunehmen und einzubeziehen – mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen, Hintergründen und Perspektiven. Unterschiedliche Lebensrealitäten sind dabei keine Herausforderung, sondern eine Chance. „Wenn viele unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten, entstehen neue Ideen. Das ist ein großer Gewinn für die Verwaltung.“
Diversity und Inklusion gehen dabei Hand in Hand. Inklusion bedeutet, dass allen Menschen selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen ermöglicht wird. Gerade mit Blick auf Menschen mit Behinderungen brauche es laut Frau Kuntze ein Umdenken: Barrierefreiheit und unterschiedliche Bedürfnisse müssten von Anfang an mitgedacht werden – in Verwaltungsstrukturen genauso wie im Arbeitsalltag. Niemand dürfe durch Barrieren ausgeschlossen werden, ob in der Schule, im Berufsleben oder beim Zugang zu öffentlichen Angeboten.

Diskriminierung im Arbeitsalltag erkennen

Ein zentraler Teil ihrer Arbeit beginnt dort, wo Dinge schwierig werden. Denn Diskriminierung im Arbeitskontext zeigt sich selten eindeutig. Gemeint ist damit nicht nur offensichtliche Benachteiligung, sondern auch Situationen, in denen Menschen aufgrund persönlicher Merkmale unterschiedlich behandelt oder ausgeschlossen werden – oft unbewusst.
„Oft sind es Situationen, in denen Menschen gar nicht merken, dass ihr Verhalten verletzend sein kann“, sagt Frau Kuntze. „Ein Satz, ein Witz oder eine unbedachte Bemerkung – das kann schon ausreichen.“ Gerade im Teamkontext sei Sensibilität entscheidend: „Man sollte sich immer fragen: Wer ist gerade im Raum? Und wie kommt das, was ich sage, bei anderen an?“

Anna Kuntze steht im Hof vor einer begrünten Mauer

Wenn sich Beschäftigte oder Bürger*innen diskriminiert fühlen, ist Frau Kuntze die zentrale Anlaufstelle im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.

Beschwerdestelle im Bezirksamt: Hilfe bei Diskriminierung

Wenn sich Beschäftigte oder Bürger*innen diskriminiert fühlen, ist Frau Kuntze die zentrale Anlaufstelle im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. „Man kann sich vertrauensvoll an mich wenden – telefonisch, per Videokonferenz oder persönlich.“ Viele Betroffene zögern zunächst. „Es gibt oft Unsicherheit: Was passiert dann? Werde ich ernst genommen?“
Das erste Gespräch dient der Einordnung. „Ich berate zunächst und erkläre, welche Möglichkeiten es gibt. Alles Weitere passiert nur in Absprache.“ Kommt es zu einem offiziellen Beschwerdeverfahren, läuft dieses strukturiert ab – mit Anhörungen, Prüfung und einer abschließenden Bewertung.
„Ich arbeite unabhängig und höre mir alle Seiten an“, betont sie. „Neutralität ist in meiner Rolle zentral.“ Die rechtliche Grundlage bilden das AGG und das LADG. Sie stellen sicher, dass Diskriminierung im Arbeitskontext und im Kontakt mit der Verwaltung geprüft und eingeordnet werden kann.
Auch die Rechte von Menschen mit Behinderungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Grundlage ist unter anderem die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2008 in Kraft ist. Ihr Leitgedanke „Nichts über uns ohne uns“ bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen an Entscheidungen beteiligt werden sollen, die sie betreffen – auch im öffentlichen Leben und innerhalb von Verwaltungsstrukturen. In Berlin verpflichtet außerdem das Landesgleichberechtigungsgesetz öffentliche Stellen dazu, Barrieren abzubauen und Teilhabe aktiv zu ermöglichen.

Werdegang: Vom Integrationsthema zur Diversity-Arbeit

Dass sie heute diese Rolle innehat, war nicht geplant. Ihr beruflicher Weg führte sie zunächst über ein Studium der Soziologie und Erziehungswissenschaft sowie einen Master mit Schwerpunkt Migration und Integration. Nach Stationen als Integrationsbeauftragte – unter anderem im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg – folgte ein Wendepunkt: eine neue Aufgabe im Bereich Diversity.
„Ich hatte großen Respekt vor der Rolle“, sagt Frau Kuntze rückblickend. „Ich musste mich komplett neu einarbeiten.“ Der Einstieg war herausfordernd – geprägt von Learning by Doing und intensiver Weiterbildung. Heute bewertet sie diesen Schritt klar positiv: „Rückblickend war es genau richtig. Ich habe jetzt viel mehr Möglichkeiten, wirklich etwas zu bewirken.“

Anna Kuntze inmitten ihrer Büro-Oase. Alle Bilder an der Wand sind von ihr selbst fotografiert.

„Vielfalt ist kein Aktionstag. Sie ist jeden Tag da“, so Anna Kuntze.

Vernetzung in Berlin: Gemeinsam gegen Diskriminierung

Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist der Austausch über das eigene Haus hinaus. So hat Frau Kuntze kürzlich ein berlinweites Netzwerk von Beschwerdestellen initiiert. „Viele arbeiten sehr isoliert, obwohl alle ähnliche Herausforderungen haben“, sagt sie. „Deshalb war mir wichtig, einen Raum für Austausch zu schaffen.“ In kollegialen Fallberatungen werden anonymisierte Fälle gemeinsam reflektiert – ein Format, das bereits auf große Resonanz gestoßen ist. „Niemand sollte mit solchen Entscheidungen allein bleiben.“

Was Mitarbeitende konkret tun können

Diversity und Antidiskriminierung sind keine abstrakten Themen, sondern zeigen sich im täglichen Miteinander. „Man kann im Alltag sehr viel tun“, sagt Frau Kuntze. „Zum Beispiel bewusster kommunizieren oder darauf achten, welche Bedürfnisse im Team vorhanden sind.“ Oft sind es kleine Dinge: Termine inklusiv planen, sensibel mit Sprache umgehen, unterschiedliche Perspektiven zulassen. Auch Führungskräfte stehen besonders in der Verantwortung. „Sie sind Vorbilder“, betont Frau Kuntze. „Wenn sie nicht sensibilisiert sind, wird es schwierig.“

Deutscher Diversity-Tag im Bezirksamt: Ein Thema für jeden Tag

Der Deutsche Diversity-Tag rückt das Thema Vielfalt bundesweit in den Fokus – auch im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Für Frau Kuntze ist jedoch klar: „Vielfalt ist kein Aktionstag. Sie ist jeden Tag da.“ Gleichzeitig sieht sie darin eine Chance, sich selbst zu reflektieren. „Es hilft, sich auch mal selbst zu hinterfragen: Wie diversitätssensibel bin ich eigentlich?“ Wer das ausprobieren möchte, kann das ganz praktisch tun: Rund um den Diversity-Tag empfiehlt Frau Kuntze kurze Online-Tests, mit denen sich das eigene Wissen und die eigene Haltung zu Vielfalt, Diskriminierung und insbesondere auch zum Thema Behinderung einschätzen lassen. „Das ist ein niedrigschwelliger Einstieg“, sagt sie. „Und oft ein guter erster Impuls, um sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen.“