Engagement für mehr Transparenz und Gerechtigkeit: Der Betriebsrat der GFBM

Der Betriebsrat der BFGM

Ertan, Annette, Volker, Beate und Nicole untersützen im Betriebsrat ihre Kolleg*innen.

Mitbestimmung ist eine der großen Errungenschaften der modernen Arbeitswelt. Seit über 100 Jahren sorgen Betriebsräte dafür, dass Beschäftigte nicht nur Objekt unternehmerischer Entscheidungen sind, sondern ihre Arbeitsbedingungen aktiv mitgestalten können. Betriebs- und Personalräte stehen dabei im Zentrum dieser demokratischen Kultur am Arbeitsplatz: Sie vertreten die Interessen der Mitarbeitenden, fördern faire Arbeitsbedingungen und tragen dazu bei, dass Arbeit nicht nur effizient, sondern auch gerecht und menschengerecht gestaltet wird. Dabei werden Betriebs- und Personalräte in Friedrichshain-Kreuzberg auch von der bezirklichen Beauftragten für Gute Arbeit, Romana Wittmer, unterstützt. Die turnusmäßigen Betriebsratswahlen in diesem Frühjahr nehmen wir zum Anlass, um im Bezirksticker einige Betriebs- und Personalräte vorzustellen.

Betriebsrat für 230 Kolleg*innen

In diesem Beitrag widmen wir uns dem “Betriebsrat der gemeinnützigen Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen mbH (GFBM). Die GFBM ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das auf berufliche Bildung, Qualifizierung, Sprachförderung und Integration in den Arbeitsmarkt spezialisiert ist. Aktuell arbeiten dort rund 230 Personen an acht Berliner Standorten. Zu den Angeboten des Trägers gehören Jugendberufshilfe, Bildungsbegleitung an Oberstufenzentren, Umschulungen, Anerkennungskurse für Mediziner*innen aus dem Ausland, 16i-Projekte mit Langzeitarbeitslosen, Coachings und Sprachkurse. Das Personal umfasst unter anderem Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen, Ausbilder*innen, Gärtner*innen, Köch*innen und Verwaltungskräfte. Der Betriebsrat ist im Bildungszentrum Friedrichshain unweit des Ostkreuzes untergebracht. Das Personal des Trägers arbeitet großteils projektbezogen, sodass die genauen Aufgaben und Profile sich regelmäßig ändern. Die Arbeitsorte variieren dabei ebenso wie die Teamzusammensetzungen.

Gruppe vor einer Tafel

Die Betriebsrät*innen behalten den Bezug zur Basis und zur aktuellen Berufspraxis.

Acht Betriebsrät*innen teilen sich die Freistellung untereinander auf

Insgesamt besteht der Betriebsrat aus neun Mitgliedern. Aktuell sind aber nur acht Personen dabei. Die neunte Stelle wird mit der regulären Wahl im Frühjahr wieder neu besetzt. Die Unterbesetzung erschwere für das Team die kontinuierliche Arbeit.

Annette ist seit vier Jahren Betriebsratsvorsitzende. Sie ist derzeit als Jobcoach tätig und arbeitet seit acht Jahren beim Träger. Von Anfang an ist sie Mitglied des Betriebsrates. Beate ist seit 22 Jahren beim Träger beschäftigt und betreut als fachliche Anleiterin eine 16i-Gruppe. Teil des Betriebsrats ist sie seit dessen Gründung 2020. Auch Ertan ist seit der Gründung dabei. Er kommt aus der Bildungsberatung und arbeitet seit 13 Jahren bei der GFBM. Nicole arbeitet seit 28 Jahren als Sozialpädagogin beim Träger. Dem Betriebsrat gehört sie seit zwei Jahren an. Volker ist seit acht Jahren im Unternehmen als Koch tätig, zunächst im Gästehaus auf Schwanenwerder, dann im Las Café in Friedrichshain als Ausbilder.

Die Freistellung teilen sich drei Kolleg*innen untereinander auf. „So behalten wir alle einen Bezug zur Basis“, erklärt Annette. „Gleichzeitig habe ich noch aktuelle Berufspraxis, wenn ich mal nicht mehr Teil des Betriebsrates bin.“

Seit 2020 gibt es den Betriebsrat

Der Betriebsrat gründete sich im Jahr 2020. Die Idee für einen Betriebsrat habe es schon einige Jahre vorher gegeben, erinnert sich Nicole, doch die ehemalige Geschäftsführung habe sich dagegen ausgesprochen. „Da gab es dann vorher einfach nicht genug Traute und Leute, die bereit waren, mitzumischen.“

Annette erinnert sich ebenfalls an die Zeiten vor der Gründung. Damals war sie an einem Standort eingesetzt, an dem vieles intransparent abgelaufen sei. Es kam zu mehreren Kündigungen. Leider sei die Stimmung oft angespannt und der Wunsch da gewesen, Kollegen*innen zu unterstützen, denen es schwerfiel, für sich selbst zu sprechen.

Da habe es ein Gegengewicht und mehr Gerechtigkeit gebraucht. So fanden sich schließlich genug engagierte Personen und Unterstützer*innen. Hilfe bekamen die Gründer*innen damals auch von der Gewerkschaft GEW. „Die haben uns damals sehr intensiv unterstützt und waren bei den ersten Betriebsversammlungen vor Ort.“ Inzwischen ist der Betriebsrat auch mit Ver.di gut vernetzt.

Arbeitsplatz

Gemeinsam mit der Geschäftsführung hat der Betriebsrat Prozesse etabliert.

Betriebsrat als Sprachrohr

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten werde der Betriebsrat von der Geschäftsführung inzwischen als Partner wahrgenommen. Es haben sich gemeinsame Prozesse etabliert, die für beide Seiten gut funktionieren. „Wir sind jetzt eine Kontrollinstanz. Die Geschäftsführung bezieht uns mehr mit ein und beteiligt uns.“ Monatlich trifft sich der aus fünf Betriebsrät*innen bestehende Betriebsausschuss mit der Geschäftsführung und wird über anstehende Projekte informiert. Einiges haben Geschäftsführung und Betriebsrat über die Jahre gemeinsam erarbeitet und gelernt.

Inzwischen wird der Betriebsrat als wichtiges Sprachrohr der Belegschaft wahrgenommen. „Die gemeinsamen Gespräche sind über die Jahre deutlich besser geworden, aber das haben wir uns auch hart erkämpft“, konstatiert Beate. „Vieles im Betrieb wäre nicht passiert, wenn wir es nicht angestoßen hätten“, stellt Nicole fest.

„Ein großes Thema im Betrieb ist die Entlohnung. „Deswegen sind wir auch sehr interessiert an der Umsetzung des Branchentarifvertrags. Dieser könnte für eine gerechtere Bezahlung sorgen“, sagt Annette.

Was die Belegschaft sonst noch umtreibt, sind Versetzungen bzw. Wechsel des Einsatzortes. „Hier gab es bislang viele Fragezeichen. Es war nicht genau geregelt, ab wann etwas als Versetzung zählt. Hier haben wir mehr Struktur hineingebracht“, erzählt Nicole.

Für gleichberechtigte und transparente Regelungen

Fragen, mit denen sich die Beschäftigten an den Betriebsrat wenden, betreffen vor allem Befristungen. Aus den ausschreibungsfinanzierten Projekten ergibt sich, dass viele Mitarbeiter*innen beim Träger befristete Verträge haben. „Das war schon immer so und führt natürlich zu Irrungen und Wirrungen“, beschreibt es Nicole.

Dort, wo Dinge nicht gleichberechtigt und transparent geregelt sind, versucht der Betriebsrat umsetzbare und realistische Regelungen für die gesamte Belegschaft zu erarbeiten. Diese Bearbeitung nehme häufig einige Zeit in Anspruch. „Es ist ja nicht so, dass wir uns heute etwas angucken und morgen schon eine Lösung haben. Das sind langwierige Vorgänge“, erklärt Nicole. In der Regel seien das längere Prozesse mit mehreren Zwischenschritten, bis eine Betriebsvereinbarung oder eine andere interne Regelung abgestimmt ist und Ergebnisse für die Belegschaft vorliegen. Auch für die Betriebsrät*innen selbst war das teilweise überraschend. „Bevor wir selbst an diesen Vorgängen mitgearbeitet haben, war uns auch nicht immer klar, wie komplex die Themen teilweise sind.“ Von der Belegschaft spürt das Team eine hohe Erwartungshaltung. „Aber wir können ja keine Wunder vollbringen“, fasst Beate es zusammen.

Arbeitsplatz

Durch den Betriebsrat sei das Klima besser geworden.

Betriebsrat begleitet bei Gesprächen

Ihre Motivation, sich im Betriebsrat zu engagieren? „Ich war schon immer ein kritischer Mensch und habe viele Fragen gestellt. Ich habe keine Angst, die Klappe aufzumachen. Gleichzeitig habe ich ein offenes Ohr für die Leute“, beschreibt Nicole. Zur Gründung des Betriebsrates seien wohl auch deshalb einige Kolleg*innen auf sie zugekommen und hätten vorgeschlagen, dass sie sich aufstellen lasse. Das sei ein gutes Gefühl gewesen.

Durch den Betriebsrat und einige Veränderungen im Betrieb sei das Klima besser geworden. „Es ist nicht mehr so wie früher“, erzählt Annette. Auch Beate findet, dass der Ton inzwischen deutlich besser und umgänglicher geworden ist.

Durch die Interessensvertretung erhalten die Mitarbeiter*innen nun Unterstützung und Rückendeckung bei Gesprächen. Doch nach wie vor wüssten nicht alle Kolleg*innen von den Unterstützungsangeboten des Betriebsrates. Am Standort des Betriebsrates bietet das Team Sprechzeiten an, doch diese werden nicht so oft genutzt. Daher wird nun überlegt, auch Onlinesprechstunden einzurichten. Teilweise sei es schwierig, an die Kolleg*innen heranzukommen. „Aktuell kommen die Leute meistens direkt vor Ort innerhalb unseres Arbeitskontextes auf uns zu“, erklärt Annette. Die Vielzahl der Standorte ist für den Betriebsrat eine Herausforderung.
Ertan stellt fest: „Wenn uns ein Anliegen erreicht, ist das Kind leider häufig schon in den Brunnen gefallen.“ Wichtig sei es, dass die Beschäftigten den Betriebsrat frühzeitiger einbinden.

Vielfältige Zusammensetzung der Belegschaft sollte sich im Betriebsrat widerspiegeln

Gerade versucht das Team, möglichst viele Kandidat*innen für die Betriebsratswahlen zu finden. Dafür gehen die Betriebsräte in die einzelnen Bildungszentren und ermutigen die Kolleg*innen, sich die Zeit zu nehmen und sich der Aufgabe anzunehmen. „Ich bin noch immer idealistisch und glaube ans Weitermachen. Ich hoffe sehr, dass wir noch mehr Personal ansprechen und für unsere Arbeit gewinnen können“, fasst es Annette zusammen.

Die Betriebsrät*innen wünschen sich für die nächste Wahlperiode Mitglieder aus allen Arbeitsbereichen, Altersgruppen und Zentren. „Die vielfältige Zusammensetzung der Belegschaft sollte sich auch im Betriebsrat widerspiegeln“, wünscht sich Ertan.

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Im Februar haben wir bereits den Betriebsrat von Hello Fresh am Standort Kreuzberg vorgestellt.