„Du musst kein Deutsch können, um einen Betriebsrat zu gründen!“ – Der internationale Betriebsrat am HelloFresh-Standort in Kreuzberg

Betriebsrat HelloFresh

Mitbestimmung ist eine der großen Errungenschaften der modernen Arbeitswelt. Seit über 100 Jahren sorgen Betriebsräte dafür, dass Beschäftigte nicht nur Objekt unternehmerischer Entscheidungen sind, sondern ihre Arbeitsbedingungen aktiv mitgestalten können. Betriebs- und Personalräte stehen dabei im Zentrum dieser demokratischen Kultur am Arbeitsplatz: Sie vertreten die Interessen der Mitarbeitenden, fördern faire Arbeitsbedingungen und tragen dazu bei, dass Arbeit nicht nur effizient, sondern auch gerecht und menschengerecht gestaltet wird. Dabei werden Betriebs- und Personalräte in Friedrichshain-Kreuzberg auch von der bezirklichen Beauftragten für Gute Arbeit, Romana Wittmer, unterstützt.

Die turnusmäßigen Betriebsratswahlen in diesem Frühjahr nehmen wir zum Anlass, um im Bezirksticker einige Betriebs- und Personalräte vorzustellen – auch den von HelloFresh in Kreuzberg. Das Unternehmen wurde 2011 in Berlin gegründet und hat sich mittlerweile zu einem der größten internationalen Kochbox-Anbieter entwickelt. 2023 bauten Mitarbeitende am Berliner Standort erstmalig einen Betriebsrat auf. Diese Mitarbeitendenvertretung ist nicht nur die erste, sondern bislang auch die einzige bei der HelloFresh Gruppe, andere Einrichtungen von HelloFresh in Deutschland haben zum jetzigen Zeitpunkt keinen Betriebsrat.

Essen

Einsatz für sichere und transparente Arbeitsbedingungen

„Wir möchten uns für sichere und transparente Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten einsetzen“, erklärt die Vorsitzende Bea, die bereits seit den Anfängen dabei ist und eines von vier freigestellten Mitgliedern im Betriebsrat ist. 2018 kam sie zu HelloFresh. „Wir arbeiten in einer schnelllebigen Branche, in der Menschen aus aller Welt in dieser sogenannten agilen Umgebung zusammenarbeiten, die von ständigen Veränderungen geprägt ist. Das entspricht nicht immer den Erwartungen der Belegschaft meiner Meinung nach. Deshalb halte ich einen Betriebsrat für wichtig – um stabile Arbeitsplätze sicherzustellen und dafür zu sorgen, dass wir eine langfristige Perspektive haben und die Möglichkeit, unser Leben zu planen.“
Seit seiner Gründung hat der erste Betriebsrat bei HelloFresh verschiedene Materialien und Handreichungen zum Thema Arbeitsrecht und zur Rolle des Betriebsrats auf Englisch erstellt. Die meisten gängigen Unterlagen sind in der Regel nur auf Deutsch verfügbar, die Arbeitssprache bei HelloFresh ist aber Englisch. Betriebsräte in internationalen Unternehmen sind in Deutschland in vielerlei Hinsicht noch Neuland und der Betriebsrat bei HelloFresh ist gewissermaßen Vorreiter auf diesem Gebiet. Keines der vier freigestellten Mitglieder ist deutsche*r Muttersprachler*in: „Wir wollen auch andere internationale Unternehmen in Berlin ermutigen, einen Betriebsrat zu gründen“, betont Bea und verweist auf die „Berlin Tech Workers Coalition“, die Beratung und Unterstützung bei der Gründung eines Betriebsrats anbietet und Austauschrunden für bestehende Betriebsräte in der internationalen Berliner Tech-Szene veranstaltet. „Ihr müsst kein Deutsch können, um euch für gute Arbeitsbedingungen einzusetzen“, bekräftigt Bea. „Und es ist immer gut, einen Betriebsrat zu haben – nicht erst, wenn Probleme auftreten oder es ein konkretes Anliegen gibt.“

Gemüse schneiden

Symbolbild

Mitarbeiter*innen aus aller Welt

Ihr Kollege Davide ergänzt: „Das Parlament existiert, um sicherzustellen, dass die Bürgerinnen und Bürger bei Entscheidungen wirklich mitbestimmen können, und ich versuche stets, meinen Kolleginnen und Kollegen den Sinn und Wert unserer Arbeit zu erklären, als sei der Betriebsrat das Parlament der Belegschaft.“ Davide arbeitet seit 2021 im Personalbereich bei HelloFresh und ist ebenfalls seit den Anfängen des Betriebsrats dabei. „Im Idealfall nehmen wir potentielle Probleme der Belegschaft in Angriff, bevor sie überhaupt auftreten können.“ Das funktioniert hauptsächlich über Betriebsvereinbarungen, die mit der Geschäftsführung verhandelt und abgestimmt werden müssen. Außerdem bietet der Betriebsrat wöchentliche Sprechzeiten an, in denen sich die Mitarbeitenden entweder online oder vor Ort zu ihren individuellen Anliegen beraten lassen können. Neben den vier Vollzeitfreigestellten engagieren sich derzeit 13 weitere Kolleg*innen im Betriebsrat.
Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich bei HelloFresh durch die internationale Belegschaft und die verschiedenen Arbeitskulturen. Viele Mitarbeitende wüssten beispielsweise nicht, was ein Betriebsrat ist oder welche Rechte sie als Arbeitnehmer*in in Deutschland haben, erklärt Tom, der seit 2018 als Datenwissenschaftler bei HelloFresh arbeitet. Für manche Kolleg*innen sei auch die mitunter sehr direkte, unverblümte europäische Art auf Englisch zu kommunizieren erstmal gewöhnungsbedürftig, fügt er schmunzelnd hinzu. Mitarbeitende können sich auf Englisch unterhalten und doch aneinander vorbeireden. Das führe manchmal zu Missverständnissen. Tom ist seit 2024 freigestelltes Mitglied im Betriebsrat und stellvertretender Vorsitzender. Er möchte sich dafür einsetzen, dass interne Prozesse im Unternehmen transparenter gestaltet und die Arbeitsbedingungen für alle bei HelloFresh verbessert werden.

Nudeln

Gegenseitige Unterstützung

„Neben Schlafen verbringen wir statistisch gesehen den größten Anteil unserer Lebenszeit mit Arbeiten, mit unseren Kolleg*innen. Gerade deswegen sollten wir unsere Arbeitsbedingungen und unsere Rechte als Arbeitnehmer*innen sehr ernst nehmen,“ bringt es sein Kollege Adrian auf den Punkt. Er arbeitet seit 2023 als Softwareentwickler bei HelloFresh und ist ebenfalls seit 2024 im Betriebsrat. „Der fortschreitende Individualisierungstrend trägt dazu bei, dass unsere Gesellschaften immer weiter zerfallen. Gerade in einer von Einwanderung geprägten Stadt wie Berlin und in der internationalen Tech-Industrie gibt es viele Menschen, deren Familien nicht vor Ort sind und die kein Umfeld haben, das sie unterstützt. Deswegen ist es für mich besonders wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen – sich im Betriebsrat zu engagieren, ist eine Möglichkeit, das zu tun!“
Die vier Vollzeitmitglieder wünschen sich einen Mentalitätswandel in der gesamten Tech-Branche, für die anstehenden Betriebsratswahlen bei HelloFresh hoffen sie auf rege Beteiligung und wünschen sich für die Zukunft viele weitere Kolleg*innen, die sich engagieren und für den Betriebsrat aufstellen lassen.

*Dieses Interview wurde auf Englisch durchgeführt. Die Zitate sind eine Übersetzung aus dem Englischen.

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Wir haben in dieser Reihe bereits den Betriebsrat der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbH vorgestellt.