„Hören heißt dazugehören“ – Ein Besuch bei der Hörberatungsstelle zum Tag des Hörens

Dr. Ulrike Napiontek in der Hörkammer der Hörberatungsstelle

Dr. Ulrike Napiontek in der Hörkammer der Hörberatungsstelle

Ein leises Piepen, ein kaum wahrnehmbarer Ton, ein kurzer Blick – reagiert das Kind oder nicht? Für Dr. Ulrike Napiontek sind solche Momente keine Routine, sondern entscheidend. Seit 2010 leitet sie die Beratungsstelle für hörbehinderte Kinder und Jugendliche im Gesundheitsamt. Wer ihr zuhört, merkt schnell: Hier arbeitet eine Kollegin, die für ihr Fach brennt. „Hören ist eine Grundlage für Kommunikation, Entwicklung und Teilhabe“, sagt die Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Phoniatrie/Pädaudiologie. Besonders bei Kindern entscheidet sich in den ersten Lebensjahren viel. „Die Hörbahn reift vor allem in den ersten zwei Lebensjahren. In dieser Zeit entstehen im Gehirn die Verknüpfungen, die später Sprache und Verstehen möglich machen.“

Außenansicht des Gesundheits-und-Beratungszentrums in der Koppenstraße

Wenn Gewissheit wichtiger wird als Hoffnung

Viele Familien kommen mit Sorgen in die Beratungsstelle. Ein Kind spricht nicht altersgerecht, reagiert wenig oder hat ein auffälliges Screening-Ergebnis in der Kinderarztpraxis oder bei einer anderen Untersuchung erhalten. Für Dr. Napiontek und ihr Team beginnt dann detektivische Arbeit: zuhören, beobachten, testen, wieder testen – und vor allem erklären. Seit Einführung des Neugeborenenhörscreenings sieht die Hörberatungsstelle Kinder oft schon kurz nach der Geburt. Die Höruntersuchung für Neugeborene ist seit dem 1. Januar 2009 fester Bestandteil der U1-Untersuchung und ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Nicht jede Auffälligkeit bestätigt sich, doch bei ein bis drei von 1.000 Neugeborenen liegt tatsächlich eine angeborene Schwerhörigkeit vor. „Für Eltern ist die Ungewissheit oft das Schwerste“, sagt Ulrike Napiontek. „Wenn wir Klarheit schaffen können, auch wenn die Diagnose nicht leicht ist, bringt das vielen Familien große Erleichterung.“

Begleitung über Jahre – nicht nur medizinisch

Wird eine Hörstörung früh erkannt, erfolgt die Versorgung meist innerhalb des ersten Lebenshalbjahres. Doch damit beginnt die Arbeit der Hörberatungsstelle erst richtig. „Ein Hörgerät allein reicht nicht. Es schafft nur die Voraussetzung“, erklärt die Ärztin. „Die Kinder brauchen Förderung, Begleitung und Unterstützung im Alltag.“ Gemeinsam mit Logopäd*innen, Sozialarbeiter*innen und einer Hörgeschädigtenpädagogin begleitet das Team Kinder und Familien oft über viele Jahre – von der Geburt bis ins Jugendalter. Es geht um Kommunikation in der Familie, Sprachentwicklung, Kita-Integration, Schulwahl, Fördermöglichkeiten und sozialrechtliche Unterstützung. Dr. Napiontek spricht vom „Höralter“ im Vergleich zum Lebensalter: „Ein Kind, das spät versorgt wird, verpasst wertvolle Entwicklungszeit. Deshalb ist frühe Diagnostik so entscheidend.“

Kleine Fortschritte, große Wirkung

Im Gespräch wird deutlich: Für Ulrike Napiontek sind es oft die leisen Momente, die zählen. „Wenn ein Kind plötzlich reagiert, wenn Eltern sagen, sie fühlen sich verstanden und ernst genommen – das sind die Augenblicke, die diese Arbeit so besonders machen.“ Über den teils langen Zeitraum, in dem die Beratungsstelle Familien begleitet, erlebt sie Unsicherheit, Sorge, Hoffnung – und Fortschritte. „Wenn trotz einer schwierigen Diagnose Zuversicht entsteht, dann weiß ich, warum ich diesen Beruf mache.“

Frau Dr. Napiontek im einen der Untersuchungszimmer der Hörberatungsstelle

Frau Dr. Napiontek im einen der Untersuchungszimmer

Hören betrifft alle – nicht nur Kinder

Der Tag des Hörens richtet den Blick auch auf Erwachsene. Millionen Menschen in Deutschland leben mit behandlungsbedürftiger Schwerhörigkeit, viele ohne Versorgung. „Wenn Gespräche anstrengender werden, man häufiger nachfragen muss oder sich in größeren Runden zurückzieht, sollte man das ernst nehmen“, sagt Ulrike Napiontek. Unbehandelte Hörstörungen können zu Isolation und langfristig zu kognitiven Einschränkungen beitragen. Auch Lärm spielt eine Rolle. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass rund die Hälfte der 12- bis 35-Jährigen ihr Gehör durch zu laute Musik gefährdet. Prävention beginnt im Alltag – durch bewusste Lautstärke und regelmäßige Hörtests.

Inklusion beginnt im Detail

Für Dr. Napiontek bedeutet Inklusion und Barrieren konkret abzubauen – räumlich, technisch und gesellschaftlich. Im Bezirksamt steht seit Kurzem eine moderne Übertragungsanlage zur Verfügung. Sie wird bei Veranstaltungen im Gesundheitsamt eingesetzt und sorgt dafür, dass Sprache auch in größeren Gruppen klar verstanden werden kann – bei Bedarf direkt im Hörgerät. Perspektivisch kann sie auch bei ausgewählten Angeboten, etwa im Kontext von Volkshochschulveranstaltungen, genutzt werden. „Solche Systeme helfen nicht nur hörgeschädigten Menschen, sondern allen, die in größeren Gruppen besser verstehen möchten“, erklärt die Leiterin der Beratungsstelle. Ebenso wichtig sind Dolmetschleistungen für gehörlose Eltern oder gute Raumakustik. „Inklusion ist keine einzelne Maßnahme, sondern eine Haltung.“

Ein Beruf mit Sinn

Was bleibt nach vielen Jahren in diesem Beruf? Dr. Napiontek überlegt kurz, dann sagt sie: „Wenn Familien nach einem langen Weg sagen, dass sie sich gut begleitet fühlen und wieder Hoffnung haben – dann weiß ich, warum ich hier bin.“ Der Tag des Hörens erinnert daran, dass gutes Hören keine Selbstverständlichkeit ist. Und dass Aufmerksamkeit, frühe Unterstützung und engagierte Facharbeit entscheidend sind – damit Hören auch Teilhabe bedeutet.