Inhaltsspalte

Tier des Monats: Blauflügelige Ödlandsschrecke – faszinierende Verwandlungskünstler und eine seltene Begegnung in Xhain

30.07.2021

Tier des Monats: Blauflügelige Ödlandsschrecke – faszinierende Verwandlungskünstler und eine seltene Begegnung in Xhain
Bild: Stiftung Naturschutz / Kristina Roth

In der Roten Liste der gefährdeten Arten wird die Blauflügelige Ödlandschrecke in Deutschland und der Schweiz geführt und steht in ganz Europa unter Schutz.

Heuschrecken sind mit rund 70 Arten eine relativ überschaubare Tiergruppe und die meisten Arten sind auch für Anfänger*innen sicher bestimmbar. Viele Menschen kennen eher den gemeinen Grashüpfer, Grillen oder das grüne Heupferdchen. Andere Verwandte sind auch Ohrwürmer und Schaben.
Es gibt zwei Gruppen: Lang- und Kurzfühlerschrecken. Wussten Sie, dass Langfühlerschrecken mit den Knien hören? Das „Ohrorgan“ befindet sich bei den Langfühlerschrecken in einer Verdickung der Vorderschienen unterhalb des Kniegelenks, bei den Kurzfühlerschrecken an der ersten Seitenplatte des Hinterleibs

Unsere von den Stadtnatur-Rangerinnen Janet Huber und Kristina Roth auf einer Brache entdeckte Blauflügelige Ödlandschrecke gehört zu den Kurzfühlerschrecken. Sie ist wegen ihrer Seltenheit und der guten Tarnung an ihre Umgebung nicht leicht aufzuspüren. So gleicht die Entdeckung unseres Julitieres trotz der auffälligen blauen Flügelfärbung einem kleinen Wunder!

Warum? Oedipoda caerulescens, so der wissenschaftliche Name, ist in der üblicherweise braungrauen Umgebung mit ihrem grau bis braun marmorierten Körper ganz hervorragend getarnt – und die blauen Hinterflügel sind beim Sitzen gut versteckt unter den Deckflügeln.

Junge Heuschrecken passen sich beim Wachsen immer mehr ihrem Untergrund an. Und wenn man eine Ödlandschrecke in eine andere Umgebung setzt, dann sucht sie entweder den farblich passenden Untergrund auf oder sie gleicht ihre Körperfarbe in ein bis zwei Tagen ihrer Umgebung an. Homochromie nennen das die Biolog*innen.

Die Männchen der Blauflügeligen Ödlandschrecke erreichen eine Körpergröße von 13 bis 23 Millimeter, die Weibchen werden zwischen 20 und 29 Millimeter groß und damit deutlich größer als die Männchen. Der Brustabschnitt (Thorax) ist kräftig und der Hinterleib (Abdomen) relativ schlank. Die Tiere haben lange und schmale Flügel sowie relativ kurze, dafür kräftige Sprungbeine.

Sie haben sechs Beine, die zwei vorderen Paare zum Gehen und Festhalten und das hintere Beinpaar dient den meisten Heuschrecken zum guten Springen.

Heuschrecken durchleben mehrere Entwicklungsstadien vom Ei zum Adulten (Metamorphose). Sie entwickeln sich nach dem Schlupf aus dem Ei in mehreren Larvenstadien zur adulten Heuschrecke (Imago). Dabei sehen die einzelnen Stadien den erwachsenen Tieren zunehmend ähnlicher, Flügel und Geschlechtsorgane sind anfangs jedoch noch nicht ausdifferenziert. Das nennt man hemimetabole Verwandlung (=unvollständig), im Gegensatz zur holometabolen Verwandlung der Schmetterlinge (Ei – Raupe – Puppe – Imago).

Das Außenskelett der Heuschrecken ist wie bei allen Arthropoden nicht dehnbar. Für ihr Wachstum sind mehrere Häutungen notwendig. Hierbei handelt es sich um sehr risikoreiche Momente, in denen sie geschützte Orte aufsuchen. Die Tiere sind dann weitgehend bewegungsunfähig und eine leichte Beute für Feinde. Zahlreiche Arten wie Vögel, Säugetiere, Reptilien aber auch andere Wirbellose wie Spinnen ernähren sich von ihnen. Während der Häutung fallen Abwehr- und Vermeidungsstrategien wie Fluchtsprünge und Flugphasen aus.

Die meisten Heuschrecken ernähren sich pflanzlich. Die Blauflügelige Ödlandschrecke frisst aber auch tierische Kost, etwa von Tierkadavern. Heuschrecken prüfen ihre Nahrung mittels Fühlern und Tastern und zerkleinern sie mit dem Oberkiefer, bevor sie sie aufnehmen
Neben den Zikaden sind Heuschrecken die einzige Insektengruppe, in der viele Arten zu artspezifischen Lauten fähig sind. Die Laute erzeugen sie mit Hilfe der Flügel und erzeugen so ein klapperndes Fluggeräusch (Scharrschrecken), durch Trommeln mit Hinterbeinen (Eichenschrecken) oder Knirschen der Beißwerkzeuge (Dornschrecken und Knarrschrecken).

So kann man Heuschrecken finden

Gesänge oder andere Formen der Lauterzeugung sind oft erste Hinweise auf ein Vorkommen von Heuschrecken – die beste Zeit dafür ist der August.
Die meisten Heuschrecken sind wärmeliebend, weshalb bisher im Süden Europas deutlich mehr Arten vorkommen. Von den heißen Sommern der letzten Jahre hat, wie unsere Entdeckung zeigt, die Blauflügelige Ödlandschrecke profitiert. Die Brachen im Bezirk sind ihr ein wichtiger Lebensraum.

Unsere Ödlandschrecke, liebevoll „Steinbeiß“ genannt, wurde nach der Artenbestimmung selbstverständlich und schnell am Fundort zurück in die Freiheit entlassen.

Text: Katja Frenz, Umweltbildung

Unser Tier des Monats im Juni war die Erdkröte
.
Mehr Informationen aus dem Bereich Umweltbildung finden Sie hier.