Entschleunigung im Fotolabor und der Radierwerkstatt

09.08.2019

Volkshochschule
Bild: Sara Lühmann

In der Radierwerkstatt der Volkshochschule sieht es an diesem Julinachmittag noch etwas chaotisch aus. Nicht wegen der kreativen Arbeit am Jahreskalender, den ein Kurs gerade erstellt, sondern wegen der Grundreinigung des Hauses am Wassertorplatz. Die findet immer während der schulischen Sommerferien statt und ist gerade in den Kunstwerkstätten des Hauses besonders wichtig. „Aber da wir seit einigen Jahren in der VHS eigentlich keine Sommerferien mehr haben, ist das bei laufendem Kursbetrieb immer eine Herausforderung.“, erklärt Peter Lattermann. Er ist stellvertretender Direktor der Gilberto-Bosques-Volkshochschule und Programmbereichsleiter für den Bereich Kultur und Gestalten. Früher galten die Schulferien auch für die Volkshochschule. Inzwischen gibt es das ganze Jahr über Kursangebote. Denn für viele Friedrichshain-Kreuzberger*innen seien die Schulferien nicht so relevant. Vor allem die Deutschkurse laufen das gesamte Jahr.

Gerade ist das Jahresprogramm für das Schuljahr 2019/2020 erschienen. Allein in Peter Lattermanns Bereich werden rund 400 Kurse angeboten. Das Angebot des Programmbereichs Kultur und Gestalten ist vielfältig: Neben den Klassikern wie Malen und Zeichnen gibt es Film- und Schreibkurse, verschiedene Drucktechniken, Keramik, Bildhauerei, Goldschmieden und textiles Gestalten. Ein Schwerpunkt des Bereichs liegt in der Fotografie.

Das Photocentrum der VHS ist mit über 150 Kursen eine der größten Ausbildungsstätten für künstlerische Fotografie in Deutschland und führt den Ansatz der subjektiven Fotografie, der in den 1970er Jahren in der damaligen Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg gegründet wurde, auch heute noch fort. „Wie in anderen Themenbereichen auch, prägt der Werkstatt-Charakter viele Kurse im Bereich Fotografie“, erklärt Peter Lattermann. „Hier begegnen sich Kursleitende und Teilnehmende auf Augenhöhe. Bildbesprechungen und Diskussionen sind ein wichtiger Bestandteil der Kurse, es geht nicht nur darum, die Kamera besser bedienen zu können.“
Dabei verschwimmen oft die Grenzen zwischen kultureller und politischer Bildung, so Peter Lattermann: „Gerade heute, wo wir so viele Sachverhalte medial und über Bilder vermittelt bekommen, wird ein kritisches und kompetentes Bildverständnisses meiner Meinung nach immer wichtiger, um sich vor Manipulation und Fake News schützen zu können.“

Eine besondere Werkstatt im Haus ist das analoge Fotolabor. Trotz der Dominanz der Digitalfotografie hat die VHS die analoge Technik erhalten und instandgehalten. Darüber ist Peter Lattermann sehr froh: „Zum Glück sind wir dabei geblieben und haben alles in Schuss gehalten und zum Teil noch erweitert. Denn diese Technik neu zu beschaffen, wäre heute wesentlich schwieriger.“ Die Kurse in Analogfotografie erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit, vor allem bei Jüngeren, die die Zeiten, als man beim Fotografieren sparsam sein musste, weil nur 27 Fotos auf einen Film passten genau so wenig kennen, wie das tagelange Warten, nachdem man die Filme zur Entwicklung abgegeben hatte. „Viele der Kunst- und Kulturtechniken, die wir hier vermitteln, funktionieren ganz anders als das, was die meisten von ihren heutigen Arbeitsplätzen kennen. Egal ob in der Analogfotografie oder in der Radierwerkstatt: Ich muss mir vorher genau überlegen und planen, was ich umsetzen möchte. Anders als am Computer kann ich nicht einfach auf „rückgängig“ klicken.“, erklärt Peter Lattermann. Genau das sei es, was viele VHS-Nutzer*innen an den Kursen so schätzten. Sie bilden sich jenseits ihres Berufsfeldes weiter, erlernen dabei neue Fertigkeiten und treffen auf Menschen außerhalb ihres alltäglichen Umfeldes.

Eine Herausforderung ist das Bereitstellen der notwendigen Werkstätten im Gebäude der Volkshochschule. „Anders als in anderen Programmbereichen benötigen wir spezielle Technik und Gerätschaften. Während unterschiedliche Sprachen im gleichen Raum gelehrt werden können, ist das bei Kunstkursen schwieriger. Im Fotolabor kann nicht im Anschluss ein Schneiderkurs stattfinden.“, erläutert Peter Lattermann. Die Raumnot ist ein Problem, das in unserem dicht besiedelten Bezirk fast alle kennen. Die Volkshochschule reagiert darauf mit über 30 Kooperationen mit öffentlichen und privaten Einrichtungen und kreativen Lösungen. Vor zwei Jahren wurden im Keller die Schmuck- und die Siebdruckwerkstatt eröffnet. So werden die Räumlichkeiten am Standort ideal genutzt.

An der Remise im grünen Hinterhof des Schulgebäudes finden gerade Restaurationsarbeiten statt. Die Volkshochschulleitung hofft darauf, dass der Gebäudeteil künftig auch für Unterricht genutzt werden kann. In vergangenen Zeiten befanden sich dort die Knabentoiletten. Das Backsteingebäude am Wassertorplatz wurde 1865 als 28. Gemeindeschule für Mädchen und Knaben (mit getrennten Aufgängen und Pausenhöfen) eröffnet. Es ist eines der ältesten erhaltenen Kreuzberger Schulgebäude. Die Volkshochschule ist seit 2002 am dort untergebracht. Kurse finden auch am Friedrichshainer Standort in der Frankfurter Allee, oder bei einem der Kooperationspartner: Schulen, Galerien, Familien- oder Nachbarschaftszentren.

Peter Lattermann ist seit 2015 VHS-Programmbereichsleiter im Bezirk. Vorher war er an der Volkshochschule der Stadt Emden beschäftigt. „Aber ich habe Friedrichshain- Kreuzberg sehr vermisst und wollte gern zurück.“ Er war Mitte der 90er Jahre zum Studium der Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik nach Berlin gekommen und wohnt seit 2003 im Bezirk. Das Besondere an der Volkshochschularbeit hier sei auch die Vielfalt der Kursteilnehmer*innen. Gerade im Programmbereich Kultur und Gestalten gibt es Teilnehmer*innen zwischen 15 (Mindestalter für die VHS-Teilnahme) und 91 Jahren. Aber das Friedrichshain-Kreuzberger Publikum sei auch anspruchsvoll. „Das fordert uns, unsere Angebote kontinuierlich zu erweitern und neue Dinge auszuprobieren. Zum Glück können wir immer sehr schnell reagieren und neue Kursinhalte anbieten, wenn Bedarf und Interesse da ist. Wir orientieren uns natürlich an den Bedürfnissen der Bürger*innen.“, sagt Peter Lattermann.

Mit diesem vielfältigen Programmangebot schafft, die Volkshochschule es, immer wieder neue Besucher*innen aus der gesamten Bevölkerung anzusprechen. „Wir sind ein lebendiger, wachsender Bezirk, diese Vielfalt spüren wir sehr deutlich an unserer Schule, denn unser Angebot lebt von interessierten und interessanten Teilnehmer*innen und Dozent*innen.“, so Peter Lattermann. „Auch freut es mich immer, wenn sich Kolleginnen und Kollegen aus dem Bezirksamt für unser Angebot interessieren.“ Schließlich finden viele Kurse in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes statt. „Wir sind stets offen für Kooperationen und Zusammenarbeit.“ erklärt Peter Lattermann weiter. „Einige Abteilungen haben bereits ihre Teamtage mit einem unserer Kochkurse bei uns verbracht und wir überlegen gerade, wie wir gemeinsam mit der Koordinationsstelle im Bezirk die Themen Nachhaltigkeit und Umweltbildung auch in unserem Angebot besser umsetzen können.“

Das neue Programm der VHS ist Mitte Juli erschienen und liegt an vielen Stellen im Bezirk aus. Mehr über unsere Volkshochschule erfahren Sie auf der VHS-Webseite.