„Ich bau ’ne Stadt für dich“

Torsten Suschke erklärt den Kinderhof

Torsten Suschke von Kersten Kopp Architekten (Mitte) leitete die Rundgänge durch den Moabiter Kinderhof.

Das Architekturwochenende begeisterte Jung und Alt für neue Baustoffe

Es war wohl eher Zufall, dass 2025 der Tag der Architektur und die Lange Nacht der Wissenschaften zusammenfielen. Kein Zufall dagegen sind der hohe Zuspruch für beide Veranstaltungsreihen und die sich zum Teil ergänzenden Themen. Sowohl Architektur als auch Wissenschaft suchen nach Antworten auf Herausforderungen unserer Zeit: Zum Beispiel, wie schaffen wir für die Stadt der Zukunft ungeachtet des Klimawandels nachhaltige und gesunde Lebensverhältnisse? Oder, wie gewährleisten wir für alle Menschen gute Chancen auf Bildung?

Eine Antwort auf diese Fragen können jene Projekte sein, die das Programm Nachhaltige Erneuerung fördert. So war es folgerichtig, dass zwei davon auf dem diesjährigen Besichtigungsprogramm der Architektenkammer Berlin standen: der Moabiter Kinderhof (Außenanlagen) und der Lichtenberger Kindergarten Gudrunstraße.

Moabiter Kinderhof Bühne

Ein Teil der Freiflächen des Kinderhofs wird zurzeit barrierefrei umgestaltet. Vorhandene Elemente werden integriert. Hier ein Blick auf die künftige Bühne.

Im Moabiter Kinderhof empfingen die Leiterin Irene Stephani und der Architekt Torsten Suschke (Kersten Kopp Architekten) ca. 50 Besucherinnen und Besucher. Sie atmeten angesichts der großen Mittagshitze schon beim Betreten des Grundstücks auf, denn die Kinderfreizeiteinrichtung liegt am Rand des Fritz-Schloß-Parks und ist beschattet von hohen, alten Bäumen. Diese beim Neubau des Gebäudes vollständig zu erhalten und es gleichsam in die Parklandschaft einzufügen, war ein Wunsch des Bezirksamtes Mitte. Von den Gästen kamen viele detaillierte Nachfragen zur technischen Gebäudeausstattung, zur Konstruktion des Holzgebäudes und zu den multifunktionalen Räumen. Torsten Suschke erhielt Applaus, als er erklärte, mit welcher Umsicht die Holzmodule per Kran über die Baumkronen hinweg eingehoben wurden, und das dafür sogar ein Baumgutachter zugegen war. Irene Stephani, die vor 28 Jahren den damaligen Abenteuerspielplatz mitgründete, freut sich nach der Übergabe des Hauses auf die baldige Fertigstellung des barrierefreien Gartens. Auch hierzu wurden die Kinder bereits bei der Planung befragt und so bleibt der ursprüngliche Charakter weitgehend erhalten. „Für die meisten Kinder aus diesem Kiez ist dieser Platz eine richtige Oase. Viele leben in beengten Verhältnissen und bekommen hier die Chance in der Natur zu spielen, zu lernen und sich um Tiere und Pflanzen zu kümmern.“

Buddeln vor der Kita Gudrunstrasse

Kita Gudrunstraße: Die Terrasse des Obergeschosses spendet Schatten für die unten liegenden Gruppenräume.

Elf Kilometer östlich, nahe dem Landschaftspark Herzberge, versammelten sich zum Tag der Architektur ca. 75 Interessierte vor einem außergewöhnlichen Holzgebäude. Diesmal ist es eine U-förmige, komplett metallfreie Kita auf einem trapezförmigen Gelände. Die Architektin Laura Fogarasi-Ludloff führte die Besuchergruppen mit Stolz durch die Einrichtung und fragte in die Runde: „Sollten wir nicht immer die besten Gebäude für Kinder bauen?“. Von den Gästen erhielt sie Zustimmung, doch etliche äußerten ihr Bedauern, dass Holzbau immer noch signifikant teurer sei und Investoren diese Kosten scheuten. Der Kindergarten Gudrunstraße sei aber als Pilotprojekt im Rahmen des Förderprogramms Nachhaltige Erneuerung ein gutes Beispiel für den Umgang mit nachhaltigen Baustoffen – und auch dafür, wie sich ein Kita-Neubau im regulären Budgetrahmen verwirklichen lässt, ohne Sondermittel für den Holzbau. Zudem sei hier bewiesen, wie man Grundstücke mit komplizierten Zuschnitten in Areale für Bildung, Erholung und Nachbarschaft umgestalten kann. Demnächst soll auf der östlichen Spitze des Grundstücks mit dem Bau eines öffentlichen Spielplatzes begonnen werden. Auch dieser wird über das Programm Nachhaltige Erneuerung gefördert.

Schule AdK 22

Unter den fünf aufgeständerten „Compartment-Armen“ herrscht Schatten. Hier treffen sich Schülerinnen und Schüler vor dem Unterricht und in den Pausen.

Nur wenige Minuten von der Gudrunstraße entfernt war ein weiterer Ort nachhaltigen Bauens zu besichtigen. Am östlichen Ausgang des Landschaftsparks Herzberge und kurz vor der Bezirksgrenze zu Marzahn steht seit einem Jahr Berlins größter Schulkomplex, ein Holzhybridbau, zertifiziert nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) in Silber. Wie sieht ein architektonisch anspruchsvoller und funktionaler Schulkomplex für rund 1700 Schülerinnen und Schüler aus? Wie gliedert man eine 38.000 Quadratmeter große Fläche und bringt man dort fünf Unterrichtsgebäude, eine Doppelsporthalle und öffentlich zugängliche Sport- und Freiflächen unter? Mit diesen Fragen im Hinterkopf standen schon vor 10 Uhr weit über 100 Interessierte am Eingang der „AdK 22“. Georg Poduschka, Anna Popelka (PPAG architects ZT GmbH) und Jens Wadle, Leiter Schulbau der HOWOGE, begrüßten die Neugierigen und dirigierte diese erst einmal in den Schatten. Den spendet das mit Säulen aufgeständerte Gebäude selbst. Die Architekten und ihr Auftraggeber von der HOWOGE erläuterten ihr Konzept für die Compartmentschule, die im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive errichtet wurde. Die Compartments kann man sich als „Dörfer“ mit überschaubarer Größe vorstellen, sodass die Angst vor einer „Megaschule“ unbegründet ist. Mit dem Neubau an der Allee der Kosmonauten könne der wachsende Bezirk Lichtenberg nun Bestandsschulen im Umfeld schneller sanieren und währenddessen hier die Kinder und Jugendlichen in guter Qualität unterrichten. Man spare damit die teure Anmietung von Containern, habe Baufreiheit und könne so schneller sanieren. Denn nach dem Neubau von insgesamt 29 Schulen und über 100 Modularen Ergänzungsbauten rücke die Sanierung der Bestandsschulen stärker in den Fokus.

Forum in der Compartmentschule

Bei der Führung in der Allee der Kosmonauten erklärten die Architekten und die HOWOGE als Bauherrin das Prinzip der Compartmentschulen. Jeder Gebäudeteil verfügt über ein eigenes „Forum“.

Um die Themen Sanierung und Neubau unter dem Blickpunkt des Klimawandels ging es am selben Abend auch bei der Langen Nacht der Wissenschaften am Campus Charlottenburg. Mehrere TU-Forschungsprojekte präsentierten publikumsnah ihre Ergebnisse. Da ging es um nachhaltige Baustoffe, um die Messung von Hitze in der Stadt oder um kostensparende Möglichkeiten zur natürlichen Abkühlung von Bestandsgebäuden. Viele Kinder und Jugendliche ließen sich von den Mitmach-Aktionen begeistern, so auch in der Uni-Bibliothek in der Fasanenstraße. Auf einem vier Meter langen Tisch bauten sie mit Legosteinen ihre Stadt der Zukunft: mit viel Wasser, viel Grün und einem großen Obstgarten auf dem Dach.

1 „Ich bau ’ne Stadt für dich“: Veranstaltungstitel im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften, entlehnt einem Song von Cassandra Steen