Städtepartnerschaft Friedrichshain-Kreuzberg – Dêrik – Ehrenamtliches Engagement unter herausfordernden Bedingungen

Elke Dangeleit ist eine von drei Vorständen und Gründungsmitglied des Städtepartnerschaftsvereins Dêrik / Al-Malikiya

Elke Dangeleit ist eine von drei Vorständen und Gründungsmitglied des Städtepartnerschaftsvereins Dêrik / Al-Malikiya

Friedrichshain-Kreuzberg unterhält insgesamt elf Städtepartnerschaften innerhalb Deutschlands und weltweit. Jede Partnerschaft erzählt ihre eigene Geschichte und steht für Themen, die dem Bezirk wichtig sind. Elke Dangeleit ist eine von drei Vorständen und Gründungsmitglied des Städtepartnerschaftsvereins Dêrik / Al-Malikiya und setzt sich seit 2017 für diese Region ein.

Elke Dangeleit erklärt: „Die Stadt Dêrik liegt im Dreiländereck von Syrien, Türkei und Irak, in der Nähe des Flusses Tigris, der dort die Grenze zum Irak und zur Türkei bildet.“ Hier lebten vor Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 26.000 Einwohner*innen sowie 75.000 Menschen im Umland: Kurd*innen, Aramäer*innen, Armenier*innen, Araber*innen und Ezid*innen. Die Ethnologin bereiste diese Region bereits vor vielen Jahren und nennt weitere Zahlen: „75 Prozent davon sind Kurd*innen, und vor dem Bürgerkrieg waren es auch 6.700 Christ*innen, die dort lebten. Es gibt sieben Moscheen und sieben Kirchen.“ Die Partnerstadt gehörte zum Gebiet der demokratischen Autonomieverwaltung (Rojava), das vom Assad-Regime nicht kontrolliert wurde.

Nach dem Sturz von Baschar al-Assad im Dezember 2024 hat der islamistische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa der Miliz Hayat Tahrir al-Sham ein. im März 2025 eine neue Regierung mit 22 Ministern ernannt, die den Umbau und Wiederaufbau bis zu freien Wahlen innerhalb von fünf Jahren (bis 2030) leiten soll. Doch nach den politischen Umbrüchen in Syrien hat sich die Lage in der Region um Dêrik, grundlegend geändert. Elke Dangeleit: „Die bis dahin von Kurd*innen geführte Autonomieverwaltung (Rojava) wurde im Januar 2026 durch ein erzwungenes Abkommen mit der neuen syrischen Übergangsregierung unter Ahmed al-Sharaa weitgehend beendet.“ Massaker an den Kurd*innen wie 2025 an den Alawit*innen im Nordwesten und den Drus*innen im Süden sollten durch das Abkommen verhindert werden.

Als junge Frau war die türkisch und ein wenig kurdisch sprechende Elke Dangeleit mit dem Bus in den kurdischen Dörfern der angrenzenden Türkei unterwegs – dort beeindruckten sie besonders die Frauen: „Ich war damals 19 Jahre alt. Die kurdischen Frauen haben so viel Power und Stärke ausgedrückt. Das hat mich tief beeindruckt. Sie sind mir bis heute an Herz gewachsen.“

Darum hat sie mit ihrem Städtepartnerschaftsverein einige wichtige Projekte ins Rollen gebracht, die besonders die Frauen in der Region unterstützen.

Der Verein sammelte in 2019 Spenden für die Einrichtung einer mobilen Klinik für Frauen

Der Verein sammelte in 2019 Spenden für die Einrichtung einer mobilen Klinik für Frauen

Frauengesundheit liegt dem Verein am Herzen

„Zur offiziellen Unterzeichnung vor sieben Jahren besuchten uns die Bürgermeister*innen von Dêrik für zwei Wochen hier in Friedrichshain-Kreuzberg.“ Sie lernten uns und das Rathaus sowie einige bezirkliche Einrichtungen kennen. „Besonders interessierten sie sich für die Themen Frauengleichstellung, Umgang mit ethnischen und religiösen Minderheiten, Ökologie und kommunale Selbstverwaltung.“ All das waren Themenbereiche, die sie in Dêrik/Al-Malikiya angehen wollten.

Städtepartnerschaften fördern den Fachaustausch, transkulturelle und zivilgesellschaftliche Begegnungen. Der Verein für Dêrik / Al-Malikiya um Elke Dangeleit hat derzeit etwa 60 Mitglieder, die sich monatlich treffen. „Wir halten engen Kontakt zu kurdischen Mitbürger*innen hier in Berlin und zu den Menschen in der Region Dêrik / Al-Malikiya, wenn es die Infrastruktur zulässt.“ Oft sei es so, dass Telefone und auch das Internet in der Region nicht einwandfrei funktionieren.

Elke Dangeleit setzt sich zusammen mit ihren Vereinskolleg*innen konsequent für die Belange ihrer Partnerstadt ein. Besonders die Frauengesundheit liegt dem Verein am Herzen, denn gerade in ländlichen Regionen ist die ärztliche Versorgung oft sehr schlecht oder gar nicht vorhanden. Deshalb hat der Verein 2019 Spendengelder für eine mobile Klinik gesammelt.

Aktuelle Schäden am Flußbett durch Hochwasser

Aktuelle Schäden am Flußbett durch Hochwasser

Nothilfe für Rojava

Seit 2020 arbeitet der Verein mit der Stiftung „Freie Frau in Syrien (WJAS) zusammen, die die Mobile Klinik betreibt. Mit der mobilen Klinik erreichen sie inzwischen auch die entlegensten Orte. Dank der Spendengelder konnte vor Ort ein LKW gekauft und mit Fördergeldern der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ) zu einer mobilen Klinik umgebaut werden. Dieser fährt jetzt durch die Dörfer und bietet vor allem Frauen und Kindern medizinische Untersuchungen an.

Immer mehr in Deutschland lebende türkische und kurdische Menschen beteiligen sich mit kleinen und großen Summen an den Spendenaktionen für ihre Landsleute. Mit Fördergeldern der Berliner Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ) und der Stiftung Nord-Süd-Brücken in Höhe von 12.750 Euro konnten 2023 ein neuer Motor, neue Reifen sowie dringend benötigte Medikamente und medizinische Utensilien angeschafft werden.

Im Dezember 2025 griffen islamistische Milizen mit HTS-Regierungstruppen – das ist eine islamistische Miliz, die nach dem Sturz von Baschar al-Assad Ende 2024 die Kontrolle in Syrien übernahm – Gebiete der Selbstverwaltung in und um Aleppo an. Es kam zu erneuten Vertreibungen nach Nordostsyrien bis nach Dêrik. Sofort nach den Angriffen auf das Selbstverwaltungsgebiet, begann die mobile Klinik im Rahmen der Spendenaktion ‚Nothilfe für Rojava auch die in Dêrik und Umgebung angekommenen Geflüchteten zu betreuen. Allein am 22. Januar 2026 wurden in Xana Serê, einem Dorf im Nordosten Syriens, nahe der türkischen und irakischen Grenze, 23 geflüchtete Familien mit insgesamt 170 Personen medizinisch behandelt und in einer Moschee psychologisch betreut. Die Aktion Nothilfe wurde von mehreren NGO’s initiiert. Der Städtepartnerschaftsverein unterstützte im Rahmen dieser Spendenkampagne mit 11.000 Euro die Versorgung der Geflüchteten mit dem Notwendigsten: Kleidung, Babynahrung, Windeln, Decken. Die Mobile Klinik erhielt 1000 Euro aus dem Spendenpool für Medikamente zur medizinischen Versorgung der Geflüchteten.

Die vom Newroz-Camp in Derik nach Shenhgal umgezogene Nähwerkstatt

Die vom Newroz-Camp in Derik nach Shenhgal umgezogene Nähwerkstatt

Schnelle Hilfe auch nach dem schweren Erdbeben in 2023

Die Mobile Klinik gilt inzwischen in Nordostsyrien als Leuchtturmprojekt. Dank der laufenden Spendeneinnahmen konnten die Gehälter des Personals seit 2020 durchgehend finanziert werden. Damit dies so bleibt, ist der Verein weiterhin auf Spenden angewiesen: Monatlich werden 900 Euro für das Personal benötigt.

„Wir helfen sehr erfolgreich, wenn unsere Partner*innen in Dêrik einen Bedarf haben und Wünsche äußern“, erklärt Elke Dangeleit die wichtigsten Projekte des Vereins:

Mit Spenden zahlreicher Unterstützer*innen des Städtepartnerschaftsvereins konnte die Stadtverwaltung von Dêrik 2018 Nähmaschinen zur Einrichtung einer Nähwerkstatt im Camp Newroz kaufen. Es handelt sich um ein Geflüchteten-Camp, das 2014 in Dêrik eingerichtet wurde, nachdem der sogenannte Islamische Staat (IS) das ezidische Siedlungsgebiet Şengal angegriffen hatte. Hier fanden die Betroffenen, die nicht in ihre Dörfer zurückkehren konnten, Schutz. Mit den gespendeten Nähmaschinen können sich die Geflüchteten durch die Einrichtung der Nähwerkstatt ein kleines Einkommen sichern – „ein wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit“.

Zwischen Anfang 2019 und April 2020 wurden gemeinsam mit drei Nachbarschaften, der Stadtverwaltung von Dêrik und der internationalen ökologischen Initiative „Make Rojava Green Again (MRGA) Teile des Flussbetts (Korniş) neugestaltet sowie gemeinschaftliche Nutzgärten angelegt.

Im November 2024 wurde gemeinsam mit der örtlichen Wasserbehörde und MRGA ein Solarbrunnenprojekt umgesetzt. Der Solarbrunnen versorgt nun 5000 Menschen in einem Stadtviertel von Dêrik mit fließendem Wasser. Zudem unterstützte der Verein den Bau eines Spielplatzes mit Klettergeräten, Schaukeln, Wippen, Trampolin und Kinderkarussell und übergab im März 2022 in Deutschland gesammelte 5.000 Euro an die Co-Bürgermeister*innen von Dêrik.

Schnelle Hilfe für den Wiederaufbau war 2023 nach schweren Erdbeben nötig: Dank einer Finanzierung in Höhe von circa 119.000 Euro durch das Kinderhilfswerk GLOBAL CARE aus Mitteln der Aktion Deutschland hilft konnte der Verein in der Region vier beschädigte Schulen sanieren. Zudem wurde in einer Schule ein Schulgarten angelegt und die Schüler*innen mit neuen Schulrucksäcken ausgestattet. „Es ist wichtig, dass die Schüler*innen ein kinderfreundliches Lernumfeld erhalten“, erklärt Elke Dangeleit.

Schnelle Hilfe nach dem Erdbeben: Die Karasor-Schule vorher - und nachher

Schnelle Hilfe nach dem Erdbeben: Die Karasor-Schule vorher - und nachher

Brunnensanierung und Umstellung auf Solarbetrieb

Aktuell realisiert der Verein mit Fördergeldern des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ein weiteres Wasserinfrastrukturprojekt: in einem nahegelegenen Dorf für Geflüchtete aus Afrin (Nordwestsyrien), werden zwei Brunnen saniert und künftig mit Solarenergie betrieben. Diese Geflüchteten wurden im Zuge der Machtübernahme der HTS vom derzeitigen Übergangspräsident Al Sharaa im Dezember 2024 aus den Geflüchtetencamps in der Sheba-Region vertrieben. Am Stadtrand von Dêrik werden Häuser, die bis jetzt noch nicht an die Wasserversorgung angeschlossen waren, an die direkte Wasserversorgung angeschlossen. Damit haben erneut mehrere tausend Menschen Zugang zu fließendem Wasser.

Wasser ist ein zentrales Thema in Dêrik: regelmäßig kommt es durch die immer heißer werdenden Sommer zu Engpässen in der Wasserversorgung. Andererseits richten langanhaltende Starkregen alle paar Jahre große Schäden durch Überschwemmungen an. Im März dieses Jahres gab es wieder einmal große Überschwemmungen in Dêrik, wo der (eigentlich ausgetrocknete) Fluss über die Ufer trat und große Schäden an der Straße und Häusern anrichtete. Der Verein schickte 6.000 Euro an Spenden aus dem Nothilfefond zur Reparatur der Schäden am Flussbett.

Das Thema ‚Schwammstadt ist ein verbindendes Thema zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und der Partnerstadt Dêrik, das künftig zu weiteren Projekten führen könnte.

Städtepartnerschaftsverein Dêrik / Al-Malikiya

Städtepartnerschaft Friedrichshain-Kreuzberg – Dêrik e.V.
Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, BVV-Büro
Yorckstraße 4-11
10965 Berlin
Mail: info@staepa-derik.org