Shani Achiel: „Beim Essen und Zusammensitzen das Leben feiern.“

Shani Achiel

„Berlin hat den Traum eines eigenen Restaurants für mich möglich gemacht.“

Berlin ist ein Hotspot weiblicher Spitzenküche. Frauen sind in der Spitzengastronomie hierzulande weiterhin die Ausnahme: Deutschlandweit liegt der Anteil von Sterneköchinnen bei Michelin-Auszeichnungen bei lediglich vier Prozent. In der Hauptstadt zeigt sich jedoch ein besonderes Bild: Laut der aktuellen Chef:in Watch List 2026 arbeiten 21 der insgesamt 72 gelisteten Expertinnen in Berlin, viele von ihnen in Kreuzberg. Zu ihnen gehört auch Shani Achiel.

Die Israelin kam 2014 aus Tel Aviv nach Berlin. Dort hatte sie vorher in einem georgischen Restaurant gearbeitet. Eine ihrer damaligen Kolleginnen steht jetzt in Kreuzberg bei ihr an der Bar. Die Leiterin des dortigen Restaurants ist eines ihrer Vorbilder – als Gastronomin und als Unternehmerin. Sie war Shanis große Inspiration für das Eröffnen eines eigenen Restaurants.

„Berlin hat diesen Traum für mich möglich gemacht.“ Mit ihrem Restaurant „Yafo“ habe sie die besondere israelische Essenskultur nach Berlin gebracht. Bis dato hatte ihr in der Berliner Gastroszene das gemeinsame Feiern des Essens gefehlt. „Berlin ist so eine privilegierte Stadt. Das wird von den Menschen hier viel zu wenig wertgeschätzt oder zelebriert.“ Shani Achiel wünscht sich, dass die Menschen in ihrem Alltag Pausen finden und zusammenkommen – das gehe beim gemeinsamen Essen ganz besonders gut. „Ich liebe es, Gastgeberin zu sein und Leute, Essen und Wein zusammenzubringen. Es ist einfach ein wunderbarer Job. Jeden Abend berührt man Menschen über die Erfahrungen, die man ihnen hier gibt.“
Hummus

Große Unterschiede in der Küchenkultur zwischen Deutschland und Israel

Ideale Lage in einem Kreuzberger Hinterhof

Als sie nach Deutschland kam, habe sie große Unterschiede in der Küchenkultur zwischen ihrer Heimat und Deutschland festgestellt. 2015 eröffnete sie gemeinsam mit Freund*innen das Lokal „Yafo.“ Sie wollte einen wunderschönen und magischen Ort schaffen. Zuerst befand sich das Restaurant in der Gormannstraße in Mitte, wo es nach einigen Jahren aufgrund von Auseinandersetzungen mit den Nachbar*innen schließen musste. Ihr zweites Restaurant „Shishi“ eröffnete einige Jahre später im Hinterhof in der Ritterstraße. Dort wurde gehobene Küche angeboten. Nach der Corona Pandemie entschied sich die Wahlberlinerin, die beiden Gaststätten zusammenzuführen. Das „Yafo“ zog in die Kreuzberger Location und das „Shishi“ wurde geschlossen.

Die Räumlichkeiten in Kreuzberg seien für sie ideal. „Die Location ist großartig. Durch die Lage im Hinterhof stören wir keine Anwohner und haben viel Platz zum Draußensitzen.“

Negativ aufgefallen war ihr in ihren ersten Jahren in Berlin, dass die Lokale hier sich entweder auf das Essen oder auf das Trinken spezialisieren. „Es gab einfach nichts Dazwischen. Entweder geht man in ein Restaurant, dann liegt der Fokus auf dem Essen. Oder man geht in eine Bar oder einen Club, wo es gar nichts zu essen gibt. Das fand ich total langweilig. Ich wollte etwas von beiden Welten und diese in meinem Lokal zusammenbringen.“

Rhabarber

Rhabarberkuchen ist Shani Achiels Favorit in der deutschen Küche.

„Ich möchte den Leuten etwas Schönes für Körper und Geist bieten."

Die Deutschen haben aus ihrer Sicht traditionell einen sehr pragmatischen Umgang mit Essen. „Es ist so viel Brot und so viel Fleisch in der deutschen Küche. Außerdem fehlt mir da die Magie und das Herz.“ Shani Achiel macht ihnen mit ihrem Lokal ein etwas emotionaleres Angebot. „Ich möchte den Leuten etwas Schönes für Körper und Geist bieten, wenn sie essen gehen. Schließlich haben sie sich auch Mühe gegeben, um hierher zu kommen. Die Frauen haben sich ein Kleid angezogen, Schmuck angelegt, Lippenstift aufgetragen, ihre beste Handtasche rausgesucht. Da verdienen sie es einfach, hier einen tollen Abend für alle Sinne zu haben.“ Für sie geht es im Restaurant um weit mehr als nur das Essen und Sattwerden. „Mit meinem Lokal möchte ich unsere Kultur und unser Essen ins graue Wetter hier bringen. Ich möchte das Leben feiern und die Menschen glücklich machen.“

Die Deutschen seien generell immer sehr kritisch. Daher sei es für sie das größte Kompliment, wenn ihre Kund*innen wiederkämen. „Wenn die Berliner wiederkommen, dann hat sich die harte Arbeit gelohnt. Denn die Deutschen faken ihre Begeisterung nicht. Wenn sie sagen, dass ihnen etwas gefällt, dann stimmt das auch so.“

Doch auch in der pragmatischen deutschen Küche hat Shani Achiel einen Favoriten für sich entdeckt: Rhabarberkuchen. Den habe sie vorher gar nicht gekannt. „Der ist wirklich unglaublich lecker.“ Auf ihrer eigenen Speisekarte gehören das Hähnchen und Blumenkohl mit Hummus. Besonders wichtig sind Shani Achiel für die Zubereitung ihrer Speisen gutes Olivenöl und bunte Farben. Vor zehn Jahren sei es teilweise noch schwieriger gewesen, die mediterranen Zutaten zu bekommen. Das habe sich über die Jahre aber deutlich verbessert.

Essen im Yafo

Das Auge isst mit.

Die Speisen auf der Karte sind in der Regel fürs Teilen ausgelegt. Das sei den deutschen Gästen anfangs schwer vermittelbar gewesen. „Wir mussten es immer wieder erklären und wollten dabei auf keinen Fall herablassend wirken.“

Aber über die Zeit hätten sich die Gäste an dieses Konzept gewöhnt. „Wenn sie dann mit Freunden und Familie wiederkommen, dann merke ich ja, dass es ihnen gefällt.“

Für ihren Betrieb hatte Shani Achiel eine klare Vision: Essen, Getränke, Einrichtung, Farben, Accessoires und Blumen, die Musik – alles sollte stimmig sein und ein rundes Bild abgeben. Sie sei ein visueller Mensch: „Meine Augen essen mit. Ich weiß, was ich auf dem Teller sehen möchte.“ Die Ästhetik ist ihr sehr wichtig. „Es ist eine Art der Kunst, das alles zu kombinieren und so eine Stimmung zu erzeugen, die funktioniert, damit die Menschen sich wohlfühlen und hierbleiben möchten. Sie sollen nach dem Aufessen ja nicht gleich wieder gehen wollen, sondern bleiben und weiterhin einen schönen Abend haben.“ Im Management verlässt die Mutter zweier Kinder sich meistens auf ihr Bauchgefühl und ist damit bislang sehr gut gefahren. „Ich bin Unternehmerin und eine Frau.“ Aus ihrer Sicht war es für sie als Frau in Deutschland deutlich einfacher, einen Betrieb zu gründen und zu führen als in Israel. „Deutschland ist deutlich feministischer und moderner. Die Männer sind viel aufgeklärter und gebildet, sodass ihre Rollenbilder nicht so altmodisch sind.“

Bäume am Landwehrkanal

Am Landwehrkanal kann Shani Achiel komplett entspannen.

Freiheit, Ruhe und Friedlichkeit in Berlin

Das Team, das Shani Achiel beschäftigt, ist komplett international. Die Mitarbeiter*innen kommen aus Indien, Italien, Israel und anderen Ländern. Bis zu 30 Personen sind in den Sommermonaten im Restaurant beschäftigt. Im Winter sind es deutlich weniger. Aber das sei gut vorhersehbar. „Nach über zehn Jahren Gastroerfahrung hier kann ich das sehr gut planen und einige Leute für die Wintermonate in den Urlaub schicken.“

Die absolute Freiheit in Berlin habe sie sehr überrascht. Hier könne man komplett unabhängig und frei sein. „Hier wird man überhaupt nicht von außen beurteilt. Es gibt viel weniger Erwartungen an die Frauen. Man kann rumlaufen, wie man will – egal, wie kurz der Rock ist oder wie tief das Dekolleté. Das stört niemanden und man fühlt sich nie unwohl.“ In ihrer Heimat sei das anders. „Da bist du nie allein – und es gibt immer sechs Millionen andere, die eine Meinung haben.“

Auch die Ruhe und Friedlichkeit in der Stadt gefällt Shani Achiel. Besonders mag sie es, am Landwehrkanal spazieren zu gehen, wo sie komplett entspannen könne. „Es ist einfach sicher hier. Es wird nicht einfach plötzlich etwas Unerwartetes passieren.“