Vier Schiedsmänner teilten sich den Bezirk Kreuzberg nach Straßen auf: „Ich war zuständig für bestimmte Straßen und Hausnummern nahe der Oberbaumbrücke, im südlichen Kreuzberg.“ Bei der Übernahme seiner Tätigkeit erhielt er drei Bücher: „ein Kassenbuch, ein Protokollbuch und ein Buch für Notizen — die Bücher hatte ich zu führen und dann ging es los.“ An Streitigkeiten hat es im Bezirk offenbar nie gemangelt.
Der erste Besprechungsraum war ein Klassenraum in der Bürgermeister-Herz-Grundschule in der Willmsstraße. „Dort habe ich, wenn der Schulbetrieb ruhte, am späten Nachmittag oder auch am Abend Schlichtungsgespräche geführt. Das war ziemlich urig, denn es war der Klassenraum einer 1. Klasse.“ Entsprechend klein und kindgerecht waren die Stühlchen und niedrigen Tische. „Mir hat das nichts ausgemacht. Aber meine Kontrahenten waren mitunter etwas großgewachsener; sie mussten sich in die kleinen Stühlchen quetschen.“ Für die Nutzung des Raumes zahlte er jedes Mal 4,50 D-Mark an das Bezirksamt.
„Meine erste Streitpartei werde ich nie vergessen: eine richtige Kreuzbergerin!“ Es ging um Beleidigung. Schon als sie das Klassenzimmer betrat, legte sie lautstark los: „Det will ick Dir ma sagen, Schiedsrichter: Die Olle hat mir beleidigt!“
Dieser Fall ging gut aus, so wie die meisten. „Ich habe die Gespräche immer gut vorbereitet. Zunächst habe ich beide Parteien getrennt voneinander befragt, so konnte ich mir ein gutes Bild machen, bevor ich sie gemeinsam zum Gespräch einlud.“ Erst später empfing er die Gesprächspartner*innen im Schlichtungszimmer in seiner eigenen Wohnung. „Da ich die Parteien ja bereits vor der eigentlichen Schlichtung kennengelernt hatte, war das gut möglich. Nur in zwei Fällen habe ich nach reiflicher Überlegung den Termin direkt im Gesundheitsamt mit Hilfe des Amtsarztes durchgeführt. Aufgrund seelischer Erkrankungen hat der Amtsarzt die beiden Fälle dann auch fachkundig übernommen.“
Neben seiner eigentlichen Tätigkeit als Sozialarbeiter in der Jugendförderung im Bezirksamt Schöneberg war der Kreuzberger viel unterwegs und erlebte dabei unterschiedliche Formen der Streitkultur. „Meine Einsätze brachten mich bis ins Brandenburgische, weil dort eine Kreuzbergerin ihr Wochenendhäuschen hatte. Dort kümmerte ich mich um den Ärger den überhängende Zweige, zu hohe Hecken und Bäume, die zu dicht am Zaun stehen, verursachten. Da die Beschuldigte in Kreuzberg gemeldet war, war ich für die Schlichtung zuständig. Ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass ich als Schiedsmann eines Innenstadtbezirks mich eines Tages mit solchen Problemen beschäftigen muss.“ Aber auch dieser Fall ließ sich zur Zufriedenheit aller Beteiligten klären.