Schiedsmann Dieter Borries wurde als Vermittler, Mentor und Ratgeber mit der Bezirksmedaille 2026 ausgezeichnet

Dieter Borries hat als Streitschlichter in mehr als 40 Jahren Hunderte Kontrahent*innen an seinen "runden" Tisch zum Gespräch gebeten

Dieter Borries hat als Streitschlichter in mehr als 40 Jahren Hunderte Kontrahent*innen an seinen "runden" Tisch zum Gespräch gebeten

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg zeichnen in diesem Jahr sieben Personen und Projekte mit der Bezirksmedaille des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg aus, die sich in herausragender Weise um das Gemeinwohl in unserem Bezirk verdient gemacht haben.

Eine Zufallsbekanntschaft brachte den Kreuzberger Sozialarbeiter Dieter Borries (87) Mitte der 1980er-Jahre dazu, sich als ehrenamtlicher Streitschlichter zu engagieren. Seither hat er über 40 Jahre lang Hunderten von Kontrahent*innen an seinem „runden“ Tisch geholfen, Meinungsverschiedenheiten und kleinere Konflikte außergerichtlich beizulegen.

Schiedsmann Dieter Borries erinnert sich: „Ich traf jeden Morgen auf dem Weg zur Bahn einen Mitarbeiter des Gesundheitsamts.“ Irgendwann kamen die beiden ins Gespräch. „Er erzählte von seinen ehrenamtlichen Einsätzen als Schiedsmann.“ Zufällig war damals gerade ein anderer Schiedsmann ausgeschieden, das Ehrenamt musste neu besetzt werden.

„Damals war es so, dass man auf Empfehlung angesprochen wurde. Ich hatte keine Vorstrafen, lebte im Bezirk, verfügte über die geforderten geistigen Fähigkeiten und wurde deshalb von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) zum Schiedsmann gewählt.“ Nach seiner Wahl wurde er vom damals zuständigen Amtsgericht Tiergarten noch einmal zu einem längeren Gespräch eingeladen, bevor die aufsichtführende Richterin zustimmte und Dieter Borries und als Schiedsmann vereidigte.

Einsatz im Kleingarten

Vier Schiedsmänner teilten sich den Bezirk Kreuzberg nach Straßen auf: „Ich war zuständig für bestimmte Straßen und Hausnummern nahe der Oberbaumbrücke, im südlichen Kreuzberg.“ Bei der Übernahme seiner Tätigkeit erhielt er drei Bücher: „ein Kassenbuch, ein Protokollbuch und ein Buch für Notizen — die Bücher hatte ich zu führen und dann ging es los.“ An Streitigkeiten hat es im Bezirk offenbar nie gemangelt.

Der erste Besprechungsraum war ein Klassenraum in der Bürgermeister-Herz-Grundschule in der Willmsstraße. „Dort habe ich, wenn der Schulbetrieb ruhte, am späten Nachmittag oder auch am Abend Schlichtungsgespräche geführt. Das war ziemlich urig, denn es war der Klassenraum einer 1. Klasse.“ Entsprechend klein und kindgerecht waren die Stühlchen und niedrigen Tische. „Mir hat das nichts ausgemacht. Aber meine Kontrahenten waren mitunter etwas großgewachsener; sie mussten sich in die kleinen Stühlchen quetschen.“ Für die Nutzung des Raumes zahlte er jedes Mal 4,50 D-Mark an das Bezirksamt.

„Meine erste Streitpartei werde ich nie vergessen: eine richtige Kreuzbergerin!“ Es ging um Beleidigung. Schon als sie das Klassenzimmer betrat, legte sie lautstark los: „Det will ick Dir ma sagen, Schiedsrichter: Die Olle hat mir beleidigt!“

Dieser Fall ging gut aus, so wie die meisten. „Ich habe die Gespräche immer gut vorbereitet. Zunächst habe ich beide Parteien getrennt voneinander befragt, so konnte ich mir ein gutes Bild machen, bevor ich sie gemeinsam zum Gespräch einlud.“ Erst später empfing er die Gesprächspartner*innen im Schlichtungszimmer in seiner eigenen Wohnung. „Da ich die Parteien ja bereits vor der eigentlichen Schlichtung kennengelernt hatte, war das gut möglich. Nur in zwei Fällen habe ich nach reiflicher Überlegung den Termin direkt im Gesundheitsamt mit Hilfe des Amtsarztes durchgeführt. Aufgrund seelischer Erkrankungen hat der Amtsarzt die beiden Fälle dann auch fachkundig übernommen.“

Neben seiner eigentlichen Tätigkeit als Sozialarbeiter in der Jugendförderung im Bezirksamt Schöneberg war der Kreuzberger viel unterwegs und erlebte dabei unterschiedliche Formen der Streitkultur. „Meine Einsätze brachten mich bis ins Brandenburgische, weil dort eine Kreuzbergerin ihr Wochenendhäuschen hatte. Dort kümmerte ich mich um den Ärger den überhängende Zweige, zu hohe Hecken und Bäume, die zu dicht am Zaun stehen, verursachten. Da die Beschuldigte in Kreuzberg gemeldet war, war ich für die Schlichtung zuständig. Ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass ich als Schiedsmann eines Innenstadtbezirks mich eines Tages mit solchen Problemen beschäftigen muss.“ Aber auch dieser Fall ließ sich zur Zufriedenheit aller Beteiligten klären.

Dieter Borries ist Spezialist für Konfliktlösungen

Dieter Borries ist Spezialist für Konfliktlösungen

Ein Nachbar, der sich selbst nicht riechen wollte

„Es gab die unterschiedlichsten nachbarschaftlichen Auseinandersetzungen: Mal lief jemand im oberen Stockwerk immer zu laut über das Parkett, oder jemand ließ die Toilettentür zu weit auf.“ So kam es zu Schlichtung eines Falles, der sich in einem Altbau zutrug: „Damals gab es noch Außenklos auf halber Treppe. Meistens sehr kleine Kammern. Da ein Nachbar seinen eigenen Gestank nicht riechen wollte, erledigte er „sein Geschäft“ stets bei offener Tür.“ Da es auf diesem Weg den Nachbar*innen mächtig stank, und der Verursacher uneinsichtig war, trafen sich die Kontrahent*innen bei Dieter Borries am Verhandlungstisch.

In sehr wenigen Fällen war keine Einigung möglich. „Das lag daran, dass beide Parteien es darauf anlegten, sich gegenseitig zu verklagen.“ Bevor das Gericht die Klage annehmen konnte, mussten sie zunächst einen Schlichtungsversuch unternehmen. Mit der Bescheinigung, dass dieser erfolglos geblieben war, konnten sie Klage erheben. „Für eine Schiedsperson ist das ein Kampf gegen Windmühlen. Wenn beide Parteien nicht wollen, kann ich nichts machen.“ Ob und wie das Gericht am Ende entschieden hat, ist dem Schlichter nicht bekannt. „Es hätte mich interessiert, wie es weiterging, aber darüber wurde ich nie informiert.“

Über vier Jahrzehnte lang waren die Streitigkeiten in den Nachbarschaften auch Teil seines Lebens — als Vermittler, Mentor und Ratgeber. „Ich erinnere mich daran, dass die Verfahren für alle Beteiligten sehr intensiv und mitunter langwierig waren. Es war nicht immer einfach, die bis aufs Messer zerstrittenen Parteien an einen Tisch zu bekommen.“ Aber wenn am Ende ein Einvernehmen oder auch ein Vergleich erzielt war, waren das Glücksmomente für alle Beteiligten.

Bis Dieter Borries sich im Jahr 2025 aus der aktiven Schlichtung zurückzog, hat er sich in herausragender Weise mehr als 40 Jahre lang um das Gemeinwohl und die Konfliktlösung in Friedrichshain-Kreuzberg verdient gemacht – hierfür wurde er mit der Bezirksmedaille 2026 ausgezeichnet.

Weitere Preisträger*innen der Bezirksmedaillie 2026:

  • Christiane Zieger und Özcan Ayanoğlu, Initiator*innen der Städtepartnerschaft zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und dem Istanbuler Bezirk Kadıköy
  • Yekta Arman für das „Tiyatrom“ – das erste türkische Theater in Berlin
  • Auch das Café Krause in Kreuzberg wurde im Juni mit der Bezirksmedaille ausgezeichnet.