Mehr als Bücher im Regal: Drei Auszubildende über ihren Beruf in der Bibliothek

Die FaMI Auszubildenden Müberra Sekreter, Frau Derbi und Lisa Gerlach

Drei Frauen, drei Wege, gleiches Ziel: Müberra Sekreter, Frau derbi und Lisa Gerlach sind im zweiten Ausbildungsjahr als FaMIs.

Müberra Sekreter, Lisa Gerlach und Frau Derbi befinden sich im zweiten Ausbildungsjahr der Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (FaMI) – Fachrichtung Bibliotheken beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Ihre Wege in den Beruf waren unterschiedlich. Wie sie zur Ausbildung gekommen sind, was sie im Arbeitsalltag erwartet und welche Bedeutung Bücher und Bibliotheken für sie haben, erzählten sie im Interview.

Wie sie zur Ausbildung kamen

Nach dem Abitur wusste Müberra Sekreter zunächst nicht, welchen Beruf sie ergreifen wollte. Ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Stadtteilbibliothek in Pankow gab ihr einen ersten Einblick. Die Arbeit gefiel ihr so gut, dass sie sich schließlich für die FaMI-Ausbildung entschied. Ihr FSJ-Vertrag endete an einem Freitag, am Montag begann sie ihre Ausbildung in der Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda – in einer anderen Bibliothek als zuvor.
Lisa Gerlach hatte bereits studiert und suchte nach einer Ausbildung, die sie konkreter auf einen Beruf vorbereiten würde. Auf einer Ausbildungsmesse kam sie mit dem Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) ins Gespräch. Bis dahin war sie davon ausgegangen, dass man für die Arbeit in einer Bibliothek studiert haben müsse. Der Stand auf der Messe zeigte ihr eine andere Möglichkeit auf. Dass sie schon als Kind viel Zeit in Bibliotheken verbracht hatte, machte die Ausbildung für sie zusätzlich interessant.
Frau Derbi erfuhr durch ihren Bekanntenkreis von der Ausbildung. Sie hatte ein Studium im Bereich Literatur und Philosophie begonnen, aber festgestellt, dass es nicht das Richtige für sie war. Die Aussicht, weiterhin in einer Bibliothek arbeiten zu können und dabei stärker praktisch ausgebildet zu werden, überzeugte sie.
Drei unterschiedliche Wege, ein gemeinsames Berufsfeld. Doch wer in einer Bibliothek arbeitet, beschäftigt sich längst nicht nur mit Büchern und ihrer Ausleihe.

Was zwischen Regal, Datenbank und Theke passiert

„Es ist viel Arbeit mit Büchern und mit Menschen“, sagt Lisa Gerlach, wenn sie erklärt, was FaMIs eigentlich machen. Ein Teil der Arbeit spielt sich hinter den Kulissen ab. Damit ein Buch im Katalog des VÖBB gefunden werden kann, muss es zunächst erfasst werden. Die Auszubildenden legen Datensätze an und katalogisieren verschiedenste Medien. Dabei geht es nicht nur um Titel und Autor*innen: Auch unterschiedliche Ausgaben und die Frage, ob ein Buch als Hardcover oder Taschenbuch vorliegt, werden im System abgebildet. Müberra Sekreter erklärt diese Aufgabe gern ganz einfach: Sie erstellt eine Liste der Bücher, die Menschen in der Bibliothek finden können.
Genauso wichtig ist der Kontakt mit den Besucher*innen. Wer am Tresen eine Frage hat, ein Buch zurückgeben oder die Ausleihe verlängern möchte, wendet sich an die Mitarbeitenden. Sie stellen auch Bibliotheksausweise aus und helfen dabei, sich im Angebot zurechtzufinden. Sind Medien zurückgegeben, müssen sie wieder ins Regal. In der Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda kann das mehrmals am Tag nötig sein. Zum Arbeitsalltag gehören außerdem das Schreiben von E-Mails und andere organisatorische Aufgaben.
Auch beschädigte Medien gehören zum Alltag. Eingerissene Seiten lassen sich manchmal reparieren; andere Bücher sind so stark beschädigt, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. Aus dem Bestand genommen werden außerdem Medien, die nicht mehr gefragt sind oder mehrfach vorhanden sind. Gut erhaltene Exemplare können beim Medientrödel gegen eine Spende weitergegeben werden. Was sich nicht mehr nutzen lässt, muss aussortiert werden.
Lisa Gerlach musste sich daran erst gewöhnen. In ihrer Familie seien Bücher nicht weggeworfen worden. Mit der Zeit habe sie aber verstanden, dass nicht jedes Buch dauerhaft gebraucht wird. Zur Arbeit in einer Bibliothek gehört eben auch, den Bestand zu pflegen und Entscheidungen darüber zu treffen, welche Medien weiterhin Platz im Regal haben sollen.
Die FaMI-Ausbildung dauert drei Jahre und verbindet praktische Phasen mit dem Berufsschulunterricht. Die Auszubildenden lernen verschiedene Häuser im Bezirk kennen, darunter die Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda, die Stadtteilbibliothek Friedrich von Raumer und die Mittelpunktbibliothek Wilhelm Liebknecht / Namık Kemal. So bekommen sie mit, dass sich Arbeitsabläufe und Angebote je nach Standort unterscheiden können.

Bücher

Nicht nur Bücher Ausleihen und Verräumen gehört zu den Aufgaben in der Bibliothek - die Arbeit ist vielfältig und sehr sozial geprägt, erzählen die drei.

Eine Bibliothek muss zu ihrem Umfeld passen

Wie unterschiedlich Bibliotheken genutzt werden, hat Lisa Gerlach während ihrer Ausbildung besonders überrascht. Als Erwachsene war sie vor allem in wissenschaftlichen Bibliotheken gewesen. In öffentlichen Bibliotheken hatte sie früher meist etwas ausgeliehen und war anschließend wieder gegangen. Erst durch die Ausbildung lernte sie die Häuser und ihre Möglichkeiten genauer kennen.
In der Mittelpunktbibliothek Wilhelm Liebknecht / Namık Kemal gibt es zum Beispiel einen Cafébereich, einen Lesegarten und Gruppenarbeitsräume. Ruhe ist vor allem im zweiten Stock vorgesehen, wo sich die Erwachsenenmedien befinden. Im Erdgeschoss ist dagegen Austausch möglich und ausdrücklich willkommen. Eine Bibliothek kann ein Ort zum Lesen und Lernen sein, aber auch zum Treffen, gemeinsamen Arbeiten und Entdecken.
Frau Derbi findet, dass sich eine gute Bibliothek danach richten sollte, wer in ihrer Umgebung lebt. Wo viele Kinder wohnen, sei ein gut ausgestatteter Kinder- und Jugendbuchbereich wichtig. In einem Stadtteil mit vielen Studierenden brauche es ausreichend Arbeitsplätze. Sie bringt es so auf den Punkt:
„Am wichtigsten ist, dass die Bibliothek den Menschen im Bezirk oder in ihrer Umgebung dient. Eine gute Bibliothek ist gut für die Gemeinschaft, in der sie sich befindet.“
Lisa Gerlach und Müberra Sekreter schließen sich dieser Einschätzung ausdrücklich an. Für die drei ist entscheidend, dass eine Bibliothek nicht einfach ein festes Angebot bereitstellt, sondern auf die Menschen eingeht, die sie nutzen. Was eine Bibliothek ausmacht, zeigt sich also auch darin, wie gut sie zu ihrem Stadtteil passt.

Lesen hilft, Gedanken zu finden

Wie wichtig Bücher sein können, zeigt sich nicht nur daran, welche Medien Menschen ausleihen, sondern auch daran, was sie beim Lesen für sich entdecken. Für Müberra Sekreter bedeutet Lesen mehr, als in eine Geschichte einzutauchen. Als Kind las sie vor allem englische Bücher, obwohl Türkisch ihre Muttersprache ist. Dadurch erweiterte sie ihren Wortschatz und lernte, sich besser auszudrücken. Für sie ist Lesen aber nicht nur eine Möglichkeit, neue Wörter kennenzulernen:
„Lesen regt zum Nachdenken an, auch zu introspektivem Denken.“
Sie denkt dabei auch an George Orwells Roman „1984“. Darin versucht eine Regierung, die Sprache zu vereinfachen und Bedeutungsnuancen zu reduzieren. Wenn Menschen weniger Wörter und Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung haben, so Sekreter, können sie ihre Gedanken und Meinungen möglicherweise schlechter formulieren. Kritisches Lesen und gute Bücher könnten helfen, differenzierter zu denken und sich als Mensch weiterzuentwickeln.
Auch diese Einschätzung findet Zustimmung bei den anderen beiden Auszubildenden. Bücher können unterhalten, Wissen vermitteln und neue Welten eröffnen. Für Müberra Sekreter liegt ihre Bedeutung aber ebenso darin, die eigenen Gedanken besser zu verstehen und ihnen Ausdruck zu verleihen.

Kindheitserinnerungen zwischen Bibliotheksausweis und Bücherstapel

Für Lisa Gerlach gehören Bibliotheken zu den Erinnerungen an ihre Ferienzeit. Wenn ihre Eltern arbeiten mussten, ging sie in den Ferienhort. Dort standen Ausflüge in den Tierpark und in die Bibliothek regelmäßig auf dem Programm. In der Bibliothek wurde vorgelesen, danach konnten die Kinder selbst durch die Bücher stöbern. Besonders freute sie sich, als sie alt genug für einen eigenen Bibliotheksausweis war. Das Anmeldeformular durfte sie mit nach Hause nehmen, damit ihre Eltern es unterschreiben konnten. Für sie bedeutete die Bibliothek auch Freiheit: Sie konnte sich Bücher aussuchen, obwohl ihre Familie nicht so viele kaufen konnte, wie sie gern gelesen hätte.
Für Müberra Sekreter spielten Bücher ebenfalls schon früh eine wichtige Rolle. Weil ihre Familie ungefähr alle drei Jahre in ein anderes Land zog, konnte sie nur wenige Bücher mitnehmen. In den Ländern, in denen sie lebte, gab es keine Bibliotheken wie die, die sie heute kennt. Neue Bücher zu kaufen war nicht ständig möglich, also las sie manche Bücher fünf- oder sechsmal. Während ihres FSJ durfte sie ausgesonderte Bücher auswählen und mit nach Hause nehmen. Einmal waren es zwölf Stück auf einmal – genug, um ihre Mutter mit dem vollen Beutel zu überraschen. Diese staunte und lachte: „Was ist das? Wir haben keinen Platz dafür.“ Für Müberra waren die Bücher ein Glücksgriff.
Frau Derbi erinnert sich ebenfalls an Bibliotheksbesuche mit ihren Eltern. Als Jugendliche lieh sie dort später auch CDs und Alben aus. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der Menschen gerade anfingen, Musik über das Internet zu hören. Dass sie in der Bibliothek eine Auswahl fand, die sogar Heavy Metal-Musik umfasste, blieb ihr in Erinnerung.

Die FaMI Auszubildenden Müberra Sekreter, Frau Derbi und Lisa Gerlach in der Pablo Neruda

Ob Rick Rubin, Clarice Lispector oder Stefan Zweig - so unterschiedlich ihre Wege in die Ausbildung sind, so verschieden ist auch ihr Lesegeschmack.

Bücher, die Sie empfehlen

Bei ihren eigenen Lesevorlieben liegen die drei nicht unbedingt auf einer Linie. Frau Derbi würde gern „Água Viva“ von Clarice Lispector noch einmal zum ersten Mal lesen. Das kurze, ungewöhnliche Buch sei für sie eine Reise durch das Sein, fast wie ein sogenannter „Stream of Consciousness“ [Anm. d. red.: ein Schreibstil]. Sie würde gern noch einmal erleben, wie es ist, sich zum ersten Mal auf diesen Text einzulassen.

Müberra Sekreter empfiehlt „The Creative Act: A Way of Being“, ein Sachbuch über Künstler*innen und den kreativen Prozess von Rick Rubins. Da sie selbst gern zeichnet und schreibt, fühlte sie sich von den Gedanken des Buches verstanden. Sie las es in einer Phase, in der sie selbst kreativ feststeckte, und war von der Lektüre so berührt, dass sie beim Lesen weinen musste.

Lisa Gerlach greift gern zu Büchern von Stefan Zweig. Besonders empfehlen würde sie seine Novelle „Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk“. Sie schätzt, wie Zweig Menschen beobachtet und mit Perspektivwechseln arbeitet.
Die drei lesen also sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, dass Bücher für sie nicht mit dem Ende der Ausbildung oder dem Feierabend aus dem Alltag verschwinden. Und dass sie als künftige FaMIs nicht nur Medien verwalten, sondern Menschen dabei helfen wollen, etwas Passendes zu finden.

Tag der Bibliotheken im Bezirk

Am 24. Oktober ist bundesweit Tag der Bibliotheken. Auch in Friedrichshain-Kreuzberg gibt es an diesem Tag verschiedene Angebote für Besucher*innen.
Die Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda und auch die Mittelpunktbibliothek Wilhelm Liebknecht / Namık Kemal laden jeweils zu einem eigenen Programm u.a. mit kreativen Mitmachangeboten ein.

Interesse an der FaMI-Ausbildung?

Informationen zur Ausbildung beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg gibt es auf der Ausbildungsseite des Bezirksamts.

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