Vom Neuanfang zur Bibliotheksleitung: Mohidil Shamshidinova prägt die Else-Ury-Bibliothek in Friedrichshain-Kreuzberg

Mohidil Shamshidinova steht in der Else-Ury-Bibliothek vor einem Regal mit zahlreichen Kinderbüchern. Sie hält ein großformatiges Buch mit grünem Einband in den Händen und blickt darauf. Im Hintergrund sind weitere Bücherregale mit bunten Buchrücken zu sehen. Rechts an der Wand hängen mehrere Plakate und Informationsblätter, die farbig gestaltet sind. Links im Bild befinden sich weitere Bücherregale mit roten und weißen Buchrücken. Die Szene wirkt hell und freundlich.

Die Buchauswahl in der Else-Ury-Bibliothek hält nicht nur Klassiker der Literaturgeschichte, sondern auch neue Leselieblinge für groß und klein bereit.

Ein leises Rascheln von Seiten, gedämpfte Stimmen, Kinderlachen aus der Ecke mit den Bilderbüchern. Der Raum ist nicht groß, die Regale stehen dicht und doch wirkt alles offen. Menschen kommen herein, bleiben stehen, schauen sich um. Und bleiben. Die Else-Ury-Bibliothek im Reichenberger Kiez in Friedrichshain-Kreuzberg ist derzeit in einem Container untergebracht. Eine Übergangslösung während der Sanierung und gleichzeitig ein Ort, der überraschend viel Nähe schafft. „Die Bibliothek ist wie eine Nachbarin“, beschreibt Mohidil Shamshidinova. „Eine, die man kennt. Die man grüßt. Zu der man zurückkommt.“
Seit November 2024 leitet sie die öffentliche Bibliothek in Berlin Kreuzberg und prägt einen Ort, der für viele Menschen im Kiez längst unverzichtbar geworden ist.

Wie Mohidil Shamshidinova ihren Weg nach Berlin und in die Bibliotheksarbeit fand

Vor etwa 14 Jahren kam Mohidil Shamshidinova mit ihrer Familie nach Berlin gemeinsam mit ihrem Partner und zwei kleinen Kindern im Alter von sieben und vier Jahren. Deutsch war zu diesem Zeitpunkt bereits ihre erste Fremdsprache unter anderem durch ihre Arbeit am Goethe-Institut. Dennoch bedeutete der Neustart in Berlin eine große Umstellung beruflich wie persönlich. Heute arbeitet sie als Bibliotheksleiterin und ist fest im Kiez verankert. Ihre Geschichte steht exemplarisch für viele Lebenswege in Friedrichshain-Kreuzberg und zeigt zugleich, welche Chancen öffentliche Einrichtungen wie Bibliotheken eröffnen können. „Es war eine große Umstellung“, erinnert sich die Bibliotheksleiterin. „Aber eine, die sich bewältigen lässt.“

Schon früh spielte das Lesen eine zentrale Rolle in ihrem Leben. „Ich war ein Bibliothekskind“, berichtet Mohidil Shamshidinova. Bücher waren für sie von Anfang an ein Tor zu verschiedenen Welten. Nach einem Studium im Bereich Journalismus fand sie ihren Weg zurück in die Bibliotheksarbeit dorthin, wo Wissen nicht nur gesammelt, sondern weitergegeben wird. „Ich arbeite sehr gerne mit Menschen und möchte Wissen weitergeben“, betont sie. Diese Haltung prägt ihre Arbeit bis heute.

Über einem Bücherregal sind mehrere handgezeichnete Affirmationen auf weißen Papierformen angebracht. Jede Affirmation ist mit einer kleinen, farbigen Illustration versehen, darunter Regenbogen, Sonne, Herz und weitere Symbole. Die zentrale Affirmation steht in der Mitte und ist von einem Regenbogen umrahmt. Darunter sind weitere Affirmationen mit unterschiedlichen Motiven verteilt. Das Bücherregal ist gut gefüllt und zeigt zahlreiche bunte Buchrücken.

Positive Glaubenssätze stehen für alle Besucher*innen in der Pop-Up-Else gut sichtbar aus

Wie die Familienbibliothek Else-Ury zum Treffpunkt im Kiez geworden ist

Die Else-Ury-Bibliothek ist mehr als eine klassische Bibliothek. Sie ist eine Familienbibliothek und ein sozialer Treffpunkt im Kiez. Im Reichenberger Kiez leben viele junge Familien, mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner haben einen Migrationshintergrund. Die Bibliothek spiegelt diese Vielfalt wider. „Wir haben hier eine sehr diverse Nutzerschaft und wir kennen viele persönlich“, erklärt Mohidil Shamshidinova. Die aktuelle Pop-up Bibliothek verstärkt diese Nähe sogar. Weniger Raum bedeutet mehr Austausch, mehr direkte Begegnung. „Wir sind hier sehr nah dran, eins zu eins“, beschreibt sie die Arbeit vor Ort. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit sind Kooperationen im Kiez. Die Familienbibliothek Else-Ury arbeitet eng mit Schulen, Kitas und Einrichtungen wie der Martha-Gemeinde zusammen und entwickelt gemeinsam Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien.
Dass die Bibliothek im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gebraucht wird, zeigt sich auch bei Veranstaltungen. Über 500 Menschen kamen im vergangenen Sommer zum Hoffest. Es wurde gelesen, gebastelt, gelacht. „Das war für uns eine Bestätigung. Dieser Ort ist wichtig für den Kiez“, so Mohidil Shamshidinova.

Die öffentliche Bibliothek in Berlin hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Neben klassischen Büchern gehören heute auch digitale Angebote selbstverständlich dazu.
Mit einem Bibliotheksausweis können Nutzerinnen und Nutzer nicht nur vor Ort Medien ausleihen, sondern auch online auf E-Books, Hörbücher, Zeitungen und Datenbanken zugreifen. Für Kinder ist der Ausweis kostenfrei, Erwachsene zahlen eine geringe Jahresgebühr. Besonders praktisch ist die Nutzung von Apps wie Libby, über die sich Hörbücher und E-Books direkt aufs Smartphone laden lassen. „Ich nutze das selbst auf meinem Arbeitsweg“, berichtet die Bibliotheksleiterin. „Das ist sehr praktisch. “Und dennoch bleibt das gedruckte Buch zentral. „Ein Buch in der Hand zu halten, die Seiten umzublättern das ist etwas anderes“, sagt Mohidil Shamshidinova. „Das entschleunigt.“

Mohidil Shamshidinova steht hinter einem hölzernen Tresen in der Else-Ury-Bibliothek. Auf dem Tresen befinden sich ein Computerbildschirm, eine Tastatur und ein Tablet. Zwei große, grüne Pendelleuchten hängen von der Decke und beleuchten den Arbeitsbereich. Im Hintergrund sind Regale mit Büchern, Ordnern und bunten Gegenständen zu sehen. Rechts neben dem Tresen stehen mehrere Kisten und ein Bücherwagen. Die Wände und Möbel bestehen überwiegend aus hellem Holz.

Bibliotheksleiterin Mohidil Shamshidinova steht auch in der Pop-Up-Else gern beratend zur Seite und deckt durch ihre vielfältigen Interessen viele Themenfelder ab.

Warum der Name Else Ury für die Else-Ury-Bibliothek Verantwortung bedeutet

Namensgeberin der Bibliothek ist Else Ury, eine der bekanntesten deutschen Kinderbuchautorinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Berühmt wurde sie vor allem durch die Nesthäkchen Reihe, die über Generationen hinweg gelesen wurde. Als Jüdin wurde Else Ury 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Dass die Else-Ury-Bibliothek ihren Namen trägt, ist ein bewusstes Zeichen des Erinnerns und der Verantwortung. „Wir sind stolz darauf, dass unsere Bibliothek diesen Namen trägt“, sagt Mohidil Shamshidinova.

Lesen eröffnet Welten und beginnt oft im Kleinen. Gerade für Kinder ist Vorlesen ein entscheidender Schlüssel für Sprache, Konzentration und Fantasie. „Schon fünf bis zehn Minuten am Tag können einen Unterschied machen“, erklärt Mohidil Shamshidinova. Wichtig sei vor allem, dass Kinder Freude am Lesen entwickeln unabhängig vom Format.
„Nicht jedes Kind greift sofort zum Buch. Comics, Mangas oder Hörbücher können ein Einstieg sein“, empfiehlt sie. Auch persönliche Empfehlungen gehören dazu. Besonders gerne empfiehlt Mohidil Shamshidinova aktuell ein Kinder- und Jugendbuch, in dem Tiere selbst zu Wort kommen und ihre Welt erklären: „Regenwurm und Anakonda: Was Tiere über sich erzählen“. Das Buch wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und wird auch in Veranstaltungen mit Schulklassen eingesetzt.

Mohidil Shamshidinova steht in der Else-Ury-Bibliothek vor einem Regal mit zahlreichen Kinderbüchern. Sie hält ein großformatiges Buch mit grünem Einband in den Händen und blickt darauf. Im Hintergrund sind weitere Bücherregale mit bunten Buchrücken zu sehen. Rechts an der Wand hängen mehrere Plakate und Informationsblätter, die farbig gestaltet sind. Links im Bild befinden sich weitere Bücherregale mit roten und weißen Buchrücken. Die Szene wirkt hell und freundlich.

Mohidil Shamshidinova und ihr Team verschließen sich nicht gegen neue Medien. So finden sich in der Else-Ury-Bibliothek mittlerweile auch digitale Datenträger für Lernspiele oder Audioboxen.

Die Zukunft der Else-Ury-Bibliothek im Kiez

Mit der geplanten Rückkehr in das sanierte Gebäude wird die Else-Ury-Bibliothek künftig mehr Raum für Bücher, Veranstaltungen und Begegnungen bieten. Doch das, was sie heute ausmacht, wird bleiben. Die Nähe zu den Menschen im Kiez. „Ich bin sehr glücklich, hier zu arbeiten“, sagt Mohidil Shamshidinova. „Auch wenn mein Arbeitsweg lang ist – es lohnt sich.“

Rund um den Welttag des Buches am 23. April rückt das Lesen jedes Jahr in den Fokus. Doch Orte wie die Else-Ury-Bibliothek zeigen, dass es um mehr geht. Um Zugang. Um Teilhabe. Um Begegnung. Und um Menschen wie Mohidil Shamshidinova, die genau das möglich machen. Vielleicht beginnt vieles mit einem Buch. Und mit einem Ort, an dem man willkommen ist.

Gerade solche Orte zeigen, wie wichtig Bildung, Begegnung und persönliche Begleitung im Alltag vieler Menschen sind. Während Bibliotheken den Zugang zu Wissen und Geschichten eröffnen, begleiten pädagogische Fachkräfte Kinder dabei, ihre eigene Welt zu entdecken und zu verstehen.

Wie das konkret aussieht, zeigt auch ein Blick in den Kita-Alltag im Bezirk:

Im Porträt „Mit Kreativität, Musik und Offenheit: Erzieherin Ashlee Baumann im Kita-Alltag“ berichtet eine Erzieherin aus einer Kreuzberger Kita, wie sie Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt, Kreativität fördert und Vielfalt selbstverständlich vermittelt.