Anne Mehl: Wer mit ihr durch den Kiez läuft, sieht die Stadt mit anderen Augen

Eine Frau mit lockigem, schulterlangem Haar steht neben gelben Holzbänken und -tischen im Freien. Sie trägt ein ärmelloses schwarzes Oberteil und einen langen Rock mit vertikalen Streifen in Blau, Grün und Lila. Im Hintergrund sind dichte, grüne Bäume und Sträucher zu sehen. Die Szene wirkt sommerlich und freundlich.

Was für andere ein kurzer Spaziergang ist, ist für Anne Mehl oft eine kleine Entdeckungstour.

Wer mit Anne Mehl in Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs ist, sollte etwas mehr Zeit einplanen. Nicht, weil sie den Weg nicht kennt. Sondern weil ihr Blick immer wieder an Dingen hängen bleibt, an denen andere achtlos vorbeigehen. Eine ungewöhnliche Sitzbank. Eine neu gestaltete Straßenecke. Ein Platz, auf dem Menschen zusammensitzen. Oder eine kleine Idee, die den öffentlichen Raum ein Stück lebenswerter macht.

Fast automatisch greift sie dann zum Smartphone. „Ich mache ständig Fotos“, erzählt sie und lacht. „Wenn ich irgendwo eine gute Lösung sehe – eine schöne Bank, eine interessante Platzgestaltung oder etwas, das einfach funktioniert –, denke ich sofort: Das könnten wir auch bei uns umsetzen.“ Was für andere ein kurzer Spaziergang ist, ist für Anne Mehl oft eine kleine Entdeckungstour. Gute Ideen findet sie überall.

Dieser geschärfte Blick begleitet sie längst auch privat. Straßen sind für sie nicht einfach Verkehrsflächen. Sie fragt sich unwillkürlich, warum ein Platz einladend wirkt, weshalb Menschen an einem Ort gerne verweilen oder wie sich eine Straße verändern müsste, damit sie sicherer und lebenswerter wird. Genau dieser Blick prägt ihre Arbeit.

Im Vordergrund ist eine großflächige Straßenmarkierung auf dem Kopfsteinpflaster der Manteuffelstraße zu sehen. Die Markierung besteht aus einem weißen Dreieck mit rotem Rand und einem Piktogramm zweier gehender Kinder, das auf einen Schulweg hinweist. Darunter steht in großen weißen Buchstaben das Wort 'SCHULE'. Drei orangefarbene Leitkegel grenzen den Bereich ab. Links und rechts der Straße parken Fahrzeuge, im Hintergrund steht ein Lieferwagen. Die Szene wird von mehrstöckigen Altbauten und kahlen Bäumen gesäumt. Die Markierung betont die Schulwegsicherheit an dieser Stelle.

Ein konkretes Beispiel für Anne Mehls Tun sind die Straßenmarkierungen vor acht Schulstandorten im Bezirk. Zugunsten der Schulwegsicherheit wurden diese an acht Standorten erneuert.

Stadtplanung beginnt beim Menschen

Seit rund anderthalb Jahren arbeitet sie in der Fußverkehrsplanung des Straßen- und Grünflächenamts im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen gestaltet sie öffentliche Räume so, dass Menschen sich sicher bewegen, sich begegnen und ihre Nachbarschaft gerne nutzen können.
Was Anne Mehl an ihrer Arbeit besonders reizt, beschreibt sie selbst ganz einfach: „Fußverkehr ist viel mehr als das Gehen von A nach B. Es geht auch darum, dass Menschen sich draußen gerne aufhalten.“
Während sie erzählt, wird schnell klar: Anne Mehl spricht kaum über Straßen. Sie spricht über Menschen. Über Kinder, die ihren Schulweg sicher bewältigen können. Über ältere Menschen, die sich auf einer Bank ausruhen. Über Plätze, auf denen Nachbarinnen und Nachbarn miteinander ins Gespräch kommen. Genau dort beginnt für sie gute Stadtplanung.
Deshalb beschäftigt sie sich mit Fragen, die auf den ersten Blick gar nicht nach Verkehrsplanung klingen: Wo fühlen sich Menschen sicher? Wo bleiben sie gerne stehen? Wo können Kinder ihren Schulweg selbstständig bewältigen? Und wie lassen sich Straßen und Plätze so gestalten, dass sie auch an heißen Sommertagen angenehm nutzbar bleiben?
Für Anne Mehl geht Verkehrsplanung deshalb weit über sichere Übergänge oder abgesenkte Bordsteine hinaus. Sie verbindet Mobilität mit Klimaanpassung, Begrünung und Aufenthaltsqualität – immer mit dem Ziel, den öffentlichen Raum lebenswerter zu machen.
Aktuell arbeitet sie unter anderem am Schwammstadtprojekt rund um den Rudolfplatz. Regenwasser soll dort künftig nicht mehr möglichst schnell in der Kanalisation verschwinden, sondern vor Ort versickern, Bäume versorgen und dabei helfen, die Umgebung an heißen Tagen abzukühlen.
„Wir haben ein Dürreproblem. Wir haben ein Hitzeproblem“, sagt sie. Für Anne Mehl zeigt das exemplarisch, wie eng Verkehrsplanung, Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität heute zusammengehören. „Deshalb müssen wir Wasser als Ressource verstehen und im Stadtraum halten.“

Im Vordergrund verläuft eine bunte Wimpelkette quer über die gepflasterte Straße, die als Schulzone Simplon-/Niemannstraße gekennzeichnet ist. Kinder spielen mit einem Ball auf der Straße, während Erwachsene am Rand stehen oder sitzen. Links sind Fahrräder abgestellt, rechts steht ein Stadtplan mit farbigen Markierungen. Die Umgebung ist von mehrgeschossigen Wohnhäusern und grünen Bäumen geprägt. Die Szene vermittelt eine lebendige, gemeinschaftliche Atmosphäre.

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen gestaltet sie öffentliche Räume so, dass Menschen sich sicher bewegen, sich begegnen und ihre Nachbarschaft gerne nutzen können.

Vom Hörsaal auf die Straße

Dass sie einmal Verkehrsplanerin werden würde, war lange nicht absehbar.
Ursprünglich studierte sie Psychologie. Erst während eines Auslandssemesters in Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam änderte sich ihr Blick auf Städte grundlegend. Bei einem Hackathon entwickelte Anne Mehl gemeinsam mit anderen Ideen für einen attraktiveren öffentlichen Nahverkehr. „Das Thema hat mich einfach nicht mehr losgelassen.“
Sie entschied sich für einen Neuanfang, wechselte in die Humangeografie und spezialisierte sich auf nachhaltige Mobilität. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst in der Mobilitätsforschung. Spannend fand sie das durchaus. Trotzdem fehlte ihr etwas.
Sie wollte nicht nur untersuchen, wie Städte funktionieren. Sie wollte sie mitgestalten.
Im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat sie genau diese Möglichkeit gefunden. Hier begleitet sie Projekte von der ersten Idee bis zur Umsetzung – und erlebt, wie sich Planungen Schritt für Schritt im Stadtbild wiederfinden.

Wenn Planung zum Alltag wird

Zwischen einer ersten Idee und der Umsetzung liegen oft Monate oder sogar Jahre. Konzepte werden abgestimmt, Pläne überarbeitet und unterschiedliche Interessen zusammengebracht. Für die Anne Mehl gehört genau das dazu. „Man braucht Geduld“, sagt sie. „Aber wenn ein Projekt umgesetzt wird, ist das ein richtig schönes Gefühl.“

Besonders eindrucksvoll sind für sie die Momente, in denen Menschen einen Ort ganz selbstverständlich anders nutzen als zuvor. Wenn Kinder auf einer autofreien Straße plötzlich mit Kreide malen. Wenn Nachbarinnen und Nachbarn Stühle nach draußen stellen. „Dann merkt man, welches Potenzial eigentlich in diesen Räumen steckt.“

Ein konkretes Beispiel dafür sind die Straßenmarkierungen vor acht Schulstandorten im Bezirk. Da die Piktogramme „Tempo 30“ und „Achtung Kinder“ dort abgefahren und nur noch schwer erkennbar waren, wurden sie zugunsten der Schulwegsicherheit erneuert. Sie machen Autofahrende auf die Schulstandorte aufmerksam, unterstützen sichere Querungen und weisen auf die dort geltende Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h hin. Die Markierungen wurden in der Schönebergerstraße, Alexandrinenstraße, Boppstraße, Friedrichstraße, Hagelberger Straße, Manteuffelstraße, am Mariannenplatz und in der Puttkamerstraße erneuert.

Solche Augenblicke zeigen ihr immer wieder, dass Stadtplanung weit mehr ist als Pläne oder Bauzeichnungen. Sie verändert den Alltag der Menschen – manchmal schon durch kleine Veränderungen. Für Anne Mehl entstehen gute Lösungen im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, anderen Fachbereichen und den Menschen, die den öffentlichen Raum täglich nutzen.

Mehr Einblicke:

Eine Person steht vor einer dichten, grünen Efeuwand. Sie trägt eine blaue Jeansjacke, ein gemustertes Oberteil und eine schwarze Hose. Der Boden ist mit niedrigen Pflanzen bedeckt. Die Person blickt in die Kamera und lächelt leicht.

Anna Paris: Familien stärken, bevor aus Konflikten Krisen werden

Familien stärken, bevor aus Konflikten Krisen werden: Anna Paris begleitet Eltern, Kinder und Jugendliche in der Erziehungs- und Familienberatung. Im Porträt berichtet sie, warum Zuhören, Vertrauen und der Blick auf das gesamte Familiensystem ihre Arbeit prägen. Weitere Informationen

Eine Person mit kurz geschnittenem, dunklem Haar und Brille sitzt auf einer Holzbank mit gelben Metallstreben. Sie trägt einen dunklen Trainingsanzug und hat die Hände locker im Schoß gefaltet. Im Hintergrund stehen weitere Holzbänke und dichte grüne Bäume.

Tommy Miska im Spielplatzrevier: „Irgendwo ist immer eine Schraube locker“

Schrauben festziehen, Spielgeräte prüfen, Schäden reparieren: Tommy Miska sorgt im Spielplatzrevier dafür, dass die Spielplätze in Friedrichshain-Kreuzberg sicher bleiben. Ein Einblick in handwerkliche Arbeit im Bezirk. Weitere Informationen

Zu sehen sind der Leiter der USE Tierpark Neukölln, Robert Seuntjens, sechs Mitarbeitende sowie die "Schichtwechslerin" Nicole Bieleke.

Ein Tag, zwei Arbeitswelten: Schichtwechsel im Tierpark Neukölln

Wie sieht der Arbeitsalltag in einer Werkstatt aus? Und was passiert, wenn Menschen für einen Tag in eine andere Arbeitswelt eintauchen? Beim Schichtwechsel bekam Nicole Bieleke aus dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg Einblicke in die Arbeit der USE im Tierpark Neukölln. Weitere Informationen