Anna Paris: Familien stärken, bevor aus Konflikten Krisen werden

Eine Person steht vor einer dichten, grünen Efeuwand. Sie trägt eine blaue Jeansjacke, ein gemustertes Oberteil und eine schwarze Hose. Der Boden ist mit niedrigen Pflanzen bedeckt. Die Person blickt in die Kamera und lächelt leicht.

Für Anna Paris war die Jobzusage aus Friedrichshain-Kreuzberg wie ein "Sechser im Lotto"!

Wer Anna Paris zuhört, merkt schnell: Sie interessiert sich ehrlich für Menschen. Für ihre Geschichten, ihre Beziehungen und dafür, was Familien zusammenhält – oder manchmal auch auseinanderbringt.
Seit 2021 arbeitet sie in der Erziehungs- und Familienberatung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. In der Beratungsstelle begleitet sie Eltern, Kinder und junge Menschen bis zum 27. Lebensjahr bei Erziehungsfragen, familiären Konflikten oder nach einer Trennung. Dass sie einmal in einer Erziehungs- und Familienberatung arbeiten würde, sei im Rückblick eine ganz natürliche Entwicklung.

Zuhören als Haltung

Wenn Anna Paris von ihrem Berufsleben erzählt, beginnt sie nicht mit ihrer heutigen Tätigkeit. Sie erzählt von ihrer ersten Stelle nach dem Studium – einer Kriseneinrichtung für Jugendliche. Viele der jungen Menschen, die dort aufgenommen wurden, hatten bereits Ablehnung erlebt oder waren zuvor in anderen Einrichtungen gescheitert. „Wir haben sie erst einmal ankommen lassen und zugehört.“
Rückblickend sagt Anna Paris, dass sie dort wahrscheinlich am meisten über Beziehungsarbeit gelernt hat. Nicht, weil sie damals schon auf alle Fragen Antworten hatte. Sondern weil sie erkannte, dass Veränderung oft dort beginnt, wo Menschen sich gesehen und ernst genommen fühlen.
Über das Betreute Jugendwohnen, die Schulsozialarbeit und die Familienhilfe führte sie ihr Weg schließlich in die Erziehungs- und Familienberatung. Parallel absolvierte sie Ausbildungen zur systemischen Kinder- und Jugendlichen- sowie zur systemischen Familientherapeutin.

Eine Person sitzt entspannt auf einem Stuhl in einem Raum mit farbenfrohen, abstrakten Gemälden an der Wand. Die Person trägt ein langärmliges Oberteil mit schwarz-weißem Muster, schwarze Hose und schwarze Turnschuhe mit weißen Sohlen. Im Hintergrund steht ein Regal mit verschiedenen Gegenständen, darunter Bücher, Ordner und kleine Dekorationsartikel. Der Boden ist mit einem Teppich und glattem Belag ausgelegt.

Für Anna Paris sind „Eltern immer die ersten Expertinnen und Experten für ihr Kind.“

Der Blick aufs Ganze

Besonders geprägt habe sie dabei ihr damaliger Vorgesetzter Victor Mattheo. „Er war mein größter Förderer und Lehrer. Er hat schon früh meine therapeutischen Kompetenzen erkannt, welche ich mir noch lange nicht eingestehen wollte.“ Bis heute prägt der systemische Ansatz ihre Arbeit. „Man kann sich das Konstrukt Familie wie ein Zahnradgetriebe vorstellen. Sobald sich eines in Bewegung setzt, das Tempo ändert oder die Richtung wechselt, müssen sich die anderen mitbewegen.“

Deshalb gehe es ihr nicht um schnelle Lösungen, sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen und gemeinsam Veränderungen anzustoßen.
Nach ihrer therapeutischen Ausbildung bewarb sich Anna Paris bei der Erziehungs- und Familienberatung in zwei Berliner Bezirken. Die Zusage aus Friedrichshain-Kreuzberg bezeichnet sie heute als „Sechser im Lotto“. Den Bezirk habe sie schon vorher aufgrund seiner Offenheit und Vielfalt geschätzt. Im Vorstellungsgespräch habe sie sofort das Gefühl gehabt, dass genau ihre Haltung hier willkommen ist.

Wenn Familien wieder miteinander ins Gespräch kommen

Am liebsten arbeitet Anna Paris mit der ganzen Familie. Eltern und Kinder sitzen gemeinsam in der Runde, schreiben auf Karten, was gut läuft, was sie beschäftigt und was sie sich wünschen. Während zunächst nur das Kratzen der Stifte auf dem Papier zu hören ist, verändert sich oft die Atmosphäre.
„Manchmal sagt dann ein Elternteil ganz überrascht: ‘Das hätte ich gar nicht gedacht.’” Für Anna Paris sind das die wertvollsten Momente ihrer Arbeit. Kinder erleben, dass ihre Gedanken und Wünsche ernst genommen werden. Gleichzeitig entdecken Eltern Seiten an ihren Kindern, die sie so bisher nicht wahrgenommen haben.

Ein rechteckiger Zettel mit farbigen Illustrationen von zwei lachenden Kindern ist mit zwei weißen Reißzwecken an einer Korkpinnwand befestigt. Der Zettel enthält eine fünfteilige Liste mit kurzen, motivierenden Aussagen in großer, klarer Schrift. Die Wand und der Rahmen sind aus hellem Holz, der Hintergrund ist weiß.

An einer Pinwand hängt gut sichtbar dieser Zettel in Anna Paris Büro, sodass man ihn sieht, bevor man den Raum verlässt.

„Miteinander reden ist immer besser als übereinander reden."

Je nach Situation arbeitet sie mit der ganzen Familie, nur mit den Eltern oder mit einzelnen Kindern und Jugendlichen. Dabei gilt immer ein Grundsatz: „Grundsätzlich ist unsere Beratung freiwillig.”

Zu den häufigsten Themen gehören Trennung und Umgang, Erziehungsfragen, altersangemessene Mediennutzung sowie psychische Belastungsfaktoren bei Kindern, Jugendlichen und Eltern.

Mit welchen Fragen Familien zu ihr kommen, habe sich in den vergangenen Jahren teilweise verändert. Viele Eltern seien heute von der Flut an Informationen verunsichert. „Eigentlich haben sich die Bedürfnisse von Kindern gar nicht verändert.“ Oft gehe es deshalb gar nicht darum, neue Antworten zu geben. „Häufig stärken wir sie einfach in dem, was sie bereits gut machen.“

Früh Unterstützung suchen

Viele Familien wenden sich erst an die Erziehungs- und Familienberatung, wenn Konflikte schon lange bestehen. Viel lieber würde Anna Paris deutlich frühzeitiger die Beratung ansetzen. „Viele Probleme müssten gar nicht erst groß werden. Manchmal reichen schon ein oder zwei Gespräche.“
Die Realität der Beratung zeige jedoch, dass Eltern erst in Beratung kommen, wenn bereits viel „Porzellan“ zerbrochen sei, erzählt sie. Mit einem Augenzwinkern sage sie dann manchmal, sie brauche jetzt erst einmal „ganz viel Heißkleber“.

Eine Begründung hierfür sieht Anna Paris unter anderem darin, dass für einige Menschen die Institution Jugendamt nach wie vor als negativ behafteter Ort angesehen wird. Dabei sei die Erziehungs- und Familienberatung ein freiwilliges und vertrauliches Angebot. „Jedes Elternteil ist zunächst einmal gut und richtig so, wie es ist.“

Mit diesem Satz beschreibt Anna Paris ihre Haltung wohl am besten. Die Beratung solle Eltern nicht bewerten oder ihnen sagen, wie Familie funktionieren müsse. Oft gehe es vielmehr darum, sie in dem zu bestärken, was sie ohnehin schon gut machen.

„Für uns sind Eltern immer die ersten Expertinnen und Experten für ihr Kind.“ Nicht jede Beratung führe sofort zu einer Veränderung. Manchmal brauche es Zeit, manchmal sei einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt. Familien können sich auch erneut anmelden. „Wir setzen ein Komma – keinen Punkt.“ Die Tür stehe Eltern mit Veränderungsbereitschaft offen.

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