Ein Tag, zwei Arbeitswelten: Schichtwechsel im Tierpark Neukölln

Zu sehen sind der Leiter der USE Tierpark Neukölln, Robert Seuntjens, sechs Mitarbeitende sowie die "Schichtwechslerin" Nicole Bieleke.

Im Gehege der Angoraziegen sind Mitarbeitende und deren Gäste stets für eine Streicheleinheit willkommen. (v.l.: Philip Sch., Markus, Canfeda, Melanie, Robert Seuntjens (Leitung), Lea-Michelle, Angelique und Nicole Bieleke)

Was passiert, wenn man für einen Tag in eine völlig andere Arbeitswelt eintaucht? Nicole Bieleke aus dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat es ausprobiert – im Tierpark Neukölln. Zwischen Degus, Mäusen, Fröschen und einer Kita-Gruppe bekam sie einen Einblick in den Arbeitsalltag der Union Sozialer Einrichtungen gGmbH (USE), die Menschen mit Behinderungen vielfältige Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Am 23. September geht der Perspektivwechsel weiter.

Unerwartetes Kleinod

Wer von der Hauptstraße in Richtung Volkspark Hasenheide abbiegt, lässt den Großstadttrubel erstaunlich schnell hinter sich. Hinter der Minigolfanlage führt ein Waldweg zwischen den Gehegen hindurch. Hausenten und Emus sind zu sehen, dazu viele weitere Tiere. Ein Insektenhotel und ein aufgehübschter Baucontainer, in dem Bienen leben, stehen am Weg. Weiter hinten liegt ein Spielplatz. Das ist der Tierpark Neukölln.

Mitten in der Hasenheide entsteht so der Eindruck eines Ortes, den man an dieser Stelle kaum erwartet hätte. Für Nicole Bieleke war es jedenfalls eine Entdeckung. Die Standortkoordinatorin im Teilhabefachdienst Soziales des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg war an diesem Tag allerdings nicht als Besucherin hier. Sie tauschte für einen Tag ihre Arbeitswelt mit der eines USE-Beschäftigten.

Der Tierpark Neukölln wird von der Union Sozialer Einrichtungen gGmbH betrieben. Die Tierhaltung dort besteht seit Januar 2012 unter dem Dach der USE. Der Tierpark ist kostenlos zugänglich und wird unter anderem durch Spenden unterstützt.

Nicole Bieleke und Melanie Renz posieren im Ziegenstall, zwischen ihnen ein Ziegenbock.

Nicole Bieleke (li.) durfte heute einmal in den Arbeitsalltag von Melanie Renz (re.) reinschnuppern.

Mit Pinzette und Heimchen

Melanie Renz zeigte Nicole Bieleke die Arbeit vor Ort. Gemeinsam kümmerten sie sich um die Tiere, machten Bereiche sauber und fütterten. Auch die Tierschule gehörte zum Tagesprogramm. Dort war an diesem Tag eine Kita-Gruppe zu Gast. Wegen des starken Regens konnte der Außenbereich nicht wie geplant erkundet werden. In der Tierschule gab es trotzdem einiges zu entdecken: unter anderem Degus, eine Schlange, Stabschrecken und weitere Tiere.

Für Nicole Bieleke wurde es dabei ganz praktisch. Sie durfte selbst Tiere füttern. Bei einem Frosch lernte sie eine Methode kennen, die sie so bisher nicht kannte: Mit einer Pinzette wird dem Frosch ein lebendes Heimchen (Insektenart) vor die Nase gehalten. Der Frosch schnappt zu und lässt es sich schmecken. Für Frau Bieleke war das gewöhnungsbedürftig. „Dieses Heimchen zu füttern“, habe sie Überwindung gekostet. Ein bisschen Mitleid mit dem Heimchen habe sie dabei auch gehabt.

Was man für die Arbeit im Tierpark mitbringen sollte? Für Melanie Renz steht fest: „Pünktlichkeit auf jeden Fall.“ Und natürlich sollte man „ein Herz für Tiere“ haben. Wie sich Frau Bieleke bei ihren ersten Aufgaben geschlagen hat? Auf die Frage, was sie besonders gut gemacht habe, antwortet Frau Renz schlicht: „Alles.“

Ein Kleinod mitten in der Stadt

Der Arbeitsplatztausch brachte für Frau Bieleke aber nicht nur neue Aufgaben. Auch der Ort selbst hat sie beeindruckt. Besonders aufgefallen war ihr, dass die Beschäftigten gemeinsam Frühstückspause machen. Vor allem aber stellte sie fest, dass sie den Tierpark bisher überhaupt nicht gekannt hatte.

„Ich muss gestehen, dass ich vorher überhaupt noch gar nicht davon wusste, dass es dieses Tiergehege gibt“, sagt Frau Bieleke. Dabei arbeitet sie an der Yorckstraße – nur wenige Kilometer entfernt.

Ihren Eindruck vom Tierpark beschreibt sie als „Kleinod“. Gerade für Kolleg*innen, die in der Yorckstraße zu tun haben, hat sie deshalb einen einfachen Tipp: einmal vorbeischauen, in der Mittagspause kurz verweilen und den Kopf freibekommen. Und wer den Ort unterstützen möchte, kann das ebenfalls tun. Frau Bieleke denkt dabei nicht nur an Geld: „Wenn es am Ende nur eine Zeitspende ist.“

Wildgehege des Damwilds, in der Ferne einige Rehe.

Neben Damwild finden sich im Tierpark Neukölln viele weitere Tiere, ein Spielplatz und die Tierparkschule.

Einblicke in beide Arbeitswelten

Genau darum geht es beim Schichtwechsel: Menschen sollen die Arbeitswelt der jeweils anderen Seite kennenlernen. Robert Seuntjens, Leiter der Arbeitsgruppe im Tierpark, beschreibt den Gedanken dahinter so: Die Beschäftigten der Werkstatt sollen einmal „aus der Werkstatt rauskommen und mal auf den ersten Arbeitsmarkt einen Blick werfen“ können. Gleichzeitig sollen Menschen von außerhalb erfahren: „Was machen wir eigentlich hier? Was tun wir? Wie arbeiten wir hier?“

Für Herrn Seuntjens ist dieser direkte Kontakt wichtig, weil die Vorstellungen über Werkstätten teilweise von Vorurteilen geprägt seien. Ein Arbeitsplatztausch ermögliche dagegen einen unmittelbaren Einblick. Für Beschäftigte könne der Schichtwechsel außerdem eine Tür öffnen, die sonst schwer zu erreichen ist. Herr Seuntjens berichtet von Menschen, die gerne einmal in einem anderen Betrieb arbeiten würden, aber kaum die Möglichkeit hätten, einen solchen Kontakt herzustellen.

Dabei muss es nicht bei einem Tag bleiben. Aus dem Kennenlernen könne sich im besten Fall auch ein Praktikum entwickeln. Auch Lars Brasche, Kollege von Herrn Seuntjens, wünscht sich deshalb mehr Beteiligung von Betrieben und Menschen, die sich auf einen solchen Austausch einlassen.

Der Perspektivwechsel geht weiter

Für Nicole Bieleke endet der Schichtwechsel ebenfalls nicht mit dem heutigen Tag.

Am 23. September ist bereits der Rücktausch geplant. Dann wird ein USE-Beschäftigter die Arbeitswelt von Frau Bieleke im Teilhabefachdienst Soziales des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg kennenlernen. Der 24. September 2026 ist zugleich der bundesweite Aktionstag Schichtwechsel. Er bietet jedes Jahr einen besonderen Anlass, Arbeitsplätze zu tauschen, andere Arbeitswelten kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Wer neugierig geworden ist und selbst einmal die Arbeitswelt wechseln möchte, kann sich jederzeit beteiligen. Interessierte Mitarbeiter*innen, Betriebe, Behörden und Einrichtungen können sich über den Berliner Schichtwechsel informieren und Kontakt aufnehmen. Auch unabhängig vom Aktionstag am 24. September sind Arbeitsplatztausche möglich.
Weitere Informationen und die Kontaktmöglichkeit gibt es auf der Website des Berliner Schichtwechsels.

Denn manchmal braucht es nur einen Tag, um eine andere Arbeitswelt kennenzulernen. Und manchmal reicht ein kurzer Abstecher hinter einen unscheinbaren Eingang, um mitten in der Stadt einen Ort zu entdecken, den man bisher übersehen hat.

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