„Die helfende Hand – rund um die Uhr“: Zu Besuch bei der Feuerwache Kreuzberg

Feuerwehrmann Dirk Werner

Seit 1993 arbeitet Dirk Werner bei der Berliner Feuerwehr.

Die Feuerwehr in Bilderbüchern ist meistens damit beschäftigt, Brände zu löschen oder hilflose Tiere zu retten. Der britische Trickfilm Feuerwehrmann Sam ist ein ruhiger, hilfsbereiter Zeitgenosse, der am Ende jeder Folge alle in Pontypandy in Sicherheit bringt. Auch in der Populärkultur sind die Einsatzkräfte gut vertreten. In „Sex and the City“ fahren Carrie und ihre Freundinnen nach Staten Island, weil dort ein Wettbewerb für den Kalender des „New York City Fire Department“ stattfindet, für den gutaussehende Feuerwehrmänner ausgewählt werden sollen. Aber wie sieht der Feuerwehralltag abseits der Klischees aus? Was machen die Feuerwehrleute, die nicht in Staten Island oder Pontypandy im Einsatz sind, sondern in unserem Bezirk? Darüber hat der Bezirksticker mit dem Leiter der Feuerwache Kreuzberg, Dirk Werner, gesprochen.

Stickerei Uniform Berliner Feuerwehr

"Wer gern den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, für den ist das hier nichts."

Seit 33 Jahren bei der Berliner Feuerwehr

Seit Juni 2025 leitet er die Feuerwache in der Wiener Straße. Vorher war er Wachabteilungsleiter in der Rankestraße in der City West. Die Kreuzberger Wache kannte der gebürtige Neuköllner bereits sehr gut.

Als Brandmeister war er bis 2008 dreizehn Jahre lang dort eingesetzt. 1993 begann der Berliner mit damals 21 Jahren seine Ausbildung im mittleren feuerwehrtechnischen Dienst.

Wie damals üblich hatte er vorher eine handwerkliche Ausbildung abgeschlossen und als gelernter Metallbauer einige Jahre als Bauschlosser gearbeitet. Als Sportbegeisterter, der in Oberliga Fußball spielte, brachte er auch die nötige Fitness für die Tätigkeit mit. Wer sich für den Einsatzdienst bei der Feuerwehr interessiert, brauche eine gewisse körperliche Fitness – und „Spaß an diesem Beruf. Wer gern den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, für den ist das hier nichts. Man muss hier schon in Bewegung bleiben.“ Nach fast 20 Jahren bei der Berliner Feuerwehr entschied sich der Beamte dann für den Aufstieg in den gehobenen Feuerwehrdienst.

Feuerwehruniform an der Garderobe

Auf der Wache wird im Zwei-Schichtsystem gearbeitet.

"Feuerwehrmann ist der beste Beruf der Welt."

Die Berliner Feuerwehrleute haben eine 44-Stunden-Woche. Gearbeitet wird auf der Wache im Zwei-Schichtsystem mit einer Tag- und einer Nachtschicht von jeweils zwölf Stunden. Tag- und Nachtschichten wechseln sich dabei ab. Um 7 Uhr treffen sich Nacht- und Tagschicht zur Dienstübergabe. Nach vier Schichten haben die Beschäftigten drei Tage am Stück frei.

Seit seinem Aufstieg in den gehobenen Dienst arbeitet Dirk Werner nun zu „normalen“ Bürozeiten. „Das war nach 30 Jahren Schichtdienst schon eine echte Umgewöhnung.“ Den Dienst als Brandmeister habe er immer sehr gern gemacht. „Feuerwehrmann ist der beste Beruf der Welt.“

Aber man bekomme auch viel zu sehen, was man lieber nicht gesehen hätte. Details möchte der Lichterfelder lieber nicht nennen. Aber besonders nahe seien ihm immer Situationen gegangen, in denen kleine Kinder involviert waren. „Wenn Sie im Dienst in eine Wohnung kommen, in der ein Baby gefährdet ist, dann nimmt einen das schon sehr mit.“ Zum Glück gebe es heutzutage das Einsatznachsorgeteam, an das sich die Feuerwehrleute wenden können.

Feuerwache Kreuzberg

Die Feuerwache Kreuzberg besteht aus es vier Wachabteilungen

"Es dürfte in Kreuzberg etwas ordentlicher sein."

Der Wachleiter erinnert sich auch noch an andere Zeiten. Früher habe es als Ansprechpartner ausschließlich seelsorgerische Arbeit durch einen Pfarrer gegeben. „Oder man hat nach traumatischen Einsätzen einfach zwei Wochen lang gesoffen.“ Die psychologische Betreuung der Einsatzkräfte habe sich im Laufe der Zeit deutlich verbessert.

Auch Führungskräfte innerhalb der Feuerwehr würden heute gezielt darauf achten, wie es ihren Mitarbeiter*innen geht. „Wir bieten für unsere Leute Hilfe an, wenn sie sie brauchen.“

Die Feuerwache Kreuzberg besteht aus es vier Wachabteilungen. Von den 73 Stellen in der Wache sind aktuell 63 Posten besetzt. Die Frauenquote bei der Feuerwehr ist mit 11,3 Prozent weiterhin recht gering. In der Kreuzberger Wache sind neben drei Feuerwehrfrauen und non-binären Personen auch viele Notärztinnen beschäftigt.

„Wir gelten innerhalb Berlins schon als Brennpunktwache. Auf unser Arbeitsumfeld muss man sich einlassen.“ Von seinem Arbeitsort schwärmt Dirk Werner dennoch: „Es ist ein so vielfältiger Bezirk, kulinarisch und kulturell. Für jeden ist was dabei. Im Sommer ist’s hier einfach herrlich. Es ist hier ein schönes Miteinander.“ Aber: „Es dürfte auch etwas sortierter und ordentlicher sein in Kreuzberg.“

Feuerwache Kreuzberg

Witterungsbedingungen und Temperaturen sorgen für verstärkte Einsätze.

Ausnahmetage mit 2.000 Alarmen

Es gibt Ausnahmetage, an denen die Wache über 2.000 Alarme in 24 Stunden erhält. Die absolute Spitze an Einsätzen erreicht das Team vor allem bei Großveranstaltungen wie dem 1. Mai.

Aber zunehmend sorgen auch die Witterungsbedingungen oder Temperaturen für verstärkte Einsätze. „Den Klimawandel merken wir durch die Zunahme besonderer Wetterereignisse sehr.“ Bei starker Hitze steigen die medizinischen Einsätze der Feuerwehr drastisch an. Bei extremen Regenfällen, Gewitter oder Stürmen nehmen die technischen Einsätze zu. „Das wird schwierig für uns in den nächsten Jahrzehnten.“

Neben den Büros und Fahrzeughallen finden sich auf der Wache in Kreuzberg auch ein Sport- und ein Cardioraum, ein Zimmer zum Fernsehen, einen Kantinenraum, in dem die Kolleg*innen ihr Essen zubereiten können und eine Tischtennisplatte. Zwischendrin stehen Wäscheständer mit Uniformteilen, denn vor Ort wird auch einiges gewaschen, das nicht vom Wäschedienst gereinigt wird. Rutschstangen, die von den oberen Etagen nach unten ins Erdgeschoss führen, finden sich an mehreren Stellen im Gebäude. „Möchten Sie mal runterrutschen?“, fragt Dirk Werner die Besucherin. Auf gar keinen Fall! Denn auch hier drängt sich eine Feuerwehrszene aus der Populärkultur auf. Im Film „Bridget Jones“ ist die gleichnamige Protagonistin als Fernsehreporterin unterwegs und besucht eine Feuerwache. Im Minirock rutscht Bridget Jones die Rutschstange herunter, während ihr Kollege mit Kamera von unten aufs Motiv hält, während der Rock immer weiter nach oben rutscht. Diese Peinlichkeit möchte sich die Besucherin aus dem Bezirksamt lieber ersparen, selbst wenn kein Kameramann dabei ist.

Fahrzeughalle Feuerwache Kreuzberg

95 Prozent der Einsätze der Kreuzberger Feuerwache sind Rettungseinsätze.

„Nach uns kommt keiner mehr.“

Unten in der Fahrzeughalle, die man per Rutschstange erreicht, stehen die unterschiedlichen Fahrzeuge bereit, die Schuhe der Kolleg*innen meist neben den offenen Türen zum Hineinschlüpfen abgestellt. Zur Fahrzeugflotte der Wache gehören ein Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeug, ein Fahrzeug mit Drehleiterkorb, ein Notarzteinsatzfahrzeug, drei Rettungstransportwagen, ein Rettungstreppenfahrzeug und ein Intensivtransportwagen.

Brandbekämpfung macht einen vergleichsweise kleinen Teil der Einsätze aus. Im Vorjahr hatte die Berliner Feuerwehr 60.000 technische Einsätze und 500.000 rettungsdienstliche. Zu den technischen gehören neben der Brandbekämpfung auch vollgelaufene Keller oder das Öffnen von Wohnungstüren. „Wir sind die helfende Hand – rund um die Uhr.“

95 Prozent der Einsätze der Kreuzberger Feuerwache sind Rettungseinsätze. Viele davon seien eigentlich unnötig. Nicht immer müssen die Feuerwehrleute schlussendlich medizinische oder technisch eingreifen. „Manchmal reicht es, wenn wir vor Ort beratend tätig sind. Und manchmal geht’s einfach darum, dass wir Sicherheit ausstrahlen oder Händchen halten. Wir werden regelmäßig zu Situationen gerufen, die die Leute auch allein regeln könnten.“ Nicht alles seien Notfälle. Gelegentlich rufen Menschen die Feuerwehr, weil sie seit zwei Wochen Zahnschmerzen haben. „Es gibt schon viele Fehlalarme, aber wir lehnen niemanden ab.“ Denn die Feuerwehr habe eben auch einen sozialen Auftrag. „Wer die 112 wählt, kriegt die 112.“ Wichtig sei, bei dichter Lage die Notfälle zu priorisieren. „Wir wollen ja anständig arbeiten.“ Die Feuerwehr sei so etwas wie die letzte Instanz: „Nach uns kommt keiner mehr.“

Fahrzeughalle Feuerwache Kreuzberg

Dirk Werner wünscht sich von den Kreuzberger*innen etwas mehr Selbsthilfe.

Nicht immer gleich die Feuerwehr rufen.

Als Einsatzkraft bekomme man die gesamte Bandbreite der Gesellschaft zu sehen. Notfälle kommen in allen sozialen und ökonomischen Gruppen vor. „Wenn wir kommen, dann weil die Menschen mit einer Situation überfordert sind. Dann macht es keinen Unterschied, ob jemand viel Geld hat oder wenig.“

In Kreuzberg brenne es deutlich häufiger als in anderen Stadtteilen am Stadtrand. Das habe einerseits mit der Bevölkerungsdichte zu tun, aber möglicherweise auch damit, dass die Menschen größtenteils zur Miete wohnen. „Manchmal habe ich schon den Eindruck, dass die Leute auf ihr Eigentum mehr Acht geben und Verantwortung übernehmen als sie das in Mietshäusern tun.“

Dirk Werner wünscht sich von den Kreuzberger*innen etwas mehr Selbsthilfe. „Man muss nicht immer gleich die Feuerwehr rufen. Wichtig ist, dass die Leute wissen, wann sie die 112 wählen – und wann es wirklich kein Notfall ist.“

Beim Thema Brandprävention hat der Feuerwehrmann einen klaren Rat: Keine Kippen im Müll! Generell rät er den Bürger*innen, achtsam und wachsam zu sein.

Wandbemalung in der Feuerwache Kreuzberg

Für die Produktion eines eigenen Kalenders fehlt auf der Wache schlichtweg die Zeit.

Der Klischee-Check

Katzen aus Bäumen musste der Feuerwehrmann in den 33 Jahren seiner Karriere nie retten. Das scheint dann doch ein Wimmelbildbuchklischee zu sein. Aber einmal hing eine Katze in einem gekippten Fenster fest und wurde von der Feuerwehr gerettet. „Da wäre die eigentlich auch allein runtergekommen. Haben Sie jemals ein Katzenskelett in einem Baum gesehen? Sobald eine Katze hungrig wird, kommt sie auch allein runter. Aber auch hier helfen wir natürlich gern.“

Ein weiteres Klischee muss dringend geklärt werden? Hängen in den Spinden hier auf der Wache Pinup-Poster? „Nein, natürlich nicht“, antwortet Dirk Werner und lacht laut. „Da hängen Familienfotos oder Bilder von den Freundinnen.“

Und ein eigener Kalender mit muskulösen Feuerwehrmännern aus dieser Wache – so wie bei „Sex and the City“? Auch da muss der Leiter der Wache schmunzeln: „Wir könnten uns das hier sicher erlauben. Wir sind hier einige gestandene Männer mit guten Körpern und für jeden Spaß zu haben.“ Aber für solche Projekte fehle schlichtweg die Zeit.

Rutschstangen in der Feuerwache

Na, wer traut sich am Tag der offenen Tür, hier runter zu rutschen?

Tag der offenen Tür in den Feuerwachen im Bezirk

Dirk Werners Team leistet auch Bildungsarbeit. Geschulte Brandschutzerzieher*innen gehen in Kreuzberger Kitas und Grundschulen und klären die Kinder über die Arbeit der Feuerwehr auf. Regelmäßig kommen auch Kindergruppen in die Wache, um sich den Arbeitsplatz der Einsatzkräfte selbst anzuschauen.

Wer sich wie die Bezirkstickerredaktion ein Bild von der Kreuzberger Feuerwache machen möchte und wie Filmfigur Bridget Jones selbst mal die Rutschstangen ausprobieren möchte, hat dazu bald die Möglichkeit. Am 10. Oktober findet in der Wache von 10 bis 18 Uhr ein Tag der offenen Tür für die Nachbarschaft statt, bei dem auch unser Ordnungsamt vertreten ist.

Am gleichen Tag findet auch in der Feuerwache Urban in der Wilmsstraße ein Tag der offenen Tür unter dem Motto „175 Jahre Berliner Feuerwehr. Eine Mission: Für Berlin“ statt.

Bereits am 19. September öffnet die Feuerwache Friedrichshain ihre Türen für Besucher*innen: Berliner Feuerwehr: Termin Tag der offenen Tür – Feuerwache Friedrichshain

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Berliner Feuerwehr: Karriere

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